Literatur, Rezensionen
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Schwarz und schwärzer, Loch und Löcher

In Black Hole entführt Charles Burns uns in eine bizarr sexualisierte Endzeitwelt und portraitiert eine Jugendkultur, die in die Geschichte einging.

von Sarah Kassem und Daniel Ableev


Der Inhalt von „Black Hole“ ist schnell zusammengefasst: ein Vorort von Seattle, die 1970er, eine Schule. Eine Epidemie bricht unter den Schülern aus, der „Bazillus“, welcher anscheinend sexuell übertragbar und nicht kurierbar ist. Symptome der Krankheit sind divers: Einigen wachsen Schwänze, andere bekommen Geschwüre oder leiden an totaler Deformation. Die kranken Schüler verstecken sich im Wald und klinken sich aus der Zivilisation aus.

Zu den Hauptcharakteren zählt Chris, eine schöne Schülerin, in die diverse männliche Mitschüler verliebt sind. Rob hat anscheinend Chris mit dem Bazillus angesteckt, jedoch bleiben die beiden zusammen, weil sie sich lieben. So nimmt die Geschichte ihren Lauf: Es geht um das Verhältnis von Chris zu Rob, Keith, Dave und anderen Mitschülern, um die Krankheitsproblematik, die Flucht von zu Hause, Alkohol- und Drogenmissbrauch, seltsame Halluzinationen – bis schließlich diverse Handlungsstränge in ein offenes Ende münden.

Als Erstes fällt der brillante Zeichenstil auf – ein laserscharfer Duktus mit einem Retro-Hauch von Pop-Art. Ultrapräzis konturierte Zeichnungen in geschmackvoll-groteskem S/W, wobei die Farbe Schwarz eindeutig dominiert, sind für das Verhängnisvolle von „Black Hole“ wie geschaffen und machen den Alptraum geradezu haptisch erfahrbar. Der von Sexuellem aller (Ab-)Art durchsetzte Bildroman – Vaginas, Brüste, Penisse und Rückseiten kommen massenhaft vor, besonders der weibliche Schambereich ist überrepräsentiert; Wunden, Wolken, Münder, Risse, Äste … irgendwann ist das Auge so darauf trainiert, dass man überall Vaginales zu erkennen glaubt – liest sich extrem spannend, denn Charles Burns ist etwas äußerst Atmosphärisches geglückt. Böse, phantasmagorische, also bleibende Eindrücke sind fast auf jeder Seite zu finden.

Das Schwarze Loch ist als kosmologisches Perversitätskonzept für knallharte Horrormetaphorik natürlich perfekt geeignet. In der Tat braucht man nicht viel mehr als die Farbe Schwarz, die für das unaussprechliche, wabernde Nichts steht, und ein Loch, welches jene Art von unsanftem Übergang zwischen Bekannt und Fremd, Natürlich und Widernatürlich repräsentiert, der hier plötzlich für das Highschool-Leben der Protagonisten relevant wird.

Dunkelheit regiert und kommt in wenigen Farben, aber vielen Formen zum Tragen. Dem Leser begegnen zahllose Anomalien: Rob entwickelt eine Art Vagina am Hals, die geheime Botschaften flüstert, Chris zieht sich mit einem Zug die Haut ab. Es gibt auch hin und wieder Tentakelhorror, was natürlich immer nur ein Plus sein kann. Die Handlung ist zuweilen etwas verwirrend, aber das Feeling des Bösen, das den Seiten dieses Buches innewohnt, ist sehr stark und unheimlich. Und in all diesem Wahnsinn gibt es dennoch Raum für Liebe und Romantik.

Das Buch, welches übrigens ein Cameo im Affenzirkus „Dawn of the Planet of the Apes“ (2014) hat, ist sehr groß, schwer und mächtig – Leserillen im Buchrücken sind unausweichlich. Trotzdem hat man „Black Hole“ in wenigen Stunden gelesen, denn es besteht nur zu circa zwanzig Prozent aus Text, der Rest sind überwältigende, teilweise mehrseitige Bilder. So auch der elegante Schluss: ein viereinhalb Seiten umfassendes Sternenhimmelpanorama, das ins Zentrum der Galaxie, Heimatland der Schwarzen Löcher, hineinzuzoomen scheint.

Doch was ist nun eigentlich dieser „Bazillus“? Eine Metapher für die Pubertät? Oder eine Generation-X-Story: die degenerierte Jugend mit ihrer Selbstzerstörung und ihren Selbstzweifeln? Ist es eine Coming-of-Age-Geschichte mit Horrorelementen oder eine Erwachsenen-Geschichte, betrachtet durch das Spiegelbild der Jugend? Was hat es mit den „Blair Witch Project“-artigen Figürchen im Wald auf sich, wo die deformierten Schüler hausen? Was bedeutet die Selbsthäutung, die bei Chris stattfindet? Und das Schwarze Loch: Ist es der Sog der Sexualität, der Drogen und des Alkohols, etwas Übernatürliches, Aliens, oder doch – aufgrund der zahlreichen Symbole – die Vagina per se(x)?

Die Widmung in „Black Hole“ ist übrigens eine Aneinanderreihung von vielen Vornamen, die womöglich Burns’ ehemaligen Mitschülern gehören. In einer Art Prolog-Gimmick sieht man nämlich verschiedene Jahrbuchbilder, die am Ende des Buches eine Reprise erfahren, jedoch in Post-Bazillusinfektions-Optik.

Fazit: ein optisch opulenter und berauschender Comic, hocherotisch und mit groteskem Horror übersät: Bestnote.

PS: Der Name Burns kommt einem bekannt vor, und tatsächlich: nach einiger Recherche findet man heraus, dass Matt Groening mit Burns in der Highschool für dieselbe Schülerzeitung tätig war und sich bei der Namensgebung seiner „Simpsons“-Figur Mr. Burns inspirieren ließ.

Titelbild: © Reprodukt/Charles Burns

4 Kommentare

  1. Schönes Review – jetzt habe ich natürlich große Lust drauf, das zu lesen. Gerade als Freund von Werken wie „Vakuum“ oder „Das bleiche Pferd“.
    Allerdings habe ich gelesen, dass das nicht nur ein Buch sein soll, sondern eine zwölfbändige Reihe – wie kann ich das verstehen?

  2. Pingback: Freitag, den 08. April 2016 | Kulturnews

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