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Sprache, Mut und Zauberei: Saša Stanišić – Fallensteller

Sasa Fallensteller

Saša Stanišić hat unter dem Titel „Fallensteller“ einen fulminanten Erzählband veröffentlicht, der seine sprachliche Virtuosität erneut eindrucksvoll illustriert.


„Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei“, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem kürzlich erschienen Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten und Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

Saša Stanišić kam im Alter von 14 Jahren nach Deutschland. Geboren wurde er in Višegrad, einer kleinen Stadt in Bosnien, aus dem er mit seiner Familie 1992, nach der Besetzung durch die Serben, floh. Schnell wurde klar, dass der junge Saša ein außergewöhnliches literarisches Talent besitzt – heute ist er ein vielfach ausgezeichneter Autor und vor allem für seine zwei Romane Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) und Vor dem Fest (2014) bekannt. In Fallensteller präsentiert der Schriftsteller nun zwölf Erzählungen, die teilweise als Fortsetzungsgeschichten gelesen werden können. Stanišić setzt seine Verweise aber nicht nur innerhalb des Erzählbandes, sondern knüpft auch an seine vergangenen Werke an.

Schauplatz der umfangreichsten Erzählung des Bandes – Fallensteller – ist das schon aus Vor dem Fest bekannte Dorf Fürstenfelde, welches mit direktem erzählerischen Bezug eingeführt wird:

„Fürstenfelde. Einwohnerzahl: gerade. Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt´s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.“

In Vor dem Fest hatte Saša Stanišić reale Personen des kleinen Dorfes in der Uckermark mystifiziert und den Figuren seines Romans damit eine besondere Tiefe gegeben. Der Ort irgendwo im brandenburgischen Nirgendwo wird in Fallensteller um eine mysteriöse Person erweitert, die nur in Reimen spricht:

„Über das öde Land, querfeldein, marschiert durch die Dunkelheit einer, verwegen muss er sein, strauchdiebisch oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt, hätte überm Kopf ein Dach, nicht Sterne, miede nicht die Dörfer, ach, jede Laterne, schliche nicht geduckt jenseits unsrer weltlichen Wacht.“

Dieser geheimnisvolle Vagabund behauptet von sich, die mannigfachen Probleme der Dorfbewohner lösen zu können, indem er listig ausgetüftelte Fallen bereitstellt. Der reimende Selbstdarsteller liefert eine Show ab, deren Faszination sich die Dorfbewohner sich zunächst nicht entziehen können, obwohl einige doch felsenfest davon überzeugt sind, einem trickreichen Betrüger aufzusitzen.

„Auch nach einem Mal drüber träumen glaubte er an einen Trick, und dass der Kerl ein Betrüger sei. Allein, wie der angezogen war: Mantel und Hut, ganz klar eine Verkleidung. Ehrliche Menschen verkleiden sich nicht […]“

Schnell fühlt man sich als Leser diesem Eindruck verbunden. Stanišić inszeniert sich selbst als seine Figur: Ein mysteriöser Sprachkünstler, dessen Handwerk im Erstellen von listigen Fallen besteht.

Die verkleidende Sprache, die der Fallensteller Stanišić für seine einzelnen Erzählungen wählt, stellt ihn als virtuosen Illusionist dar. Mit seiner literarischen Kunst verschachtelt Stanišić mühelos Ebenen und lockt den Leser in die Untiefen seiner prosaischen Fallgruben. Das Wundern, das Zweifeln, die Magie der Sprache führen den Leser in eine faszinierende Welt, in welcher der Leser dem Ränkespiel des Autors ausgeliefert scheint und nicht mehr klar zwischen „Realität“ und Fiktion unterscheiden kann. Stanišić projiziert sich selbst in seine Geschichten und provoziert ganz gewollt diese direkten Assoziationen beim Leser.

Gerade in der abschließenden Geschichte In diesem Gewässer versinkt alles drängt sich eine biographische Anlehnung an den Autor auf. Der Ich-Erzähler erinnert sich dort an seine Kindheit, die stark vom Verhältnis zu seinem Großvater und den Brüchen innerhalb seiner Familie geprägt sind und von der Flucht aus einem vom Kriege gebeutelten Land bestimmt worden war. Der Großvater schenkt dem Jungen ein blaues Hemd, das zum Sinnbild seiner magisch anmutenden Stärke und Beständigkeit in einem Kontext avanciert, in dem sonst alles versinkt  – das Hemd trägt den Jungen über ein Fluss aus den Tränen seiner Mutter hin zu einer neuen Heimat.

„[…] in diesem Gewässer versank sonst alles, Steine sowieso, aber auch Bälle, Bäume, Kühlschränke, einmal ein Ochse mitsamt dem Karren, der blöde Fluss, Kanarienvögel flogen hinein und versanken, ein Fahrrad, das dem Jungen versprochen worden war, im Sommer die Wolken, Schnee im Winter und zur Schneeschmelze einmal eine Brücke und im Frühling einmal ein Vater. Das hat der Junge aber nicht selbst gesehen, er hätte aber Anspruch darauf gehabt, denn es war sein eigener.“

Es ist diese faszinierende Bandbreite sprachlicher Verspieltheit, die jede einzelne Geschichte in Fallensteller zu etwas Besonderem macht. Heiterkeit und Melancholie liegen nah beieinander. Illusion und Fiktion überlappen. Manchmal überliest man bedeutungsschwangere Metaphern obgleich ihrer Unaufdringlichkeit fast, in anderen Fällen lässt Stanišić sie gezielt ins Leere laufen. Es ist wahrhaftig ein Buch voller Sprache, Mut und Zauberei.


Titelbild: Luchterhand Verlag

Wir bedanken uns beim Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

4 Kommentare

  1. Stanišić mag ich sehr gern. Übrigens auch ein sehr guter Vorleser der eigenen Werke, die zum Vorlesen wegen ihrer fein geprägten Sprache sicher auch einladen.

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