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Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf

Normalerweise ist man von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, der seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, Meisterwerke zu zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Abgründen gewöhnt. Sein neuer Roman Die Ermordung des Commendatore, dessen erster Band Eine Idee erscheint nun in deutscher Sprache vorliegt, ist dagegen leider eine Enttäuschung. Denn zu sehr spielt Murakami mit etablierten Motiven, sein Buch bringt nur wenig Neues.


Der Erzähler des Romans ist diesmal namenlos und Porträtmaler. Nachdem seine nichtssagende Ehe in eine Scheidung mündete, reist der Protagonist ziellos durch Japan, bis er schließlich in die Berge zieht, in eine Hütte des Vaters eines früheren Kommilitonen. Isoliert in den Bergen, sich unfähig zu jeder Art von Malerei fühlend, ergeben sich hier nun mehrere Handlungsstränge, die noch nicht ersichtlich miteinander koinzidieren. Zum einen beauftragt ihn der exzentrische und dubiose IT-Millionär Wataru Menshiki für ein besonderes Porträt, jedoch mit anderen Zielen im Hinterkopf. Ebenso versucht der Erzähler seine sexuelle Vergangenheit und seine eigentümliche Beziehung zu seiner toten Schwester in Rückblenden aufzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten, auch wenn dies eher so nebenbei geschieht, findet der Maler auf dem Dachboden ein altes Gemälde: Die Ermordung des Commendatore. Dieses Bild, das eine Szene aus der Oper Don Giovanni adaptiert, zieht ihn fortan in den Bann und bringt ihn in Kontakt mit einer unklaren materialisierten Idee aus einer anderen, zeitlosen Welt.

All diese Motive, ein farbloser Ich-Erzähler, ein Einzelgänger, der gerne ein Künstler wäre, Parallelwelten, schlechter Sex und nicht aufgeklärte mystische Geheimnisse, sind dem Murakami-Leser keinesfalls neu. Auch der enttäuschte Künstler, der sich in die Natur zurückzieht, ist nicht gerade eine kreative Idee. Generell ist vieles in dem Roman berechenbar. Es scheint, als ob der Meisterkoch der Literatur nur ein altes Gericht wieder aufgewärmt hätte. Frisch ist daran nur sehr wenig: etwa, dass der männliche Erzähler, diesmal fasziniert ist von einem Mann, nämlich Menshiki, aber auch überfordert, und dass er diesmal kein erfolgloser Schriftsteller oder Architekt ist, sondern Porträtist, der gerne freie Kunstwerke zeichnen und malen würde.

Insgesamt scheinen dieses Mal die Figuren farblos gestaltet zu sein. Während es in seinen früheren Romanen charakteristisch war, dass der Ich-Erzähler farblos war oder sich so empfand – so etwa in seinem melancholischen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki –, sind nun alle Figuren mehr oder weniger farblos. Das könnte einerseits dazu dienen, ihnen bei der Auflösung im zweiten Band, der im April erscheinen soll, Tiefe zu verleihen und sie nun geheimnisvoll zu gestalten; andererseits hat der Künstler prinzipiell Probleme Gesicht oder Charakter von Menshiki auf einer Metaebene zu malen. Es scheint, dass nur der Commendatore als Idee und die Vergangenheit des Hausbesitzers literarische Plastizität besitzt.

Doch selbst wenn dies Methode und womöglich einen Sinn hat, den der Leser noch nicht durchschaut, so ist es doch über einen ganzen Roman hinweg ziemlich langatmig. Daher ist es wohl auch keine gute Idee, das Projekt zweibändig zu gestalten, denn dadurch entstehen lästige Längen, und auch spannende Cliffhanger zählen – das zeigt auch sein an sich epochaler dreibändiger Roman 1Q84 – nicht zu Murakamis Stärken. Dafür ist sein Stil im neuen Werk modifiziert: Er beschreibt nun, seinem Erzähler angemessen, seine Umwelt wesentlich bildhafter, plastischer, farbiger, und in seiner literarischen Verarbeitung von Gemälden und Opern, generiert er eine künstlerische Kombination auf einer Metaebene.

Tatsächlich ist das Abdecken verschiedenster Kunstformen die größte Stärke von Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1. Denn natürlich bleibt Murakami ein genialer Stilist. Jedoch scheinen ihm die Ideen für Neues auszugehen, so als ob ihm (hoffentlich nur zwischenzeitlich) die Luft während der Produktion ausgegangen ist. Darum ist auch im ersten Teil dieses Werkes noch kein großer Gehalt ersichtlich. Kreativ, innovativ, tiefsinnig und grandios sind eher seine anderen Romane und Erzählungen.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Band I: Eine Idee erscheint, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 22. Januar 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont Verlag

4 Kommentare

  1. Ist man von ihm wirklich Meisterwerke gewöhnt? Also in dem Sinne, als dass er sie am laufenden Band ausspuckt?
    1Q84
    war formal betrachtet ein gigantischer Totalschaden, und überhaupt wirkt Murakami oft als denke er sich halbwegs passende Wendungen aus, wie er sie gerade für die nächste Lehre braucht, die er dem Leser aufs Brot schmieren möchte. Ich befinde mich ja gerade auf dem Weg durch das Gesamtwerk und würde behaupten, bei keinem gefeierten Autor liegen das gelungenste und das misslungenste Werk qualitativ so weit auseinander. Murakamis Werk zerfällt, soviel bin ich mittlerweile bereit zu sagen, in zwei ganz unterschiedliche Typen von Romanen: Coole, düstere, relativ dichte fantastische Mysterien und pubertär philosophische Innerlichkeit, voll klebriger Sexphantasien und männlicher Projektion. Ich möchte diese fortan zwei Erzähler-Persönlichkeiten zu schreiben. Dr. Murakami (eine Inkarnation Dr. Sommers) und Mr. Night. Wobei nicht unbedingt jeder Dr. Murakami schlechter ist als jeder Mr. Night, in der Tendenz allerdings schon.
    Das ist übrigens jetzt die erste eher negative Besprechung des Neuen, die ich lese. Werde ihn mir wohl zum Abschluss vorknöpfen, im Moment habe ich mehr Lust auf Hardboiled Wonderland und Sheep Chase…

  2. Pingback: Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf — postmondän | per5pektivenwechsel

  3. Ich habe bisher alles von Haruki Murakami verschlungen, ich mag die Atmosphäre in den Geschichten und die für mich ganz neue und exotische Vorstellung von Japan und Japanern und Japanerinnen. Ich kann gar nicht enttäuscht werden, wenn hier das übliche Muster bemüht wird, denn genau dieses Muster mag ich ja. Also werde ich voller Hoffnung auch dieses Buch erwerben und damit eine Weile in eine fremde und seltsame Welt abtauchen.

  4. Pingback: Zahnlose Wölfe gegen Homophobie & Blogschau für DieKolumnisten – Sören Heim – Lyrik und Prosa

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