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Die Schlesiensaga – Szczepan Twardoch: „Drach“

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch hat abermals einen provokanten Roman geschrieben: „Drach“ ist die Geschichte einer schlesischen Familie die Jahrhunderte hindurch, doch der eigentliche Akteur und Erzähler ist die Erde. Ihr Gedächtnis soll der kritische Roman aufdecken.


Schon mit seinem Roman „Morphin“  erregte der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch im Jahr 2012 die Gemüter, mit seinem morphinsüchtigen, zerstörten Protagonisten Konstanty, der sich im Zweiten Weltkrieg dem polnischen Widerstand anschließt. Seitdem ist Twardoch international bekannt, als ein Autor, der hart, schonungslos und brutal schreibt, der das Leid in seinen verschiedensten Facetten darzulegen vermag und nichts auf politische Korrektheit gibt. Nun wagt er ein schlesisches Epos über eine Familie, vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart. „Drach“ heißt der Roman, der 2014 in Polen erschienen ist und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Drach ist ein Terminus für die oberschlesische Erde, ein in der Neuzeit vor allem von Bergbau, Industrie und Krieg geprägtes Territorium. Der Titel macht Sinn, denn als auktorialen Erzähler wählt Twardoch jenen Drach. Der Roman soll ergo ein Gedächtnis der Erde über die Jahrhunderte hinweg anhand einer typischen Familie darstellen. Mal ist diese Erde in ihrer Erzählform trocken und schon fast kalt, manchmal auch abgehackt und elliptisch, manchmal pflegt sie aber auch einen konservativ-melancholischen Stil, bleibt aber vom Duktus her meist distanziert und passiv zum Geschehen. Nicht immer wird klar, warum gerade welcher Stil gewählt wird und schon innerhalb der vielen, meist kurzen Kapitel Brüche aufweist, jedoch macht dies „Drach“ zu einem anspruchsvollen und abwechslungsreichen Werk.

Vor allem zwei Hauptpersonen bilden sich heraus: Der eine ist Josef Magnor, der als Kind im Jahre 1906 die Rohheit der Menschheit bei der brutalen Schlachtung eines Schweins kennenlernt, später als Soldat des Deutschen Reiches in den Schützengräben in Frankreich landet und schließlich, gebrochen durch Kriegstraumata, seine Geliebte Caroline und deren heimlichen Geliebten umbringt. Der zweite wichtige Protagonist ist Nikodem Gemander, Josefs Urenkel, der im einundzwanzigsten Jahrhundert als dekadenter Stararchitekt lebt. Er steht in einer dialektischen Beziehung zur Familie: Einerseits gibt es eine Verbindung zu Josef, andererseits könnte Nikodem nicht weiter von ihm weg sein. Denn auch in seinem Leben spielt Eifersucht eine dominante Rolle: Er will mit seiner Geliebten zusammenziehen, kommt aber von Ehefrau und Kindern nicht los. Aber es geht bei Nikodem nicht mehr um materielles Leid, jeder Krieg ist ihm fern und zu seinen Vorfahren vermag er nur eine komplizierte und dünne Beziehung aufzubauen.

Zu den Biographien der beiden gesellen sich immer wieder Kurzepisoden aus anderen historischen Epochen, die die eigentliche Handlung unterbrechen und auflockern, andererseits auch komplexer gestalten. Denn übersichtlich kann man „Drach“ nicht nennen. Die Erde als Erzähler hält nichts von Chronologie, denkt universal. Daher springt Twardoch auch immer innerhalb der Kapiteln zwischen den Jahrhunderten assoziativ hin und her, dem Schicksal von Nebenprotagonisten wird oft vorweg gegriffen oder historische Hintergründe werden, manchmal auch bezugslos, aufgedeckt. Dadurch entsteht ein Anspruch auf eine Allumfasstheit des Romans, so allwissend wie die Erde, was natürlich in diesem Buch nicht vorgelegt werden kann, und manchmal wirkt die Auswahl der Episoden willkürlich. Gerade das macht das Buch, das ansonsten eine durchschnittliche Familiensaga schildern würde, zu einem speziellen literarischen Werk, das sich, wenn zumindest nicht meisterhaft, so doch in seiner Methodik und Krassheit innovativ und spannend gestaltet.

Doch noch aus einem weiteren Grund, legt „Drach“ einen Finger in Wunden, indem Twardoch Schlesien als Handlungsort auswählt, eine Region, die sowohl Polen als auch einst Deutschland gehörte, was sich hier auf privater und politischer Ebene wiederspiegelt, deren Einwohner zu beiden Staaten teils ein zwiespältiges Verhältnis hatten oder haben und in Kriegen mal für die eine mal für die andere Seite kämpften. Gerade mit dieser Region sprengt Twardoch das Konstrukt der nationalen Identität auf und ist somit der nationalistischen Regierung Polens ein Dorn im Auge, die beispielsweise auch die Verfilmung von „Morphin“ autoritär unterbindet.

Ergo ist „Drach“ ein komplizierter und lesenswerter Roman, der trotz seines geschichtlichen Charakters kein historischer Roman im typischen Sinne ist, denn die Zeit ist nur der tertiäre Faktor, der primäre Faktor ist der Raum und der sekundäre ist die Familie. Darum ist es auch kein Familien-, sondern ein Schlesienepos. Und gerade durch seinen Fokus auf ein umstrittenes, national nicht klar zuortbares Terrain wird auch jeder kollektivistische Heroismus in diesem Roman unterminiert. Zusätzlich kann der Leser sowohl durch den oft distanzierten Erzählstil der Erde als auch die häufigen Zeitsprünge nicht so einfach mit den Protagonisten fraternisieren, nein, er wird, klassisch verfremdend und emanzipativ, mit seiner eigenen Kritik an den Protagonisten zurückgelassen.

Titelbild: © Rowohlt Verlag

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