Gion Mathias Cavelty! Der Autor im Interview

Gion Mathias Cavelty (geb. 1974) ist ein in Zürich lebender Autor und Kolumnist, dessen erste Veröffentlichung „Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer“ (Suhrkamp, 1997) den Auftakt zu einer komisch-grotesken Romantrilogie mit den Nachfolgebänden „Ad absurdum oder Eine Reise ins Buchlabyrinth“ (1997) und „Tabula rasa oder Eine Reise ins Reich des Irrsinns“ (1998) bildet. In der 2000 ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Satire „Endlich Nichtleser“ rechnet Cavelty knallhart und präzise mit dem Buchmarkt ab, der von banalen Einfallslosern und Stumpfsinn aller Art und Abart zugekrustet ist. 2009 kam sein fünftes Buch „Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie“ heraus, um das es im folgenden Gespräch geht:


Daniel Ableev

Die erste Frage, lieber Gion, ist allgemeiner Natur: Wie viel Nichtleser steckt heute in dir, was nichtliest du am liebsten? Lässt sich eine Analogie zu Nichthören und Nichtsehen bilden?

Gion Mathias Cavelty

Vielen Dank, Daniel, für diese wichtige Frage. Da du sie mir schriftlich vorgelegt hast, weiss ich leider nicht, worum es geht, denn ich bin Nichtleser, falls dir das noch nicht bekannt war. Ich lese alle Bücher, die ich nicht geschrieben habe, nicht. Die Bücher, die ich geschrieben habe – bislang sechs an der Zahl, darunter eben „Endlich Nichtleser“ – lese ich auch nicht. Niemand soll sie lesen. Kaufen allerdings schon. Ich bin kein Leser, und auch kein Seher, ich bin ganz eindeutig ein Hörer. Ich höre alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann.

Dein Buch „Andouillette“, um das es hier geht, ist Myriam gewidmet. Darf man erfahren, wer das ist?

Durchaus.

Und wie kamst du auf die Idee, in diesem Buch Wurst und Dante unter einen Hut zu zaubern?

Ich bin in einem Pariser Bistro fast an einer Andouillette erstickt. Ich wusste nicht, was eine Andouillette ist, habe aufs Geratwohl eine bestellt, weil mir das Wort auf der Speisekarte aufgefallen und sympathisch war. Ich dachte, das sei vielleicht eine Art Wachtelchen oder so. Nun: Das Ding entpuppte sich als üble Höllenwurst. Beim ersten Bissen bin ich fast gestorben. Das stinkende Fleisch ist mir im Hals steckengeblieben, und ich hatte eine Vision, wohl wegen des daraus resultierenden Sauerstoffmangels: Ich war von hellem Licht umgeben, und Gott erschien mir als gigantische Seife. Das war total einleuchtend. Ich suchte dann nach einem Weg, diese Nahtoderfahrung literarisch zu verarbeiten, und da Dante für mich sowieso schon immer der Grösste war, schrieb ich dann meine eigene „Göttliche Komödie“. Die allerdings im Himmel anfängt und in der Hölle endet, also Dante auf den Kopf stellt. Genau das sollte man tun, wenn einem was im Hals stecken bleibt (also sich auf den Kopf stellen. Sich – oder die Welt um einen herum, man kann es sich aussuchen). Hallo? Sind Sie noch da?

Sorry, war kurz verschieden. Aber jetzt bin ich wieder voll existenzbereit und frage ganz unverblümt: Was genau ist eine „pseudostellare Nullstelle“, die zu Beginn dieses offenbar autobiographischen Romans auftaucht?

Das ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Du weisst ja, dass sich am 21. Dezember 2012 laut Mayakalender die 33 kosmischen Portale öffnen, damit sich das göttliche Licht des letzten Kristallschädels von Atlantis über das Stirnchakra der Erde ergiessen kann. Da spielen die pseudostellaren Nullstellen eben auch eine gewisse Rolle. Hast du denn in der Primarschule gar kein bisschen aufgepasst?

Ich gebe zu, dass ich sowohl die Grund- als auch Hauptschule durchgepopelt habe. Du hingegen bist, wie mir scheint, in zahlreichen Themen dies- und jenseits der knallharten Naturwissenschaften gut bewandert. Könntest du vielleicht erläutern, warum die Engel und Himmelskardinäle japanische Namen wie „Mimutimaru“ oder „Kardinal Prof. Dr. Akahoshi Akimura“ haben. Oder was die bei 19 Millionen Gigahertz liegende Schwingungsfrequenz der Delphin-Fütterungs-Engel Sakassimaru und die durchschnittliche Kardinalshöhe von 88 Meter zu bedeuten haben? Könnte es sein, dass du ein begeisterter Wissenschaftsparodist bist?

Na ja, da ich von Wissenschaft keine Ahnung habe, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als sie zu parodieren. Man sollte generell nur Dinge parodieren, die man nicht kennt. Die Parodien kommen am Schluss echter als das Original heraus (das wurde mir mehrfach bestätigt). Ich habe zum Beispiel einmal eine „Zauberberg“-Parodie geschrieben, ohne das Werk von Thomas Mann gelesen zu haben. Ein Mann-Kenner hat mir dann gesagt, das ich quasi 1:1 den Original-„Zauberberg“ verfasst habe, er sei sogar noch ein bisschen zauberbergiger als der „Zauberberg“. Irgendein griechischer Philosoph hat ja mal gesagt: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“. Ich würde das umdrehen: „Ich weiss nicht, dass ich weiss.“ Im Prinzip weiss man alles, nur weiss man das nicht. Was die von dir angesprochenen Jenseits-Vision betrifft: Da ich noch nie im Jenseits war, gehe ich also davon aus, dass sich dort alles genau so abspielt wie von mir geschildert. Dass es dort also nur japanische Kardinäle gibt, die auf Motorrollern herumfahren, die mit Delfin-Urin betrieben werden. Ja, ich fürchte: genau so wird es sein.

Ob „Ableev“ auf Ukrainisch wirklich „Auflauf“ bedeutet oder wie der von dir erwähnte griechische Philosoph heißt, das weiß ich leider nicht (ich weiß ja nicht einmal, was ich alles nicht weiß), aber deine Erklärungen scheinen plausibel. Im sechsten Kapitel – dem Purgatorium – hast du plötzlich die Form einer Monstrosität mit Fischkopf und Tentakeln angenommen. War das Motion-Capturing-Verfahren anstrengend?

Nicht ich selbst verwandle mich in dieses Fischmonster, sondern der Ich-Erzähler, das ist ein gewisser Unterschied. Ganz am Anfang des Buches stirbt der Ich-Erzähler, als Seele durchstreift er den Himmel (der Gott und somit eine gigantische Seife ist) und dann fällt er durch ein Loch im Himmel zurück auf die Erde, wo er in die Holzstatue von Tattuschili – eben diesem Fischungeheuer – fährt. Im Fortsetzungsroman zu „Die Andouillette“ nimmt das Fischmonster dann übrigens die Gestalt des österreichischen Sängers und Entertainers Peter Alexander an. Ganz schön esoterisch, finde ich. Peter Alexander ist übrigens just einen Monat nach Erscheinen der Fortsetzung (Titel: „Die letztesten Dinge“) gestorben. Da besteht ganz eindeutig ein metaphysischer Zusammenhang.

Hmm, eine beachtliche Verknüpfung. Ebenfalls beachtlich sind die stylishen und originellen Illustrationen, die in der Buchmitte ihr äußerst bizarres Unwesen präsentieren. Wie bist du mit den beiden Künstlern Beni Bischof und Yves Netzhammer in Kontakt gekommen und was kannst du über sie und ihre bildnerische Leistung erzählen? Und nebenbei gesagt: Vielleicht kannst bzw. solltest du eines Tages als Run-G.M.C. ein Rap-Album herausbringen.

Das ist eine gute Idee. Ich könnte auch die General Motors Company gründen. Oder dem Gambia Muslim Congress beitreten. – Beni Bischof und Yves Netzhammer sind zwei Schweizer Künstler ungefähr in meinem Alter, beide bewundere ich schon lange, und es war eine Riesenfreude für mich, dass sie ihre crazy Illustrationen zum Buch beigesteuert haben. Check out their work! Auf einem Rap-Album habe ich übrigens schon mal mitgemacht (Gimma: „Unmensch“).

Das zwölfte Kapitel, die Hölle, ist ganz großes Fleischtennis. Es gibt dort Dämonen des Eiters, einen blinden, verrückten Tintenfisch und überhaupt ganz viel Schwarzen Quatsch. Welche (fleischlichen) Inspirationen aus Film, TV, Radio etc. haben dich bei diesem „Höllen“ geritten?

Ich habe viel – real existierenden – okkulten Nonsens gelesen, Dutzende von spätmittelalterlichen Grimoires, Dämonenbeschwörungen von und à la Aleister Crowley, kiloweise gnostischen Kram etc. Nicht speziell für die „Andouillette“, sondern schon früher. Auf die Idee, dass die Hölle ganz aus Fleisch besteht und der Leibhaftige (genauer gesagt: DIE Leibhaftige) eine Wurst ist, bin ich allerdings selbst gekommen. Fleisch fasziniert mich sehr, wenn auch nur theoretisch. Ich weigere mich zum Beispiel standhaft, kochen zu lernen, weil mir Fleisch Angst macht. „Das Wort ist Fleisch geworden“ ist trotzdem mein Lieblingszitat aus der Bibel. Eines Tages wird mir das gelingen – aus Buchstaben so einen Homunkulus herzustellen, der mir dann zum Beispiel den Fernseher reparieren kann. Oder meine Texte schreiben. ’nen kleinen Wurstgolem. Ich werde ihn „Andi“ taufen.

Ach, ich weiß, das ganze un- bzw. abartige Fleisch. Aber Wurstgolem – genial! Apropos Happen: Irgendwann stolpert man in deinem Roman über den „Phallus Dei“– es gibt ja ein tolles Krautbum von Amon Düül II mit diesem Titel. Und das führt mich direkt zu der Frage, ob und inwieweit Musik, speziell Heavy „Fucking“ Metal, dich beim Schreiben antreibt. Ist es für dich zum Beispiel schwer, dem Schwermetall im Rahmen eines Buches keine Reverenz zu erweisen und dein Metalfan-Sein zeitweise zurückzuhalten? Wie viel Prozent Metal stecken denn wirklich in der Hölle, und ist Luzifer wahrhaftig ein wüst shreddender Saitenhexer?

Luzifer stelle ich mir eher wie Andi Borg vom Musikantenstadl vor. Hoppla, da ist der Name Andi ja schon wieder! Wobei sich Andi Borg mit Doppel-y schreibt, also Andyy oder AndDoppel-y. Zum Thema Metal nur so viel: „Endlich Nichtleser“ habe ich in sieben Tagen geschrieben, und dazu lief nonstop (!) der Song „Start the Fire“ von Metal Church, geschätzte 7000 Mal. Metal macht dich zur Maschine. Zur Schreibmaschine.

Lieber Gion – ich danke dir in der Tat für dieses sehr interessante Gespräch und wünsche dir alles Gute.

Lieber Dave, ich möchte dir auch noch einmal ausdrücklich für dieses sehr interessante Gespräch danken und dir alles Gute wünschen. Und einen herzlichen Gruss an die Frau Mutter.

Titelbild: Andri Pol

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