Musik, Titel
Schreibe einen Kommentar

Burst of Metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig schlechte Alben wie etwa Backstreet Boys’ Never Gone, Puddle Of Mudds Life On Display, DJ Peinlichs Blush oder Barb Wire OST …

Von Jens Marder


Es gab einmal eine Zeit, als „Guns N’ Roses“ durchaus ein Song von den Sex Pistols gewesen sein könnte. Oder war es Janis Joplin? Als der Autor dieser Zeilen vor rund zwanzig Jahren zum Metal kam, hatte er nicht ganz so viel Ahnung von dieser dunklen Materie, sodass an erster Stelle seiner Einkaufsliste damals (neben einigen essenziellen und bereits herausrecherchierten Alben) die Rock-Hard-Veröffentlichung Best of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten (hrsg. von Michael Rensen) gestanden hätte, hätte es sie damals schon gegeben. Der Kauf des toll aufgemachten Folianten, der halbwegs vergriffen zu sein scheint, kann nicht nur Neueinsteigern, sondern auch fachwissensmäßig gereifteren Fans des Schweren Schalls empfohlen werden: 500 nicht gerade kurze, mit herzblutgetränkter Leidenschaft für das Genre verfasste Rezensionen von Fachleuten, auf deren Meinung (fast) immer Verlass ist, dazu über 20 Zusatzartikel wie zum Beispiel „Die Roots des Heavy Metal“, „Deep Purple“, „Metallica“, „Progressive Rock & Metal“ machen das Buch zu einer spannenden und Speichel-/Geldfluss anregenden Lektüre. Dabei finden natürlich nicht nur absolute Pflicht-Acts wie Black Sabbath, Iron Maiden oder Slayer einen Ehrenplatz, sondern auch kleinere, feinere Bands wie Atheist, Cynic, Realm, Thought Industry, Toxik, Vauxdvihl oder die unvergesslichen Watchtower, was Kennern ein zufriedenes Kopfnicken inkl. Grinse bescheren dürfte.

Dass bei der Auswahl der Referenzwerke der einzelnen Künstler überraschend oft auf (die etwas schwächelnden) Veröffentlichungen jüngeren Datums zurückgegriffen wurde, erscheint etwa im Falle von Threshold oder System Of A Down etwas merkwürdig. Andererseits ist man als unignoranter Hörer überfroh, dass die ach so gekünstelten, overhypten und musikalisch/künstlerisch angeblich unfähigen US-Armenier oder auch Slipknot (hier mit ihrem erfrischenden Vol. 3 vertreten) es tatsächlich auch in die Top 500 geschafft haben. Schließlich darf man nicht vergessen, dass der gnadenlos originelle Geniestreich Toxicity seinerzeit als „fünfundvierzigminütiger Blender“ (!) (O-Ton Wolf-Rüdiger Mühlmann, vgl. Rock Hard-Ausgabe Nr. 172) mit 5 von 10 Punkten (!!) bewertet und Slipknot aufgrund ihrer aufrichtigen Liebe zum Grotesken als amerikanischer Konsum-Schwachsinn abgetan wurden.

Und nun sind wir auch schon bei der passenden Laune angelangt, um vom Loben wegzukommen, hin zur dunkleren Seite der journalistischen Macht: Es lässt sich keine Entschuldigung dafür finden, dass die RHaudegen es tatsächlich geschafft haben, solche Innovations- und Kompositionsgiganten wie Meshuggah, Opeth, Pain Of Salvation, Shadow Gallery (und sicher noch ein paar mehr) auf Kosten diverser „Langweiler“-Bands/-Alben (lieber keine Namen), die allesamt mit mindestens einem Album zu viel vertreten sind, außen vorzulassen. Nein, da kann man auch nicht mit der „Natürlich wird diese Liste niemanden endgültig zufrieden stellen können, denn sie kann und will nicht objektiv sein“-Masche kommen. Dass Bands wie Martyr, Spiral Architect oder gar die Metal-Avantgardisten Behold … The Arctopus keine Erwähnung finden, ist nicht überraschend und verzeihlich. Aber Meisterwerker wie Daniel Gildenlöw und Michael Åckerfeldt zu ignorieren, ist eigentlich Wahnwitz. Wie dem auch sei: Im Großen und Ganzen ist dieses Buch eine sehr gute Investition und Rock Hard nach wie vor die beste deutschsprachige Institution in Sachen „Rock hart!“. Und Opeth zu seinen Favoriten zählen kann man natürlich auch ohne Sekundärliteratur.

THE PROVENANCE: Red Flags

Die Schweden The Provenance sind eine Prog/Gothic/Modern-Metal-Band mit Niveau, daher enthält ihr Album Red Flags fast ausschließlich sehr gute, äußerst gefühlvoll komponierte Songs, die subtile Melancholie und Düsternis propagieren. Das Album eröffnet mit dem erstklassigen „At The Barricades“, dessen origineller Refrain durch Emma Hellströms Stimme zusätzlich an Wert gewinnt. Immer wieder gibt es auch schöne Gesangsduette mit Gitarrist Martinsson. „Thanks To You“ setzt gleich zu Beginn mit einem einprägsamen, etwas opethoiden Riff ein, der sich zu einer überaus feinen Nummer entwickelt. Dann noch die zwei hervorragenden Balladen „Second And Last But Not Always“ & „Deadened“ und das mit superber Melodie aufwartende „One Warning“ obendrauf. Wer bis dahin noch immer nicht von der Überdurchschnittlichkeit dieses Albums überzeugt ist, dem sei der ausgezeichnete, wirklich mitreißende Abschlusssong „Settle Soon“ anempfohlen – dolles Ding!

PHIDEAUX: 313

Die amerikanischen Prog-Rocker bzw. Art-Popper Phideaux haben hier ein verdammt gutes Album vorgelegt, das den Hörer zurück in die Ära von Genesis, Marillion und 80er-Seligkeit mitnimmt. Der erste Song „Railyard“ ist wohl als Geniestreich zu bezeichnen, auch wenn er einem irgendwie (?) bekannt vorkommt. Was vielleicht nur ein weiterer Beweis für dessen Klassikerstatus ist. Wie erwartet können die übrigen Songs auf 313 mit dem Monsteropener nicht ganz mithalten. Aber das ist nicht schlimm ist, denn die anderen Kompositionen sind überaus trotzdem atmosphärisch, spacig, melodisch, meist einfallsreich, immer wieder schimmern SF-Motive durch. „Have You Hugged Your Robot?“ beispielsweise ist zwar einfach gebaut, groovt aber schwer. „Sick Of Me“ ist eine Art eigene Version von Bronski Beats „Smalltown Boy“, zumindest was die Hauptmelodie angeht. „Pyramid“ glänzt mit nostalgischen Mellotron-Tönen. Alles in allem sehr harmonisch, sehr sympathisch, manchmal vielleicht einen Tick zu harmonisch-sympathisch. Manche Stellen hätte man evtl. spannender gestalten sollen, etwa durch Weglassen. In „Body In Space“ erfährt das überragende Hauptthema aus dem ersten Lied eine durch weibliche Engelsstimmen veredelte Reprise. Abschließen tut das Album mit dem wunderschön entrückten „Benediction“, das erneut die erstklassige Songwriting-Kunst unter Beweis stellt: superbes Album einer Band, die man vernommen haben sollte. Und das Cover-Artwork ist so was von farbenfroh und filigran.

PUPPET SHOW: The Tale Of Woe

Wer lässt hier die Neo-Prog-Puppen tanzen? Es ist die kalifornische Band Puppet Show aus Silicon Valley. Lang lebe der Longtrack, haben die Jungs sich überlegt und vier von den Viechern gebastelt. Zusammen mit zwei kürzeren Liedern wird hier cooler, sowohl nach vorne als auch auf Vorbilder wie Marillion, Kansas, Spock’s Beard u. a. blickender Progressive Rock mit einer dezenten Idee Hartwurst geboten. Die Musik ist sehr warmherzig und meistens originell, sodass sie einigen Längen und etwas zu fröhlichen Momenten locker trotzt. Der Opener „Seasons“ beispielsweise ist grandios: pumpende Basslinien, mitreißender Gesang, coole Breaks und Soli.

„The Seven Gentle Spirits“ nimmt sich relativ viel Zeit, um anzulaufen, aber spätestens in der zweiten Hälfte geht es mit fett epischer Progroove-Breitseite gehörig ab. Insgesamt schwächelt diese lange Nummer ein wenig, vor allem im direkten Vergleich zum nachfolgenden „Harold Cain“, das umschweiflos zum Punkt kommt und aufgrund seiner kompositorischen Prägnanz und gewitzter Lyrics Klassiker-Ambitionen aufweist. Auf den Sechzehnminüter „The Past Has Just Begun“ wäre Neil Morse bestimmt stolz, hier kommt nämlich all das zusammen, was Neo-Prog-Meisterklasse auszeichnet: ausladende Instrumental-Passagen, Mystery, Spannungsbögen samt Peripetie und natürlich ergreifende Melodien. Zum Schluss wird dieses Werk nochmals so richtig fesselnd und erreicht mit einigen Härten seinen dramatischen Höhepunkt. Es folgt das progmetallische und überraschend verquere „God’s Angry Man“, ein sehr gutes Instrumental mit prägnantem Hauptriff. Schließlich noch „On Second Thought“, eine delikate Ballade, die unter anderem mit einem echten Hinhörer von Keyboard-Solo punktet. Wer suchet, wird findig.

ABANDONED: Thrash Notes

Dieses Album dürfte ziemlich cool sein, denkt man sich schon nach ein paar Sekunden. Es wird offenbar eine Riffpolitik propagiert, die für unverfälschten Thrash-Metal-Spaß sorgt. An sich hat die Vokabel „Thrash“ mit Gewalt zu tun, aber wenn sich diese ausschließlich in einer unverblümt spielfreudigen Bedienung der Musikinstrumente manifestiert, dann ist Gewalt so ziemlich das Coolste. Zwar sind Abandoned nicht zu jedem Zeitpunkt einzigartig, aber wie auch, wenn man der klassischen Prügel-Schule frönt. Solange die Band-Homepage „www.gebolze.de“ lautet, das Emotionale stimmt und man an Bay Area & Klonsorten denken muss, während man dieser Hesssen-Dresche lauscht, ist alles in ordner Bestung. Die Reaktionen der Fachpresse auf ihre Demo waren schon sehr positiv, und dementsprechend positiv muss die Kritik zu ihrem ersten Album ausfallen, in dessen Titel „Thrash“ nicht ganz zufällig vorkommt: Songs wie das riffige „Pay The Dues“, der fixe Banger „Nightmares“, der einfallsreiche Opener „The Oncoming Storm“ oder das mit einem dramatischen Power-Metal-Refrain aufwartende „Return To One“ bestätigen die eingangs geäußerte Vermutung.

Pandemia: Riven

Spätestens nach dem zweiten Hören ist man sicher, dass es sich bei den Tschechen Pandemia um eine überdurchschnittliche Band handelt, die eine entsprechende Platte eingespielt hat. Alle Stücke sind gut, jeder Song hat irgendetwas zu bieten, was ihn auszeichnet. Die Liedanfänge sind fast ausnahmslos prägnant, was schon mal ein gutes Omen (nicht der Film) ist. Der Titeltrack und Opener knallt beispielsweise ganz schön ordentlich aus den Boxen (nicht die Sportart), „Stream Of Destinies“ ist stellenweise noch bombiger, da könnten sich sogar Morbid Angel das eine oder andere Stück Hack vom Grotesküchlein abknipsen. „Us And Them“ enthält ebenfalls ein Riff-Attentat, auf das der Death-Metal-Fan nicht verzichten sollte. Das ein wenig von Death (nicht der Zustand) inspirierte resp. plagiierte Instrumental „Dispirited“ hingegen erreicht leider nicht das Genie des Riff-Fürsten Schuldiner, der für ProgDeath ungefähr dasselbe ist wie Schindler für die Juden. Insgesamt betrachtet ist Riven zwar nicht ganz so kopfmenschenfreundlich wie seine Vorbilder, aber dennoch ziemlich dicht komponiert und technisch exekutiert, sodass die Spielzeit von etwas über 30 Minuten kein Nachteil ist. Fazit: Uneingeschränkte Antest-Empfehlung für diesen groovyTotmachbrocken!

Hyades: Abuse Your Illusions

Was bloß ist das Geheimnis der uneingeschränkten Sympathie, die sich innerhalb kürzester Zeit einstellt, obwohl dem Hörer die starke Anlehnung an alte Originale und dadurch bedingte Nichtinnovativität von Hyades bewusst ist? Nun, trotz aller Rückwärtsgerichtetheit kommen die Riffs äußerst flott gezockt und frisch gerockt daher, halt so, als ob ein guter alter Wind wehen würde, der keinesfalls nach Gammel riecht. Abuse Your Illusions ist keine Revolution, aber Mann ist das Album Banger-SpaßThrash, sprich: truer als ein Tru(e)thahn! Die Jungs, deren Motto „Four albums and still no ballads!“ lautet, orientieren sich ganz bewusst am Knüppel-Kult der 80er, und die Art, wie sie es tun, ist genau richtig: unprätentiös, ehrlich und mit jeder Menge cooler Gitarren im Panzer. Eines dieser Alben, die im besten Sinne des Wortes total eingängig sind und gleich beim ersten Hören eine negative Rezension absurd erscheinen lassen.

Freak Neil Inc.: Characters

Freak Neil Inc. ist das Progjekt von Rob van der Loo (Sun Caged), der einige prominente Gastmusiker wie Steve DiGiorgio, James Murphy oder Sean Malone (Death, Cynic) zum Mitspielen eingeladen hat. Herausgekommen ist ein zwar nicht 100%-ig freakiges, aber relativ vielseitiges Progressive-Metal-Album, das sich echt hören lassen kann. Nach dem kurzen Intro, in dem wohl das Stimmengewirr der verschiedenen Characters zu hören ist, geht es mit „Talking Chair“ richtig metallig zur Sache: Der Eröffnungsriff zählt nicht unbedingt zu den wahnwitzigsten, hat aber den richtigen Drive, um dem Song Prägnanz zu verpassen.

„I’m The Hero“ hat noch mehr zu bieten: Funk & Drive, verursacht durch den auch später mehr im Vorder- als Hintergrund agierenden Chapman Stick, eine schöne Melodie, anspruchsvolle Soli und ein paar verrückte Stimmverzerrungen. Das gelungene „I Understand“ überrascht durch elektronische Drum-Sequenzen, gefolgt von cynicsch verfremdetem Gesang und träumerischen Entspannungssoli. „Downtown“ weist zum ersten Mal charakteristische Progmetal-Stilistik auf, die immer wieder von virtuosen Fusion-Parts durchbohrt wird. Und der „Bulldozer Blues“ hält, was der Titel verspricht: Meshuggah-Riffing auf dünnem Blues-Gerüst erzeugt eine schwere Groove-Maschinerie, die insgesamt allerdings etwas unspektakulärer als die vorangegangenen Tracks bumst. Das abschließende „Absence“ beginnt mit einem für Misophoniker herausfordernden Flüstern, das aber glücklicherweise schnell Musik Platz macht. Diese ist epischer als die restlichen Tracks und vereint deren verschiedene Stilmerkmale wie Elektrobeats, Metal, Fusion und Balladeskes zu einem soliden, wenn auch streckenweise farblos wirkenden Ganzen, das mit seinen 13 Minuten nicht den quantitativ vorgegebenen Höhepunkt bildet. Unterm Strich eine Platte, die eine Empfehlung wert ist, da echte Schwachstellen fehlen.

MANNGARD: Circling Buzzards

Allein „Safe With Me“ bietet genug progressive Derbheit, um Circling Buzzards, seines Zeichens krasses Prog-Geknüppel auf William-Faulkner-Basis, zu einer echten Extremperle zu erklären. Jede Menge Riffs und Breaks, unvorhergesehene Wendungen und brutal-brillante Instrumente, die ordentlich Irrsinn akkumulieren. Das müssen knallharte Death-Metal-Bussarde sein, die da ihre kniffligen Psycho-Kreise ziehen. Zugegeben, so eindeutig grandios wie das eingangs erwähnte Stück sind die restlichen Songs vielleicht nicht, aber allemal toll genug, um die Hervorhebung irgendeines weiteren Titels fast unmöglich zu machen. Ein in helle Begeisterung versetzendes Album also, das nicht nur musikalisch, sondern auch durch sein düsteres Textkonzept überraschende Gefilde erschließt und somit jedem (ernstzunehmenden) Kritiker Respektbekundungen entlocken möge.

KAYSER: Frame The World … Hang It On The Wall

Dieses Album ist knüppelharte Unterhaltung aus Schweden und kommt dem Zuhörer auf Anhieb überaus solide vor. Bei genauerer Untersuchung festigt sich der positive Ersteindruck: Frame The World … Hang It On The Wall ist ein melodiereicher und klischeearmer Klopper der Modern-Metal-Schule. „The Cake“ eröffnet die Platte mit einem Leckerbissen (toller Refrain), es folgen das dreckige „Lost In The Mud“ und das gut entwickelte „Evolution“, das belebende „Not Dead … Yet“ (deftiger Refrain-Riff mit einem Fusion-Intermezzo) sowie das geistesgegenwärtige „Absence“. Eine klare Produktion und prima Gitarristik machen diese voller großer Momente steckende Empfehlung für Freunde des Empfehlenswerten empfehlenswert.

DECAPITATED: Organic Hallucinosis

Decapitated haben ja mit ihren ersten Alben mächtig Wind (of Creation) aufwirbeln können, weil die Bandmitglieder trotz ihres verdammt jungen Alters (damals 14 oder so) an ihren jeweiligen Instrumenten schon viel asozialer drauf waren als so mancher Hip-Hop-Stirnband-Fubu-Assi auf der hintersten Sitzbank im Bus nach Tannenbusch. Apropos Bank: Das vierte Output der Polen ist durch dieselbige gut. Grotesk-Gitarren braten das Trommelfell, während die Drums das Öffnen so mancher Kiste Chuck Norris überflüssig machen. Der Prog-Level der Platte ist wie gehabt etwa mit Morbid Angel oder Hate Eternal zu vergleichen, also recht technisch. Songs wie der opulent-brachiale erste Track oder das Doublebassin „Day 69“ (inklusive des bandtypischen Schlagzeug-Solos in der Songmitte) sprechen an. In „Post(?)organic“ wissen zwei virtuose Gitarren-Soli in eine für das Death-Metal-Genre unerlässliche Schlimmwelt zu entführen. „Visual Delusion“ ist ein blastbeastig dreschender Song, der, zwar etwas fremdbestimmt, die besten Momente der zwei oben genannten Vergleichsbands einfängt. Die restlichen drei Lieder erscheinen einen Tick unprägnanter, was uns aber nicht daran hindern soll, dieses Album allen Toddlern an den Herzschrittmacher zu legen.

Slipknot: 9.0: Live

Spätestens seit diesem Live-Album ist die Zahl „9“ bzw. deren IT-Bruder „9.0“ mit Groteske zu assoziieren. Denn hier kommen 9.0 ziemlich kranke Typen mit schlimmen Masken und beschallen einen mit krassen Projektilen des modernen (und immer öfter auch progressiven) Nu Metals wie „The Blister Exists“, „(Sic)“, „Pulse Of The Maggots“, „The Nameless“, „Duality“ u. a. In 24 Tracks wird die Geschichte einer immer wieder vollkommen zu Unrecht als unauthentisches, kurzlebiges Produkt der Werbeindustrie angeprangerten, ziemlich extremen Band nacherzählt, die mit ihrem Debüt Slipknot einen echten Meilenstein veröffentlichte. Nach dem schwächelnden Zweitling Iowa wollten sich die Musiker weiterentwickeln, und dementsprechend fiel auch die dritte Studioproduktion aus: Mit feiner als je zuvor gespitzten Drumsticks, virtuosen Gitarrenläufen, asozialen Riffs, originellen Samples und verstärktem Griff auch zu ruhigeren Tönen aufwartend, stellte Vol. 3: The Subliminal Verses 2004 eine würdige Erneuerung des eher rauen Slipknot-Sounds von anno 1999/2001 dar.

Der Nachteil des vorliegenden Live-Dokuments ist aber, dass die irgendwie verwaschen klingende Produktion richtig fiese Riffer neueren Datums nicht perfekt zur Geltung kommen lässt; die Liedversionen auf den regulären Studiowerken sind eigentlich immer vorzuziehen. Überhaupt haben Live-Alben ja ein bisschen an Bedeutung verloren, seit es sowohl sound- als auch bildtechnisch überaus hochwertige Live-Mitschnitte auf DVD bzw. BD (nicht das Klosett-Addon) gibt. Deswegen ist etwa der Slipknot-Mitschnitt Disasterpieces zu empfehlen: Dort bekommt man den kaputten Clown, das Stachel-Schwein, Cyranose de Bergerac, das Drum-Karussell (gutes Solo) und die restlichen Monstermänner auch mal richtig zu Gesichtsgrusel.

Akercocke: Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone

Die Briten Akercocke umschiffen geschickt 08/15-Riffs, wie sie von Black-Metal-Riesen Dimmu Borgir, Nagelfart etc. wirkungsvoll, bombastisch, pathetisch – aber gerade darin ist der Keim von Geschmacklosigkeit zu suchen – inszeniert werden, indem sie das Vehikel Black Metal mit genrefremden Aspekten anreichern. Neben ungebremstem Doublebass-Geblaste und monströsen Growls gibt es auch besinnliche Momente zu bestaunen. Eröffnet wird das Album von „Verdelet“, worin ein aggressiver Riff die Grundlage für einen sehnsuchtsvollen Gesangspart bildet. „Seduced“ ist Black/Death Metal pur, wobei das kompromisslose Riffing hier und da etwas unfrische Züge annimmt; nichtsdestotrotz ein gutes Stück, das vor allem gegen Ende noch einmal seine gesamte Energie im ultimativen Banger bündelt. „Shelter From The Sand“ bezieht seine Schönheit aus den von akustischer Gitarre begleiteten Clear-Voice-Passagen, die immer wieder von verschiedenen Zwischenspielen heftigeren Kalibers durchboxt werden.

„Eyes Of Dawn“ kommt schnell zur Sache, ein einfacher und prägnanter Riff macht den Anfang, wonach der Song einige leicht avantgardistische Wendungen nimmt und so bis zum Ende interessant bleibt. Das Instrumental „Dying In The Sun“ klingt in etwa genauso, wie der Titel es verlangt: exotische Wüstenklänge, gepaart mit dem einen oder anderen Geräusch extraterrestrischer Fauna als Prolog zum darauffolgenden Zweiteiler „Words That Go Unspoken“: In diesem finden sich sanfte, hammerharte und ambientrückte Elemente, die zusammengenommen etwas Unheimlich-Auswegloses heraufbeschwören. Den Abschluss und vielleicht auch emotionalen Höhepunkt dieses Albums bildet das von schwerem Nostalgyll umhauchte „Lex Talionis“, worin des Hörers Seele eine Rührung erfährt. Nimmt man all diese Eindrücke zusammen, entsteht ein Gesamteindruck, der besagt, dass es sich hier um ein richtig gutes Album handelt.

3: Wake Pig

Die vier 3er klingen ein bisschen wie The Mars Volta, Coheed & Cambria und Umphrey’s McGee, also die Alternative-Metal-Kategorie mit perkussivem Guitar Slapping als USP. Aber Schubladendenken ist nicht Sinn der Übung, kommen wir daher zu den einzelnen Songs dieses wunderbaren Albums. „Alien Angel“ führt uns in die atmosphärische und hochtalentierte Melodiewelt der Band ohne Buchstaben ein. „Dregs“ beginnt mit einer Flamenco-Gitarre, die immer wieder vom E-Riffing unterstützt wird – ein melodisch-drummiger Song. Der Titelgeber „Wake Pig“ ist wohl als ein Hit zu verstehen, da großartiger Refrain und coolst aufspielendes Schlagzeug. Ein weiterer Hit oder vielmehr Klassiker ist „Dogs Of War“, eine mit geradezu Beatles’schen Harmonien auf Filigranit beißende Ballade: Sahne Nummer 1! „Queen“ lässt Magie walten, ebenso das authentisch melancholische „Circus Without Clowns“, was für das ganz große Zweiohrkino. „Where’s Max“ ist ein kurzer, verrückter Song, der wie eine Hommage an System Of A Down wirkt. Seinen (nicht zwingend krönenden) Abschluss findet das überaus empfehlenswerte Plättchen mit „Amaze Disgrace“, das zwar epischer als die restlichen Perlen ausgefallen ist, aber möglicherweise nicht ganz so tiefgreifend wirkt.

Bathtub Shitter: Dance Hall Grind

Mir sind ja Bands auf Anhieb sympathisch, die das Wort „Scheiße“ oder Ähnliches im Bandnamen führen auf die Gefahr hin, dass irgendein Rezensierling es völlig schamlos gegen sie verwenden wird. Aller Koprophilie zum Trotz sei dennoch ein genauerer Blick auf dieses typischerweise durchgeknallte Japandämonium geworfen. Der Stil von Bathtub Shitter ist Latrinen-Grind ohne Klospülung, wo viel gekrischen und noch mehr geschissen wird. Bis auf das recht hübsche, aus einem Myamoto-Klassiker zu stammen scheinende Akustik-Scheißtrumental „Shit Drop“ und die dudelig-gewitzte Einscheißung „Introduction“ sind Schlagzeug und E-Gitarren erwartungsgemäß im Kriegseinsatz und man fragt sich, wie viel die Jungs eigentlich fressen müssen, um so viel Scheiß zu produzieren. Wie dem auch scheiß, musikalisch gesehen handelt es sich hier nicht durchgehend um bek(n)ackten Durchfall. Titel wie zum Beispiel „Skate Of Bulgaria“, „Umber“, „Re-Shit“ oder „Rest In Piss“ können sich echt hören lassen, obgleich das häufig eingesetzte Hochfrequenz-Gekreisch von Vokalköter Masato gewöhnungsbedürftig ist. Bilanz: Trash wird ja gerne als Synonym für Kult verwendet, was nicht immer falsch sein muss: ein Jascheißénochmal! für diesen keinesfalls kompletten Bullshit.

Beneath the Massacre: Mechanics Of Dysfunction

Das Warten auf das dritte Album von Necrophagist, das nie kommen wird, weil Suiçmez offenbar bei BMW arbeitet, ist für manche von uns eine recht proglematische Angelegenheit. Zwar haben Bands wie Spawn Of Possession oder Obscura die Lebensbedingungen einer Person, welche sich höchstwahrscheinlich auch im Opa-Stadium Filigrangeknüppel ins Quantenmechatroniker-Death gewohnte Hörgerät hämmern wird, heftigst versüßt, doch so langsam lässt die nicht zu unterschätzende Wirkung jenes extremen Meilensteinchens nach. Also schnell zu Beneath The Massacre aus (dem offenbar abnormen) Kanada gegriffen, einem weiteren Vertreter jener eindrucksvollen Musikrichtung, die man als break- und blastbeatverseuchten, hypertight gespielten Frickeltod bezeichnen darf, wobei der Touch des Robotisch-Übermenschlichen bei den jeweiligen Virtuoso-Gitarristen als ein enorm wirkungsvoller Derbheitsverstärker genutzt wird, von den unmenschlich tiefen Growls und dem rabiaten Schlagzeugspiel mal ganz abgesehen.

Exakt eine halbe Stunde lang werden dem hoffentlich unkaputtbaren Hörer die Mechanics Of Dysfunction in zehn Lektionen nähergebracht. Einen repräsentativen Song auszuwählen ist etwas schwierig und vielleicht nicht nötig, da man dieses Album als eine homogene Portion Hirnklopp internalisieren sollte. Dennoch kann man folgende vollkommen enorme MG-Salven am ehesten empfehlen: „The Surface“, „Modern Age Slavery“ und „Sleepless“. Teilweise hat man das Gefühl, dass hier sogar das absolut gestörte Necrophagist-Niveau überschritten wird, was ja eigentlich nicht möglich sein dürfte. Wie dem auch sei: Für Breaks-Freaks und Freunde des hypertechnoiden Todesbleis ist neben Art Bleeds, Colonizing The Sun, Epitaph, Warp Zone etc. dieses Album ein Total-Muss!

Coroner: Mental Vortex

Nach dem kurzen Intro wird auf unbeschreiblich begnadete Weise die Wortkonstellation „Mental Vortex“ musikalisch eingefangen. Trotz geordnet daherkommender Progriffs wird durchaus so etwas wie ein knorker Wirbelsturm erzeugt. Es geht gleich voll zur Sache, eine Feinheit folgt der anderen. An Talent nicht zu überbieten ist schließlich das qualitativ in umgekehrter Proportion zu seinem Bekanntheitsgrad stehende Solo (was natürlich für das komplette Album gesagt werden kann), das bei 4:11 in „Son Of Lilith“ einsetzt und verglichen werden kann mit einem „Kohärenz gewordenen Kosmos“ (Albensammlers Prognase, Bd. 4, S. 000). Wenn es um Musik geht, so gibt es fast nichts, was ich so gern und so ausführlich und so oft und […] und so unterschiedlich in der Formulierung ansprechen möchte wie dieses Solo, welches einen eigenen Namen verdient: Intergalaxax Ofu? 4:11er? Ich bin nicht ganz sicher, aber extraterrestrisch ist es auf jeden Fall.

Disillusion: Gloria

Bei dem Zweitwerk der Deutschen Disillusion wird sich ganz bestimmt die Frage nach der Toleranz der Fans und Befürworter ihres Debüts Back To Times Of Splendor stellen, welches die meisten noch als eine echte Perle des progressiv-epischen Death Metals à la Opeth im Ohr haben dürften. Der Hörer ist desillusioniert und fühlt sich eingeladen, ggf. kalauernde Anspielungen an den retrospektiv womöglich prophetischen Titel des Erstlings zu machen. Doch wie lange hält diese Enttäuschung an, die sich vor allem aus dem massiven Stilwechsel der Band speist, welche neuerdings eher Industrial/Gothic/Psychedelic/Electronica (Pop-)Rock als Death Metal zuzuordnen ist?

Immerhin sind fast alle der hier gebotenen Songs, so wird man schnell zugeben müssen, eigensinnig, originell und nicht unproggy ausgefallen. Also die Vorurteile schnell und mit ordentlich Scham hinweggefegt und sich ehrlich ans Liedgut rangeschmissen: Die Platte beginnt mit dem dramatischen „The Black Sea“, worin rammsteiniger Sprechgesang, poppige Stimmverzerrungen und ein paar coole Riffs ihr Werk verrichten. Die immer wieder spezielle Gitarrenarbeit, die sich im ersten Track schon andeutet, kommt im Nachfolger „Dread It“ noch mehr zum Tragen. Hier trifft eine gewisse Lockerheit auf einen epischen Refrain, der kurzzeitig auch an die „alten“ DISILLUSION anknüpft. „Don’t Go Any Further“ ist eine klare Singleauskopplung, ein clawfingringer Modern-Metal-Hit mit einem sehr einprägsamen Hauptriff. „Avalanche“ könnte glatt Black Metal sein, obgleich die gedämpften Vocals an Till Lindemann und das elektronisch angehauchte Melodiegeflecht im Hintergrund an James Bond erinnern – schon wieder bemerkenswert.

Der Titeltrack ist nicht unbedingt der beste der Platte, punktet aber mit düsteren Hintergrundsamplings, einem erneut verfremdeten Sprechgesang und seltsamen Bläsern in der Mitte dennoch ganz schön. Nach dem triphoppelnden Intermezzo „Aerophobic“ geht es mit originellem Metal weiter, diesmal ist es eine orientalische Melodie, die, unterstützt von der doppelten Fußmaschine, mitzureißen weiß. Hitverdächtig ist auch der Refrain in „Save The Past“ – unkompliziert und wirkungsvoll. Das nicht unbedingt unentbehrliche Instrumental „Lava“ ist zähflüssig und heavy umgesetzt und leitet zu dem eher langweiligen „Too Many Broken Cease Fires“ über, das durch Schwäche überrascht. Den Abschluss bildet „Untiefen“, ein düsterer und zugleich nichtssagender Song, der das Album (leider) nicht auf einem kreativen Höhepunkt ausklingen lässt. Dennoch: Wer gutes Songwriting mag und bereit ist, den Künstlern ihre legitime Weiterentwicklung zuzugestehen, der möge sich dieses interessante Album zulegen.

Ephel Duath: Pain Necessary To Know

Ephel Duath sind schön schräg von A (wie abstrus) bis Z (wie Zorn-ig, John). Mehr Avantgarde, Free Jazz und scheinbare Rifflosigkeit haben die italienischen „Ultraprog-Extremisten“ (vgl. PR-Beilage) noch nie in ein Album gepackt. So viel steht nach dem ersten Durchlauf schon einmal fest: The Dillinger Escape Plan etwa, die trotz ihrer unanzweifelbaren Abgefahrenheit häufig gleich von Beginn an gut mitverfolgbar sind (man nehme nur mal die in ihrer Krassheit doch irgendwie straighte Mathcore-Perle „43% Burnt“ von Calculating Infinity), steckt Pain Necessary To Know locker in die Tasche, zumindest was die Zugänglichkeit und Verschrobenheit angeht. In Bezug auf das Kompositorische allerdings können konkrete Angaben erst gemacht werden, nachdem man sich das unmäßige Produkt mindestens vier bis fünf Mal eingebaut hat. Alles beginnt mit einem unscheinbaren, etwas autistischen Riff. Schon bald nimmt ein ungebremstes und verrücktes Spiel mit der zunächst leicht überschaubaren Figur seinen Lauf, Tempo und Dichte nehmen zu, Unberechenbares wird hinzuaddiert und wieder subtrahiert, kleine Jazz-Kaskaden kommen und gehen, dazwischen ein bisschen Elekronikgeloope. Dann wieder Besinnung auf Klarheit, eine schöne Melodie wird herausgearbeitet und durchgehalten. Äußerst gewiefte AvantRiffs und andere Unerhörtheiten durchziehen die Platte und sorgen regelmäßig für Erfrischung. Hat man einmal das Album (mehr oder weniger) durchschauen und schätzen gelernt, erkennt man, dass es sich bei diesem artrockenden & progmetallischen Bewusstseinsstrom um ein echtes Kunstwerk handelt. Wenn man einmal von dem ein wenig schlaffen Mittelteil („I Killed Rebecca“) und einem gewissen Epigonentum gegen Ende der Platte („Imploding“) absieht, kann man eigentlich nur loben. Und das geht unter Zuhilfenahme unzähliger Attribute wie zum Beispiel: verspielt, komplex, seelenvoll, dramatisch, tiefsinnig, irre, tragisch, traumhaft, abartig, sentimental, rigoros … Wenn die offenbar gegebene Befähigung, solche Gemüts- und Geisteszustände nahezu simultan zu evozieren, kein Lob verdient, dann verdient dieses Album natürlich auch keine 1-.

Gory Blister: Art Bleeds

Damals bei Zazie Dans Le Métro hätte ich auch nicht geglaubt, dass der Film bloß 80 Minuten geht. Und hier glaubt man das mit den 26 Minuten auch nicht so auf Anhieb. Denn es steckt eine Menge an krassem Sound in dieser auf derbe, fiese, wenn nicht gar geschmacklose Art und Weise vertrackten Death/Watchtower/Atheist-Konglamelange. Die Riffs sind fast durchgehend gelungen, einige sind einsame Spitze, breakmäßig sicher ein Rekordhalter. Es geht von Anfang bis Ende zur Sache. Gleich der Beginn des ersten Liedes zaubert ein respektvolles, die gestört/bedenklich hohe Break- und Informationsdichte absolut nicht vertragen wollendes Lächeln auf die Lippen des Zuhörers. Und dann geht es weiter und lässt im Grunde genommen nicht nach. Hervorstechen tun aber vor allem Track Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 5. Meine Güte, bei diesem Album handelt es sich um eine Art CT-gestützten Gehirntritt. „Wir, Gehirnchirurgen auf 450-Euro-Basis, kommen vorbei und machen euer HRN platt!“, scheint uns Gory (falls dies der Name des Bandlieders ist) sagen zu wollen. Herr Blister (falls das nicht bloß ein Pseudonym ist), Ihre Frickelkünste sind ganz klar bewundernswert, liefern Sie uns regelmäßig EPische Wunderwerke mit eklatanter Soundsoße ab.

Martyr: Feeding The Abscess

Wer sie noch nicht kennt, dem seien sie sofortst ins technische Death-Metal-Herz eingeklebt! Die Wunderprogger Martyr aus (dem offenbar enormen) Kanada haben mit Hopeless Hopes und Warp Zone bereits zwei erstaunlich elegante Komplexbrocken ausgetüftelt, die vor genialen Melodien, Breaks und Soli bersten, und dann kam auf den (am Geduldsfaden hängenden) Connaisseur ihr drittes Album Feeding The Abscess zu. Man kann sich vortrefflich über Besser oder Schlechter streiten, eins hat diese Platte mit ihren (nach wie vor als Geheimtipps zu behandelnden) Vorgängern gemeinsam – es ist ein aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lassender Umhau! Mag sein, dass das Debüt der Québestien einen Tick abwechslungsreicher und vielfältiger ausgefallen ist, dafür gibt es auf dem neuen Album mehr exquisite Jazzläufe zu hören, und manchmal fiedeln sich gar genrefremde Violinen prima ins hochenergetische Gesamtkonzept ein. Die gitarristischen Aspekte des vorliegenden Werkes sind jedenfalls nach wie vor über jeden denkbaren Zweifel erhaben. Hier herrscht raffinierte Virtuosität, sowohl die rund 500 Riffs als auch Soloeinlagen sind pfeilschnell, originell und faszinierend, nicht zuletzt wegen der stets spannend aufgebauten Übergänge zwischen den einzelnen Passagen. Trotz des durchweg hervorragenden Materials gibt es einige besondere Höhepunkte zu vermelden: „Perpetual Healing (Infinite Pain)“ ist ein sehr technisches und höchst genießbares Metal-Gedicht mit einigen Trademarks der Band wie dem verquer-düsteren Dissonant-Riffing, das ein Gefühl von subtil groteskem Drama vermittelt. Nach einer Zäsur in der Liedmitte leitet eine fulminante Fusion-Einlage zum zweiten Liedteil über. „Lost In Sanity“ ist unerbittlich dargebotenes, präzis abgefeuertes Riffgehacke mit Tief-, Eigen- und (last but not least) Wahnsinn im Blut. „Feast Of Vermin“ eröffnet eindrucksvoll mit einem atmosphärischen Instrumentalpart, der dann einer Reihe von prächtigen, immer wieder durch markante Rhythmik bestechenden Riffs Platz macht. Bei „Interlude – Desolate Ruins“ handelt es sich um ein beeindruckendes Instrumental-Trauma, dessen kryptisch-schwüle Jazzrock-Attitüde den Soundtrack eines David-Lynch-Films ganz bestimmt kongenial veredelt hätte. „Nameless, Faceless, Neverborn“ schließlich ist eine ungeheuerlich daherpeitschende Prog-Metal-Attacke, die sich entwickelt und entwickelt und (wie jeder andere Song von Martyr) nie langweilig wird. Ein fein ausgearbeiteter Lick führt zum nächsten, die kompositorische Dichte kennt auch hier wieder kaum eine Grenze – die Schlussbetrachtung muss daher lauten: Martyr sprechen nach wie vor ein echtes Machtwort im technischen Death Metal. Ihnen können nur ganz wenige das Wasser reichen, denn hier gibt es eine musikalische Seele zu bewundern, die in ein beachtliches Techno-Kostüm eingebettet ist. Es gilt nämlich die perfekte Synthese von technischem Overkill à la Necrophagist und der melancholischen Vielschichtigkeit von Chuck Schuldiner / Death. Eine derart fulminante Kombination braucht die Welt unbedingt.

Opeth: Ghost Reveries

Sollte ich irgendwann einmal den Wunsch äußern, in Scheiben geschnitten zu werden, wie es die einstige, inzwischen seriös-schnöde „Reviews“ heißende Rezensionsabteilung in der Rock Hard nahelegte, dann müssten es schon recht viele sein, und vor allem auch recht progressive. Alle mögliche geile Scheiße müsste darunter zu finden sein, von Atheist bis Zero Tower, und dazwischen – neben vielen anderen klasse Bands – natürlich auch die begnadeten Opeth. Still Life, Blackwater Park und Deliverance müssten darunter auf jeden Fall vertreten sein.

Und wie stehts mit Ghost Reveries? Nun, nach dem recht meinungsspaltenden (aber leider nicht schädelspaltenden, da durchgehend sanft gehaltenen) Damnation ist dieser Output wieder richtiger Prog Metal mit (inzwischen nicht mehr) gewohnten Opeth-Trademarks wie ultramelancholischem Gesang und derbem Gegrunz geworden, wobei der Krachanteil etwas zurückgegangen ist. Obwohl harmonietechnisch auf Bewährtes zurückgegriffen wird, wirken die Songs frisch, was vor allem an der einen oder anderen progressiven Spielerei, einfallsreichen bis genialen Melodie oder den gar völlig entspannten Ambient-Parts liegt, die einen Einfluss des Elektronica-Enthusiasten Steven Wilson auf Mikael Åkerfeldt, der das Album diesmal selbst produziert hat, erkennen lassen. Insgesamt wird also genügend Neuartiges geliefert, um behaupten zu dürfen, dass die Band sich weiterentwickelt. So ist zum Beispiel der Opener „Ghost Of Perdition“ sehr vielfältig und kann seiner im besten Sinne des Wortes heterogenen Gestaltung wegen durchaus als repräsentativ für das gesamte Album gesehen werden. „The Baying Of The Hounds“ bietet ebenfalls viel Abwechslung in Form von edlem Prog-Riffing und einem entrückten Mittelteil, zusätzlich sorgt eine Hammondorgel für gelungene Erweiterung des Gesamtsounds. „Beneath The Mire“ beginnt mit einem recht exotischen Riff und mündet über einige Zwischenspiele hinweg in einen ersten emotionalen Höhepunkt des Albums, wo eine gewohnt exzellente Akustikgitarre den sehr gefühlvollen Gesang begleitet. „Reverie/Harlequin Forest“ ist ein gehaltvoller, cleverer Überzehnminüter geworden, während „Isolation Years“, eine sehr fragile Ballade, vor allem mit ihrem wunderschönen, etwas an James LaBrie / Dream Theater erinnernden Chorus glänzt. Aufgrund einiger Stilerweiterungen mag Ghost Reveries vielleicht einen Tick filigraner als die Vorgänger ausgefallen sein, was diese natürlich nicht im Geringsten herabwürdigen soll: Cineasten aufgepasst – großes Kino!

Sieges Even: Steps 

Ein Problem ist der Sänger, der so klingt, als würde er gewürgt. Eigenwillig möchte man das nennen, gedrückt, so viel seltsamer als etwa die göttlichen Vokalisten von Fastes Warming oder Sukkotic Ploetz (die Tatsache der Veralberung der Bandnamen ist nichts anderes als verkappte Respektsbekundung). Dagegen sind hier viele Melodien und Elemente vertreten, die besondere Achtung verdienen und sehr begnadet rüberkommen. Nach dem einen oder anderen Vertrack kommt ganz unverhofft so ein Hammerteil von Tonfolge, dass es dir die Eingeweide in eine 5*-Amazon-Rezension umkocht. Nur komme ich mit einem der letzten Lieder nicht ganz klar, wo nämlich Versatzstücke aus Watchtowers „Control & Resistance“ auftauchen inkl. Textzeilen wie „Controlled by confusion, confused by control“, obwohl nirgends angegeben ist, dass dies Plagiart sein soll. Für Progfans jedenfalls ist der Besitz (und am besten auch das Eigentum) dieser Scheibe eine Ehrensache!

Aktor: Paranoia

Mindestens neun von zehn Songs dieses ersten abendfüllenden Albums des finnisch-amerikanischen Trios schaffen es auf Anhieb, sich gleichermaßen im Herz wie Hirn festzusetzen, weil sie einerseits eins a eingängig, andererseits subtil skurril sind und damit emotional wie intellektuell überaus ansprechen. Während der lässig-harmlose Opener „Devil And Doctor“ nicht so recht die kompositorische Originalität und Dichte, aber schon durchaus die himmlische Tightness von Aktor einfängt, offenbart sich beim nachfolgenden „Gone Again“ gleich zu Beginn ein eigenwilliger, voivodesker Ansatz, der Paranoia zu einer reichlich unprätentiös, aber dafür umso effektiver proggenden Melodic-Rock/Metal-Platte macht. Auch alle nachfolgenden Stücke glänzen mit mindestens einem eigentümlichen Kerngedanken, auf den etwas grobe „Widerhaken in Lippe“-Metapher nicht so recht passen mag, sondern eher das Bild eines delikaten, den Hörer erfrischenden und erfreuenden Sommerabendlüftchens. „Stop Fooling Around“ ist von Thresholder Jenseitigkeit, „I Was The Son Of God” klingt mit seinen melancholisch-schrulligen Keyboards ein bisschen wie der Soundtrack zu einem Indie-Retrogame, und „Where Is Home“ hat gar einen outlandishen Grusel-Refrain in petto. All diese präzis angebrachten Schrägen und Kanten runden das Werk derart ab, dass die Vokabel „genial“ ganz ohne schlechtes Gewissen gezückt werden darf. So viel Inspiration, Finesse und Musikalität in nur 34 Minuten Spieldauer – da klatscht es Beifall (und zwar ausschließlich).

Redemption: The Fullness Of Time: „Sapphire“

Gewiss ist „‚Sapphire’ ist die genialste Komposition aller Zeiten!“ eine gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass es da solch umwerfende Musikgiganten wie Bach, Jean-Michel Jarre, Queen oder Dream Theater gibt, um nur mal drei von rund googol äußerst begabten Tonkünstlern zu nennen. Aber „Sapphire“ verdient wenigstens die Top-Platzierung in den Kategorien „Beste Prog-Metal-Ballade“, „Emotionalster Love-Song“, „Vielschichtigster Spannungsbogen“ und „Atemberaubendste Melodik“. Der Song erzählt die vielleicht zu 2,7 Prozent kitschige und weit über 180 Prozent mitreißende, von Larger-than-Life-Tragik getragene Geschichte einer verlorenen Liebe. Der leidenschaftliche Gesang von Ray Alder (nomen est omen), den man ja von diversen Fates-Warning-Masterkloppern kennt, ist Gott.

Weitere Götter, die zum Ultragelingen dieses ultramelancholischen Opus magnum beigetragen haben, sind das sagenhafte Talent van Dyks, echte menschliche Gänsehaut durch die perfekte Mischung aus Herz und Hirn, authentische Lyrics, grandiose Arrangements und nicht zuletzt eine eindrucksvolle Dramaturgie hervorzulocken, die mit erstaunlicher Leichtigkeit und Präzision für Abwechslung, Power, Fragilität, Genialität, Härte, Epik, geradezu jenseitige Nostalgie, und natürlich jede Menge Genialität sorgt. Die Riffs, die Soli, das Storytelling – man möchte fast sagen, dass Redemption mit diesem kolossalen Edelstein von Liedgut die Erschaffung eines eigenen emotionalen Kosmos geglückt ist. „Sapphire“ ist also für den (melodischen) Prog Metal das, was Bill Gates für Geld, Stephen Hawking für ALS, Wikipedia für Nachschlagewerke oder Google für Künstler ist, die sichergehen wollen, dass ein von ihnen soeben ersonnener Spontan-Neologismus wie etwa „Grüchnauß“ tatsächlich einzigartig ist und nicht etwa in irgendeinem Blog oder Nickname bereits seit dem Mauerfall Verwendung findet. Doch zurück zur simplen Formel, welche ich im Laufe der letzten Jahre erarbeitet habe: „Sapphire“ = Gott.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben. Bei postmondän fiel er bereits als Autor der korrespondierenden Liste Wurst of Metal über schlechte und unbedeutende Veröffentlichungen des Genres positiv auf. Jetzt weiterlesen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.