Literatur, Rezensionen
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Brief an Johannes Apokalyptus

Das folgende Schreiben setzt sich mit der 2016 von Kurt Steinmann neu übersetzten und mit 7 Illustrationen des schwedisch-griechischen Künstlers Daniel Egnéus ausgestatteten Offenbarung Johannes’ auseinander: Was können wir aus dieser fast 2000 Jahre alten Vision lernen, und ist das überhaupt gute Literatur?


Lieber Johannes,

mit großem Interesse habe ich deinen Text gelesen, der mich immer wieder beeindruckt hat. Wenngleich ich vorwegnehmen muss, dass ich Schrebers Denkwürdigkeiten noch einen Tacken stärker finde.

Das mit „Alpha und Omega“ ist natürlich ein Klassiker. Das Konzept eines verschlüsselten (und ggf. zu hackenden) Todes gefällt mir auch sehr gut, vielleicht kannst du da aber noch was Zero-Day-Mäßiges rauskitzeln. Und das Buch mit sieben Siegeln ist der Krypto-Kult schlechthin, allerdings finde ich die Asymmetrie zwischen den sieben Siegeln und den vier Reitern der Apokalypse bemerkenswert unästhetisch.

„Drangsal“ kommt für meinen Geschmack ein bisschen zu häufig vor, evtl. solltest du mehr mit Synonymen arbeiten und Satans Thron anzünden oder wenigstens mit irgendwas einsprühen.

Gewaltig tosende Wasserfälle dürften phonetisch viel zu undifferenziert sein, um komplexere Nachrichten zu übermitteln. Wer sind denn die sieben Donner und was gibt ihr Grollen informationsmäßig so alles her?

„Kranz“ ist eine intrinsisch alberne Vokabel, die sich auf Tanz, Wanz, Stanz, Franz etc. reimt und daher nicht inflationär verwendet werden sollte. Dementsprechend klingt der „Kranz des Lebens“ nach einem Euphemismus für etwas zutiefst Debiles, vielleicht lieber umformulieren. Du hast es aber auch mit Posaunen. Posaunen und Kränze, das kann man unmöglich ernst nehmen, zumal beiden ein Poloch eigen ist.

Fleisch und Huren scheinen es dir ebenfalls angetan zu haben. Das Hurenfleisch sollte nach Möglichkeit abebben, ebenso der Hurenwein. Tipp: „Huren und Scheußlichkeiten“ bzw. „Verkehr mit Frauen“ und „besudelt“ im selben Satz könnte als misogyn ausgelegt werden.

Das „Schwert des Mundes“ ist ein ziemlich groteskes Bild (vgl. Premutos oder Mortal Kombat), „Tiefen des Satans“ hingegen klingt ein bisschen nach Hardcore-Schwulenclub, könnte missverständlich sein. „Denn ihr Wirken und Tun wird ihnen angerechnet“ liest sich gar wie ein Schreiben vom Jobcenter.

Allein das Versprechen einer Morgenstern-Schenkung ist schon ziemlich gewaltig – vielleicht sollte man den ganz harten Tobak für später aufbewahren.

Ich habe mir sagen lassen, dass die Geheimzutat einer von dir erwähnten Augensalbe Stein ist – ich würde eher Dexpanthenol-Tropfen empfehlen (allerdings sollte aufgrund der natürlichen Abwärtskompatibilität von Hygiene niemals im Auge angewendet werden, was zuvor in der Nase gewesen ist). Ein einbeiniger Krüppel wird ja auch nicht zum Sprinter, wenn man seinen Stumpf in Hyaluronsäure tunkt.

Du hast so einiges für Zahlenfetisch übrig, und zwar von der uneinheitlichen Sorte. Auf der einen Seite arbeitest du mit Primzahlen wie 3 oder 7, auf der anderen Seite mit äußerst teilbaren Zahlen wie 4, 12, 12² und 24. Warum genau fünf Monate lang quälen? Sind 200.000.000 Reiterheere nicht etwas übertrieben? „In dunkle Sackgewände gehüllt Gottes Offenbarung verkündigen, zwölfhundertsechzig Tage lang“ – „Tausendsechshundert Stadien“ – „Der zehnte Teil der Stadt stürzte ein, siebentausend Menschen fanden … den Tod“ – holla die Waldfee! Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie genau du auf diese in hanebüchene Spezifität getauchten Zahlenangaben kommst.

„Wesen, übersät mit Augen vorne und hinten“ – aber wie erkennt man dann noch, wo vorne und hinten ist? Und wäre es nicht krasser, wenn jedes Auge Flügel statt Wimpern hätte?

Ist es wirklich Sünde, lauwarm zu sein? Sollte der blinde Nacktpenner in seiner unendlichen Erbärmlichkeit ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden?

Gekrönte Heuschrecken mit Menschengesichtern, Frauenhaaren und Powerschwänzen? – nice. Eine aus zwölf Sternen bestehende Krone – selten einem sublimeren Bild begegnet.

Schwarze Sonne, roter Mond, Sterne fallen vom Himmel, der sich spaltet und schrumpft und zusammenrollt wie ein Pergament … mächtig oneiroide Bilder, die allerdings etwas rar gesät sind, weil du im Zweifel Politik stets der Safidalität vorzuziehen scheinst. Immerhin ist „Seelenschlachtung“ voll Warhammer 40K.

Es ist aber schon ziemlich bizarro, Jesus als ein ungeschlachtes Lamm „mit sieben Hörnern und sieben Augen“ zu bezeichnen. Abgesehen davon hat „Zorn des Lammes“ was von Monty Python.

„Ein Drittel der Erde verbrannte“ – woher nimmst du diese Daten? Das ist ja fast so anal wie bei Thanos, der es exakt auf 50 Prozent des Universums abgesehen hat. Und wie kann ein einzelner Stern auf ein Drittel aller Flüsse fallen oder ein Drittel der Sonne weggesprengt werden? Dein Gott hört offenbar auf den Namen Randôm, und der Schweiß, den er in bzw. aus uns treibt, heißt „Das Wermutstropßen“. Ölbäume, Leuchter, Feuer aus dem Mund – was für ein herrlich saukontingenter Schwachsinn.

„Und in der Hand hielt er ein aufgeschlagenes Büchlein“ – die Verwendung des Diminutivs ist fast so bemerkenswert wie im Falle „Mehlhäufchen“. Das Büchlein aufzuessen ist auch sehr cool, denn wenn das Wort Fleisch ist, dann kann man sich davon nähren, daran laben, oder auch den (erstaunlich unmetaphorischen) Magen verderben.

Die Vernichter vernichten – recht so, Angriff ist die beste Verteidigung. Aber wirklich jegliche Art von Geißel? Wie wäre es dann mit Oliver dem Zahntorpedo, Kranichdoom oder Elons tentakelbewehrtem U-Boot als Universaltool, das selbst im Zusammenhang mit Beziehungsproblemen eine gute Figur macht?

„Ein Drache … mit sieben Köpfen und zehn Hörnern“ – das ist wieder etwas unstimmig. Noch unstimmiger wird es aber, als anschließend von einem Tier die Rede ist, das im Gegenteil zum Drachen nicht sieben, sondern zehn Diademe (auf immer noch zehn Hörnern) trägt. Dem folgt ein geradezu triviales Tier mit lediglich zwei Hörnern. „Dem zweiten Tier wurde die Macht verliehen, dem Bild des ersten Tieres Leben einzuhauchen“ – sorry, aber die diversen Tiere lassen sich nur unter höchster Anstrengung auseinanderhalten. Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Engeln – was genau ist ein „starker Engel“? –, deren diverse Funktionen und Qualifikationen schnell verwirrend werden. Du musst auch ein bisschen an den Leser denken und ihn ein Stück weit abholen.

Zweiundvierzig Monate Schandmaul – selbst Iron Maiden waren mit The Number Of The Beast nicht so lange on the road.

„Da warf jener … seine Sichel auf die Erde, und abgeerntet wurde die Erde“ – offenbar eine Smartsichel, die mit reduktionistischer Mechanik einen Gegenentwurf zu realen Lebensvorgängen liefert. Du alter ESC-Buttonmasher.

Wie gerecht ist eigentlich ein Gott, der „jedes belebte Wesen im Meer“ sterben lässt, nur weil ein paar Leute etwas antichristlich drauf sind? Wenn Gott sieben Schalen „bis an den Rand“ mit seiner Zornesbrühe füllt, dann spricht das für eine therapiebedürftige Psychopathologie weit jenseits von Notwehr. Ich bin ja auch nicht für Satanismus, aber solange jemand nichts Böses tut, gilt die Glaubensfreiheit, alles andere wäre Gesinnungsstrafrecht, welches mit dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip nur eingeschränkt vereinbar ist.

Und wenn wir schon dabei sind: Kommen als gotteslästerliche Namen so was wie Tremur, Negroð oder Safiduq in Frage?

Ich finde die Vorstellung witzig, dass „von glühender Hitze versengte“ Männchen mit brennenden Hintern cartoonhaft durch die Landschaft hechten und dabei unablässig böse Flüche ausstoßen – offenbar machen Geschwür-, Zungenzerbissenheitswunder und dergleichen nicht bußfertig, vielleicht hätte man die elenden Lästermäuler mit etwas mehr Diplomatie für sich gewinnen können?

„Drei unreine Geister fahren wie Frösche [aus dem Mund,] es handelt sich um teuflische Geister, die Zeichen wirken“ – was für ein erzmagisches und ziemlich rutziges Konzept, jemanden mittels Zeichen zu verführen.

„Babylon, die Große“ erinnert mich etwas an „Ludwig van“ aus Clockwork Orange.

„Die Stadt ist viereckig angelegt, und ihre Länge beträgt so viel wie ihre Breite“ – das kann man aber einfacher ausdrücken.

Und, ach ja, könntest du bei Gelegenheit noch irgendwo Feinstes Linnen muss Absalom fressen, bis in Scharlach gekleidete Huren den thronenden Schwanz vergolden. Des Kutschers satter Furz brennt wie Weihrauch aus Menschenwurst. Der Großhure von Babylon die Eier rausreißen und die Augen mit dem Schleifstein abwetzen. Hin- und hergeschlachtet durch die Watte des Wahns ertönen Unerträgliche Richterbefehle und zerren an der F*ckunft. Aus Diademen bestehende Diademe geleiten Fraktalismann auf seinem weißen Schimmel ins Misenabymsengott. Zornesflocken aus Schabenfleisch lassen sich die Polizei schmecken. „Fresst Vogellust und versklavt gewegte Pseudoren!“, schreit das zuckende Glied aus Heilands Maul und verschießt die gesamte Gammastrahlung des Universums in unter fünf Sekunden. „Tausend Jahre sollst du bluten, Drachenweird, erst danach kannst du aufsteigen und mit deiner Hackhand Satans Überstunden abfeiern.“ Finsterrauch aus dem Gog/Magog-Höllenschacht ersetzt den ISDN-Router inkl. Pseudoschwefler von Alfa Romeo bis Opel Omega, und alle Götzen erben xten Tod!“ einbauen?

Alles Liebe

Dein Lektorat

PS: Und was hats mit diesem Alienrohr von Messstab auf sich?


Die Apokalypse erschien in Neuübersetzung von Kurt Steinmann mit Illustrationen von Daniel Egnéus 2016 beim Manesse Verlag und hat 176 Seiten.

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