Literatur, Rezensionen
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Wildes vom Wuppertaler Seltsamann mit dem Sondermann

Eugen Egner Totlachen im Schlaf Cover

Eugen Egner schafft es, in Totlachen im Schlaf das Groteske des bürgerlichen Lebens abzubilden, und geht dabei rabiate Wege – übrigens auch orthographisch.


Ohne Egner, der von sich sagt, das Groteske sei schon immer Teil seines Lebens und Strebens gewesen, wäre viel wertvolles Seltsamkraut à la „Eines Abends beim Fernsehen erfand mein Vater die Kleinfamilie“ nie gesät und geerntet worden. Klar, für die meisten sind solche Albernheiten eher Unkraut, das gejätet gehört. Aber Egners Bücher – so auch sein Erzählungsband Totlachen im Schlaf – sind zum Glück nicht für die meisten gedacht.

Die Leitmotive in den 13 Kurzgeschichten und der titelgebenden Erzählung am Schluss sind: Mond, Mädchen, Paviane. Wie schon in seinen letzten Veröffentlichungen „Schmutz“ oder „Nach Hause“ gibt es hier eine bürgerlich-realistische Prosa, die von wirrtuosem Wahnwitzismus umweirdet wird. Während die Ausgangssituationen tendenziell wenig Aufsehen erregen und die Protagonisten unphantastische Namen wie „ich“, „Arland“ oder „Schumann“ tragen, lauert hinter der nächsten Buchseite mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine knallharte Egnereske. Thematisiert werden unter anderem die obskure Zeitschrift „Der Monddoktor“, eine krasse Krankheit, deren Opfer, durch ein Sekret begünstigt, zum Festkleben in möglichst hohen Baumkronen neigen, ein bizarres Pseudomädchen auf Staub- und Strahlenbasis, das Klarkommen eines erwachsenen Mannes mit seinem „inneren Mädchen“, ein seelengetriebener Anrufbeantworter … und der absurd schlechte/gute (bzw. so schlechte, dass schon wieder gute, also schluchte (und vice versa)) Komiker mit dem derbe reinknackenden Familiennamen Müller-Pavian, der nicht nur seinen guten Draht zum Mond, sondern auch seine Opfer im Schlaf mit unsagbar komischen Killerwitzen ins Jenseits zu amüsieren pflegt. Am Ende mündet jedenfalls alles, Robert Aickmans Strange Stories nicht unähnlich, ins traum-/paralogische Abseits, worin sich herrliche Hinweise auf das Unaussprechliche zu einer Abstrusitätssingularität sublimieren.

Intermeßßo: Was Orthographie angeht, setzt Egner voll auf Old School. Und man kanns ihm nicht verdenken – zwar mag „dass“ oder „müsste“ phonetisch logischer sein, doch ein „daß“ oder „müßte“ strahlt einfach eine besondere Wärme aus, die der neuen Rechtschreibung nicht länger eigen zu sein scheint. Man versinkt plötzlich in den unendlichen Sommern der 90er, als Kurt Cobain noch lebte, DJ Bobo noch bobote und Tablet-PCs nur einigen wenigen Auserwählten (Jean-Luc Picard, Data usw.) vorbehalten waren …

Was in Egners Geschichten ein wenig stört, ist das Stilmittel der rhetorischen Nachfrage, welche die aus ihrem mehr oder weniger bequemen Alltag herausgerissenen Protagonisten allzu gerne an sich selbst oder den Leser stellen: „Wie hatte sie auf den Mond geraten können?“, „Wie kann ich in dieser Zeit so gealtert sein?“, „Wenn die vier keine ‚Mädchen’ waren, was waren sie dann?“ usw. Der vom Autor immer wieder aufgedrängte Abgleich mit der (extradiegetischen) Normalität, in der Paviane keine Schallplatten abspielen (von Aufnehmen ganz zu schweigen), schwächt die Phantastik – imho – tendenziell ab. Aber nicht das Fazit: Egners gar schröckliche Kühnae sind ganz schön besonderbarer Kult made in Germanland.

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