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Follow me up: Sóley erfindet sich neu

Sóley geht es gut. Sie hat sich neulich sogar dabei erwischt, fröhliche Songs zu schreiben. Das hat ihr so viel Angst gemacht, dass sie auf Tour gegangen ist.

Sóley in der Passionskirche, Berlin, 22. Juli 2016


Denjenigen, die schon vor der Fußball-EM von der Existenz Islands wussten, ist auch Sóley vielleicht längst keine Unbekannte mehr, auch wenn sie nach wie vor als Geheimtipp gehandelt wird. Als ehemaliges Mitglied der Band Seabear widmet sie sich bereits seit 2010 ihrem Soloprojekt und ist so Sinnbild einer jungen Generation isländischer Musiker٭innen, denen es gemeinsam gelang, aus dem Schatten von Björk und Sigur Rós heraus eine breite Indie-Szene aufzubauen, die international ihre Liebhaber٭innen findet. Gemeinsam, da sie sich jeweils gegenseitig darin unterstützen, etwas völlig eigenes zu machen. So auch Sóley, die schon in Live-Bands anderer Musiker gesichtet wurde, die sich aber von Anfang ihres Projekts an ureigener experimenteller Musik widmete, in denen sie melancholische Geschichten aus Märchen-, und Horrorwelten erzählt. Auf ihrem ersten Album klang das noch so:

Quelle: YouTube

Zwei Alben und drei EPs später nun findet sie in einer Kirche in Kreuzberg am Flügel wieder und singt umgeben von einer größeren Live-Band hoffnungsvolle “Mommy Songs”, wie sie es selbstkritisch nennt. Ist das dieselbe Künstlerin, die mit ihrem letzten Album “Ask The Deep” noch Depressionen oder die Geschichte eines lebendig Begrabenen vertonte? Oder auf deren Debütplatte “We Sink” sich Songtitel wie “I’ll Drown”, “Kill The Clown” und “Smashed Birds” fanden? Aber diese Fragen beschäftigen offensichtlich niemanden stärker als sie selbst. Denn mit dem letzten Album zu touren und ständig den reduzierten, meist elektronischen fahlen Songs ausgesetzt zu sein, hätte sie, wie sie erzählt, selbst so sehr belastet, dass sie sich zurückgezogen hat, um sich mit neuen Kompositionen zu therapieren. Herausgekommen ist etwas völlig Neues, etwas, was ihr Spaß macht, was sie aber auch verunsichert. Deswegen hat sie sich zu einer kleinen Probetour aufgemacht.

Vielleicht stand ihr Supportact bei dem Berlinkonzert, die Sängerin Mr. Silla, wenn man schonmal an einem so metaphorisch aufgeladenen Ort wie einer Kirche ist, auch für die alte, die nunmehr überwundene Sóley, kommt sie auf der Bühne doch komplett ohne Mitmusiker aus und singt einfach über Electro-Samples, die sie nur selten mit live gespielten Gitarren- oder Keyboardspuren begleitet. Ihr Sound ist dem von Sóleys letzter Platte sehr ähnlich, ist aber eben auch ähnlich spannend.

Quelle: YouTube

Sóley selbst, die ihr jüngstes Werk überraschend kritisch sieht, möchte auf ihrem nächsten Album positivere Musik machen, obwohl ihr die Welt der “Happy Pop Music” eigentlich unsympathisch ist. Aber sie möchte es richtig machen, dabei niemanden verlieren oder vor den Kopf stoßen. Deswegen probiert sie es schonmal live aus, bevor auch nur ein einziger Song veröffentlicht ist. Deswegen ist sie nach Berlin geflogen und sitzt in der Kirche. Für ihre neue Musik öffnet sie sich auch anderen Musiker٭innen. Sie möchte ihren Sound und ihre Liveshow mit einem größeren Ensemble neuerfinden, in dem sich neben Gitarrist und Schlagzeuger auch ein Bläsersatz, eine Akkordeonspielerin und eine zweite Sängerin und Pianistin befindet.

Herauskommt eine Show, die ihrer letzten Tour, ihrem 2015er Konzert in der Volksbühne etwa, tatsächlich überlegen ist, die vielseitig und offen ist. Das Publikum mit neuen Arrangements der alten Songs ans Neue heranzuführen, die dadurch folkiger klingen und sich ein wenig an den Sound von Beirut annähern, funktioniert erstaunlich gut. Den logistischen Aufwand, selbst auch innerhalb von Songs zwischen mehreren Bühnenpositionen hin und her zu wechseln, bewältigt sie mit sympathisch-chaotischer Herangehensweise. Dabei ist es ein Glück, dass sie auch ganze Shows komplett ohne Musik bestreiten könnte, da sie ebenfalls ureigene Comedy-Qualitäten aufweist. Denn eine solche Show, in der alles außer der Musik improvisiert ist, kann auch kippen. Nicht so bei Sóley, die unbeirrt minutenlange Monologe darüber hält, dass ihr Kleid zu kurz ist und sie daran denken muss, die Arme nicht zu hoch zu heben. Dass sie glaubt, ihr Soundtechniker würde sie hassen. Dass sie geträumt hat, zum Auftritt in Berlin würden nur fünf Leute kommen und sie würde sich ständig verspielen. Dass man nicht denken darf, die Männer in ihrer Liveband seien ihre Liebhaber.

Sóley Passionskirche live Konzert Morr

Eher nicht so gut aufgegangen ist das Experiment, die Berliner Show in eine Kirche zu legen. Zwar sind die schlichte Eleganz der Passionskirche und ihre herausragende Akustik ein würdevolles Setting. Aber gerade letztere wurde dem Konzert teilweise zum Verhängnis, da eben nicht nur die Musik von der Kuppel endlos hallverstärkt wird. Auch die Geräusche der Theke, die für das Konzert aufgebaut wurde, jede klirrende Flasche, jedes Gespräch durchbrach immer wieder die Performance und ließ keine rechte Konzertatmosphäre aufkommen. Es gibt offensichtlich nicht nur religiöse, sondern auch ziemlich profane Gründe dafür, warum auf Kirchenbänken sonst nicht gesprochen oder Bier getrunken werden darf.

Dass es Sóley ohnehin fremd ist, eine Distanz zum Publikum aufzubauen, entschädigte hierfür in der Show jedoch. Und da es sich bei dem Ganzen um ein Work-in-Progress-Experiment handelte, war ein wenig Proberaumatmosphäre auch verkraftbar. Um die präsentierte Musik war es dennoch schade. Wie Sóleys neues Album wird, bleibt abzuwarten. Es soll 2017 herauskommen. Hoffnungsvolle Musik steht ihr zwar augenscheinlich ziemlich gut, ist aber zunächst ungewohnt. Doch der bleibende Eindruck des Abends ist, dass man Sóley trauen kann, da niemand so souverän mit offenen Karten spielt wie sie.

Bilder: © Katharina van Dülmen

5 Kommentare

  1. Eine sehr sympathische Musikerin mit guten Live-Qualitäten.
    Fand ihre letzten Alben aber gar nicht so düster, weil sie immer liebevoll, lieblich daherkamen. Wahrscheinlich wegen Sóleys leicht schrulliger Aura, die sie eher burtonesk-schwarz, also sehr verspielt, als wirklich dunkel erscheinen lässt. Aber trotzdem ungewohnt, sie jenseits der allgegenwärtigen Melancholieatmosphäre anzutreffen. Beirut? Oha, ich bin gespannt.

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