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Von Fleischfalten und Schraubenknochen – Dempow Torishima: SISYPHEAN

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Cronenberg trifft Kafka trifft Ligotti trifft H. R. Giger in Dempow Torishimas Roman „Sisyphean“, einem japanischen New-Weird-Roman, der nun in englischer Übersetzung erhältlich ist und eine Zukunft voller Biotechnologie und Genmanipulation schildert, in der Fleisch, Haut und Körperflüssigkeiten das Baumaterial der Wahl zu sein scheinen.

Ein Gastbeitrag von Dennis Mombauer.


Der Haikasoru-Verlag hat sich zum Ziel gesetzt, ausgewählte japanische Literatur einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen – den jüngsten Beitrag dazu leistet nun „Sisyphean“ (Kaikin no to) von Dempow Torishima. Der Roman ist etwa 300 Seiten lang und erschien ursprünglich 2011 in Japan. Er ist nun seit März 2018 in der englischen Übersetzung von Daniel Huddleston sowohl gedruckt als auch als eBook erhältlich.

Es ist schwer, der einzigartigen, exquisiten Fremdartigkeit des Romans und seines Universums in einer Rezension gerecht zu werden: er ist ein Vorstoß in unerforschte Regionen, ein unglaublich dichtes und komplexes Experiment in Sprache und Inhalt, das in der mir bekannten Literatur seinesgleichen sucht. Auf nur 300 Seiten entfaltet Torishima ein (von ihm selbst auch wunderbar illustriertes) Universum aus Raumfahrt und Bio-Horror, japanischer Mythologie und alptraumhaften Arbeitsabläufen, Genmanipulation und Sinnsuche, das viel Zeit zum Lesen und noch mehr zum Verstehen benötigt.

In vier Teilen werden die Geschichten eines Arbeiters in einer Organfabrik, eines jungen Taxonomisten in einer Welt von Mutanten, eines unsichtbaren „Dodgejobbers“ und einer Karawane von Yeti-Kreaturen erzählt, die jeweils eine andere Facette des Universums beleuchten.

Wuchern und Wachsen

Dabei zieht sich eine cronenbergsche Groteskheit durch den Roman, tropft und sickert von jeder Seite in einer Flut organischer Apparaturen und symbiotischer Biotechnologie. Allein in den ersten Abschnitten finden sich stringbeasts und coffin eels, bloodtide wayfarers, skinboad-panelled walls, fabric knitted with muscle fiber, corpuscytes, synthorganic digestive tracks, winedregs, meatpleats, slimecakes und skingloves, stillveins cords, guidejuices, neurofungi und vieles mehr.

Reizüberflutung und Abnutzungseffekte

Der Einfallsreichtum und das schiere Ausmaß von Torishimas Vorstellungskraft überwältigen zu Beginn des Romans vollständig, und die erste Hälfte verlässt sich auf die Neugier der Leser, in eine andere Welt einzutauchen. Dabei stellen sich jedoch auch Probleme ein: Die ausführliche Beschreibung von Räumen, Lebewesen und Gerätschaften erzeugt einen Abnutzungseffekt und erzielt manchmal paradoxerweise das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. Das Fremdartige wird durch die Flut bizarrer Details nicht fremdartiger, sondern gewöhnlicher – und damit langweiliger. Was beispielsweise Thomas Ligotti mit wenigen wohlplatzierten Sätzen erzielt und was den Leser bis ins Mark erschüttert, stellt sich hier nicht im selben Maße ein.

Weniger Beschreibung hätte dem Roman an vielen Stellen gut getan: der Präsident in der ersten Geschichte erinnert beispielsweise an Ligottis „Our Temporary Supervisor“ oder auch „The Town Manager“, ist aber so sehr im (zugegebenermaßen höchst fremdartigen) Detail beschrieben, dass wenig Geheimnisvolles übrig bleibt. Und doch: Sätze wie „He showed the worker their still-beating hearts—about the size of sesame seeds—as they floated clear of the puffy cloads of red now spreading out in his fingers.” oder “The President did perceive sounds by way of a different sort of system, but it tended to interpret the worker’s voice as static.” sind brillant.

An manchen Stellen kommt es zum Fremdwort-Overload, so dass Sätze aus dem Zusammenhang gegriffen völlig unverständlich wirken: “He could see the groundship’s coaxer holding an emerald-hued magatama that it had extracted from the corpse of a canvasser.” An anderen Stellen wirken die Benennungen irritierend und (unfreiwillig?) komisch, beispielsweise wenn von Marrowpens mit Marrowink, Landsoup, Cobbleshell Roads, Exoshelletons oder Bonemeal Bread die Rede ist, oder driften gar ins Alberne ab (der Bonedriver löst die Screwbones).

Im Bio-Büro

Bemerkenswert ist, dass der Roman trotz aller Fremdartigkeit in weiten Teilen überraschend wiedererkennbare Probleme und Arbeitserfahrungen schildert, vor allem im ersten Viertel teilweise beinah enttäuschend banal ist – verärgerte Chefs und Schlafmangel, lange Schichten, die in der Erinnerung zusammenlaufen und sich vermischen; strikte Hierarchien, mechanische Abläufe und die Aufsicht übermächtiger Vorgesetzter; ein zu kaltes Büro, Arbeitszwang trotz Krankheit, alternativloses Kantinenessen, ungeliebte Kollegen und übermächtige Bosse, die in einer anderen Welt zu leben scheinen. Es ist dabei vielleicht kein Wunder, dass dieser Roman aus der japanischen Kultur geboren wurde: die komplette Aufopferung für die Firma („should the product not be ready on time, he would be the one literally cutting his own stomach open”) erinnern stark an das Klischee japanischer Firmenloyalität und an Karōshi, Todesfälle durch Überarbeitung.

Fazit

Die Handlung ist geschickt zusammengefügt und enthüllt die Mechanismen der Welt aus verschiedenen Perspektiven. Nach und nach erschließen sich die Vorgeschichte und die Hintergründe des Universums, was zwar unweigerlich eine gewisse Entzauberung mit sich bringt, aber auch für zahlreiche Aha-Effekte sorgt. Die verschiedenen Elemente sind nicht willkürlich eingestreut, sondern gehören mit System zusammen, und Torishima bedient sich einer Formensprache und Ideenwelt, die zumindest für mich sehr unverbraucht wirkt und einen frischen Hauch in die doch immer noch überwiegend westlich zentrierte Fantasy und Science Fiction bringt.

Von mir trotz gewisser Längen und hoher Anforderungen eine klare Kaufempfehlung: es gibt nichts Vergleichbares.


Autorenfoto MombauerDennis Mombauer, Jahrgang 1984, wuchs »am Rhein« auf und zog studienbedingt nach Köln, wo er heute lebt und arbeitet. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane und Flash Fiction und ist Mitherausgeber von »Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles« (http://novelle.wtf/de/). Dort Beiträge zu experimenteller Genre-Literatur und eigene experimentelle Texte. Diverse Veröffentlichungen in englisch- und deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien.

 

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