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Identität gesucht: Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich

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Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Prosadebüt die Geschichte von Zwillingen, die auf der Suche nach ihren Identitäten Konventionen und Grenzen überwinden – ein sprachgewaltiges und experimentierfreudiges Buch über den Kampf mit der der Frage „Wer bin ich?“.


Sasha Marianna Salzmann war bislang vor allem als Hausdramatikerin des Berliner Gorki Theaters bekannt. Doch nun hat die 1985 in Wolgograd geborene Autorin den Schritt zum Roman gewagt und ist dabei vielen ihrer dramaturgischen Mittel treu geblieben. Ausser sich ist der Titel ihres Prosadebüts, das es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat – ein Titel, der bereits das große Thema des Romans andeutet: die Überschreitung weltlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Grenzen auf der Suche nach dem „Ich“.

Das Thema der Grenzüberschreitung begegnet uns bereits auf den ersten Seiten des Romans. Die junge Alissa, genannt Ali, begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton. Einzige Spur ist eine Postkarte, die ohne Text und Absender aus Istanbul verschickt wurde. Als Ali schließlich die Grenze in die Türkei überschreitet verspürt sie den bekannten Geschmack von Hähnchenfleisch auf der Zunge, den sie noch von ihrer ersten Reise in die alte Heimat, Moskau, kennt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Mit diesem einfachen szenischen Trick inszeniert Salzmann sprachlich die Dramaturgie eines  Romans, der von komplexen Verflechtungen einer Familie bestimmt wird, deren Mitglieder auf der Suche sind: auf der Suche nach ihrer Heimat, nach Geborgenheit und vor allem nach sich selbst. Um diese verworrene Sinnsuche darzustellen, sprengt Sasha Marianna Salzmann sprachliche und erzählerische Konventionen. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen.

Und trotz dieser sprachgewaltigen Prosa bietet Ausser sich auch inhaltlich jede Menge Substanz. Über fast 100 Jahre erstreckt sich die Geschichte der Familie Tschepanow, die aus der Sicht von vier Generationen multiperspektivisch erzählt wird. Es ist eine Geschichte von Migration und Ausgrenzung. Ali und Anton fliehen als Kinder von russischen Juden von Moskau nach Deutschland und erfahren sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat, wie schmerzhaft die Dynamiken der  Exklusion sein können. Halt finden die beiden Zwillinge in ihrer Zuneigung zueinander, doch nachdem Ali ihr Mathestudium abbricht, verschwindet Anton und Ali macht sich nach Istanbul auf, um ihn zu finden. Doch die Suche nach ihrem Bruder wird vor allem auch eine Suche nach dem eigenen „Ich“ – und ein Hinterfragen, wer denn eigentlich die Identität bestimmt. Ali hinterfragt nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Geschlechtsidentität und sieht gar nicht ein, warum sie zulassen sollte,  dass ihr irgendwelche Label aufgedrückt werden. So lernt sie in Istanbul eine Transperson kennen und beginnt eine selbstverordnete Hormontherapie, geht ihren eigenen Weg.

Genau wie Ali’s fluide Genderidentität ist der gesamte Debütroman von Sasha Marianna Salzmann kaum zu labeln. Die Erzählperspektive springt nicht nur wild zwischen Personen, Orten und Zeiten, sondern transformiert sich mit  seinen Figuren – inklusive Angleichung des Personalpronomens. Salzmann hat mit diesem Roman ein Debüt hingelegt, das Grenzen und Konventionen sprengt und Lust macht auf eine neue Gegenwartsliteratur, die sich nicht davor scheut die bekannten Pfade zu verlassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen.


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Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich
Roman

366 S., geb.

ISBN: 978-3-518-42762-0

22 €

erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag

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