Interviews, Musik
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Wie man in den Wald hineinstirbt …

Mit seiner EP Adresse: Friedhof hat Kölns makaberster Grindcoreler …tot aus dem Wald alias Falk Hummel wieder einmal typische Omamucke eingeschopenhauert, die man auf Bandcamp streamen oder zu einem selbstgewählten (möglichst 0,00 Pekunien übersteigenden) Preis käuflich erwerben kann. Im Folgenden ein Gespräch über die Geburt der Platte aus dem Geiste der Tragödie.


Wenn man tot aus dem Wald kommt, dann heißt es ja nicht unbedingt, dass man beim Betreten des Waldes lebig war, oder?

Dies ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass ich mich bereits früh in der Kindheit wie sechzig fühlte und insofern ohnehin senil und halbtot wie der Silberförster durch die Geschehnisse in der nebeligen Welt da draußen taperte. Um auch eine ernsthaftere Antwort zu finden, so könnte man natürlich auch in Betracht ziehen, dass zu meiner Jugend und Schulzeit nur eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten existierte, die Subkultur war in der Kleinstadt nur gering ausgeprägt; man musste sich dementsprechend hauptsächlich über Abgrenzung definieren und beobachtete meistens das Treiben der anderen – Spaß, Party, Fußball und was diese merkwürdigen jungen Menschen sonst noch so treiben – nur wie durch eine Milchglasscheibe, ohne daran teilhaben zu können, etwas unfreiwillig entfremdet von den anderen, Nebendarsteller im eigenen Leben.

Was sind einige Kunstwerke, die am meisten Ehrfurcht Sie inspiriert? Auf besser Deutsch gefragt: Wer hat dich die Kunst abscheulicher Dinge gelehrt?

Zum einen möchte ich hier gerne ein Werk anführen, welches ich im schulischen Musikunterricht kennenlernte. Meine zarte, unverdorbene Seele wurde damals mit Arnold Schönberg und Zwölftonmusik konfrontiert. Außerdem klingt das natürlich unglaublich gebildet, Schönberg anzuführen und Adorno zum Frühstück zu trinken. Das macht Laune und bringt Freunde im Feuilleton, die man garantiert nicht haben möchte. Zum anderen muss ich wohl anführen, dass ein begnadet perfektionierter Dilletantismus mit ausgeprägter Unmusikalität und völliger Talentfreiheit nicht ganz schuldfrei sein könnte.

Der Teufel tanzt auf „allen“ vieren, während mindestens 662 seiner grausen Glieder ungenutzt bleiben – effizient geht anders.

Man muss den Tentakeln auch mal Ruhe gönnen, Cthulhu erwacht ja auch nur alle tausend Jahre. Effizient ist das alles ja ohnehin nicht. Hat man Freunde gewonnen und heiße Girls aufgerissen mit der Band? Nein. Hat man auf coolen Studentenpartys gespielt? Nein. Ist man Teil einer Jugendbewegung? Nein. Kann man am Lagerfeuer romantisch unterhalten? Nein. Liegen einem die Massen zu Pferdefüßen? Nein. Man macht es aber trotzdem oder gerade deswegen. …tot aus dem Wald ist ein sehr egoistisches Projekt. Die Musik wird nur gemacht für sich selbst, ganz ohne Anspruch auf Zuspruch. Das wäre dann bei der Musik wohl auch ein völlig selbstverblendeter und unrealistischer Plan. Zu Schul- und Anfang der Studentenzeiten gab es ja auch noch Mitstreiter, ein infernales Trio, während in den letzten Jahrzehnten nur noch meine Wenigkeit übrig blieb und alles alleine machen muss. …tot aus dem Wald ist nämlich tatsächlich eine Ein-Mann-Band (einzige Unterstützung gibt es durch den Satansmops, der mich grunzend dazu anhält, den Verstärker leiser zu drehen und seinen Schlaf gefälligst nicht zu stören!).

Quelle: YouTube
Wenn aus den Augen Absinth fließt, dann will ich gar nicht wissen, welch köstliche Überraschungen andere, möglicherweise noch zu erschielende Öffnungen bereithalten. (Das mit dem Nichtwissenwollen war mehr rhetorisch gemeint.)

So geht es mir natürlich auch (und doch eigentlich den meisten Menschen, oder?), und deswegen beginne ich den Tag regelmäßig mit einer Telefonkonferenz, um mich im Freundeskreis über die Konsistenz des aktuellen Stuhles auszutauschen; heute saftig bis gut durch.

Wie sehr wird das durchschnittliche (= hässliche) Dummerle (= Mensch) vom Willen zum Nichts geleitet?

Der Wille zum Nichts klingt irreführend, da nihilistisch, wobei genau genommen das Streben zum Glück frei von Begierden ein Faktor ist, der bspw. in Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit aktuell sehr populär ist und letztlich zurückgreift auf buddhistische Ansätze. Da das aber klingt, als würde man gleich Bäume umarmen in orangenen Pluderhosen und Atemübungen der Marke „Gammelzähne Lächeln Mutter Erde“ machen, lassen wir das lieber. Selbst Nietzsche, der alte Menschenfreund, glänzt dann mit lächerlichen Buchtiteln wie „Von der fröhlichen Wissenschaft“. Ob der Mensch generell dumm ist, lässt sich nicht beantworten. Der – durchaus ja auch in der Philosophie ausgetragene – Streit dieser Paradigmen ist wohl letztlich eine Glaubensfrage, da sich dies mit den Mitteln der Wissenschaft nicht untersuchen lässt (Menschen böse im Verhältnis zu Menschen gut ergibt gleich). In meiner Intoleranz bin ich jedoch tolerant. Wobei, tatsächlich (ha, jetzt kommt wieder das Denken des Sechzigjährigen durch) erlebe ich, dass die Gesellschaft unangenehmer, gewalttätiger und unsicherer wird (war sie früher natürlich auch). Geht man nachts friedlich durch eine Großstadt, muss man leider schon damit rechnen, angeprollt zu werden. Geht man durch eine Menge fröhlicher Hippies, gehen die einem allerdings auch auf den Sack.

Gibt es eine schlimmere Farbe als Schwarz, die General Larvae noch höllischer/wurmiger machen würde?

Ein schleimig-krankes Grau-Grün könnte man hier in Betracht ziehen. Wobei ich es auch wunderbar fand, dass mein satanischer Hundegefährte, Mopsis Mopsularis, der Graf, seines faltigen Zeichens Mops, gestern – da Magenerkrankung und auf Schonkost – neonorangene Fäzen absonderte. Ich merke beschämt, dass ich mich tatsächlich mit derlei Themen beschäftige.

Der Optimist in mir fragt sich zuweilen: Sind wir im Eigentlichen nicht alle aufgequollen und halb verrottet?

Der allgemeine Körpergeruch in überfüllten Straßenbahnabteilen lässt keinen anderen Schluss zu.

Allerspätestens mit der Rezeption von E. Elias Merhiges „Begotten“ stellt die triebhaft-bigotte Natur des Humus verrecktus keine Überraschung dar.

Überraschend ist vielmehr, wie man „Begotten“ (sicherlich eine tolle Atmosphäre und Bildsprache) wirklich 78 Minuten am Stück aushalten kann. Vermutlich nur mit Drogen, aber die sind böse. Ob der Mensch wirklich böse ist, müsste man natürlich ernsthaft differenzierter betrachten. Das Paradigma …tot aus dem Wald geht natürlich nur vom schlimmsten aus. Menschen sind hier generell verkommene Subjekte. Mutters Kopf liegt im Gefrierfach neben dem Eis, das ich so mochte. „Junge, schnapp sie dir! So wie ich Mutter nahm!“ „Oder wie du mich im Kinderzimmer.“ Ja, dieser Sommer war heiß und die Nächte schwül. Damals wünschte ich nur selten, ich sei tot.

Was sind (abgesehen von Leichen) die drei widerlichsten Dinger, die im Sommer zu sprießen beginnen?

Freude, Frohsinn und Frohlocken. Nicht zu vergessen gutaussehende und trainierte Menschen, die sich zur Schau stellen und offensiv dafür sorgen, dass man sich für seinen eigenen aufgequollenen Leib schämen muss. Abstoßend sind zudem Freibäder, Grillen am Rhein, Inliner, Menschen, die die Sonne genießen, laute „Culcha Candela“-Musik im Freien und überhaupt diese gute Laune im Sommer. Der Sommer ist generell zu verachten, eine einzige Plage, und sollte sofort verboten werden.

Hat man inzwischen eigentlich irgendwelche Beweise dafür gefunden, dass wir nicht in der Hölle leben?

Selbstverständlich. Das Lachen eines Kindes, vergnügt und unschuldig, das liebende Seniorenpaar, das sich zärtlich an den Händen hält, der fröhliche Delphin, der tapfer Menschen rettet … Moment, mir kommt gerade etwas Kotze hoch. Wie war noch mal die Frage? Wie mein Stuhlgang war? Danke, regelmäßig.

Wenn die Nacht ungefähr so viele Füße hat wie Augen, dann kann sie sich ja problemlos zum Teufel scheren.

Grundgütiger, dann droht ein ewiger Sonnenschein. Das wäre furchtbar.

Wie bzw. wo gibt’s einem der Herr, wenn man sich nicht zu den „Seinen“ zählen darf.

Ich befürchte, meistens bei den Messdienern oder im Kommunionsunterricht in Form italienischer Fleischpeitschen. Interessanterweise korreliert Religiosität mit allgemeiner Lebenszufriedenheit, wobei natürlich das raumzeitliche Aufeinandertreffen zweier Ereignisse nichts über den Kausalnexus aussagt. Religiosität korreliert auch mit der Lebenszeitprävalenz für psychotische Erkrankungen.

Bonusfrage: Was genau wird eigentlich mit der Einheit tadW gemessen?

Der kleinste messbare Widerstand.

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