Benjamin von Stuckrad-Barre „Panikherz“ – Nur Pop oder auch Literatur?

Ist das nur Pop oder ist das auch Literatur, fragt man sich, wenn man Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch „Panikherz“ liest, eine romanhafte Autobiographie. Vielen gilt er als zu schnell, poppig, schrill und groupiehaft. Und überhaupt erregt es so manchen bürgerlichen Leser, dass Stuckrad-Barre mit Lesungen Hallen füllen kann, irgendwie hyperaktiv und zappelig, aber dabei auch ziemlich cool wirkt und alles wie eine riesige Show aufgebaut ist. Denn dies mag nicht so recht passen, zu diesem sonstigen deutschen Literaturbetrieb, der auch bei großartigen Werken oft etwas bieder daher kommt.


 

Fraglich bleibt auch zunächst, ob diese Autobiographie geschrieben werden musste. Gewiss, viele Kritiker behaupten, dies sei das Buch, das Stuckrad-Barre hat schreiben müssen, doch ob die Welt es hätte es lesen müssen, bleibt dahingestellt.

In „Panikherz“ schildert er – zwischen humorvoller Selbstironie und bitterem Zynismus – mit vielen Zeitsprüngen über Jahre hinweg seine Flucht in die Sucht nach Kokain, Alkohol und Bulimie, seinen Absturz als Mensch und Autor, der bei Veranstaltungen völlig zugedröhnt war. Es geht aber auch um Reisen, seinen Drogenentzug, die vielen Versuchungen zurückzufallen, die damit verbundenen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der Familie (vor allem gegenüber dem großen Bruder), aber auch um Reisen, seine enge Freundschaft mit dem Sänger Udo Lindenberg und Stuckrad-Barres Faible für Popmusik und -kultur, dem wohl insgesamt sein ungezwungener, cooler, aber auch banaler Habitus entspringt.

Damit steht er in der jungen Tradition einiger Popkultur-Schriftsteller, die seit den 1980ern vor allem die radikale und schonungslose Schilderung eines abgefuckten Ich-Erzählers predigen und praktizieren. Der meiner Meinung nach wenig kompetente Autor und Literaturkritiker Maxim Biller nannte dies vor circa einer halben Dekade fälschlich „Ichzeit“ und konstatierte, dass allein so Literatur beschaffen sein müsste; Schreiberlinge wie Biller oder Autoren, die dieser Schreibrichtung – der Begriff Schule würde diese Strömung einerseits überbewerten, aber andererseits auch unrechtmäßig homogenisieren und über einen Kamm scheren – angehören, so wie nun auch Stuckrad-Barre, sind damit zwar offen und schonungslos und erzählen manchmal auch heftige Geschichten, aber die klassischen Themen der Literatur (Intrigen, Hass, Liebe, Gesellschaftskritik etc.) gehen dabei oft unter oder werden auf ein alltäglich-banales Niveau gedrückt; vereinfacht gesagt, die omnipräsente Drogensucht versperrt in „Panikherz“ den Blick auf manch andere hintergründige soziale Schieflage – als positives Gegenbeispiel, in dem sich Drogensucht und Sozialkritik ergänzen, kann die Autobiographie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. fungieren, obgleich diese in Relation zu Stuckrad-Barres Buch einfacher und literarisch nicht so gut geschrieben ist.

Humor und Charme kann man dem Autor und seinem neuen Werk nicht absprechen. Witzig und amüsant ist das Buch alle Male, hin und wieder sogar ein wenig tiefgründig und selbstreflexiv. Psychologisch gesehen, ist es für Stuckrad-Barre selbst ein Meisterwerk der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Für den Leser ist es eine lange Ausarbeitung von Exzessen und Entzügen auf über 550 Seiten.

Dennoch ist das Buch nicht langatmig, was primär an der unorthodoxen, manchmal auch krassen und groben Beobachtungsgabe sowie dem jovialen Schreibstil von Stuckrad-Barre, aber auch am Abwechslungsreichtum der Handlung liegt. Passagen der Drogensucht und des Versuchs der Rehabilitierung wechseln sich etwa ab mit Abschnitten, in denen vor allem die exzentrische und einzigartige Art von Udo Lindenberg oder die Schilderung eines zugekoksten und betrunkenen homosexuellen Hollywoodschnösels, der in ein paar Minuten ein paar tausend Dollar verbraucht und trotzdem gut gelaunt bleibt, für so manchen Lacher sorgt.

Somit ist „Panikherz“ ein unterhaltsamer autobiographischer Roman, hip und cool geschrieben, dessen Hype im Zuge der popkulturellen Reminiszenzen erklärbar, aber weitgehend unbegründet ist; denn qualitativ hochgradige Literatur sieht anders aus, auch wenn Stuckrad-Barres Duktus dazu beitragen kann, den Literaturbetrieb partiell zu entkrampfen.

Beitragsbild: Cover der Lesetour von Benjamin von Stuckrad-Barre. Rechte verbleiben bei Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.