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Ein Leben für die Musik. Notwist-Sänger Markus “Rayon” Acher im Interview

Diese Woche erschien bei Morr Music sein neues Solo-Album “A Beat of Silence”, bereits das zweite, das er als Rayon veröffentlicht. Bekannt geworden ist Markus Acher aber vor allem durch diverse andere Projekte, über die man viel schreiben könnte und die sich allesamt durch musikalisches Feingefühl, Vielfalt und Hingabe zur Musik auszeichnen. Im Interview verrät er uns, was ihn antreibt und was als Nächstes kommt.

Ein Interview von Moritz Bouws und Gregor van Dülmen


Zunächst eine Frage, die uns sehr beschäftigt: “Notwist” oder “The Notwist”? Oder egal?

Das ist tatsächlich egal, da sind wir nicht sehr streng. Das “the” kommt noch aus einer Zeit, als wir dachten, das klingt nach “Underground”.

Und könntest du bitte einmal alle Bandnamen und Pseudonyme auflisten, unter denen du schon auf Tour warst oder Alben veröffentlicht hast?

Na klar. Und zwar: Notwist, Lali Puna, Rayon, Tied + Tickled Trio, You + Your D. Metal Friend, 13&God, Village of Savoonga, Hochzeitskapelle, 3 Shades.

Das sind ja ganz schön viele. Wieviel Zeit verbringst du denn so in Proberäumen und Studios?

Oh, sehr viel Zeit. Vieles, was früher im Studio passierte, machen wir inzwischen auch dank Computer zu Hause. Aber zusammen in einem Raum zu sein und aufzunehmen, ist nicht zu ersetzen.

Wie entsteht ein (The-)Notwist-Album?

In erster Linie sehr langsam. Ansonsten sind es viele verschiedene Wege. Jeder komponiert für sich, dann tauschen wir Ideen, gehen irgendwann zusammen ins Studio und nehmen auf, bearbeiten die Sachen usw. Es kommt immer auf das einzelne Stück an. Irgendwann entsteht eine Idee für die ganze Platte. Das ist auch sehr wichtig, sonst kann es sehr ziellos werden.

“Mit den Labels, Konzerten, Platten und Fanzines haben wir uns eine Alternative geschaffen – gegen das Reaktionäre, Konservative, Katholische um uns.”

Ihr seid ja auch mit Notwist nach dem Release “Superheroes, Ghostvillains + Stuff” wieder fleißig unterwegs. Was hat euch dazu bewegt, zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder ein Live-Album aufzunehmen?

Die Stücke sind ja zum Zeitpunkt einer Studio-Platte meist noch sehr neu, und nicht live gespielt. Und auch nur eine Momentaufnahme. Viele entwickeln ein Eigenleben und verändern sich sehr im Laufe der Jahre. Das wollten wir noch einmal dokumentieren. Ich denke, manche Stücke haben erst nach einer langen Zeit ihre eigentliche Form gefunden.

Quelle: Bandcamp

Warum habt ihr euch entschieden, das Livealbum im Leipziger UT Connewitz aufzunehmen? Habt ihr einen besonderen Bezug zu diesem Ort?

In Leipzig und Berlin sind die Leute immer sehr enthusiastisch, das feuert uns an. Das UT Connewitz ist auch ein außergewöhnlich schöner Ort mit sehr netten Veranstaltern.

Aber am Ende war es auch die praktische Seite: Wir hatten dort drei Tage hintereinander, und um alles richtig einzustellen und aufzunehmen, brauchte es die Möglichkeit, die Auswahl aus mehreren Tagen am selben Ort. Der zweite Tag war dann der beste und ist jetzt auf der Platte.

Ein mehr als spannendes Projekt von dir ist auch 13&God, in dem Notwist und die Hip-Hop-Combo Themselves aus Oakland für zwei Alben zusammenarbeiteten. Wie kam es eigentlich zu dieser Kollaboration?

Ich war schon großer Anticon-Fan. Und als die Themselves in München waren, haben wir uns kennengelernt, und sie haben mir erzählt, dass sie Notwist kennen und mögen. Da haben wir gleich eine Tour zusammen geplant, und danach dann eine Platte gemacht.

Wir wollen auch, hoffentlich nächstes Jahr, wieder etwas mit ihnen aufnehmen. Wir sind sehr gute Freunde geworden.

Quelle: Youtube

Neben euren internationalen Touren als Notwist engagieren du und die anderen Bandmitglieder sich auch stark in der regionalen Musikszene Bayerns. Macht es für dich persönlich einen großen Unterschied, vor einem Publikum in Landsberg oder Städten wie Mexico City und Seattle zu spielen?

Das macht natürlich einen Unterschied, weil die Menschen auch anders reagieren. Wir wollen gerne international spielen, und mit unserer Musik weit reisen. Aber wir spielen natürlich auch gerne und viel in unserer Umgebung.

Ihr werdet aufgrund eures Engagements in der regionalen Kulturlandschaft bisweilen ja auch als Teil der “New Weird Bavaria”-Bewegung oder zumindest als Grundsteinleger der jungen Szene betrachtet. Kannst du dich mit dieser Klassifizierung anfreunden oder ist es nur ein Label, das für deine Kunst keine Rolle spielt?

Das spielt eigentlich keine Rolle.

Der Begriff hat ja auch eine politische Dimension: Es schwingt mit, dass die Szene mit Mitteln der Kunst, nicht zuletzt durch den Aufbau neuer Strukturen, eben auch daran arbeitet, ein vielseitiges Bild Bayerns zu erzeugen, das durch den Populismus Horst Seehofers bzw. die Volkstümlichkeit wesentlicher Teile der CSU verzerrt wird. Würdest du zustimmen? Und hat (zumindest) diese Dimension auch einen Einfluss auf euer Schaffen?

Unser Bestreben ging ja immer nach draußen, und unser Interesse eher für das Abseitige, Seltsame, Andere. Insofern ist unsere Musik auch ein Ausdruck dessen, und zeigt hoffentlich eine Welt, wie wir sie gerne hätten. Mit den Labels, Konzerten, Platten und Fanzines haben wir uns eine Alternative geschaffen – gegen das Reaktionäre, Konservative, Katholische um uns.

Aber an das Bild Bayerns haben wir eh nicht gedacht. So haben wir uns eigentlich nie verortet. Unser Koordinatensystem und unsere Vorbilder waren andere Bands in Deutschland wie Mouse on Mars oder Can, oder Szenen in Neuseeland oder Glasgow.

“Wie Notwist wird, wissen wir tatsächlich noch gar nicht.”

Wie kamst du auf die Idee zum Soloprojekt Rayon?

Rayon gibt es, seitdem ich eine Doppel-7″ auf Kollaps unter diesem Namen veröffentlicht habe. Ich nehme den Namen immer wieder, wenn ich etwas alleine mache.

Die neue Platte entstand, als ich von Daniel und Karin von dem tollen Münchener Experimental-Festival Frameless gefragt wurde, ob ich etwas machen will. Daraufhin habe mit ihrem Programm im Hinterkopf Sachen komponiert und irgendwann aufgenommen.

Gerade hinsichtlich des sphärischen, aber minimalistischen Stils von “A Beat of Silence” erscheint uns die Frage spannend, an welchen Orten die gedanklichen und konzeptuellen Vorstellungen zum Album entstanden sind und inwiefern sich diese in den Aufnahmen widerspiegeln. Könntest du dazu etwas sagen?

Das konkrete Komponieren entstand alles zu Hause vor dem Computer. Davor habe ich sehr lange nach den einzelnen Ideen gesucht. Jedes Stück hat eine eher abstrakte Grundidee – Rhythmen, Muster, sich überlagernde Strukturen – die ich danach mit Noten gefüllt habe. So habe ich gehofft, weg von der üblichen Songstruktur zu kommen.

Die Inspiration kam deswegen viel von visuellen Künstlern. Agnes Martin, japanische Fotografen, oder der tolle Kanadier Michael Dumontier, der dann auch das Cover gemacht hat, was mich sehr glücklich macht. Ein wichtiger Einfluss ganz am Schluss war dann der Film „Midnight Special“, ein Science-Fiction-Roadmovie, der mir nochmals andere Bilder zu der Musik gegeben hat. Außerdem hat er mir geholfen, mich mit den düsteren Teilen der Platte anzufreunden.

Ein wesentlicher Bestandteil in “A Beat of Silence” ist der Einsatz der indonesischen Gamelan-Ensembles. Wie seid ihr auf die diese Form von Instrumenten gestoßen und inwiefern schienen diese euch für die Aufnahme des Albums geeignet?

Wir haben ja keine echten Gamelan-Instrumente benutzt. Vielmehr war der Klang und die Charakteristik dieser unglaublich eigenen Musik immer wieder eine Referenz für die Platte. Das kann man auch gar nicht nachmachen, dazu ist die Musik viel zu komplex. Eher haben wir eine bestimmte flirrende und hypnotische Atmosphäre gesucht und nachempfunden, die wir auch an Gamelan-Platten so mögen.

Im Studio ist Markus Acher als Rayon nicht allein: Rayon Band © Johannes Haslinger

Im Studio ist Markus Acher als Rayon nicht allein: Rayon Band © Johannes Haslinger

Wann entscheidet sich für dich bzw. euch, ob ein Song auf einem Notwist– oder Rayon-Album erscheint?

Ich komponiere eigentlich immer gezielt für eine Platte bzw. Band. Sehr selten (wie bei “Messier Objekts”) mischen sich verschiedene Aufnahmen und Besetzungen.

Auf “A Beat Of Silence” taucht ja auch ein Song auf, der in einer anderen Version bereits auf dem Soundtrack-Album “Messier Objects” zu hören war. Dort hieß er “Object 16”, nun “On The Quiet”. Wird es weitere Versionen des Songs geben?

Dieses Stück hatte ich für das erste Rayon-Konzert beim Frameless-Festival komponiert. Das war noch in einer anderen Besetzung. Wir haben danach die Musik zu Jette Steckels Theaterinszenierung „Das Spiel ist aus“ gemacht, und da hat das Stück gut gepasst. Ich wollte das Stück aber noch einmal in seiner ursprünglichen akustischen Form aufnehmen. Deswegen ist es auf dieser Platte ein weiteres Mal gelandet. Ich denke nicht, dass wir es nochmals aufnehmen 🙂

Quelle: Bandcamp

Das Konzept von “A Beat of Silence” scheint auch darin zu bestehen, digitale Musik wieder zurückzuführen und diese mit analogen Mitteln nachzuvollziehen. Würdest du sagen, dass dies auch eine Richtung ist, in die auch Notwist sich (zumindest live) nach dem Ausstieg Martin Gretschmanns bewegt?

Bei der Rayon-Platte wollte ich nur elektronische Klänge, die aus den akustischen Klängen generiert wurden, das war die Idee. Verzerrt, verwaschen, Details nehmen und vergrößern. So wie die Sandhäufchen auf dem Cover-Foto von Michael Dumontier ihre Form verlieren und verschwimmen. Auch, dass es am Ende einen einheitlichen Klang ergibt. Wie Notwist wird, wissen wir tatsächlich noch gar nicht.

rayon-a-beat-of-silence-cover

“A Beat of Silence” – Coverbild von Michael Dumontier

Erstmal geht es ja auf Tour. Aber was steht bei euch studiotechnisch als Nächstes an? Wird dem Live-Album in naher Zukunft ein Studioalbum von Notwist folgen? Oder stehen andere Projekte im Vordergrund?

Als Nächstes steht auf jeden Fall eine Notwist-Platte auf dem Plan. Ganz nah und konkret ist das Alien Disko Festival, das wir hier in München in den Kammerspielen am 2. und 3. Dezember realisieren können. Wir haben Lieblingsbands eingeladen, die allesamt Genres sprengen und zwischen den Stühlen sitzen.

Wir freuen uns schon extrem! Mit dabei: Sun Ra Arkestra, Dawn of Midi, Ras G + Afrikan Space Program, Carla dal Forno, Sacred Paws, Melt Banana, tenniscoats, Jam Money, Mark Ernestus Ndagga Rhythm Force, the comet is coming, mimiCof u. a.

Und The Notwist wird auch spielen.


Wer Markus Acher noch vor dem Alien Disko Festival und woanders als in München live sehen möchte: Am 20. November spielt er mit Rayon im Berliner Radialsystem V eine Release-Show zu “A Beat of Silence”. Just saying.

Titelbild: © Johannes Haslinger

3 Kommentare

  1. Starkes Interview! Schön, einiges über weitere Projekte zu erfahren; vor allem über die Arbeit von „A Beat of Silence“… is notiert 🙂 Einzige irreführende Äußerung von Markus Acher: „Agnes Martin, japanische Fotografin…“, denn sie war weder Japanerin noch Fotografin! Falls er wirklich auf Agnes Martin verweist – und das würde in dem Zusammenhang passen -, dann chapeau 🙂

  2. Moritz Bouws sagt

    Es muss natürlich „japanische Fotografen“ heißen. Korrektur wurde vorgenommen, vielen Dank für deinen Hinweis!

  3. Pingback: Eloquent scheitern – Mit The Notwist in der Batschkapp Frankfurt | Wow, hör' mal auf den Text!!

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