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Ein Kinderbuch, sie zu knechten

Nach Zeitreise begeistert Peter Goes erneut mit Finn und die Kobolde, einem wahnwitzigen und wunderschönen Wimmelbuch-Meisterwerk.

von Sarah Kassem


Peter Goes studierte Animation an der Royal Academy of Fine Arts in seiner Heimatstadt Gent. Er arbeitete eine Zeit lang als Lichttechniker in einem Theater, dann wechselte er zum Grafikdesign und verdingt sich nun als freischaffender Illustrator. 2015 begeisterte Peter Goes die gesamte Weltleserschaft mit Tijdlijn (Zeitreise), einem atemberaubenden Bilderbuch über die Anfänge des Kosmos bis hin zu modernen wissenschaftlichen Erfindungen. Die Sunday Times nannte es eines der besten Bücher des Jahres, die Financial Times und das Wall Street Journal überschlugen sich vor Lob und Huldigung, kurz: alle, die in der Branche Rang und Namen hatten, konnten nicht aufhören, das Buch zu empfehlen. Mit Zeitreise sackte Peter Goes Ruhm, Ehre und unzählige Preise ein, und man dachte, dies sei nicht mehr zu toppen. Doch dann kam Feest voor Finn (Finn und die Kobolde).

Sicherlich ist Zeitreise intellektuell gehaltvoller und pädagogisch relevanter, aber Finn und die Kobolde übertrifft Zeitreise dennoch haushoch. Ist es gewagt zu behaupten, dass Finn und die Kobolde eines der schönsten Kinderbücher aller Zeiten ist? Jedenfalls gibt es wenige Kinder-/Wimmelbücher, die so gelungen sind.

Die Handlung von Finn und die Kobolde ist schnell zusammengefasst. Finn und sein Hund Sepp wachen inmitten von Riesenchaos auf. Die Kobolde sind ausgebrochen und bringen die Welt durcheinander. Um sie wieder einzufangen, folgen Finn und Sepp ihnen durch über- und unterirdische Labyrinthe: Luft-, Tiefsee- und Waldirrgärten, seltsame Turmgewirre und tosende Meere. Am Ende ist alles halb so wild, denn der große Kaiser der Kobolde hat lediglich alle seine Zunftgenossen zu Finns Geburtstag eingeladen. Das Einzige, was man – als langweiliger Erwachsener mit Ratio und Logik – dem Buch vorwerfen könnte, ist die Sinnfreiheit bzw. das Fehlen von Handlung. Wer sind die Kobolde? Woher kommen sie? Was soll das ganze Durcheinander? Warum ist die Geburtstagsfeier der große Clou und warum soll das die große Auflösung sein?

Man kommt aber gar nicht dazu, das alles zu hinterfragen. Die Handlung bleibt völlig nebensächlich angesichts der schier unendlichen Optik des Buches. Man kann nur wiederholen: Solch ein Wimmelbuch hat die Kinderwelt noch nicht gesehen. Anders als in anderen Wimmelbüchern wird der kindliche Bildbetrachter nicht für dumm und süß verkauft: Alles ist voll mit Dämonen, Würmern, Geistern, Reptilien, schrecklichsten Wesen und Nachgestalten, es blitzt und donnert und Schiffe gehen unter, unheimliche Tiefseebewohner und Kellermonster lauern an jeder Ecke. Trotzdem ist jede Gruselgestalt niedlich-interessant, jede Seite ist atemberaubend schön und fesselnd, und auch nach dem zwanzigsten Betrachten findet man immer noch neue, faszinierende und hochspannende Details.

Unser Dreijähriger ist völlig hin und weg. Jeden Abend schleppt er das Buch herbei, will auf jeder Seite Finn und Sepp im Gewimmel suchen, und erfindet selber Namen für die abwegigen Figuren (Ampelfrosch, Apfelmann). Und ganz im Gegensatz zu sämtlichen anderen Kinderbüchern, die wir mit ihm bisher geschaut haben, wird es uns nach dem zigsten Mal auch nicht langweilig.

Finn und die Kobolde – „Ein Wimmelbuch zum Suchen und Finden“ von Peter Goes erschien im Februar 2018 in Übersetzung von Verena Kiefer bei Beltz & Gelberg.

 

Beitragsbild: © Beltz & Gelberg

Sarah Kassem hockt im Keller in der Trommel des Betonmischers der Zentrale für Experimentelles (Novelle) und werkelt an Sachen.

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