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Moebius: „Arzak der Raumvermesser“ – Moebius der Arzak-Verwässrer?

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Normalerweise ist die Rezension eines Moebius-Bandes immer eine willkommene Herausforderung, die unter anderem darin besteht, neue, bisher unbenutzt gebliebene Superlative zu finden, um mit ihrer Hilfe das Genie des Franzôsen angemessen zu würdigen.
Hier muss allerdings auch eine kritische Stimme losgeworden werden: Sind wir, die Moebius-Verehrer und Arzak-Fans der ersten Stunde, wirklich bereichert, wenn jene grandiosen, von unausgesprochenen, da tendenziell unaussprechlichen Mythen und Ataraxien ausgekleideten Leerstellen des Originals nun plötzlich zahlreiche Konkretisierungen erfahren? Tut es der seraphischen Seltsamkeit Arzaks wirklich gut, dass er nicht länger in wortloser Pracht nonverbale Panoramen auf seinem Flieger aus Fleisch und BluTech durchstreift und dabei in delphische Begegnungen und Aktionen weit jenseits unserer 9-to-5-Normalnullität verwickelt ist?

Endlich weiß man, was sein Flugsaurier ist – ein Pterodelphus. Und dass es sich um ein bionisches, übrigens einer deformierten Ente mit inadäquaten Flügeln nicht unähnliches Viech handelt. Und Arzak, der einsame Geometer (?), hat die Funktion eines Gendarms auf der kargen Wüstenwelt Tassili inne, wobei die Betonung mehr auf Gen-etik denn Peristaltik zu legen wäre. Er ist eine Art Elite-Kämpfer auf Gesetzeshütermission – daher auch sein wunderbarer (Gesetzes-)Hut.

Kern des Plots dieses Nachfolgers von Moebius’ 1975er (in vollstem Sinnumfang des Wortes) Kult-Klassiker „ARZACH“ ist eine von Rassismus heimgesuchte ferne Gesellschaftsform, der weder utopische Technotechnik noch dystopische Primoprimitivität fremd zu sein scheint und in der die reptilienartige Spezies der Werg für untermenschlich befunden und gejagt wird. Werg-Schädel machen dabei als wertvolle Trophäen die Runde, und Arzak will in seinem Gerechtigkeitsstreben den faschistoiden Machenschaften unbedingt ein Ende setzen.

Thaumaturg Giraud schenkt uns zum Abschied eine durch und durch anständige, auf sympathische Weise trashige SF mit politischen Untertönen, pulpösen Jargon-Kaskaden (Hyperraumlöcher, Zentralisatoren, Azaping-Systeme, Xanedrinjunkies etc.) und artifiziell-artistischen Namensgebungen (Xing Wang Xu, Werga, Kimorg Barbax, und nicht zuletzt: Ark der Einzige – der letzte Techno-Schamane des Werg-Imperiums), die aber im Gegensatz zum rein bildhaften Ursprungsmaterial eine Art Profanierung, Desublimierung, Verweltlichung und schließlich Entmöglichung darstellt, die einen, wenn auch minimalen, Enttäuschungsstrich durch die Rechnung des tief geneigten Kritikers zu ziehen imstande ist. Die Kraft des Ungesagten, Unbeschriebenen, Unerhörten ist doch – so banal, so wahr – nach wie vor nicht zu unterschätzen. Ein bisschen könnte Moebius seinem eigenen Werk Magiepunkte abzogen haben, indem er es in einen normalen, logischen, narrativen, sprich: sprachlichen Kontext eingepfercht hat. Aber hey, Schmollitäten beiseite: Hier wirkt immer noch kein Geringerer als der Genius Moebii!

In einem autobiographischen Nachwort erklärt Giraud, dass „Arzak leben wollte“. Und so lässt er seinen Sonderliebling in, wie zu erwarten, chromo- und xenophilen Illustrationen Sprech blasen und Narrations- & Interaktionskomplexe ondulieren. Natürlich muss man dem Wunsch des Meisters, eine Geschichte nicht nur in Bild-, sondern auch Worttaten greifbarer Charaktere erzählen zu wollen, mit Respekt begegnen. Dennoch ist das Resultat, wenn man mit ehrlicher Kritik herangeht, zwiespältig, denn die unfassbaren Arzak-Welten von einst werden durch mehr oder minder ausgenudelte Topoi unterminiert-torpediert. Heraus kommt etwas Gutes, dem insgesamt jedoch ein gewisser Genieblock anhaftet … Es stellt sich nun mal die Frage nach der Kongenialität zwischen Sprach- und Bildebene, wobei letztere ja für sich allein genommen ikonisch ist. So ist die gebotene Story per se semi-originelle Standard-Phantastik mit Seltsamkeitseinlagen. Die Ultra-Eskapismus befördernde Mise en Scène aber ist nach wie von Aurum umkrönt: Paradiesische Hirne erfahren eidetische Aufrollung und RegenboGenHäute der RaumzeiT sprengen jedwede Vorstellungskraft …

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