Overseas Rap-Rave Innovation

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Inzwischen glaubt man sich an DIE ANTWOORD gewöhnt zu haben und dennoch schaffen es die südafrikanischen Künstler immer wieder, sämtliches Augen- und Ohrenmerk jener auf sich zu lenken, die sich über den Rand des Mainstreams hinauslehnen und für provokanten Pop-Trash zu haben sind. Nachdem bereits DJ Muggs auf ihrem letzten Album mitwirkte, ist auf Mount Ninji And Da Nice Time Kid ein zweites Mitglied von Cypress Hill dabei. Ob die Liebe zum Weed die Kooperation gefestigt hat? Möglich wär’s.


Candy, Coffie, Satan. Das niedlich-böse Image von DIE ANTWOORD lässt an überdrehte Comics und die Prolls von New Kids denken. Ihre Musikvideos beginnen oft mit einem grotesken Plot. In Baby’s On Fire zum Beispiel sitzt Yolandi mit den Eltern und „Bruder“ Ninja am Tisch und dankt dem lieben Gott für Muttis Essen, ausverkaufe Konzerte in den USA und Satan – das ist übrigens der Familienhund.

Im Video zu Banana Brain bestickt die ahnungslose Mama ein Tuch mit „Jesus is die Antwoord“, während Töchterchen Yolandi Tee mit einer ausreichenden Portion Schlafpillen serviert und danach mit Bad Boy Ninja auf eine abgefuckte Rave-Party geht.

Ein Mash Up der Superlative

Sie raven und rappen auf Afrikaans sowie auf Englisch und haben darüber hinaus weitere südafrikanische Sprachen und Akzente im Repertoire. Sie drehen die Bad Boy Attitüde des Gangsta Raps gerne mal bis zum Anschlag auf und lassen zuweilen wie im Rock, Metal oder Gothic die Dämonen tanzen. Hinzu kommt das schrille Kindfrau-Image, das sich ¥o-Landi Vi$$er (im Gegensatz zu Björk) beherzt zu eigen macht. Der irritierende Bruch: Sixteen Jones, die reale, gemeinsame Tochter von ¥o-Landi und Ninja, ist ein semi-aktives Member der Crew.

Das neuste Album Mount Ninji And Da Nice Time Kid erfüllt alles, was das Herz eines DIE ANTWOORD Fans begehrt: Es wird geflucht, gequietscht, gerappt und ausgeteilt. Mit ihrer penetranten Kinderstimme spielt Yolandi wie eh und je mit Klischees und Gegensätzen. Besonders grotesk wirkt das im Track Daddy.

Der Mini-Track Wings On My Penis wurde geschrieben und gerappt von Lil Tommy Terror, der zum Aufnahmezeitpunkt 6 Jahre alt war. Im darauffolgenden Skit U Like Boobies? preist ¥o-Landi ihm die (natürlich nicht jugendfreien) Angebote des ominösen „rat hole“ an, um darauf im Tim-Burton-Kirmes-Style mit Jack Black und Ninja Rats Rule zu rappen. Hier erkennen wir, dass DIE ANTWOORD auch junge Talente zu fördern weiß.

Die Schönen und die Biester

Einerseits sehen sich DIE ANTWOORD als rats, womit sie eine Stufe tiefer wären als die underdogs, andererseits ziehen sie sich mit amerikanischen Stars wie Dita Von Teese dicke Fische an Land. Sie war bereits im Musikvideo zu Ugly Boy neben weiteren Größen aus der US-Popwelt zu sehen und ist nun auch auf dem neuen Album zu hören. Gucci Coochie erscheint wie das weibliche Gegenstück zum 2012 releasten Single-Track XP€N$IV $H1T.

Vor ein paar Jahren dissten DIE ANTWOORD Lady Gaga im Clip zu Fatty Boom Boom. Daraufhin war sie beleidigt, da sie ursprünglich DIE ANTWOORD als Tour-Support dabei haben wollte. In diesem Diss wurde wohl eher mit ihrem kolonialen Großmut als Pop-Queen und nicht mit ihrer Genialität als Popkünstlerin abgerechnet.

Dass DIE ANTWOORD einen Hang zur (Selbst-)Ironie haben, zeigt sich vor allem in ihren Skits. Im Opener des kürzlich releasten Mixtapes Suck On This rufen Yolandi und Ninja die Amerikaner zur richtigen Aussprache ihres Bandnamen auf; im Track Jonah Hill unterbrechen sie sich bei der Aufnahme, um eine sinnfreie Diskussion mit God vom Zaun zu brechen. Da fehlt nur noch Ninja, der trocken einen Pimmelwitz auf Afrikaans vorträgt.

X, Y, Zef

Seit dem Musikvideo zu I Fink U Freeky sind sie wohl zum international bekanntesten Act der südafrikanischen Zef-Culture geworden. Erfunden hat DIE ANTWOORD Zef aber nicht, sondern lediglich populär gemacht.

Ebenso wenig tauchten sie aus dem Nichts auf. Es war einmal die Kombo Max Normal, im Endstadium auch als MaxNormal.TV bekannt, in der Watkin Tudor Jones Jr. aka Max Normal aka Ninja bereits mit Yolandi Visser und Justin de Nobrega aka DJ Hi-Tek aka God agierten. Auf dem letzten Album dieser Formation sind bereits DIE ANTWOORD-typische Klänge und Flows zu vernehmen. Hier zum Beispiel ist Yolandi mit einer etwas moderateren Stimme zu hören; außerdem zitiert sie eines ihrer musikalischen Vorbilder (Marilyn Manson).

Ninja und ¥o-Landi können aber auch anders: Ihre nachdenkliche und verletzliche Seite zeigen sie in Tracks wie Donker Mag oder Darkling, der wohl der traurigste Song auf dem neuen Album ist. Romantische Rave-Songs wie I Don’t Care sind eher rar, erweitern jedoch den Blick auf das Spektrum ihres Schaffens.

Weirdo Cinema

Da DIE ANTWOORD ebenso viel Wert auf ihre visuelle Performance legen, sei zum Abschluss ihre bisherige cineastische Laufbahn umrissen.

Nachdem sie in Harmony Korines Kurzfilm Umshini Wam (2011) in creepy Pokémon-Overalls und Rollstühlen durch die Gegend trollten, erschien Neill Blomkamps Chappie (2015) in den Kinos. Hier spielten ¥o-Landi und Ninja zentrale Rollen und natürlich wieder sich selbst.

Besonders schräg (und liebenswert) wird der Film durch die Storyline, in der Ninja und Yolandi einen ausrangierten Polizeiroboter adoptieren und großziehen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass er letztendlich nicht seine ursprünglich zugedachte Funktion erfüllt und ganz nach Mommies und Daddys Vorbild handelt.

Titelbild: © Le Colmer, Pfotenmodel: Herrmann

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