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Auf eine Pfeife mit Max Frisch

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Was kommt dabei heraus, wenn ein Schriftsteller, der eigentlich keine Interviews geben will, sein Leben lang von Journalisten belagert wird? Genau: ein Band, der gesammelte Gespräche mit ihm versammelt.


Naja, zumindest trifft das im Fall des Schweizer Autoren Max Frisch zu. Denn der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max-Frisch-Stiftung an der ETH-Zürich, Thomas Strässle, hat jetzt ein eben solches Buch mit dem Titel „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ mit den Interviews und Gesprächen, die Frisch im Lauf seiner literarischen Schaffensphase gegeben hat, herausgegeben und will damit sowohl die Gattung des Schriftstellerinterviews hervorheben sowie dem Œuvre Frischs mit Frisch auf den Grund gehen.

14 Texte, nebst einem erklärenden Vorwort, versammelt das Buch, und unterschiedlicher könnten die Gespräche nicht sein: Vom fiktiven Interview, das eine Rezension ersetzen soll, über Gespräche mit dem Magazin Brigitte, christlichen Zeitungen und anerkannten Feuilletons, bis hin zu einem Interview mit einem sowjetischen Medium ist alles mit dabei. Auch eine breite Zeitspanne umfasst der Band, von 1934 bis 1989, und gibt dabei einen Gesamtüberblick über die charakterliche und literarische Entwicklung des Autors. Mit der Auswahl der Texte will Strässle somit ein pars pro toto zu Frischs Positionen vorlegen. Teils wurden die Interviews schon in Zeitungen oder anderen Büchern publiziert, teils versammelt „Wie sie mir auf den Leib rücken“ auch erstmals veröffentliche und ungekürzte Artikel.

Zugegeben: Zuletzt stand Strässle in der Kritik, weil er Frischs Berliner Journal, entgegen Frischs testamentarischen Bestimmungen, nur als gekürzte Nachlassschrift editieren konnte, um die Rechte darin auftauchender Privatpersonen zu schützen. Die Auswahl, die er jedoch für „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ getroffen hat, ist inhaltlich jedoch wesentlich adäquater. Denn das thematische Spektrum ist breit, und der Überblick über einzelne Werkphasen ist dem Herausgeber eindeutig gelungen. Die Interviews handeln oft von Frischs aktuellen Werken, seiner schwierigen Beziehung zur Schweiz, seinen Auslandsaufenthalten in Italien und USA, seiner Sozialkritik – etwa an der Blockbildung von Atommächten und der Aufrüstung im Kalten Krieg, auch in der Schweiz, an repressiven Diskussionskulturen und am Kapitalismus im Besonderen –, aber auch seine Beziehung zu seinem Mentor, dem großen Bertolt Brecht (genauer: seinem epischen Theater), spielt immer wieder eine entscheidende Rolle.

Dabei zeigt sich, dass Frisch, der ja eigentlich keine Interviews mag, und Tonbänder schon gleich gar nicht, ein hervorragender, aber (oder gerade deswegen) schwieriger Gesprächspartner ist, quasi ein Meister der Konversation. Bestimmte Kommentare zu politisch motivierten Texten lehnt er häufig ab, um nicht auf erstere reduziert zu werden. Passt ihm eine Frage nicht, kommuniziert er das, und sagt dafür, was ihn gerade beschäftigt und lässt sich in seinen unorthodoxen Ansichten nicht kleinkriegen. Am wichtigsten ist aber: Frisch bestimmt stets die Richtung des Gesprächs. So stellt er gerne Gegenfragen, macht auch mal den Journalisten zum Interviewten, wie in seinem titelgebenden Interview mit dem ZEIT-Feuilletonisten Fritz Raddatz von 1981. Dort will der Literaturpapst Frisch schriftstellerische Müdigkeit oder Frustration anhängen, Frisch empört sich und stellt Fragen, die Raddatz in die Bredouille bringen. So manches Interview wird mit unerwarteten Wendungen zu einem spannenden Text – mit Dramaturgie, Kritik, Emotion, Witz und einem eigenwilligen Stil.

Doch auch im Ganzen liefert der Band eine gute biographisch-literarische Dramaturgie. Denn zwar bleibt Frisch ein Leben lang dem existentialistischen Topos der Freiheit und der Identität treu, bezüglich dem Wunsch sein Dasein zu ändern oder dem Kampf dagegen, eine Identität – inklusive allen alltäglichen bis politisch und ideologisch fatalen Konsequenzen – aufgepfropft zu bekommen; dennoch klassifiziert er sich anfangs als humanistischer Sozialist, sieht später in Hass und Gewalt immerhin ein emanzipativ-revolutionäres Mittel gegen politische Unterdrückung und Ungerechtigkeit (etwas, was eine friedliche Heilsarmee nie schafft, so Frisch) und distanziert sich schließlich von der Linken, die nicht mehr zu ihren kapitalismuskritischen Idealen stünde. Zuletzt drückt sich darin auch eine hohe Frustration eines alten Schriftstellers aus.

Mit „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ hat Strässle ergo eine grandiose Auswahl getroffen, die Frisch aus den verschiedensten Perspektiven zeigt, mal als Philosophen, mal als Weltbürger, mal als engagierten, revolutionären Schriftsteller, der Brechts Verfremdungseffekte auf Romane und Erzählungen transferieren will, mal als unzufriedenen, weisen, alten Kritiker. Damit ist der Band wohl nicht nur ein Muss für eingefleischte Frisch-Fans, sondern kann auch gut als Einführung in den Charakter Frisch und sein Werk fungieren.

Beitragsbild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Metzger, Jack


Max Frisch Wie sie mir auf den Leib rücken

Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ – Interviews   und Gespräche

D: 22,00 € , Gebunden, 237 Seiten

Erschienen: 10.04.2017

ISBN: 978-3-518-42584-8

Suhrkamp Verlag

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