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Von Goethe bis Heidi Klum – die dunkle Geschichte der „Mädels“

Das Wort „Mädel“ ist im Sprachgebrauch (wieder) fest verankert. Und das, obwohl bereits aus guten Gründen versucht wurde, es aus dem deutschen Wortschatz zu streichen.


Heidi Klum spricht in den höchsten Tönen von ihren „Mädels“. Jüngst präsentierte der Focus „die besten Filme für den perfekten Mädelsabend“. Und ein Buchholzer Kaufhaus findet, dass sein Shoppingevent mit dem Titel „Mädelsabend“ ein „großer Erfolg“ war. Das Wort „Mädel“ ist gänzlich im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert. Aber wer sind diese „Mädels“?

Freigegeben ist Platz sechs der besten „Mädelsabendfilme“, Fifty Shades of Grey, ab 16 Jahren. Heidi Klums Model-Anwärterinnen müssen ebenfalls das 16. Lebensjahr vollendet haben. Und Minderjährige sind nur bedingt geschäftsfähig, sodass sie bei großen Shoppingevents wohl kaum Zielgruppe Nummer eins sind. Nein, mit „Mädels“ sind hier ganz offensichtlich keine Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren gemeint. Angesprochen werden Frauen – mehr oder weniger volljährig, aber doch Frauen.

Wann und warum der Trend aufgekommen ist, als erwachsene Frau „etwas mit seinen Mädels zu machen“, ist schwer nachzuvollziehen. Umso wichtig ist es, ihn zu hinterfragen.

„Meine Mädel verstehn’s Handwerk, wie man zu Männern kommt.“ – F. Müller

Man stelle sich vor, Heidi Klum würde statt von ihren „Mädels“ von ihren „Schlampen“ sprechen. Dann wäre das Geschrei aber groß. Auch das Buchholzer Shoppingevent wäre wohl kein großer Erfolg gewesen, wenn dieser Begriff vorherrschen würde. Zugegebenermaßen, diese Bedeutung des Wortes „Mädel“ ist weit hergeholt – nämlich aus der deutschen Sprachgeschichte.

„Mädel“ stammt wie „Mädchen“ von „Magd“ ab. Während im norddeutschen Sprachgebiet das Wort „Mädchen“ verwendet wurde, so war im süddeutschen Raum das Wort „Mädel“ geläufig. Doch ab dem 18. Jahrhundert tauchte „Mädel“ plötzlich auch in norddeutschen Texten auf. Und wie kommentiert das Wörterbuch der Brüder Grimm diese Wendung?

„[W]ährend mädchen der edeln sprache zufällt, bleibt mädel überall auf die trauliche und niedrige rede beschränkt.“ [Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854-1961]

„Mädel“ ist in dieser Zeit keineswegs positiv konnotiert, sondern beschreibt abfällig Frauen, die wüssten, „wie man zu Männern kommt“, [F. Müller: Adams Erwachen und erste selige Nacht] und „bei drei vier kerls liegen und sie eben der reihe herum lieb haben“ [J. W. v. Goethe: Götter, Helden und Wieland] könnten. Auch wenn der Dichter Johann W. L. Gleim das Wort „Mädel“ als Synonym für „junge Frau“ verwendete, er tat es, so urteilt das Grimm-Wörterbuch, „ohne dasz ihm der sprachgebrauch dazu irgend welches recht gegeben hätte“.

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?“ – Goethe

Die Vergangenheit des Wortes hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Aber abgesehen von der Bedeutung der „leicht zu habenden Frau“: Ist es nicht auch beunruhigend, dass „Mädel“ und „Mädchen“ von „Magd“ abstammen? Zwar werden beide Wörter heute nicht benutzt, um eine Leibeigene oder eine Bedienstete zu benennen oder gar sich selbst als eine solche zu bezeichnen. Aber schlägt sich hier nicht die (damalige) Ungleichstellung von Mann und Frau, ja, die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter in der Sprache nieder? Gewagte These, die sich nicht bestätigen lässt. Denn die Begriffsgeschichten der männlichen Pendants „Junge“ und „Knabe“ sehen ähnlich aus: So war der Junge ein „junger mensch in dienender oder in einem handwerk lernender stellung“ und der Knabe einst ein Knecht [s. Grimm: Deutsches Wörterbuch].

„Spinne, Mädlein, spinne! So wachsen dir die Sinne.“ – Volkslied

Trotzdem muss ein bedeutender Unterschied zwischen dem Gebrauch von „Mädel“ und dem von „Junge“ berücksichtigt werden. Zwar gibt es auch den Ausspruch: „Ich mache etwas mit den Jungs“. Jedoch ist „Mädel“ sowie auch „Mädchen“ im Gegensatz zu „Junge“ der Diminutiv, eine Verkleinerungs-, ja, Verniedlichungsform, wie auch „Fräulein“ oder „Mäuschen“. Im Gegensatz zum Wort „Fräulein“ – das laut Duden nicht als Anrede für eine erwachsene weibliche Person, […], benutzt werden sollte – werden „Mädchen“ und „Mädel“ im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr als Verkleinerungsformen wahrgenommen. Zu sehr haben sich beide als eigenständige Wörter etabliert.

Aber macht sich eine Frau nicht trotzdem klein, wenn sie sich selbst als „Mädel“ bezeichnet? Wird sie nicht verniedlicht, ja, wenig ernst genommen, wenn sie von anderen so genannt wird? Denn obwohl „Mädel“ und „Mädchen“ den gleichen Ursprung und ähnliche Bedeutungen aufweisen, kaum eine Frau würde sich selbst als „Mädchen“ bezeichnen. Denn während der Duden darauf hinweist, dass „[i]m modernen Sprachgebrauch […] das Wort Mädchen nur noch in der Bedeutung Kind weiblichen Geschlechts verwendet werden“ sollte, da es in „den weiteren veraltenden oder veralteten Bedeutungen […] zunehmend als diskriminierend“ gilt, ist unter dem Wort „Mädel“ kein solcher Hinweis zu lesen. Dabei hat die Geschichte des Wortes „Mädel“ eine noch viel dunklere Vergangenheit.

„[E]rzieht mir die Mädel zu starken und tapferen Frauen!“ – Hitler

„Bei ,Mädel‘ weiß […] kaum noch jemand, dass es von den Nazis okkupiert wurde“, so der Sprachforscher Thorsten Eitz im SZ-Interview. Aber was war ein „Mädel“ im Dritten Reich? Die Reichsrefererentin Trude Mohr formulierte 1935 die Zielsetzung des Bundes Deutscher Mädel so:

„Unser Ziel ist der ganze Mensch, das Mädel, das gesund und klar seine Fähigkeiten einsetzen kann für Volk und Staat. Deshalb liegt uns nichts an der Anhäufung irgendwelcher Wissenschaften […], deren Sinn wir nicht verstehen, sondern alles an der Heranbildung der Gemeinschaft und der Mädelhaltung.“ [Trude Mohr: „Mädel von heute – Frauen von morgen“. In: Wille und Macht, Heft 1, Jahrgang 3, 1935]

„Mädelhaltung“? War das Wort „Mädel“ ein Synonym für „im Sinne des Nationalsozialismus zu formendes weibliches junges Wesen“, das mit der „richtigen Haltung“ zu einer – wie Hitler es formulierte – „starken und tapferen Frau“ und zur „kommende[n] Mutter“ [aus: Mein Kampf] herangezogen wird?

Ja, Bedeutungen von Wörtern ändern sich. Nichtsdestotrotz gehörte dieses Wort unzweifelhaft dem „Wortschatz der Gewaltherrschaft“ an, wie es die Autoren des „Wörterbuch der Unmenschen“ von 1957 formulierten. In diesem Buch wird „Mädel“ neben 28 weiteren Wörtern aufgelistet, die nach Meinung der Sprachkritiker Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind aus dem Sprachschatz gestrichen werden sollten. Ihr Ziel war es, die deutsche Sprache von Ausdrücken, die im Dritten Reich für Propaganda verwendet wurden, zu reinigen und diese Wörter wieder fremd zu machen.

„[U]nser Mädelring sucht aufrichtige, stolze und deutsche Mädels und Frauen.“ – Mädelring Thüringen

Hat das funktioniert? Wohl eher nicht. Zwar herrscht die Wortbedeutung des Dritten Reiches nicht mehr vor, jedoch wird „Mädel“ besonders heute inflationär verwendet. Wenn also die Begriffsgeschichte passé, ja, vergessen ist, kann das Wort dann nicht bedenkenlos als Synonym für „junge Frau“ benutzt werden? Nein, denn dieser Frage gehen ganz andere Fragen voraus – nämlich: Ist es nicht bedenklich, dass die Begriffsgeschichte nicht mehr mitgedacht wird? Sollte man sich nicht bewusst von dieser distanzieren? Denn der Begriff „Mädel“ im Sinne des Nationalsozialismus ist alles andere als vergessen. Er wird in rechtsextremen Kreisen noch genauso verwendet. So heißt es auf der Internetseite des Mädelring Thüringen:

„Wir nationale Sozialistinnen aber sind keine Emanzen (!), sondern stolze und selbstbewusste Mädels & Frauen, denen ihre Heimat und ihr Volk noch etwas wert sind.“ [Internetseite des Mädelring Thüringen; zur Recherche kurz ertragen am 20.7.2017]

„Okay, Mädels, jetzt möchte ich aber mal was sehen hier!“ – Klum

Natürlich werden Wörter benutzt – dafür ist Sprache da. Natürlich gehen sie durch verschiedene Epochen und durchlaufen Bedeutungswandel. Natürlich kann nicht jedes Wort, das im Dritten Reich benutzt wurde und noch heute in der rechtsextremistischen Szene gebraucht wird, gestrichen werden. Wie sähe dann unser Wortschatz aus? Und zugegebenermaßen zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Heidi Klum liegt ein sehr, sehr langer Weg, ja, liegen ganze Welten.

Trotzdem ist es manchmal wichtig zu wissen, welche Bedeutungen in einem häufig benutzten Wort mitschwingt und wofür es einst missbraucht wurde – besonders wenn es zur Bezeichnung der eigenen Person dient. Um sich dann zu fragen: Möchte ich mich selbst so nennen oder vom Focus, einem Buchholzer Kaufhaus, von Kolleg٭innen oder Freund٭innen so genannt werden?

10 Kommentare

  1. Wenn man sich mit Musikproduktionen aus dem englisch-amerikanischen Sprachraum als Frau gefallen lassen muss, in den musikalischen Medien permanent mit dem Begriff „bitch“ geohrfeigt zu werden, bis sogar das Schlampenwort zur missverstandenen Selbstdefinition als „starke Frau“ mutiert, ist es kaum verwunderlich, dass auch das „Mädel“ sich durch die Berieselung eine positive Interpretation erschleicht, und damit nicht genug, im Umkehrschluss Denkansätze zu äußern ermöglicht, die wegen der vorgeblich sprachlichen Läuterung des Wortes der Kritik entgleiten.

    Toller Beitrag.

    • Interessanter Vergleich mit dem Begriff „Bitch“. Man denke nur an „Lady Bitch Ray“, die den Begriff emanzipatorisch interpretiert. Hier ein Auszug aus einem Interview zu ihrem Buch „Bitchism“:

      „Lady Bitch Ray: In dem Buch fange ich bei der Definition der Bitch an, weil viele ja noch so tun, als ob sie nicht wissen, dass Bitch schon lange nicht mehr einfach Schlampe heißt. Bitchismus ein Weiblichkeitsentwurf, eine feministische Philosophie, für moderne, junge Frauen, die eine rebellische Absicht haben und nicht alles schlucken, was man ihnen vorsetzt.“

      Natürlich geht es hier in erster Linie um Provokation und Marketing. Nichtsdestotrotz ist die Transformation der beiden Begriffe spannend. Im Gegensatz zu „Bitch“ sehe ich allerdings bei „Mädel“ sehr wenig rebellisches oder feministisches Potential. Es wird wohl schwierig sein, eine Verniedlichungsform selbstbewusst und offensiv zu nutzen ohne sich dabei klein zu machen.

      • Lady Bitch Rays Namenswahl stellt sich für mich als Konzept dar, wie die Spitztüten von Madonnas Bühnen-Korsett in den 80ern. Indem man sich als Einzelperson einen beleidigenden Begriff aneignet, entkräftet man ihn ausserdem nicht für andere.
        Auch taugt nicht zur Definition eines umfassenden Selbstgefühls, wenn man dafür Gegner benötigt. Feminismus sollte nicht so missverstanden werden.

        „Mädels“, die sich selbst so nennen, empfinden sich, soweit ich das mitbekomme, keineswegs als unemanzipiert, aber sehen sich bevorzugt als Teamplayer in einem weiblichen Verbund, der sich als draufgängerisch und unabhängig erlebt, ob sie nun Carrie Bradshaw & Freundinnen nachzuspielen meinen, von Mr. Grey fantasieren, sich „Kerlen“ gegenüber „bitchy“ geben, oder Rudern und Fußball spielen.

        Beides hat mit der oben erwähnten politischen Konnotaion des Mädel-Wortes aber nur mittelbar zu tun, und mein Kommentar hatte vor allem im letzten Satz wenig mit Feminismus zu tun, sondern mit der Instrumentalisierung von mit sekundären Botschaften belasteten Worten und einer gewissen Taktik, sich dabei unangreifbar zu machen, denn dies war meiner Auffassung nach Inhalt des Artikels.

  2. Ich muss gestehen, ich treffe mich auch mit zwei Freundinnen zu sogenannten Mädelstreffs. Ich habe mir einfach nie Gedanken um das Wort gemacht, dabei lese ich viel rund um das Dritte Reich und der BDM ist da ja immer sehr präsent. Danke fürs Wachrütteln!

  3. Wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, dann sollen also alle Worte, die sich im Laufe der Geschichte in der Bedeutung gewandelt haben, dann aus dem deutschen Sprachwortschatz verschwinden, so sie insbesondere in Zeiten von Gewaltherrschaft eine nach heutigen Maßstäben negative Bedeutung bekommen haben. Nicht das ich am beschriebenem Begriff hänge. Aber die unterschwellige Implikation finde ich hochinteressant.

    • Das ist tatsächlich die Frage, die sich mir stellt: Können solche Wörter überhaupt verbannt werden oder reicht es, wenn sie ihrer vergangenen Bedeutung entledigt werden?

      „Natürlich kann nicht jedes Wort, das im Dritten Reich benutzt wurde und noch heute in der rechtsextremistischen Szene gebraucht wird, gestrichen werden. Wie sähe dann unser Wortschatz aus?“

      In diesem konkreten Fall schwingt in dem Begriff jedoch noch mehr mit. Eben die Verkleinerungsform, die bei den Wörtern „Mädchen“ und „Fräulein“ dazu geführt hat, dass beide Wörter nicht mehr zur Benennung und Ansprache erwachsender Frauen dienen sollte. Aber bei „Mädel“ wird genau dies nicht reflektiert.

      Aus diesem Grund ist dieses Wort und seine Begriffsgeschichte auf vielen Ebenen interessant.

  4. Da ich in Griechenland lebe, vergleiche ich mit dem entsprechenden griechischen Wort „koritsi“ (Verkleinerung von Kore=Tochter. also eigentlich Töchterchen) oder auch koritsaki (Töchterleinchen), das auf alle Altersgruppen angewandt werden kann. Besonders Frauen benutzen es gern, so wie die Mädchen, die untergehakt flanieren oder gemeinsam Volleyball spielen, „ta koritsia mas“ unsere Mädchen einer Mannschaft von Gehörlosen holte grad den Europatitel… aber auch für uralte Weiblein wird es benutzt, als freundliche Schmeichelei und Anerkennung, dass auch die Alte ein kleines Mädchen, das Töchterchen einer Mama bleibt. Bei Männern entspricht das Wort „paidia“ – Kinder – denn früher wurden nur männliche Nachkommen als „Kind“ gezählt.

  5. „Mädels“ ist nur nett, wenn wirkliche Freundinnen sich untereinander sich ein wenig ironisch ansprechen. Ich spreche Frauen nie so an…..

  6. Umso schlimmer, wenn der Begriff Mädels oder Mädelsabend- wenn wir nach dem Gefühl gehen – sehr gut zu passen scheint, sowohl auf die Unterwäsche- oder Haushaltswarenverkaufsveranstaltungen , an denen ausschließlich Frauen teilnehmen, wie auch auf gemeinsame Saufabende. Da gibt die Bezeichnung der Veranstaltung etwas bezauberndes oder wenigstens diffus als weiblich empfundenes. Verkaufsveranstaltung, Sauftreffen oder auch nur Frauen… klingt eben zu … unattraktiv. „Mädels“ klingt in heutigen Ohren wohl jung, modern, It-Girl-artig.

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