Literatur, Rezensionen
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Wer braucht die Liebe in Gedanken? Schlinks „Olga“

Der neue Roman von Bernhard Schlink „Olga“ ist vieles. Doch am meisten eine Liebesgeschichte. Aber wie muss Liebe eigentlich beschrieben sein, damit die Leser*innen sie nachfühlen können?


Olga liebt Herbert. Bis zum Schluss. Obwohl diese Liebe die meiste Zeit nur in Form von Sehnsucht existiert. Sehnsucht, die von Erinnerungsfetzen und die Hoffnung auf ein Wiedersehen genährt wird. Denn während es Olga mithilfe von Fleiß und Willensstärke zu einer Anstellung als Lehrerin im preußischen Memelland schafft, packt den Gutsbesitzersohn Herbert regelmäßig die Abenteuerlust. Dann kämpft er fürs Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg oder begibt sich auf Forschungsreisen. Und verlässt Olga – wieder und wieder. Bis er nicht mehr wiederkommt.

„Dass sich Olga und Herbert ineinander verliebten“

Bernhard Schlinks Roman „Olga“ ist vieles: Eine Roman über die deutsche Geschichte vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, ein Portrait einer Frau, eine Erzählung über eine generationsübergreifende Freundschaft und eine Liebesgeschichte. Das alles kennen wir bereits von Schlink. Doch eines fehlt: die Erotik, wie sie im Welterfolg „Der Vorleser“ thematisiert wird. Fast scheint es, als ginge es ihm in seinem neuen Werk weniger darum, eine körperliche als eine tiefe gedankliche Liebe zweier Menschen zu beschreiben. Doch diese Liebe bleibt merkwürdig blass. Warum ist sie für die Leser*innen so wenig nachvollziehbar? Vielleicht liegt es an der Sprache, die nicht den richtigen Rhythmus und nicht den richtigen Ton findet: Mal plätschert das Erzählte nüchtern dahin, mal schlägt es ins Extreme aus. Kommt ins Schwärmen, als müsse sie bewiesen, ja, gerechtfertigt werden, die Liebe zwischen Olga und Herbert.

„Ich bin schon wieder bei dir, Herbert.“

Vielleicht liegt es aber auch an der Wahl der Erzähler. So wie der Roman aus drei Teilen besteht, so gibt es drei Perspektiven. Im ersten Teil beschreibt ein auktorialer Erzähler Olgas Geschichte bis kurz nach ihrer Flucht von Ostpreußen nach Heidelberg. Hier erfahren die Leser*innen viel über den Verlauf ihres Leben, aber kaum etwas über ihr Innenleben. Und Herbert? Auch seine Innenwelt bleibt den Leser*innen verschlossen. Zwar gibt er vor Olga zu lieben und besucht sie zwischen seinen Reisen bis zu seinem Verschwinden, aber wirkt aufgrund seines Handelns fast desinteressiert. Ist es das, was die Liebe für die Leser*innen wenig nachfühlbar macht? Dass Herbert kein Sympathieträger ist? Vielleicht. Aber auch Olga ist unnahbar, ja, die Figur eindimensional. Denn was bleibt von ihr, wenn die Liebe zu Herbert herausgestrichen würde? Nicht viel.

„Sie erzählte, wie Herbert und sie umeinander warben und zueinanderfanden.“

Aber zum Glück gibt es noch einen zweiten Teil. Und als habe der zunächst noch junge Ferdinand schon ungeduldig darauf gewartet, endlich zu Wort kommen zu dürfen, bricht mit ihm Lebendigkeit aus. Hier gelingt es Schlink auf beeindruckende Art, den männlichen Protagonisten und die Freundschaft zwischen ihm und der nun in die Jahre gekommenen Olga mithilfe eines Ich-Erzählers so authentisch zu beschreiben, als handele es sich um ein autobiografisches Erlebnis. Ferdinand, bis ins Erwachsenenalter und noch lange nach ihrem Tod fasziniert von Olgas Liebe zu Herbert, macht sich auf die Suche nach ihren Briefen. Und wird fündig. Doch die Spannung, die kurz auflodert, erlischt im dritten Teil: Hier wird das Innenleben Olgas, das im ersten Teil fehlt, in Form von Briefen an den verschollenen Herbert offengelegt. Und ja, die Leser*innen erfahren Neues und können im ersten Teil entstandene Leerstellen schließen. Aber wirkliche Überraschungen sind es nicht.

„Dann fragt ich sie, warum sie nach Herberts Tod keinen anderen genommen hat.“

Aber noch etwas wird in den Briefen deutlich: Olga existiert nur, weil die Gedanken an Herbert sie existieren lassen. Der Roman ist kein Portrait einer unabhängigen Frau im 19. bis 21. Jahrhundert, was er hätten werden können, sondern zeichnet eine Frau, die nur für einen Mann lebt. Damit hinterlässt er kein Gefühl von Ergriffenheit über diese bedingungslos anhaltende Liebe, sondern ein Gefühl von Wut. Darüber, dass die kurz aufkeimende Hoffnung, Olga könnte sich doch noch abwenden, sich von der Macht Herberts befreien und sich dem von ihr angetanem Kollegen zuwenden, enttäuscht wird. Darüber, dass diese Frau ein einsames Leben voller Warten aufgrund eines Mannes führt, der nie zu Kompromissen bereit war. Somit lässt sich die Frage, wie Liebe im Roman beschrieben sein muss, damit sie nachfühlbar wird, einfach beantworten: Sie darf nicht zu gewollt, nicht zu erzwungen sein. Sie darf nicht wütend machen.

„Olga“ von Bernhard Schlink erschien am 12. Januar 2018 im Diogenes Verlag.
Titelbild © Katharina Grosse.

2 Kommentare

  1. Ich mochte Olga. Sie ist nicht eine Frau, die sich abhängig macht von ihrem Geliebten. Für mich jedenfalls. Sondern eine, die sich nicht verbiegen lässt und ihren Weg geht. Eine gradlinige Person, die berufstätig ist noch vor dem ersten WK. Eine starke Frau, die die Bedingungen, ihren unehelichen Sohn wegzugeben, allein zu leben, gegen das Establishment zu sein, zu ihrem Gunsten verändert. So gut es eben in der Gesellschaft damals möglich war. Und die sogar subversive Elemente aufweist.
    Es ist zwar ungewöhnlich, den Roman so aufzuteilen oder die Briefe für sich sprechen zu lassen. Aber es hat mich als Leserin doch dieser Zeit näher gebracht. Olga ist knorrig. Sie ist echt. Nicht blass.

  2. christahartwig sagt

    Das hat gerade einen (für mich) ganz interessanten Gedanken angestoßen. Wenn wir einen Liebesroman lesen (oder eben einem Roman, in dem es u.a. auch um Liebe geht), wollen wir dann nachfühlen? Das ist situations-/typabhängig, denke ich. Ich glaube, was ich vor allem möchte, ist, nachvollziehen können. Im wahren Leben verstehen wir oft nicht, warum die mit dem oder umgekehrt… In einem Roman möchte man das auf jeden Fall verstehen. Bleibt es unverständlich, verliert man (oder verliere zumindest ich) das Interesse.

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