AnnenMay­Kantereit. Die neue Naivität

Komisch, wie schnell man sich an diesen merkwürdigen Bandnamen gewöhnt hat. Aber AnnenMayKantereit geben in der Popkultur momentan nunmal den Takt an. Etwas machen sie richtig. Warum steht bei ihren aktuellen Konzerten dennoch so viel auf dem Spiel? Und wenn sie sich ihre eigene Nische geschaffen haben – warum gelingt es ihnen immer weniger, sie auszufüllen?


Freitag im Tempodrom

Der rote T3-Bulli, mit dem sie schon so viele Konzertreisen bestritten haben, muss im Moment viel hin- und herfahren, wenn er allein die aktuelle Tour von AnnenMayKantereit meistern muss. Da wollen plötzlich so große Hallen wie das Kölner Palladium, der Ringlokschuppen in Bielefeld oder die Hamburger Große Freiheit 36 beschallt und beleuchtet werden, dass man nur hoffen kann, er hat hochtourige Unterstützung. Am Freitag gaben die Herren aus Köln den ersten ihrer bislang drei angekündigten Berlin-Auftritte dieses Jahres, und bespielten erstmals das Tempodrom. Und obwohl das Konzert – wie alle anderen angekündigten Konzerte – innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, war es für AnnenMayKantereit ein Wagnis, dort aufzutreten. Denn mit Klubs oder Straßenshows hat die Atmosphäre in der Winterresidenz des Circus Roncalli nicht mehr viel zu tun.

Eine Veränderung der Räume verändert die Ansprüche an ein Konzert und zwingt Bands, sich neu zu erfinden, Shows zu entwickeln – ein Anspruch, dem AnnenMayKantereit mit Trotz begegnen und den zu erfüllen sie gar keine Zeit haben. Denn den Sprung vom Lido oder SO36 haben schon einige Bands geschafft, aber nicht in diesem Tempo. Der Auftritt im SO36 war erst im September, dazwischen lagen diverse Fernsehauftritte und eine Zirkuszelt-Tour. Und das nächste Konzert im Tempodrom ist auch schon im Mai. Der momentane Hype um die Kölner Band ist ohne Frage beispiellos. Seit Kurzem ist dann auch noch das heiß ersehnte Album Alles Nix Konkretes draußen, und kleinere Läden zu bespielen, ergibt ja irgendwie keinen Sinn, wenn man auch die großen vollkriegt. Warum AnnenMayKantereit am 1. April 2016 auf der Bühne des Tempodroms stehen, ist völlig klar. Weil sie’s können. Interessanter ist doch die Frage, warum alle anderen da sind?

Warum dieser Hype?

Denn wären AnnenMayKantereit bloß eine kitschige kleine Teenie-Popband, auf die sie einige Kritiker٭innen reduzieren möchten, wäre ihr Publikum nicht so wild gemischt. Und mit der unersättlichen Sehnsucht des deutschen Publikums nach Männern mit merkwürdigen Stimmen, die schon Lindenberg und Grönemeyer zu Marken machte, lässt sich der Erfolg auch nicht vollends erklären. Obwohl beide Ansätze natürlich helfen. Denn jedes Wort, das die Bandmitglieder am Freitag zwischen den Songs sagten, ertrank in Beifall, so als wäre jede ihrer Bewegungen Popkultur. Selbst ihr Tour- und Session-Trompeter, der ein Freund der Band zu sein scheint und gerade im Abi steckt, löste mit seinen zwei kurzen Bühnenauftritten in einem Teil des Publikums Sprechchöre und in einem anderen das Gefühl aus, man würde etwas verpassen, obwohl man doch die ganze Zeit mit dabei ist. Und eine besondere Stimme hat dieser Henning May ja.

Quelle: YouTube

Warum aber schlagen sie so ein? Sie werden ja oft als Klassensprecher einer Generation bezeichnet, was natürlich die Berichterstattung über diese vermeintliche Generation deutlich vereinfacht, lässt sie sich doch vollständig über die zwölf bisher veröffentlichten Songs einer jungen Band charakterisieren. Das erspart aufwendige empirische Erhebungen, weshalb Daniel Gerhardt in der Zeit zu dem fast freudigen Schluss über AnnenMayKantereit gelangt:

„Eine Band für die Nachfahren der Generation Y, die genauso desinteressiert und unpolitisch sind wie ihre Wegbereiter, sich aber nicht mehr dafür schämen.“

Quelle: Zeit Online

Was Gerhardt „Generation“ nennt, ist vielleicht mit dem sich schrittweise verschiebenden Zeitgeist der immer selben sowie nachkommenden Personen verschiedenen Alters mit ähnlichen kulturellen Interessen besser beschrieben, unter die sowohl der Konsum von Indie-Rock als auch der von feuilletonistischen Inhalten fallen. Ist nur nicht so catchy. Von den Vorurteilen wie Alter und Kleidung ausgehend war im Tempodrom jene vermeintliche Generation Z, also junge Leute mit Turnbeuteln und Beanies stark vertreten, was allerdings nicht heißt, dass sie unpolitisch sind, sondern vielleicht bloß, dass sie ab und zu gern einen guten Abend haben möchten. AnnenMayKantereit selbst ist übrigens auch keine unpolitische Band, wie nicht nur die „Kein Mensch ist illegal“-Aufdrucke auf jeder Eintrittskarte oder Henning Mays Feature auf dem letzten K.I.Z.-Album Hurra, diese Welt geht unter zeigen. Nur reicht ihr Engagement nicht in ihre Musik selbst, die eben auf einer anderen Ebene spielt.

Der Mikrokosmos AnnenMayKantereit

Denn so richtig viel zu sagen hat Henning May, die vermeintliche Stimme seiner Generation, ja gar nicht. Irgendwann möchte er das WG-Leben hinter sich lassen und mit seiner Freundin (in spe) in einer Altbauwohnung wohnen. Bis dahin raucht er gerne und trinkt Bier mit Freunden. Ansonsten umkreisen die Texte AnnenMayKantereits fast ausschließlich privilegierte Anfang-20er-Probleme wie private Neubeginne, Trennungen, Aufbrüche oder Orientierungslosigkeit, und schaffen ihnen ein Denkmal. Aus Neon-Magazin-Themen á la „Ich bin zum Studium eine Stadt weiter gezogen. Ist mein Elternhaus jetzt noch mein Zuhause?“ wird im Song Oft Gefragt, der Henning Mays Vater gewidmet ist: „Du warst allein zu Haus, hast mich vermisst und dich gefragt, was du noch für mich bist. Zu Hause bist immer nur Du.“ – eine relativ simple, glaubwürdige Antwort auf die Frage.

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Textlich am interessantesten ist vielleicht noch der Song Pocahontas, der klingt, als würde er in einer warmen Sommernacht vor dem Balkon einer Exfreundin vorgetragen. Er fängt die Verspieltheit in engen zwischenmenschlichen Beziehungen ein, die sich in merkwürdigen Kosenamen ausdrückt, und der damit die Größe der Details markiert, die mit einer Trennung verloren gehen können. Eine Ode an das Unverfängliche, die zwar einen Filmvergleich aufmacht, doch inhaltlich eher an Maren Ades Alle anderen als an Disney’s Pocahontas erinnert.

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Alles Nix Konkretes ist übrigens ein ziemlich gut gewählter Albumtitel, der zwar willkürlich gewählt daherkommt, gleichzeitig jedoch ein wesentliches Erfolgsgeheimnis der Band birgt: Sie bieten Unmengen an Projektionsfläche. All ihre Songs strotzen vor Übertragbarkeit. Denn den 4000 Menschen im Tempodrom scheint nicht viel gemein zu sein, so willkürlich durcheinandergewürfelt wie sie wirken. Sie unter einem gemeinsamen Generationsbegriff fassen zu wollen, erscheint von vornherein sinnlos. Aber nahezu alle sollten sich in irgendeiner Phase ihres Lebens einmal mit den von Henning May besungenen Problemen auseinandergesetzt haben, die von außen wie Luxusprobleme wirken, aber im Detail doch ziemlich konkrete Ausmaße einnehmen können. Die Vorstellrunde des Konzerts hätte also genauso gut so laufen können:

„Hallo, ich bin Henning. Wir leben in schwierigen Zeiten, aber auch ich habe Probleme. Ich traue mich, sie anzusprechen, denn alles, was ich sage, klingt cool.“ –„Hallo Henning.“

Das Wagnis, zu wachsen

Die israelische Indie-Folk-Band Lola Marsh zeigte als Support-Act, wie man dem Tempodrom künstlerisch begegnen kann, und stellten ihm ein prägnantes Set ihrer episch-theatralischen Songs entgegen. Das wurde zwar dankbar angenommen, aber so richtig klar wurde nicht, warum sie AnnenMayKantereit begleiten, denn das Hauptkonzert, auf das sie einstimmen sollten, ist doch eher als Gegenentwurf zum Theatralischen angesetzt, und sollte ja bloß die unverstellte Weiterentwicklung einer ehemaligen Schüler- und Straßenband auf die nächste Stufe heben. Auf dieser gibt es zwar eine professionelle Lichtshow und ein paar Leute, die hauptberuflich im Dienste des perfekten Sounds stehen. AnnenMayKantereit selbst könnten hingegen denselben Auftritt schon vor drei Jahren auf der Kölner Domplatte gegeben haben. Doch es ist eben diese vermeintliche Naivität, mit der sie ihrem Publikum gegenüberstehen, die im Tempodrom und angesichts des Produktionsaufwands der Tour plötzlich inszeniert wirkt. Klar hat man mit Anfang 20 seinen Klamottenstil noch nicht so ganz gefunden, aber auf einer ausverkauften Hallentour und mit einem Majorlabel im Nacken findet sich doch sicher jemand, der einem Klamotten rauslegt. Da wirken die Schluffhosen und Ballon-T-Shirts, die sie wahrscheinlich wirklich jeden Tag tragen, plötzlich gegenüber dem Anlass wie ein Kostüm, und die Holprigkeit der Bühnenshow wie ein nostalgischer Nachklang auf die Straßenband, die sie mal waren.

Und das oben beschriebene Wagnis, ohne viel Aufsehens das Tempodrom zu bespielen, wurde tatsächlich nicht immer belohnt. Zwar sind sie musikalisch so einnehmend, dass die langen und mit unbeholfenen Ansagen gespickten Pausen nach jedem Song, zu Beginn des nächsten schon wieder vergessen waren. Doch die veränderte Atmosphäre verändert auch die Songs. 3. Stock („Ich will mit dir in einer Altbauwohnung wohnen – zwei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Balkon“) etwa ist ein perfekter Song für Mixtapes oder einen Rotwein in der Badewanne. Aber im Tempodrom erzeugte er aus dem Nichts eine Kirchtags-Atmosphäre. Durch den Hall der Kuppel wollte plötzlich jeder mit jedem in einer Altbauwohnung wohnen. Und morgens auch mal Brötchen holen. Da war sie plötzlich, die Scham. Auch ein paar verstaubte Coversongs wie das umarrangierte Sunny von Bobby Hebb, das sie, so der Mythos, von ihrem ersten Konzert an über jedes weitere begleitet hat, betont doch vor allem einmal mehr die besondere Stimme ihres Sängers, und soll diese einem Publikum vorstellen, das sie längst kennt. Darüber hinaus sagt das Lied nichts aus. Vielleicht spielen sie es einfach gern, aber irgendwann kommt ein Set nicht mehr drumherum, sich zu entwickeln, und es wird spannend sein, zu sehen, wie sie weitermachen. Denn die authentischen kleinen Straßenmusiker wird man ihnen bald nicht mehr abnehmen. Auch wenn sie bis dahin noch vor vielen tausend Menschen spielen werden.

Alles auf Null – die Macht des Moses Schneider

Langsam, aber sicher, geraten AnnenMayKantereit in ein Image-Problem, und zwar aus dem einfachen Grund, dass ihre Karriere schneller abläuft, als es vorgesehen ist. Die Do-It-Yourself-Indie-Sensation der letzten zwei Jahre ist immerhin mittlerweile bei Universal, und für ihr Album stand als Produzent niemand Geringeres als der große Moses Schneider in der Pflicht, der doch eine gewisse Verantwortung am Sound deutscher Bands der letzten eineinhalb Jahrzehnte trägt. Diese Wahl ist für das Album eine glückliche Fügung, in der jedoch auch Kalkül mitschwingt, ist Schneider doch vor allem bekannt dafür, die Live-Qualitäten der Bands, die er produziert, auf Tonträger zu bekommen. Aber wenn man die Wahl hat, warum sollte man sein Debütalbum auch nicht kalkulieren? Die Erwartungen an das Album waren immerhin enorm.

Vielleicht lässt sich die Bedeutung AnnenMayKantereits anhand der Figur Moses Schneider verstehen – hat dieser doch mit dem Diskursrock Tocotronics und dem Fragmentpunk Turbostaats zwei der literarisch anspruchsvollsten deutschen Bands über ihre wichtigsten Alben hinweg begleitet, gleichzeitig jedoch auch SEEED und den Beatsteaks zu ihren individuellen Sounds und internationaler Relevanz verholfen. Gegen diese vier Bands wirken AnnenMayKantereit auf allen Ebenen wie eine Auf-Null-Setzung. Komplexe Texte weichen deutlichen Phrasen, in denen die Kommunikationssituation meist innerhalb weniger Verse klar wird, in der es keinen abstrakten Erzähler gibt sondern immer Henning May ist, der irgendeine Person aus seinem nahen Umfeld besingt. Auch die musikalischen Elemente sind auf das ursprüngliche, straßentaugliche Ensemble begrenzt, und die ohne Frage gekonnten Westerngitarrenriffs, auf denen die meisten Songs aufbauen, sind am Ende doch auch bloß eine geschickt transportierte Kontemporsaliserung bekannter Folk-Dynamiken. Am Ende klingt das Album gar unproduziert, dafür aber ziemlich professionell. Also so, wie es klingen sollte, möchte man denken.

Henning May findet Freitag in einer Ansage auch für Schneider, der selbst ein paar der Songs des Albums mitgeschrieben hat, treffliche Worte, beschreibt seine Wirkung auf die Band als die Meister Yodas auf ein paar unerfahrene Padawans. Denn als solche haben sie momentan die besten Voraussetzungen, nicht der dunklen Mainstream-Seite des Musikgeschäfts zu verfallen. Aber der Weg eines jeden jungen Padawans, oder, um den Vergleich aufzulösen, einer jeden jungen Hype-Band, ist völlig offen. Das wissen wir nicht erst seit Star Wars: Episode VII und den Arctic Monkeys.

AnnenMayKantereit machen die Musik, auf die sie Lust haben, verstellen sich nicht und scheuen sich nicht, Gefühle zu zeigen, da ihr markanter Gesang bisher noch jede kitschige Passage wettgemacht hat. Sie schreiben die meisten Texte gemeinsam und brauchen dazu keine komplizierten Rollen zu erfinden oder ein intertextuelles Geflecht zu entwerfen. Denn das Alleinstellungsmerkmal bringt ihr Sänger ja von vornherein mit, und genießt die Freiheit, über alles singen zu können, was ihn interessiert. Ganz allein sind AnnenMayKantereit damit jedoch nicht. Immerhin haben selbst Tocotronic unlängst ihre Diskursphase für beendet erklärt und ein Konzeptalbum über Liebe, die Grundform des Pop-Albums, herausgebracht, was eine weitere deutsche Indie-Größe, nämlich Get Well Soon, ihnen wenig später unabgesprochen nachmachte, die damit ebenfalls aus epischen Gefilden zurückkehrten.

Wanda und das Bukowski-Manöver

Und auf einer ähnlichen Welle wie AnnenMayKantereit angeschwemmt kamen ja nicht zuletzt Wanda, die vielleicht Aufschluss über das Phänomen geben. Die Wiener Band, die den deutschsprachigen Indierock um einige Einflüsse des österreichischen und italienischen Schlagers erweiterte, eckten zunächst sosehr an, dass niemand umhin kam, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, und unterwanderten die Szene textlich wie einst Charles Bukowski die postmoderne amerikanische Literatur mit dem glaubhaften Vortrag triebhafter Sehnsüchte wie Drogenkonsum und Sex.

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Wanda werden ja oft mit Bilderbuch, der anderen Austropop-Hypeband verglichen, die allerdings bis auf Herkunft und Akzent nicht viel mit Wanda gemein haben – machen diese musikalisch doch pompösen Art-Punk, der am ehesten im Erbe Falcos zu stehen scheint. Wanda selbst hingegen umgibt eine unverhohlene Direktheit, die selbst Die Zeit (!) zu der Frage veranlasste, ob Wanda wirklich nur fünf ehrlich kaputte Typen sind, die Lieder spielen wollen.

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Die Wetten gehen auf Ja, auch wenn die Löcher in den unterschiedlichen Hosen ihres Sängers Michael Marco Fitzthum einander so verdächtig ähnlich sehen, als wären sie vom Universal-Chef persönlich gestanzt. In Sachen Authentizität und Erfolg ähneln sie AnnenMayKantereit ohne Frage, die für ähnliche Themen bloß romantischere Phrasen wählen und die Guter-Schwiegersohn-Front noch nicht ganz aufgegeben haben. Beide Bands tanzen auf der Grenze zum Kitsch, retten sich jedoch spielerisch durch markanten Gesang. Zwei Fragen erhellen die Unterschiede beider Bands:

  1. Würden Wandas Songs auf Hochdeutsch funktionieren? Nein. Sie funktionieren für den Indie-Bereich nur durch das Spiel mit ihrem Exotenstatus, denn ihre Jutebeutel-marktrelevanten Slogans pendeln sich zwischen „Amore!“ ein „Bussi!“ ein. „Liebe“ und „Kuss“ können da nicht mithalten und dieselben Songs in akzent- und ironiefreiem Hochdeutsch würden ohne Frage in einer anderen Schublade als der des Indie-Rocks landen. Vielleicht wären sie gezwungen, über Altbauwohnungen und Heimweh zu singen. Aber dann wäre ihre Naivität auch schon wieder dahin, denn:
  2. Würden AnnenMayKantereits Songs ohne die charismatische, raue Stimme ihres Sängers funktionieren? Ebenfalls nein. Was May singt, klingt zwar weise, jedoch nicht durch seine Texte, sondern durch die Art, wie diese vorgetragen werden. Sein bestimmter Gesang nimmt der Aussprache von Luxusproblemen oder romantischen Sehnsüchten die Scham und er genießt einen Anführerstatus im gemeinschaftlichen Aufkratzen unterdrückter Gefühle. Wäre die Stimme weniger markant, würde dieser Schutzschild wegfallen und die Band stände wieder dem Kitschvorwurf gegenüber. Und sie stände am Ende wohl doch eher nicht im Tempodrom. Vielleicht wären sie gezwungen, über Sex und lange Saufgelage zu singen. Oder einen Volkshochschulkurs in Wiener Schmäh zu belegen.

Die neue Naivität

Beide Bands schaffen es, durch den ungewöhnlichen Vortrag ihrer Musik, das Gewöhnliche ansprechen zu können, wo andere jahrelang versucht haben, das Ungewöhnliche im Gewohnten unterzubringen. Spannend wird der Vergleich beider Bands in der Frage, was für ein Feld zwischen ihnen freigesetzt wird. Denn eine Anforderung an junge Bands, die an dieser neuen Naivität teilhaben möchte, ist es sicherlich, sich wesentlich von anderen Vertretern der Szene zu unterscheiden. Aber danach sollten Musiker٭innen ja ohnehin immer streben. Von dort an gibt es noch einiges neu zu erfinden oder auszudrücken. Zum Beispiel den üblichen Karriereweg, den AnnenMayKantereit mit ihren selbstproduzierten Videos, selbstorganisierten Touren oder der schwarmfinanzierten EP letztes Jahr zurückgesetzt haben.

Auch wenn sie kein Ausdruck einer Generation ist, scheint es in der Popkultur eine gewisse Sehnsucht zum Einfachen zu geben. Zwar kann sie jeden Moment wieder in ihr Gegenteil umschlagen, aber ohne Frage ist diese Sehnsucht überzeitlich. Bloß gibt es momentan ein paar Bands, die neue Wege gefunden haben, sie zu stillen, und die damit nicht einfach nur einen Zeitgeist bedienen, sondern ihn selbst erschaffen. Ob sie selbst es sein werden, die die neugeschaffene Nische auch langfristig ausfüllen werden, ist vielleicht angesichts des gegenwärtigen Erfolgs nicht unbedingt relevant, aber dennoch fraglich. Denn AnnenMayKantereit haben, wie Wanda auch, von Karrieresprung zu Karrieresprung immer größere Schwierigkeiten, ihre Authentizität zu wahren, von der alles abhängt. Aber so bestimmt, wie Henning May das Unbestimmte klingen lassen kann, werden sie ihren Weg schon finden. Es gibt ja auch noch andere Nischen. Auf beiden Seiten der Macht.

Titelbild: © Stefan Bollmann/Creative Commons

5 Kommentare

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