„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 1

der weltraum – unendliche weiten.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

heute sind wir im kassablanca in jena. kaum ein ort, den ich mehr verehre, als das café im turm, mit seinen balken und der steinernen bank und dem airbrushgemälde vom vollständigen universum (teilhaft) an der decke. ein freundlicher ort, martin empfängt uns immer mit offenen armen und ich fühle mich auf eine art zu hause und bin sehr dankbar. hinten rein und dann hoch und vorbei an der küche, hallo nach oben, in die unendlichkeit. das eigens zubereitete essen is stets fantastisch und man spürt, dass sich hier immer mühe gegeben wird für die reisenden bands. das ist nicht immer selbstverständlich, unterwegs. 

der erste tag ist immer etwas stressig. obwohl jeder eigentlich weiß, was er zu tun hat, kommt meist einiges durcheinander. überall liegen die deckel von kisten und der inhalt davor. ich suche klett. ich muss ein echogerät befestigen, ich habe mir fest vorgenommen, an unvereinbarten stellen auf das ding zu treten und mächtig krach zu machen. ich mag die gesichter, die werden mit den tagen nämlich länger. je mehr routine in den ablauf kommt, desto erstaunter schauen sie. ein sample an komischer stelle oder der viel zu lange hall: es hat etwas ulkiges, dass musik so berechenbar zu wiederholen ist. 

Eindruck eins von zwei aus Jena:

 

ich frage mich stets, ob mich auch jemand beobachtet, wenn ich dort oben stehe, allerdings halte ich mich meist für unsichtbar. das ist übrigens ein geheimnis: ich war früher sehr aufgeregt vor konzerten. da mein gehirn nur mässig in der lage ist, sich anzupassen, habe ich mit den jahren meine multitasking-fähigkeit in vielerlei punkten kürzen müssen, um klarzukommen. als ich jahrelang nur traurig war, konnte ich den menschen nicht mehr in die augen sehen – ich habe mir dann meine sehstärke abtrainiert und keine brille getragen. lange konnte ich nur ahnen, was vor der bühnenkante passiert. ich bin ein sturer nordfriese und was ich nicht sehe, das existiert auch nicht. keine beweise, keine angst.

aufgeregt bin ich jetzt tatsächlich wieder, obwohl anders und erneut zum ersten mal. alles klappt momentan mit turbostaat. ich muss gar nicht hingucken beim spielen und ich habe mir abgewöhnt, alles analysieren und hören zu wollen, was ich da genau tue: auf meinem monitor mix sind jetzt wieder alle aus der band gleichmäßig laut vertreten, ich höre uns zusammen zu, das mag ich wieder gerne, denn die neue platte ist irgendwie ganz anders, als ich hätte ahnen können. ich empfinde sie als einfach und damit übernehmen wir uns irgendwie nicht. es ist etwas uneitel und das eigentlich gar nicht meine art. 

wenn da nicht der stete kopfschmerz wäre, der mich am ersten tag immer langsam macht und klapprig, und ich mich so alt fühle, wie ich wirklich bin, die ticks mich treppen zweimal und schmerzmittel viermal nehmen lassen, ich jeden tack zerzähle und dinge durch 5 teile, dann hätte ich nichts zu klagen. ach jena …

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 0.

Neu: weiter zu Teil 2.

Eindruck zwei von zwei aus Jena (mit Buchtipp):

 

Quelle: Instagram
Bilder: © Tobert Knopp

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