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Nasendes ohne Ende – Harald Stümpke: „Bau und Leben der Rhinogradentia“

Als Christian Morgenstern sein berühmtestes Tier erdichtete, stand er unter dem Einfluss von sprachschöpferischer Spielfreude, der Einsicht, dass einem „auf seinen Nasen” einherschreitenden Wesen vollendete Urkomik inhärent ist (vgl. auch diverse Nasen in Tristram Shandy), und ein wenig auch des eher pragmatischen Faktums, dass „Nasobēm“ sich ganz ordentlich auf „Brehm“ reimen lässt, in dem es bekanntlich noch nicht steht. Gewiss hat Morgenstern nie daran gedacht, dass über ein halbes Jahrhundert später der originelle Zoologe Gerolf Steiner alias Harald Stümpke die Idee der nasalen Fortbewegung nicht nur köstlich finden, sondern köstlicherweise aufgreifen und so weit treiben wird, dass das vorliegende Büchlein, in seiner Symbiose zwischen Kunst und Wissenschaft recht einzigartig, dabei herauskommt.


Man mag womöglich, insbesondere bei den sog. „Nasenblümchen“, an die asemischen Kreativitätshöhen eines Codex Seraphinianus denken, worin unter anderem Serafinis florisch-faunische Phantastereien behandelt werden, aber eine so konsequent durchgeführte Bio-Mockumentary wie die vorliegende ist wirklich eine rare Quatschigkeitsperle, für die wir dankbar sein müssen.

Doch am besten lässt man die wunderbar bescheuerten, stets nasal fixierten Fachtermini für sich sprechen, die in Stümpkes szientistischem Beitrag in großer Zahl vorhanden sind. Da wäre zunächst der monumentale Begriff des „Nasariums“ (vgl. die schwedische Grind-Metal-Band Nasum, Nasenaffen sowie NASA), das in der realen Zoologie womöglich am ehesten auf den sagenhaft realen Sternmull zuträfe. Es gibt auch die Weich- und Wandelnasen, die Ganz- und Nur-Nasen, Saugmund-Nasenhopfe, den Tyrannonasus imperator (Raubnase) aus der Familie der Tyrannonasidae, den „schneuzenden Schniefling“ – und natürlich das „Große MORGENSTERN-Nasobem, […] der bestbekannte Vertreter der Polyrrhinen“. Dieses verfügt phallischerweise über nasale Schwellkörper, die für einen großartigen Turgor sorgen, und kann seinen Schwanz lassoartig-burlesk ausschleudern: „Das geschieht so, daß der nur in seinem proximalen Teil noch von der Wirbelsäule durchzogene Schwanz einen mit dem Coecum in Verbindung stehenden Gaskanal in sich trägt und durch diesen (nach Erschlaffung des Sphincter Coeco-gasotubalis) plötzlich mit Darmgasen gefüllt werden kann, so daß er prall gebläht und auf einer Länge von über vier Metern hochgeschleudert wird.“

Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind die meist idiotischen Namen der zitierten Wissenschaftler, die zu schön heißen, um wahr zu sein: Bitbrain, Bleedkoop, Combinatore, D’Epp, Mayer-Meier, Shirin Tafaruj u. a.

Erstaunlich an dieser trockenhumorig-feuchtnasigen Wissenschaftsparodie ist ihre Kongenialität in Bezug auf die Fortführung der Morgenstern’schen Vision, die nicht viel mehr als eine grandiose Albernheit des Humor-Exzentrikers hätte bleiben können. Und der Ausbau des Konzepts „Nasling“ bzw. „zu Nase gehendes Tier“ beschränkt sich nicht lediglich auf eine taxonomisch „korrekte“ Abhandlung über die verschiedenen Unterarten und Subspezies der Rhinogradentia, sondern wird durch talentierte Zeichnungen des Autors, die das gesamte Spektrum (der Wissenschaft) zwischen skurril bis grotesk erfolgreich abdecken, eindrucksvoll gestützt.

2 Kommentare

  1. sydneysider47 sagt

    Zitat: „Doch am besten lässt man die wunderbar bescheuerten, stets nasal fixierten Fachtermini für sich sprechen, die in Stümpkes szientistischem Beitrag in großer Zahl vorhanden sind“. Hmm.. da muss ich mir noch überlegen, ob mir das Buch als Lektüre gefallen könnte.

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