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Dürrenmatt und die Hühner des Romulus

Das Deutsche Nationaltheater Weimar widmet sich einem hochaktuellen Thema. Mit einem Stück von 1949, das im 5. Jahrhundert spielt. Thomas Dannemann inszeniert Friedrich Dürrenmatts Romulus der Große.


Romulus Augustus ging als tragische Figur in die Geschichte ein. Als letzter Kaiser des Weströmischen Reiches hatte er nach nur einjähriger Amtszeit die unehrenhafte Aufgabe, die römische Krone an germanische Eroberer abzugeben und die Geschichte des Weltreichs zu besiegeln. Sie fiel an Odoaker, einen germanischen Feldherrn, der als Rebell die römischen Armee underwandert hatte. Schon während seiner Amtszeit trug Romulus den Spottnamen Augustulus, welcher wohl am ehesten mit „Kaiserlein“ übersetzbar ist, da er bereits als Jugendlicher die Reichsgeschicke übernommen hatte und als politische Marionette seines Onkels Orestes galt. Zu allem Überfluss widmete Friedrich Dürrenmatt ihm dann auch noch 1949 die Komödie Romulus der Große, die in der laufenden Spielzeit unter der Regie Thomas Dannemanns im Deutschen Nationaltheater Weimar eine progressive Inszenierung erfährt.

Immerhin kommt Romulus im Stück gar nicht so schlecht weg, was womöglich auch damit zusammenhängt, dass Dürrenmatt dessen Biographie weitgehend ignoriert und bloß wenige historische Kerndaten in einen größeren geschichtlichen Rahmen überträgt. Denn Dürrenmatts Romulus ist ein alter Mann und steht am Ende einer langen Amtszeit, die von Resignation und Verdrängung des Weltgeschehens geprägt ist. Während Odoakers germanische Truppen sich Schlacht um Schlacht Rom nähern, dessen Fall nur eine Frage der Zeit ist, ignoriert der Kaiser in weiser Voraussicht die politische Entwicklung. Auf seinem Landsitz in Campanien genießt er die letzten schönen Tage vor dem Untergang der tausend Jahre währenden römischen Geschichte, den er ohnehin für unaufhaltbar hält. Anstatt sich den verheerenden Frontmeldungen Gehör zu verschaffen, die eilende Boten ihm wieder und wieder zu überbringen suchen, bestimmt eine leidenschaftlich betriebene Hühnerzucht sein Tagesgeschehen. Den panischen Ratschlägen seiner Minister und Familienmitglieder zieht er gar ein Hühnerei-Orakel vor, denn er hat seine Hühner nach historischen Persönlichkeiten wie Julius Cäsar oder seinem Widersacher Odoaker benannt. Legt Cäsar an einem Tag kein Ei und Odoaker zwei, muss es schlecht um Rom stehen.

Romulus der Große Dürrenmatt Dürrenmatt

© Candy Welz / nationaltheater-weimar.de

Dass es tatsächlich schlecht um Rom steht, weiß er als weltgewandter Mann von ausgeprägter philosophischer Ruhe, der seine Position im Gang der Weltgeschichte kennt, ja ohnehin. Sein Verhalten stellt sich im Laufe des Stücks als bewusste Provokation seines Umfelds heraus, das verzweifelt Handlungen von ihm erwartet, da es an etwas festhält, das Romulus längst aufgegeben hat: Rom. Mit dieser Überzeichnung und Verengung der Dekadenzpolitik des untergehenden weströmischen Reiches, die sich über Jahrhunderte zog, auf eine einzige tragische Gestalt, die eher Rom selbst als die historische Figur des Romulus Augustulus zu symbolisieren scheint, betont Dürrenmatt die übergeschichtliche Komponente seiner „ungeschichtlich-historischen Komödie“. Sie ist ein politisches Statement aus dem Jahr 1949 in historischem Gewand, das auch heute von hoher Aktualität ist.

Schlüsselszene des Stücks ist ohne Frage die Ankunft Odoakers, der nach der Eroberung Roms weiter nach Campanien geritten ist, um Romulus zu treffen. In diesem Moment zeigt sich das politische Kalkül hinter der von Romulus verfolgten Politikverweigerung, denn ohne zu zögern unternimmt er im Angesicht Odoakers die erste Amtshandlung seit Jahren. Er unterwirft sich seinem Eroberer, drückt ihm seine allumfassende Verehrung aus, weiß um seine Rolle als Untergangsverwalter eines Imperiums und akzeptiert – in Voraussicht der Hegel’schen Geschichtsphilosophie – dass der Weltgeist nicht mehr im Römischen Reich liegt, sondern an das Germanische übergegangen ist. Entgegen aller Vorzeichen sieht sich Odoaker jedoch mitnichten als Eroberer.

Er stellt sich als kompromissloser Anhänger der römischen Kultur heraus, der seine persönliche Rolle im Weltgeschehen darin sieht, sein kriegerisches Geschick dafür zu nutzen, das barbarische germanische Volk, dem er angehört, an der römischen Kultur teilhaben zu lassen und so vor sich selbst zu schützen. In der germanischen Kriegskultur mit seinem unbelehrbaren Heldenkult, den er schon bei seinem Neffen und Thronfolger beobachtet, sieht er den Verfall der europäischen Hochkultur voraus, den das Mittelalter markieren soll und der sich in einer rein germanischen Kultur immer und immer wiederholen wird. Letztlich bittet er Romulus um nicht weniger als Asyl für sein gesamtes Volk im Römischen Reich und hofft, sich mit seinen Feldzügen vor dem Kaiser qualifiziert zu haben. Ein zentrales Bild des Stücks ist ohne Frage das der sich auf dem Boden gegenüberliegenden beiden Herrscher, die sich fast kindisch weigern, die Unterwerfung des anderen zu akzeptieren. Erst über ein gemeinsames Hobby finden beide wieder zueinander. Auch Odoaker ist Hühnerzüchter.

Romulus der Große Nationaltheater Weimar

© Candy Welz / nationaltheater-weimar.de

Romulus der Große ist ein Stück über Projektionen, Krisenpolitik und Zeiten des Umbruchs. Im Nationaltheater trägt die Komödie ein ahistorisch-abstraktes Gewand, das zwischen seinen Erzähldimensionen changiert – eine Interpretation, die in der Vorlage durchaus angelegt ist. Die Kulisse, die stark an die Rednerpulte des Deutschen Bundestags erinnert, von Romulus jedoch als Hühnerstall genutzt wird, hat eine starke Symbolkraft. Als brachiale Kontemporalisierung des Erzählten lässt Regisseur Thomas Dannemann außerdem im Stück Menschen im Mittelmeer ertrinken, Menschen, die einem römischen Adelsgeschlecht angehören, und die nicht nach, sondern aus Europa fliehen. Vor den Germanen anstatt nach Deutschland. Und es ist wohl auch nicht zufällig ein Kunsthändler aus dem reichen Griechenland, an den Romulus die letzten römischen Kulturschätze verkauft, um die Zahlungsfähigkeit des Reichs bis zur Eroberung sicherzustellen.

Andere, mitunter klamaukige Verweise lassen die Inszenierung stellenweise zu einer grotesken Collage zerfallen, die vor allem durch eine herausragende Leistung seiner Darsteller*innen, zuvorderst Ingolf Müller-Beck als Romulus, Sebastian Kowski als Odoaker und Nora Quest als Rhea, Tochter des Romulus, herausgerissen wird. Die Textgrundlage bietet genügend übertragbares Material, um sich von irgendeinem Punkt europäischer Geschichte aus darin wiederfinden. Denn Dürrenmatts Komödien atmen durch einen melancholischen Zynismus, der ein so starkes wie subtiles kulturreferenzielles Geflecht bildet, dass einem am Endes eines Stücks wie Romulus der Große eher zum Weinen als zum Lachen zumute ist. Mit teilweise zu konkreten tagespolitisch-kabarettistischen Verweisen in den Dialogen der Weimarer Inszenierung, die die Handlung, entgegen ihrer progressiven Absicht, immer wieder zum Holpern bringen, wird dieser Effekt jedoch leider eher gefährdet als gestützt. Die Menschen, die damit abgeholt werden sollen, gehen wohl eh nicht dafür ins Theater. Schade eigentlich. Denn das Stück und seine nichtsdestotrotz herausragende Inszenierung öffnen Horizonte.

Titelbild: © Candy Welz / nationaltheater-weimar.de

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