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Unbequeme Schattenseiten. Nakamuras „Die Maske“

Jüngst erschien der japanische Bestseller Die Maske in deutschsprachiger Ausgabe. Im Prinzip stellt dessen Autor Fuminori Nakamura in dem Roman bloß simple Charakterfragen: Wie geht man damit um, wenn das eigene Leben dazu vorbestimmt ist, den größtmöglichen Schaden anzurichten? Und: Kann ein Identitätswechsel helfen, seine innere Bestimmung zu überwinden?


Es soll ja Familien geben, die sich der Weltverbesserung verpflichtet haben, für die der eigene Wohlstand nur Mittel zum Zweck ist, Gutes zu tun und die Welt zu verbessern. Wenn es diese wirklich gibt, dann gibt es sicher auch Familien wie den Kuki-Clan, der sich neben dem Anhäufen von Reichtümern noch ein zweites Ziel gesetzt hat: Übel und Verderben über die Welt zu bringen. In einer alten Familientradition zeugen daher die männlichen Kukis in hohem Alter noch ein Kind, das sie sehr bewusst darauf drillen, Schaden an der Menschheit zu verüben. Wer die Mutter ist, erfahren diese liebevoll als „Geschwüre“ gerufenen Kinder oftmals gar nicht. Geschickt webt Nakamura die Familienchronik jener Kukis in die jüngere Weltgeschichte ein, in der die sympathische Unternehmerfamilie aus Japan sicher ihren Platz gefunden hätte. Familienmitglieder tauchen etwa bei den Massakern der großen Kriege auf oder bei Terroranschlägen. Nicht immer zielen die Verbrechen der Familie auf einen persönlichen Vorteil. Ihre konsequente Haltung gegen die Menschenrechte hat ihnen dennoch nicht dabei geschadet, enorme Reichtümer anzuhäufen.

Krieg als moralisch integres Geschäft

Gerade erst machte sich einer der Kuki-Söhne in einem afrikanischen Bürgerkrieg verdient, den er mit geschäftsmännischer Präzision im Grunde selbst erst organisiert hat. Welchen kleinen Staat es hier traf und welcher politischen Richtung er hilft, spielt kaum eine Rolle – weder für ihn noch für den Roman. Viel spannender an Letzterem ist, wie Nakamura die Mechanismen moderner Kriege als Geschäftsmodell nachzeichnet. Das Investionsobjekt: ein Machtvakuum, am besten nach einer Revolution. Die Investition: Unterstützung einer Rebellengruppe mit Waffen und strategischer Beratung. Das Geschäft: Zerstörung der Ordnung, der Infrastruktur, ganzer Städte, des gesamten Staats, bis zum Aufbau einer neuen Regierung. Der Lohn: die Etablierung der hauseigenen Firmen in den Wiederaufbau. Ein Millionengeschäft.

Auch wenn dieser konkrete ferngesteuerte Krieg Fiktion sein mag, bleibt ein unangenehmer Geschmack. Zumal Nakamura auch hier nicht die Verortung des Geschäftsmodells in realen Kriegen scheut. Zwar verzichten die meisten Regierungen heute auf Propagandaministerien, aber dass Kriegsparteien teilweise Werbeagenturen beschäftigen, um Fake News zu verbreiten und international für Kriegseinsätze zu werben, ist ja bekannt. Allein mit den inneren Konflikten der Beteiligten an solchen Kampagnen ließen sich ganze Bücher füllen. Aber anstatt moralisch zerrissene Charaktere zu portraitieren, zeichnet Nakamura in seinem Roman zahlreiche integre Persönlichkeiten, die mit sich selbst im Reinen sind und nach ihrer Berufung handeln: Geschwüre eben. Das ist dann schon wieder literarisch interessant.

Maskiert durch die Unterwelt

Als ein solches Geschwür kommt auch Fumihiro Kuki, Hauptfigur des Romans, zur Welt. Und schon nach wenigen Seiten entsteht Eindruck, dass es sich hier nur um eine Ausreißergeschichte mit Rachefeldzug handeln kann. Denn Fumihiros Vater, der selbst als jüngster Sohn, als Geschwür, in die Welt trat, drillt seinen Sohn schon in jungen Jahren leidenschaftlich zu seiner Bestimmung. Etwa nimmt er ein Mädchen aus dem Waisenhaus im Familienanwesen auf, lässt beide Kinder Seite an Seite aufwachsen, misshandelt sie aber im Wissen des Sohnes. Dass sich daraus nicht über Romanlänge eine komplett fatalistische Geschichte abspielen wird, will man beim Lesen natürlich schon deswegen hoffen, weil der Roman bereits bei einer breiten Öffentlichkeit eingeschlagen und zum Bestseller geworden ist. Dass es Fuminori Nakamura gelingt, seiner Figur Fumihiro trotz dieser Grundvoraussetzungen mit einem komplexen und nicht komplett gutmütigen Charakter auszustatten, ist andererseits eine der großen Leistungen des Romans.

Titelgebend ist übrigens der Umstand, dass Fumihiro aus gegebenen Anlässen, vor allem, um unerkannt wirken und gegen den Familienfluch kämpfen zu können, einen Identitätswechsel einschlägt. Da er dabei einen radikalen Weg wählt, der ihm selbst viel abverlangt, klappt zumindest das auch teilweise ganz gut. Da sich der gesamte Roman jedoch im Yakuza-Zwielicht aus Drogen, Rotlicht und Gewalt mit Akteuren wie Bandenmitgliedern, Undercover-Polizisten und Privatdetektiven bewegt, stellt sich für ihn auch die neue Identität als nicht ganz unproblematisch heraus. Im Prinzip beschränkt er sich im Roman immer mehr auf zwei einfache Grundhandlungen: das Anrichten kalkulierter Schäden auf der einen und die Begrenzung anderer Schäden auf der anderen Seite.

In Japan feierte bereits eine aufwendige Verfilmung des Stoffs Kinopremiere. Aus gutem Grund, denn der Roman beleuchtet sehr geschickt gesellschaftliche Schattenseiten. Nicht zuletzt wird die extrem hohe Selbstmordrate in Japan thematisiert. Und die Geschichte birgt mehr als genug Potenzial, um ein spannender Film zu werden, auch wenn der Roman selbst dieses noch nicht ganz auszuschöpfen weiß. Da das Setting am Ende doch entfremdet und die Geschichte absurd bleibt, manchmal auch logisch etwas herausfordernd ist, fällt es ab und an schwer, sich die Dramatik des Stoffs einzuverleiben. In puncto unvorhersehbaren Wendungen und einer Handlung, die durch ihre Merkwürdigkeit fasziniert, lässt Nakamura allerdings keine Punkte liegen.

Die Maske von Fuminori Nakamura erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag.

Titelbild: © Lucas Allmann auf Pexels

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