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Judith Schalanskys neuentdeckte Sachlichkeit

Was bleibt uns von verlorengegangenen Gegenständen, Kunstwerken, Orten, Tierarten oder Personen? Erinnerungen vielleicht? Oder Ruinen, schlechte Gewissen, Kopien, Textfetzen, Mythen? Judith Schalansky wagt mit „Verzeichnis einiger Verluste“ eine erstaunlich breite Aufstellung einiger solcher Verluste der Weltgeschichte, vom Kaspischen Tiger über Sapphos Gesamtwerk bis zum Palast der Republik, und führt uns dabei auch die Weite und Brutalität erzählerischer Grenzen vor.


Ein Sachbuch? – Eben nicht.

Eine Frage wirft das Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ schon vor dem Aufschlagen auf: Ist es eigentlich ein Sachbuch oder ein Belletristikband? Von außen betrachtet definitiv Sachbuch. Die nur grundsätzlich thematisch zusammengehaltenen Kapitel erzählen ja keine geschlossene Geschichte. Die Perspektiven sind unstet und der Aufbau erscheint wissenschaftlich und um die Klärung einer Forschungsfrage bemüht. Doch das vermeintliche„Verzeichnis“ stellt sich schon kurz nach dem Aufklappen als literarische Anthologie heraus, dessen wissenschaftsartiger Ausgangspunkt bloß ein Stilmittel ist.

Jedes Kapitel beginnt mit der Benennung eines Verlustes, der in knapper Form sachlich beschrieben wird – mit einer kurzen Datierung von dessen historischen Auftauchen und Verschwinden. Doch anstatt an diese wenigen Zeilen eine nüchterne Ausführung mit dem Anspruch auf Ausführlichkeit zu hängen, entscheidet die Autorin sich für einen anderen Anspruch: verständlich zu machen, was da verloren gegangen ist. Dabei erfindet sie Miniwelten, die sich radikal voneinander unterscheiden und den Lesefluss teilweise ganz bewusst blockieren.

Hooklines der Freejazz-Belletristik

Andersherum betrachtet zeigt sie mit ihrem nerdigen, ja, teils abweisenden Schreibstil, dass sie ihre Leser٭innen ernstnimmt, indem sie sie herausfordert. Diese begeben sich Kapitel für Kapitel auf Suchen, nicht zuletzt nach der Verbindung des verzeichneten Verlustes zur darauf aufgebauten Erzählung. Denn die Verbindungen sind teilweise weit hergeleitet. Ein Beispiel: Wir betrachten den Verlust des 1919 gedrehten Stummfilms „Der Knabe in blau“. Anstatt dessen Entstehungsgeschichte, die Biographie seines Regisseurs Wilhelm Friedrich Murnau oder etwa den Grund dafür nachzuvollziehen, warum er nie uraufgeführt wurde und heute kein Exemplar von ihm mehr existiert, widmet Schalansky sich lieber Greta Garbo.

Die hat zwar keine Verbindung zu dem verlorenen Film, (außer dass sie, worauf Schalansky allerdings nicht eingeht, große Verehrerin Murnaus war,) aber hat in jungen Jahren einen eigenen großen Verlust verursacht und erlitten, als sie sich völlig vom Filmgeschäft abwandte und für ihre letzten 50 Lebensjahre völlig ins Privatleben zurückzog. Ihren Alltag füllte sie seitdem unter anderem mit langen Spaziergängen durch New York, was Schalansky in einem nachdenklichen Monolog aufgreift, der zum einen nachfühlen lässt, wie in Hollywood oder in den Medien überhaupt oder in der menschlichen Wahrnehmung generell vergessen wird und zum anderen, wie sich Vergessensein anfühlt.

Judith Schalansky baut an vielen Stellen ihrer fragmentarischen Kurzgeschichtensammlung kleine literarische Denkmäler, wem diese gebühren, und findet für die verschiedensten Themen prägnante Außenseiterperspektiven. Zum Palast der Republik wählt sie eine Kurzgeschichte, die in der DDR spielt und nur ganz am Rande die damalige Bedeutung des Gebäudes, das es nicht mehr gibt, in einem Alltag, den es nicht mehr gibt, in einem Staat, den es nicht mehr gibt, beleuchtet.

Ein anderer Glanzpunkt ist die archaische Erzählung über ein Kaspisches Tigerweibchen, das am Rande des Römischen Reichs gefangengenommen, wochenlang in dessen Zentrum transportiert, in den Katakomben des Kolosseums ausgehungert und gequält wurde, um schließlich im Vorprogramm eines Gladiatorenkampfs gegen einen Löwen anzutreten, den beide gemäß der Tagesordnung und des Publikumsgeschmacks nicht überleben sollten. Am Aussterben der Art tragen die Römer natürlich keine Schuld. Denn die starb ja erst im 20. Jahrhundert aus, als der Mensch schon viel weiterentwickelt war und sich statt blutigen Kämpfen lieber der Wildtierdressur im Zirkus widmete.

Verzeichnis einiger Versuche

Dadurch, dass das Buch sich eindeutig als Belletristik, wenn auch einer Freejazz-Variante davon, identifizieren lässt, kann man ihm nachsehen, dass es Judith Schalansky nicht an jeder Stelle gelingt, eine kritische sprachliche Distanz zu den Themen und ihren Begriffssystemen aufzubauen – auch wenn das in einigen Kapiteln gerade das Besondere ihres Erzählstils ist: diese Metaebene, die Verbindungen herstellt, ohne unnötig zu moralisieren. Viel lieber taucht sie an anderen Stellen tief in die unterschiedlichsten Materien ein, dringt in kleinste Details vor und bohrt in Emotionen, um verlorene Lebenswelten nachzuvollziehen. Was an manchen Stellen genial und wunderbar zu lesen ist, kann an anderen auch überfordern, verrennt sich manchmal gar und lässt den Gedanken zu, dass die Entstehung der einzelnen Kapitel den Regeln von Versuch und Irrtum folgten, wobei nicht nur die erfolgreichen Versuche am Ende ihren Platz im Buch fanden.

Man kann dem Buch andererseits beileibe nicht vorhalten kann, es sei angepasst, bequem oder oberflächlich. Es möchte nicht um jeden Preis gefallen, sondern ohne Rücksicht auf Konventionen den gesamten sprachlichen Horizont einer Frage beleuchten: Wie funktionieren Verlieren, Vergessen und Erinnern? Am Ende der Lektüre bleibt auf der einen Seite das Gefühl, die Antwort verstanden zu haben, ohne sie mit anderen Worten oder Mitteln erklären zu können als Judith Schalansky es tut. Auf der anderen Seite bleibt eine große Anhäufung wahllosen Wissens. Darüber, dass der Gründungskern von Greifswald im 30-jährigen Krieg zerstört und nie rekonstruiert wurde. Dass Stahl des Palasts der Republik eingeschmolzen wurde und im Burj Khalifa wiederverwendet wird. Dass das gedruckte Buch noch nicht verloren ist.

Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ erschien am 22.10.2018 im Suhrkamp Verlag und hat 252 Seiten.

Beitragsbild:
Ausschnitt einer Kopie des 1931 zerstörten Gemäldes des Hafens von Greifswald aus dem Jahr 1810 vom 1840 verstorbenen Caspar David Friedrich
(Quelle: Wikimedia Commons)

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