Von Botnang nach Hollywood – Gerda Herrmann im Interview

Gerda Herrmann ist eine deutsche Dichterin und Komponistin aus Stuttgart-Botnang. Sie wurde 1931 geboren und komponiert seit 1984 Lieder zu fremden und eigenen Texten. Viele davon wurden auf bisher zwölf Benefizkonzerten aufgeführt. Kurz vor ihrem 88. Geburtstag hatte letztes Jahr der Dokumentarfilm „Die Liedermacherin von Botnang Weltpremiere und erfreut sich seitdem begeisterter Reaktionen auf Festivals in den USA und Deutschland. Hier ist Gerda Herrmann im Gespräch mit dem Regisseur des Films.

ein Gast-Interview von Regisseur Alexander Tuschinski


Frau Herrmann, unser Film „Die Liedermacherin von Botnang lief im Februar in Los Angeles auf dem Hollywood Reel Independent Film Festival und hat jetzt einen Preis in Texas verliehen bekommen. Was für Lieder haben Sie in dieser Zeit geschrieben?

Nach dem Gedicht „Frühlingsbotschaft“ von Heinrich Heine habe ich zwei sehr ernste Texte von Renate Weber „WARUM?“ und „Wie leben wir?“ vertont, in denen es um vorwurfsvolle Fragen der Jugend an uns Ältere und um Umweltschutz geht. Dann bekam ich einen fantasievollen Text „Die Mondscheintänzerin“ per E-Mail von Susanne Fügener, der mich gleich zu vielen Sechzehntel-Noten verführte, opus 404.

Sie haben auch zahlreiche eigene Gedichte verfasst und vertont. Wie wählen Sie Themen und Form für eigene lyrische Texte? Gibt es Phasen, in denen Sie lieber Melodien schreiben, und andere, in denen Sie lieber Texte verfassen?

Nein, eigentlich nicht. Ich suche nicht nach Gedichten, doch oft schon hat mich ein Gedicht auf der Rückseite eines Pötschke-Kalenderblatts „verführt“, von Annette von Droste-Hülshoff, Joachim Ringelnatz, Arthur Schnitzler, Walther von der Vogelweide und vielen anderen. Eigene Texte entstehen, wenn mich persönliche Erfahrungen oder die Nachrichten aus aller Welt gedanklich umtreiben, bis sie in gereimten Worten klaren Ausdruck finden. Das ist meine Form der „Verarbeitung“, dann geht‘s mir besser.

Sie sagten einmal, Ihr Motto sei „den Mut nicht verlieren und auch nicht den Humor“. Wie zieht sich dieses Motto durch Ihr Leben und Werk?

Es ist wohl eine gewisse Resilienz, die mir geholfen hat, auch schwierige Phasen im Leben durchzustehen – und es gab recht viele davon! Und ich leide mit, wenn es in der Familie oder im Freundeskreis Trennungen, schwere Krankheiten oder Tod gibt. Sehr bereichernd war das Kennenlernen der besonderen, oft humorvollen Gedichte von Herrn Fritz Klumpp, von denen ich manche vertont habe. Unvergesslich ist mir das Lachen unseres Pfarrers, als die „Schneckenliebe“ – sie gehörte zu den ersten Vertonungen 1984 – beim „Nachmittag für die ältere Generation“ gesungen wurde. Solche Erlebnisse bringen mich auch viele Jahre später noch zum Schmunzeln. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich oft, andere Menschen zum Lächeln zu bringen. Schon als Kind ist es mir manchmal passiert, dass ich bei einer komischen Situation einen Lachkrampf bekam, den ich „verstecken“ musste.

Sie haben in Ihrem Leben verschiedene Zeiten und gesellschaftliche Entwicklungen erlebt. Aufgewachsen im dritten Reich, Bombenangriffe auf Stuttgart, dann Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung, die zunehmende Digitalisierung … Was für Entwicklungen über diesen langen Zeitraum faszinieren Sie besonders? Schlagen sich diese Gedanken darüber auch in Ihrem Werk nieder?

Faszinierend finde ich eigentlich nichts, ich habe keine Schwäche für „Trends“, für den Mainstream. Ich sehe stets Positives – wie auch jetzt in der Corona-Krise das beeindruckende Verhalten vieler Menschen im Einsatz für andere. Ich nehme jedoch auch das Negative wahr, den Abstand zwischen arm und reich, weltweit so viel große Not und Elend, auch durch Kriege mit Waffen aus deutscher Rüstungsindustrie. Mein erstes Gedicht habe ich 1972 verfasst, als ich für einen Gottesdienst in der Friedenskirche in Stuttgart zugunsten von Amnesty International für die dortige Band um einen Text gebeten wurde. „Gefangen und vergessen“ wurde von Wolfgang Kütterer berührend vertont. Der Widerstand gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ beschäftigt mich ebenfalls sehr, habe ich doch auf Gleis 16 des Hauptbahnhofs im April 1944 meinen Papa das letzte Mal gesehen. So entstand das Gedicht „Rote Karte“ für Oberbürgermeister Schuster, welches ich ihm zusandte und auch vertonte. Beim Benefizkonzert haben viele Zuhörer begeistert applaudiert, es gab aber danach auch Kritik …

Ihr Vater war kein Freund des Nazi-Regimes, wurde als Soldat eingezogen und fiel 1944 an der Front. Wie ein roter Faden taucht eine deutliche Anti-Kriegs-Botschaft immer wieder in Ihren Werken auf. Wie haben Ihre eigenen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg Ihre Lebenseinstellung geprägt?

Ich denke, diese Erlebnisse haben mir den Blick aufs Wesentliche geschärft. Ich bin sehr dankbar für alles Lebendige in der Natur und dass ich mich in meinem Alter noch auf eigenen Beinen fortbewegen kann. Altersbedingte Schwächen wie nachlassendes Namensgedächtnis u. ä. nehme ich mit Humor.

1923 schrieb Ihr Vater in sein Tagebuch ein Liebesgedicht, welches Sie 2013 vertonten. Wie kam es dazu, und hat er noch weitere Gedichte hinterlassen? Spielte Lyrik und Musik eine wichtige Rolle, als Sie aufwuchsen?

Es hat mir immer sehr gefallen, wenn meine Mutter Zither spielte. Mit dem kleinen Erbe meiner verstorbenen Großmutter kauften meine Eltern ein Klavier für 900 RM, das heute bei unserer Tochter in Freiburg steht. Knapp drei Jahre hatten meine Schwester Doris und ich sehr bescheidenen Klavierunterricht: Nichts Klassisches, nur Salon-Musik … Nachdem unsere Schule wegen der Luftangriffe ab 1943 dann nach Metzingen verlagert wurde, versuchte ich, selber weiterzukommen, obwohl es kaum Noten gab.

Dass Papa als zwanzigjähriger ein Gedicht verfasst hat, hat er uns nicht verraten. Er hatte wenig Zeit für die Familie: Er war nebenberuflich als Vorstand und Geschäftsführer einer Baugenossenschaft tätig – von den Bankdirektoren der Deutschen Bank, bei der er gelernt hatte, angeregt – und Sonntagsspaziergänge gingen auf Baustellen … Sein Liebesgedicht habe ich zufällig in seinem kleinen Tagebuch entdeckt, 90 Jahre nachdem er es in der schwierigen Zeit der Wirtschaftskrise und Inflation 1923 verfasst hatte. Es hat mich tief berührt und umgehend zum Vertonen verführt.

Wie viel Zeit vergeht bei Ihnen üblicherweise von der erster Idee bis zum fertigen Lied? Wie entscheiden Sie sich für Melodie, Begleitung, Tonart? Planen und entwerfen Sie ausgiebig, oder entstehen Ihre Werke eher aus spontaner Intuition? Hat sich Ihr Stil über die Jahre gewandelt, und experimentieren Sie gerne mit verschiedenen Genres?

Ich setze mich mit dem Text an den Flügel, mit der linken Hand suche ich die passende Melodie, mit der rechten Hand werden die Noten auf Notenpapier skizziert. In den ersten Jahren habe ich vielseitiger vertont, auch mal für zwei oder drei Stimmen. Melodie und Klavierbegleitung sind in den letzten Jahren einfacher geworden, was wohl an den „fingertechnischen“ Möglichkeiten im Alter liegen mag oder an der Maxime: „Mensch, werde wesentlich!“ Seit ich das capella-Programm am PC nutze, gebe ich die Melodie ein – ich muss Takt, Tonart, Viertel-/Achtel-Noten, Tonhöhe einzeln eingeben, nichts automatisch, dann wird’s ausgedruckt und immer wieder am Flügel gespielt, verändert, bis dann die Melodie steht und die Begleitung gesucht und gefunden werden muss. Das kann durchaus ein längerer Prozess sein, bis ich auch diese eingegeben habe und das Lied fertig ist.

Mein Stil ist nicht modern, wohl am ehesten der Romantik zuzuordnen. Nach dem Konzert im März 2018 hat Herr Karl Wilhelm Berger, langjähriger Dirigent des Botnanger Liederkranzes zu mir gesagt: „Sie sollten öfter einen Tango machen!“ Das war der Impuls, mein „Motto“ als Tango zu vertonen, was mir gar nicht leicht fiel.

Mir fiel auf, dass Sie in Ihren Liedern und Gedichten teils tagespolitische und weitere aktuellen Themen aufgreifen. Sehen Sie sich als politisch engagierten Mensch?

Oh ja, sehr. Als Mutter von zwei Kindern fand ich unerträglich, dass in anderen Ländern Väter oder Mütter von den Kindern weg inhaftiert, gefoltert wurden, obwohl sie nur schlimme Verhältnisse verbessern wollten, also „Gewissensgefangene“ waren. Deshalb engagierten wir uns für Amnesty International ab 1968, haben Flugblätter verteilt, Veranstaltungen organisiert und vor allem sehr viele Briefe an Mächtige in aller Welt, sogar an den Schah von Persien, geschrieben. 1972 war die Geburt meines dritten Kindes für mich Grund, aufzuhören, was mir schwer fiel, weil Amnesty immer noch wichtig war und ist.

Das Schicksal von Tatjana, die wegen Leukämie nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Robert-Bosch-Krankenhaus verstorben ist (wir hatten für ihre Behandlung gespendet), hat mich so bewegt, dass ein wichtiges Gedicht entstand und die Vertonung für drei Stimmen, eines meiner besten Lieder. Auch „Menschen auf der Flucht“ ist ein politisches Lied.

Künstler in den USA haben „Die Liedermacherin von Botnang gesehen und äußern sich sehr positiv über Sie und Ihr Werk. Darunter ist Stephen Kalinich, der Texte für die Beach Boys, Paul McCartney und andere schrieb. Wie sehen Sie diese internationale Anerkennung?

Dieses Echo tut mir unendlich gut. Wann immer ich an die Worte von Stephen Kalinich „I love her“ denke, geht ein strahlendes Lächeln über mein Gesicht, das eine ganze Weile anhält. Berührend sind für mich auch die Worte von Miles Kreuger und die Rezension von Richard Propes. Mit Lob bin ich in meinem Leben nicht „überschüttet“ worden … Aber wer bekommt mit 88 noch „Liebeserklärungen“ aus Kalifornien? Eine sehr schöne Erfahrung ist auch, wie sich meine Familie und Freunde mit mir darüber freuen.

Ich finde es sehr inspirierend, dass Sie einfach aus Ihrem Schaffensdrang heraus, ohne kommerzielle Absicht, künstlerisch aktiv sind. Zudem unterstützen Sie als Gründungsmitglied des Förderkreis Kreatives Schreiben und Musik e.V. junge Autoren, indem Sie in Anthologien deren Texte veröffentlichen. Welche Botschaft geben Sie Menschen mit, die auch gerne als Autodidakt kreative Werke schaffen möchten?

Einfach dem inneren Impuls nachgeben, sich von Fall zu Fall Rat holen und  technische Möglichkeiten – wie bei mir das capella-Computerprogramm – nutzen. Und sich nicht entmutigen lassen, wenn es etwas länger dauert, bis das Umfeld ja sagt und gut findet, was entstanden ist. Vielleicht kommt dann irgendwann – so wie bei mir – ein engagierter Mensch mit einer tollen Idee und setzt diese professionell mit einem Dokumentarfilm preisgekrönt um!


„Die Liedermacherin von Botnangvon Alexander Tuschinski:

Quelle: YouTube

Mehr über Regisseur und Filmemacher Alexander Tuschinski im Interview von Schauspieler Thomas Goersch.

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