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Wilhelm Genazino: „Außer uns spricht niemand über uns“

Genanzino Außer uns spricht niemand über uns

Im neuen Roman von Wilhelm Genazino flaniert der Ich-Erzähler durch die verstaubte Realität seines Daseins. Eine Geschichte der Belanglosigkeit zwischen Dinkelbrot, Fluchtreflex und Konjunktiv-Kommunikation.


Außer uns spricht niemand über uns – ein Titel, der den misanthropischen Grundton von Genazinos neuem Roman schon erwarten lässt. Der Erzähler, ein gescheiterter Schauspieler mittleren Alters, der sich mit unregelmäßigen Minijobs als Radiosprecher über Wasser hält, schlendert durch sein Leben. Obwohl er dabei reichlich ziellos erscheint, ist er auf der ständigen Suche nach Bedeutsamkeit und findet doch nur Belanglosigkeit.

Bezeichnend für die Lähmung des Erzählers ist seine Beziehung zu der Telefonistin Carola. Da pendelt sich eine zwischenmenschliche Beziehung irgendwo zwischen dem Verlangen nach Nähe und einem immer mehr abflauenden Begehren ein. Doch ausgesprochen wird wenig – und wenn überhaupt, dann meistens nur in der Konjunktiv-Kommunikation mit sich selbst.. Das „Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn…“ nimmt einen Großteil des Buches ein. Irgendwo zwischen Dinkelbrot-für-Carola-Kaufen und Mittagsschlaf-vor-dem-Wunschkonzert-Planen kommen dem Erzähler auf einmal Gedanken, ob er seine Freundin nicht heiraten sollte, oder wie es wäre, wenn sie ein Kind kriegen würden. Doch diese Gedanken bleiben im privaten Monolog eines Charakters, der die ewige Wiederkehr des Gleichen als Grundkonstante seines Lebens akzeptiert hat und sich auch insgeheim garnichts anderes wünscht, als ziellos umherzuflanieren:

„Ich musste vertuschen, dass ich etwas anderes als ein umherschweifender Mensch nie hatte werden wollen. Mein oberstes Ziel war, der Penetranz des Wirklichen zu entkommen.“

Das erkennt irgendwann auch Carola, die sich mit dem Status-Quo ihres Partners nicht mehr so recht abfinden will. Carola wartet nicht, dass etwas passiert. Sie macht. Und manchmal macht sie dann eben auch harsche Vorwürfe:

„Sie warf mir vor, dass meine häuslichen Sitten mehr und mehr verwahrlosten. Ich war beinahe fassungslos. Konnte sie ein Zeichen oder einen Grund für meine angebliche Verwahrlosung nennen? Sie sagte: Der Grund ist meiner Meinung nach dein mehr und mehr vergammelndes Leben.“

Doch gänzlich kann sich Carola nicht von der Faszination dieses Lotterlebens lösen. Denn das vergammelnde Dasein des Erzählers hat durchaus Struktur. Auf den Vorwurf, er würde halbgelesene Bücher irgendwann einfach mit dem Fuß unter ein Regal stoßen, erwidert er ganz lässig, dass er aber gleichzeitig auch jede verstaubte Bücherecke, die man in seiner Wohnung erkennt, einem Autor und Buchtitel zuweisen könne. Das beschwichtigt Carola und regt zum gemeinsamen Kichern und Kuscheln ein.

Doch irgendwann wird es ihr dann doch zu bunt. Nach einem Schwangerschaftsabbruch, der zwar im inneren Monolog des Erzählers mit allerlei Theorien der Untreue versehen wird, aber in der direkten Kommunikation nie so richtig zum Thema avanciert, stellt Carola klar: Sie will wieder schwanger werden und zwar diesmal „so richtig“. Der Erzähler reagiert darauf in seiner ganz eigenen ewigen Widerkehr des Gleichen: Überhaupt nicht. Die Verweigerung der Konfrontation ist die persönliche Fluchtstrategie eines Menschen, der schon seit langer Zeit genug hat. Von so gut wie Allem.

„Ich fühlte, dass mein Innenleben auf Flucht angelegt war. Einen besonderen Grund zur Flucht brauchte ich schon lange nicht mehr.“

Der Höhepunkt dieser Realitätsflucht besteht darin, dass der Erzähler die folgenden drastischen Entwicklungen seines Beziehungslebens ohne allzu große Emotionsregung hinnimmt. Geradezu beiläufig erscheinen Trennung, Schmerz und Tod, wenn doch das einzige Glück des Erzählers – nach eigener Aussage – in der Beobachtung von Nichtigkeiten während seines Streifzugs durch das kleinstädtische Frankfurt besteht.

Und genau das ist die Essenz von Außer uns spricht niemand über uns. Der Reiz dieses Romans besteht nicht in einer konsistenten und überzeugenden Plotkonfiguration, sondern in den feinen Darstellungen eines überaus menschlichen Typus: Der Sinnsuchende in einer Welt, in der die Blaumeisen schon längst grau geworden sind.  Mit seiner feinen Prosa schafft es Wilhelm Genazino auf tragik-komische Weise menschliche Ängste, etwa vorm Altern, vorm Alleinsein oder einem gesellschaftlichen Verfall zu illustrieren. Gleichzeitig vermittelt er aber auch das diffuse Gefühl von Glück, das sich in den Beobachtungen des Alltags verbirgt.


Beitragsbild: Carl Hanser Verlag

Wilhelm Genazino:“Außer uns spricht niemand über uns“

Carl Hanser, München 2016 | ISBN: 978-3-446-25273-8

Wir danken dem Carl Hanser Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars

3 Kommentare

  1. Lea Hannappel sagt

    Ich finde diesen Beitrag sehr gelungen. Danke, für die tolle Einführung in diesen Roman. Ich denke, ich werde es bei Gelegenheit auch mal auf meinem Blog in Betracht ziehen. Liebe Grüße!

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