Rudelbildung

güntner power

Eine Gruppe Rotwild, im Hintergrund einige Laubbäume. Was für ein idyllisches Bild, erst recht für ein Romancover. Wenn da nicht die moosgrüne Farbe wäre, die als Warnhinweis wirkt: Mit Romantik hat dieses Buch wenig zu tun. Schon eher mit menschlichen Verstrickungen, giftigen Tiefgründigkeiten und Ausweglosem. Besser könnte das Cover zum Roman »Power« von Verena Güntner nicht sein.


Die Geschichte lässt sich leicht skizzieren: Ein Dorf im Irgendwo, von Wald und Feldern umgeben. Dort lebt Kerze, die gerade noch ein Kind ist. Eines Tages meldet sich Hitschke, die Nachbarin: Ihr Hund ist seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen. Ob Kerze nicht nach ihm suchen könne. Das Mädchen nimmt den Auftrag an – und weiß selbst noch nicht, dass in wenigen Tagen alle Kinder des Dorfes sich zu einem Rudel zusammengetan haben, sich wie Hunde verhalten und in den Wäldern wohnen werden …

Es ist spannend zu lesen, wie die Wandlung von normalen Schulkindern in Hundeähnliche verläuft. Anfangs sind es subtile Details wie etwas ein eher zufälliges Bellen oder eine hastig-schnelle Reaktion des Mädchens, später wird die Verwandlung überdeutlich sein: Schnuppern, gefletschte Zähne oder gar das Heulen in der Meute. Der Roman entfaltet so seinen Drive und seine verstörende Kraft.

Falsche Fährten

Verena Güntner zieht mit ihrem nunmehr zweiten Roman einige Register klassischer Erzähltopoi. Einzelne lösen sich aus der Gemeinschaft, nehmen einen Auftrag an und ziehen in die Wälder – das könnte der Robin-Hood-Plot sein. Individuen verwandeln sich nach und nach und nehmen die Gestalt und auch das Verhalten einer anderen Art an: Die Metamorphosen des Ovid lassen grüßen.

Das Erleichternde und auch Spannungsgebende dabei ist, dass die Story diese Erzählmuster aufgreift, aber dann bewusst bricht: Wer die komplette Robin-Hood-Nummer oder eben die Fokussierung auf eine Verwandlung erwartet hat, wird enttäuscht. Zum Glück. Die Erzählung geht anders weiter. Auf einmal sind Kerze und die Rudel-Geschichte fast ausgeblendet und Verena Güntner lenkt die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenrollen der Erzählung.

Im Zentrum der Nebenschauplätze

Da ist der Hubersohn, dessen einziger Lebensinhalt der übergroße Traktor ist. Er nutzt das Gefährt, um täglich nach ein paar Happen Bewunderung von den Schulkindern zu fischen. Sein Vater hat nichts für ihn übrig, außer Missgunst und Verachtung.

Oder eben Hitschke, die nunmehr ohne Hund auskommt und deren Geschichte zeigt: Wenn sie ihren Hund vermisst, dann ist das nicht das einzige, was ihr fehlt im Leben. Das ist eine der Stärken des Buches: Die Hauptspur wird fallen gelassen, Lücken und vermeintlich schwachen Figuren offenbaren ganz tiefgründe (und abgründige) Geschichten.

Wie würdest du entscheiden?

Doch »Power« erzählt auch noch einen ganz anderen Komplex. Die Rudelbildung ist auch eine Art Weltflucht: Die Kinder verlassen ihre Familien und den Kontext der Dorfgemeinschaft. Sie treten raus aus den mächtigen Mechaniken der alten Geschichten und Verletzungen. Bereits der erste Satz des Buches enthält eine Fährte auf diesen Kontrast: »Kerze steht barfuß am Eingang des großen Kaufhauses.« So stehen auf einmal zwei Gesellschaftskonstrukte gegenüber: Auf der einen Seite das bürgerliche Gefüge eines Dorfes – auf der anderen Seite die rohe und triebhafte Gemeinschaft im Rudel.

Welche ist erstrebenswerter, welche die bessere? Mag sein, dass es keine klare Antwort darauf gibt. Weil beide gleich schlecht sind.


Power von Verena Güntner erschien im Februar 2020 bei Dumont und hat 253 Seiten.

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