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Wolf Haas: „Brennerova“, Hilfsausdruck Frauendilemma

Der Brenner hat sich mal wieder einen Schlamassel eingehandelt, sag ich dir. Im einen Moment sitzt du als Kriminalpolizist i. R. Brenner noch nichtsahnend am PC, um dir auf einer Internetseite heiratswillige russiche Frauen anzuschauen (rein aus platonischer Neugier natürlich) und kurz darauf musst du darum fürchten, dass dir die Mafia die Hände abhackt. Ist eben doch ein „Frauentränenumfaller“, der Brenner.

Brenner, quasi Legende

Aber erstmal von vorn: Wer ist denn dieser Brenner überhaupt?, könnte man jetzt fragen – aber der Brenner ist ja wohl schon irgendwie Legende. Seit über zehn Jahren lässt Wolf Haas den pensionierten Wiener Kriminalpolizist in die verzwacktesten Fälle hineinstolpern. Dabei weiß er oft selbst gar nicht so richtig, was da eigentlich gerade mit ihm passiert, macht aber nix, weil ja genialer Erzähler in den Brenner-Büchern, der mit einer ganz eigenen Kunstsprache auch solche Zweifel zum Leben erweckt. Teilweise wird es da ganz schön philosophisch im Krimiroman, so auch im mittlerweile achten Brennerabenteuer Brennerova:

„Hundertprozentig sicher kannst du dir bei so etwas nie sein, bei überhaupt nichts im Leben kannst du das sein. Nur die Leute, die sich immer überall hundertprozentig sicher sind, irren sich hundertprozentig, das ist die einzige Ausnahme.“

Der Zweifel ist eine gewisse Grundkonstante beim Brenner – als ehemaliger Kripomann natürlich irgendwo auch berufsbedingt. Zu Beginn von Brennerova hat er durchaus berechtigte Zweifel an seiner  Beziehung zu Frührentnerin Herta, denn obwohl die beiden sich eigentlich toll verstehen – die große Liebe ists dann doch irgendwie nicht mehr, „weil nach mehreren Wochen immer noch kein böses Wort, kein Schreiduell, kein Würgemal“. Wenn man dann aus heiterem Himmel auch noch gesagt kriegt, dass man als Brenner aber auch ruhig mal wieder in der eigenen kleinen Junggesellenwohnung übernachten könnte, statt in der schönen Wohnung seiner Lebensabschnittsgefährtin, dann kann man natürlich schon mal schwach werden.

Die Russinnen

In Brenners Fall hat die Versuchung einen russischen Namen: Nadesha aus Nischni Nowgorod, die er auf einer Heiratsbörse im Internet kennenlernt. Neugierig ist der Brenner ja dann doch auf die Nadesha, welche Art von Russin das wohl am Ende ist? Denn da gibts ja verschiedene Ansichten:

„Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinnen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk oder aus Krasnodar. Dann hat es auf einmal geheißen, die Russinnen, das sind die dünnsten Fotomodelle, die teuersten Nutten, da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja.“

Als Nadesha ihm dann schließlich einige Bilder schickt, ist für den Brenner schnell klar, dass die wohl eher Typ Privatzoorussin ist, was vermutlich dazu beiträgt, dass er sich ganz spontan in einen Flieger nach Russland setzt, um seine künftige Brennerova persönlich kennenzulernen. Das ist natürlich der erste Schritt ins Chaos, wenn du von jetzt auf gleich nach Russland reist. Schnell wird klar: Die liebreizende Nadesha will den Brenner erstmal gar nicht heiraten, sondern seine Hilfe bei der Suche nach ihrer Schwester Serafima, die ihrer Meinung nach von russischen Menschenhändlern nach Wien verschleppt wurde.

Der „Frauentränenumfaller“

Und weil der Brenner eben doch eine Schwäche für hilfsbedürftige Frauen hat – nach Haas also ein „Frauentränenumfaller“ ist – findet er sich einige Wochen später in einer sehr prekären Situation wieder: Die Nadesha ist ihm nach Wien nachgereist und seine Lebensgefährtin Herta hat beschlossen, dass der Brenner der Nadesha bei allen ihren Problemen helfen muss. Sprich: Scheinehe für nadeshaiges Bleiberecht und gefährliche brennerische Ermittlungen im Untergrundmilieu. Und Ruck-Zuck ist der Brenner mittendrin im Tagesgeschäft der Russenmafia – als „Blaulicht kennst du eben dein Rotlicht“. Ganz konkret heißt das: Bedeutungsschwangere Tattoos und abgehackte Hände. Ziemlicher Standard für den Brenner.

Apropos abgehackt – das ist auch wieder die wunderbare Sprache des auktorialen Erzählers in Wolf Haas‘ Brennerova.  Hier und da wird schon mal ein Verb weggelassen, oder ein schwieriges Adjektiv durch ein schlichtes „dings“ ersetzt. Verständlich ist das trotzdem noch, weil so nah an der gesprochenen Sprache. Und Spaß macht es auch, denn jedes mal, wenn man eine der haasischen Catch-Phrases (z.B.: aber interessant, jetzt pass auf, quasi, Hilfsausdruck etc. ) entdeckt, stellt sich ein wohlig-warmes Gefühl der Vertrautheit ein. Brennerova macht genau das, was Haas-Leser an den Romanen so schätzen: Es nimmt dich mit auf eine verrückte Reise voller Fallen, Wendungen und Kuriositäten, wo auf jeder dritten Seite der Plottwist wartet und mit einer wunderbar ironisch-humorvollen Sprache präsentiert wird.

Brennerova: Hilfsausdruck Leseempfehlung

Dabei kann man die Liebe von Haas zu seiner Hauptfigur auf jeder Seite spüren. Der Erzähler geht genau wie der Autor sehr wohlwollend mit dem Brenner um. So wird es zwar in Brennerova wieder sehr chaotisch und spannend, doch der Brenner ist eben doch ein Mensch wie eine Maus:

„Und das ist eben das Verhexte am Menschen. Da ist er nicht gescheiter als die Maus, die glaubt, dass sie gescheiter als die Falle ist. Wenn die Maus schon ihre Kolleginnen in der Falle enden gesehen hat, dann denkt sie nur mit ihrem Maushirn, den Käse möchte ich trotzdem, ich muss es nur geschickter anstellen. Ich muss mehr so seitlich hin, und dann schnapp ich mir den Käse, ohne dass die Falle mich erwischt.“

Ob der Brenner am Ende in der Falle endet, wird an dieser Stelle noch nicht verraten. Da musst du schon selbst lesen. Lohnend ist es! Wer auf östereichischen Sprachwitz und kurzweilige Krimischreibe steht, der kommt um Wolf Haas nicht herum, Hilfsausdruck Leseempfehlung.


Wolf Haas: Brennerova, Roman, Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag, 2016.

Beitragsbild: Heyne Verlag

Wir bedanken uns beim Heyne Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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