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Thomas J. Hauck – Leonie oder der Duft von Käse

Thomas J. Haucks „Leonie oder der Duft von Käse“ ist ein schwer zu kategorisierendes Buch. Sören Heim mit Überlegungen zu der Frage, ob Rezensenten junge Leser unterschätzen.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Kinderliteratur zu besprechen ist eine komplizierte Angelegenheit. Man ist ja als Besprechender ja für gewöhnlich kein Kind mehr. Und so klar man heute sagen zu können glaubt, was gute, was weniger gute Literatur ausmache, als Kind oder Jugendlicher stand man auf Sachen, die das erwachsene Heute dem jungen Damals kaum guten Gewissens aushändigen würde. Darum bin ich vorsichtig mit dem Besprechen von Kinder- und Jugendliteratur, esseidenn es geht darum die normativen Ansprüche zurückzuweisen, die andere Erwachsene gern an solche Texte herantragen.

Eine Ausnahme mache ich gern, nachdem mir das schmale Bändchen Leonie oder der Duft von Käse von Thomas J. Hauck in den Briefkasten geflattert ist. Ich habe Hauck vergangenes Jahr auf einer Lesung kennengelernt und die Art, wie er für Kinder liest, beeindruckt. Damals war es Sing Jacob, Sing, ein Langgedicht in melodischen freien Versen, vorgetragen mit Mut zur Musikalität und sichtlich in der Überzeugung, man müsse Kindern Literatur nicht in vorgekaut all zu verdaulichen Happen darreichen. Ein Gedicht von teils bedrückender Schwermut, das sich zur Hoffnung hin öffnet, ohne dass dabei der Zeigefinger erhoben würde.

Leonie oder der Duft von Käse geht in dieser Hinsicht sogar noch einen Schritt weiter. Die Geschichte um die neunzehnjährige Leonie, die zuerst ungern bei der eigenen Mutter ausziehen möchte und überhaupt ein besonders enges Verhältnis zur Mutter pflegt, die mit ihren Tränen den Pralinen der Mutter eine ganz besondere Note verleiht und später von einem Marktbeschicker, der streng nach Käse riecht – namentlich von dessen besonderem Duft – doch aus dem Haus der allein erziehenden Mutter gelockt wird, lässt sich kaum auf eine bestimmte Zielgruppe festnageln. Die Sprache ist von größter Einfachheit, in kurzen Haupt- mit seltenen Nebensätzen erhalten. Doch auch durch den Wechsel zwischen etwas längeren und immer wieder eingeworfenen ganz kurzen Satzbrocken von mitreisend rhythmischem Fluss. Und zwar, wie viele Werke Haucks, parallel auf Deutsch und Französisch.

Damit kommen sicher schon ganz junge Leser zurecht. Das Alter der Protagonistin und auch die angeschnittenen Themen sind für ein Kinderbuch dagegen eher ungewöhnlich, und hinter den Geschmacks- und Duftbildern, die sich mit dem Erwachen erste Liebe verbinden (besser vielleicht: Neugier, denn Haucks Figuren sind keine psychologisch konstruierten im Sinne des bürgerlichen Romans) scheint fast zwingend metaphorisch eine noch täppische Sexualität durch, was aber wiederum in dieser Erzählweise kaum die gewöhnliche Lektüre von Altersgenossinnen der Protagonistin sein dürfte:

Ein „Buch für alle und keinen?“ oder vielleicht ein Buch, das, ich habe den Verdacht ja bereits mehrfach geäußert, mal wieder darauf hinweist, wie die durchweg marktförmige Gesellschaft dazu tendiert, Kinder und Jugendliche zu unterschätzen? Hauck und Illustratorin Hanneke van der Hoeven haben wohl zu aller erst Texte und Bilder vorgelegt, die in sich stimmig sein sollen und dem eigenen Anspruch genügen. Eine Leser- und Betrachterschaft wird sich dann schon finden. Denn auch die teils in Montagetechnik erstellten, teils handgezeichneten surrealistischen Illustrationen, die den deutschsprachigen Text auf der oberen Hälfte der Buchseite vom französischsprachigen abtrennen sind nicht einfach gefällige Untermalung des Textes, sondern wollen eigentlich eingehend für sich und eingehender noch unter Berücksichtigung des Ganzen betrachtet werden. Schade, dass in dem schmalen Taschenbuch die Bilder dazu ein wenig klein ausfallen.

Illustration „Leonie oder der Duft von Käse“ von Hanneke van der Hoeven

Es ist, für Kinder und Jugendbücher durchaus ungewöhnlich, ein Text, der schwer im Ganzen zu greifen ist. Nicht zwingend einer, von dem sich sagen lässt, er habe keine Botschaft. Doch einer der vor allem Grübeln macht, was am Ende diese Botschaft genau sein soll. Ein Text, dessen Sprache den Leser förmlich durch das Buch rauschen lässt während die Illustrationen geradezu kontrapunktisch einhalten lassen, zum genauen Hinsehen auffordern.

Es bleibt die unbeantwortete Frage nach der Zielgruppe. Und die bleibt vielleicht zum Glück unbeantwortet. Am Ende dürfte Hauck, Autor von unzähligen Kinder und Jugendbüchern, seine Leser kennen.


Sören Heim Autorenfoto

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.


Titelbild: © Christoph Busse

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