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Tattoos in der Kunst

Tattoos in der Kunst

Tattoos sind heute längst im Mainstream angekommen. Fast ein Drittel der 25 bis 34-jährigen hat sich schon mindestens ein Bild auf die Haut stechen lassen. Trotz der erhöhten Präsenz von Tattoos in der Populärkultur gibt es bisher nur wenige kunsthistorische Analysen dieser Ausdrucksart. Tattoo-Forscher Ole Wittmann legt nun in seinem Buch Tattoos in der Kunst den Fokus darauf, Tätowierungen als eigenständige Kunstwerke zu untersuchen.


Tattoos als Gegenstand der Wissenschaft

Wieso lassen sich Menschen tätowieren? Rituelle Symbolik, Körperkult, individueller Ausdruck oder gar Antikultur? Genau diese Art der Fragen bestimmten bisher die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tattoos. Es ging vor allem um anthropologische, soziologische, psychologische und medizinische Perspektiven auf das Phänomen „Tattoo“ in seinen entsprechenden Geltungsbereichen. Doch die Tätowierung als Kunstwerk wurde aus einer kunsthistorischen Perspektive bisher eher stiefmütterlich behandelt. Genau diesen Missstand will Ole Wittmann mit seiner ursprünglich als Dissertation an der Universität Hamburg eingereichten Arbeit beheben: Die Tätowierung soll als eigenständiges Kunstwerk untersucht werden, das besondere künstlerische Kontexte einschließt.

Wittmann untersucht in Tattoos in der Kunst zunächst die werkspezifischen Eigenschaften der Tätowierung auf dem Bildträger Haut, bevor er Komposition, Platzierung und Ikonograpfie von Tattoos in ihrer Geschichte seit dem 19. Jahrhundert näher beleuchtet. Ikonologie, Motiv und Trägermaterial stehen dabei in einer besonderen Beziehung, die Wittmann am Beispiel von Damien Hirsts Werk butterfly, divided, das sich des berühmten Schmetterlingssymbols annimmt, exemplifiziert.

Die Haut als Bildträger

Eine Besonderheit der Tätowierung als Kunstwerk sind die materialspezifischen Eigenheiten des Bildträgers – bei einem Tattoo werden Farbpigmente von dem Künstler direkt in die Haut eingebracht. Der Vorgang des Tätowierens ist dabei vergleichbar mit einer künstlerischen Performance:

„Gewissermaßen wird ein Aktions-Kunstwerk durch eine Tätowierung materialisiert, das Einbringen von Farbe in die Haut macht das Tattoo zum Bild und den Körper zum Bildträger. Zwar unterliegt die Lebensdauer einer solchen Arbeit ebenfalls der Endlichkeit, doch bewirkt der Tätowiervorgang eine dauerhafte Präsenz des originären Werkes.“

Eine Tätowierung ist dauerhaft, doch im Gegensatz zu konventiellen Materialen aus der bildenden Kunst, wie etwa Marmor oder Leinwand, verändert sie sich viel stärker. Tattoos sind einem Alterungsprozess unterworfen, der Einfluss auf Komposition und Handwerk hat. So bleichen etwa die heute sehr populären „Aquarelltattoos“ sehr viel schneller aus als traditionelle Tattoos, da ihnen die schwarzen Outlines fehlen. Ole Wittmann sieht den Tätowierer dabei einerseits in der Pflicht die Qualität des Tattoos auch hinsichtlich des Alterungsprozesses zu bedenken. Andererseits erkennt er unkonventionelle und experimentelle Tattoos als notwendigen künstlerischen Ausdruck, um den Willen zur Veränderung und Weiterentwicklung innerhalb dieser Kunstrichtung zu erhalten.

Komposition und Ikonologie der japanischen und europäischen Tätowierung

Der Körper als Bildträger beeinflusst nicht nur die Vergänglichkeit des Kunstwerkes, sondern er nimmt auch immensen Einfluss auf Komposition und Platzierung der Tätowierung.

Ein gutes Tattoo passt sich der natürlichen Physis des Körpers an. Sehr deutlich wird dies an den englischen Bezeichnungen für Tätowierungen. Ein Tattoo, das den ganzen Arm bedeckt wird etwa als „full sleeve“ (voller Ärmel) betitelt, ein komplett tätowierter Körper sogar als „full body suit“. Gerade in der japanischen Tradition werden oft große Teile des Körpers mit „bebilderten Hauthemden“ überzogen, in der einzelne Motive zu einer großen Darstellung verschlungen werden. In Europa hingegen wurden oft Einzelmotive ohne besondere Berücksichtung der Formen des menschlichen Körpers aufgetragen. Wittmann zeigt, dass sich europäische Tattoos in ihrer Tradition dennoch der Physis des Menschen als humoristische oder illusionistische Leinwand bedienen. Hierbei werden bestimmte Körperteile als Teil des Bildes eingesetzt – etwa eine Brustwarze als Nase einer Katze. Diese, von Wittmann als „metomorphische Tattoos“ bezeichneten, Hautbilder instrumentalisieren die Physis des Menschen und machen ihn so noch stärker zu einem wesentlichen Bestandteil des Kunstwerkes.

Das Anpassen von Tattoos an die Physis des Menschen geschieht oft unter besonderer Berücksichtungen von Symmetrie (man denke etwa an „Flügel-Tattoos“). Motive, die symmetrisch ausgerichtet sind, erfreuen sich deshalb verständlicherweise einer großen Popularität. Eines der meisttätowierten Bilder ist etwa der Schmetterling, der bis heute ein klassisches Motiv geblieben ist.

Die Schmetterlingsdarstellung und Damien Hirst

Ole Wittmanns eingehende Untersuchung der ikonologischen Eigenheiten von Tattoos und der besonderen Motivgeschichte des Schmetterlings bereiten die Hauptanalyse seines Buches vor: Damien Hirsts Werk butterfly, divided, bei dem Hirst den Tätowierer Mo Coppoletta einen Schmetterling um die Vulva einer Frau stechen ließ. In diesem Kunstwerk laufen einige bisherige Ergebnisse Wittmanns zur Tätowierung zusammen: in einer metamorphischen Tätowierung wird der Körper als Teil des Motivs instrumentalisiert. Durch die explizite Platzierung auf der Scham der Frau bietet das Werk nicht nur kunsthistorische Referenzen (etwa: Die Geburt der Venus), sondern entfaltet auch eine Öffentlichkeitswirksamkeit in der Kunstwelt, die bisher für die Tätowierung so nicht bestanden hat. Wittmann zeigt allerdings eindrücklich, dass Hirst hiermit keine wirkliche künstlerische Innovation hervorbringt, sondern sich vielmehr nur Elementen bedient, die sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Tätowierkultur schon eine lange Tradition hatten.

„Die Überführung dieses lowbrow-Mediums in die high art hatte etwa vierzig Jahre vorher stattgefunden, die Motividee ist wenigstens über ein halbes Jahrhundert alt. Das Vorgehen, low in high zu transferieren und durch die Kontextverschiebung in die Sphären des Kunstsystems eine Novität zu schaffen, kann hier somit nicht greifen.“

Hirst Butterfly Divided Garage Magazine

Titelbild des Garage Magazines mit einer zensierten Fotografie von butterfly, divided

Tattoos in der Kunst ist eine der ersten tiefergehenden kunstwissenschaftlichen Untersuchungen, die das Tattoo als Kunstwerk ernstnimmt. Wittmann berücksichtigt nicht nur die Eigenheiten des Materials und der Praxis, sondern gibt auch umfangreichen Einblick in Kompositions- und Motivgeschichte der Tattootradition in Japan und Europa. Ein Buch, das nicht nur Kunstwissenschaftler oder Tattoobegeisterte überzeugen wird.


Wittmann Tattoos in der Kunst Cover

Ole Wittmann: Tattoos in der Kunst

Materialität – Motive – Rezeption

49,00 €

ISBN 978-3-496-01569-7

Erschienen März 2017 im Reimer Verlag

 

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