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Das neue Boys-Noize-Album – Mayday

Sein neues Album Mayday führt Boys Noize zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Und nimmt seine Hörerinnen gleich mit zu ihren.


Wenn ich heute meinen fast vergessenen iPod Mini (Farbe Gold) aus irgendeiner Kiste krame, findet sich da nicht so viel elektronische Musik. Ja, er funktioniert noch (2005), allerdings wie so viele Apple-Geräte nur, wenn man permanent das Ladekabel anschließt. Ich scrolle also durch die musikalischen Schätze und Sünden meines 15-jährigen Ichs und höre vor allem Rock, Pop und Soul. Ein bisschen TLC hier, ein wenig Arctic Monkeys dort. Aber ein paar wenige elektronische Tracks gibt es doch und ein Song war damals relativ lange – einen ganzen Sommer – in jeder meiner Playlists: „Young Love“ von Kid Alex. Damals wusste ich noch nicht, dass Kid Alex eigentlich zwei sind und der eine, Alexander Ridha, eigentlich Boys Noize.

Quelle: Vimeo

Ich muss zugeben, dass ich den Track heute noch ziemlich cool finde. Vielleicht liegt es an der Melancholie meiner Jugend. „I take you to a special place where the girls are topless, topless, topless…“ Also mein 15-jähriges Ich hätte sich sicher niemals topless irgendwo gesonnt und heute mit meinem von feministischer Denke geprägten Ich könnte frau natürlich diesen Songinhalt ziemlich auseinandernehmen, aber was soll’s. Ich kann mich nicht daran stoßen, denn irgendwie schwebt der Text auf eine Wolke der Unschuld. Alexander Ridha musste, so steht es zumindest bei Wikipedia, den Text selbst einsingen, weil die Sängerin nicht zum Aufnahmetermin erschienen sei. Welch ein Glück, denn diese unbeholfene Stimme macht das Ganze ganz unprätentiös.

Eigentlich soll ich hier über Ridhas also Boys Noizes neues Album schreiben. Mach ich jetzt auch. Heute gehört elektronische Musik nicht mehr zur Ausnahme meiner CD-Sammlung. Von Boys Noize stand aber bis vor ein paar Tage noch nichts im Regal. Ich setze mich etwas zerknautscht und immer noch müde an den Schreibtisch. Kopfhörer auf und starte das Album. „Mayday“, da muss ich zuerst an das Mayday-Festival für elektronische Musik denken, das Anfang 2000 unter anderem von WestBam organisiert wurde. Aber der Künstler wollte wohl eher auf den internationalen Notruf im Sprechfunk hindeuten. Ich stelle mir vor, wie Ridha am Fenster steht und durch ein Megafon ruft: Mayday, Mayday! Hört euch mein neues Album an und ihr werdet gerettet! Und tatsächlich, der erste Track weckt mich auf. Aus der trägen schwülen Sommermüdigkeit Berlins oder der Langeweile, die sich im Laufe eines Masters ab und zu mal einstellt. Ich bin auf einmal wach und wackele in meinem Sessel hin und her. „Overthrow“ ist eine ziemliche Sahneschnitte und gut platziert, als erster Track holt es die Hörerin direkt ab. Keine Kompromisse.

Ich mache mir Sternchen hinter die Tracks, die mir besonders gut gefallen und bis zur Hälfte werden es irgendwie immer mehr. Die Mischung aus Techno und House macht jeden Track tanzbar und sorgt für eine gewisse Klarheit. Nichts Verschnörkeltes, nicht zu viel. Die Beats sind hart und eindeutig. Das macht Spaß. Was man aber auch heraushört, sind Ridhas frühere Verbindungen zur Indie- und Punkszene. Es gibt da immer etwas Rotziges. Ein Element, das jeden Track kratzig und provokativ macht. Einige Titel erinnern mich an die experimentellen Rave Bewegungen der 90er und 00er Jahre. In der zweiten Hälfte der 13 Tracks sind auch ein paar dabei, die mir teilweise zu einseitig sind. Aber das kann mensch durchaus verschmerzen. In „Midnight“ meine ich wieder Ridhas Stimme zu hören, hat er sich doch noch mal getraut, selbst zu singen?

Boys Noize aka. Alexander Ridha hat eine interessante Mischung aus Techno, House und Rockelementen produziert, die nicht super innovativ ist, aber eben durch die Verweise in die 90er und 00er Jahre einem Genre in der elektronischen Clubmusik huldig, das sich damals Uneindeutigkeit und Grenzgängertum auf die Fahne geschrieben hatte. Auf jeden Fall finde ich in 20 Jahren auf meinem Mp3-Player von heute den besten Track: „Euphoria“.
„Mayday, mayday macht, was euch gefällt“, höre ich Ridha durch sein Megafon rufen.

Quelle: YouTube

Quelle Titelbild: boysnoizerecords.com

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