Tour d’Amazement durch „House of Leaves“

Wollte man sich der Frage widmen, wie das Resultat einer Vermählung von Komplexitätsforschung mit Seltsamkeits- aussehen könnte, so ist Mark Z. Danielewskis vielbeachtetes Debüt House of Leaves, dessen stärkster Konkurrent wohl sein auf 27 Bände angelegtes Hypermultipostcyberpost-Opus The Familiar (2015) sein dürfte, ein durchaus anständiger Antwort-Kandidat.


 

Als House of Leaves im Jahre 2000 veröffentlicht wurde, hatte der äußerlich wie inhaltlich unkonventionelle, enzyklopädisch-ergodische Roman bereits Kultstatus, da er vom Autor, Derrida-Anhänger und Sohn des Filmregisseurs Tad Danielewski, zuvor im Internet zugänglich gemacht worden war. Das Buch, das sich in seinen Found-Footage-Horror-Elementen etwa an The Blair Witch Project und H. P. Lovecraft anlehnt und dessen metafiktionale Aspekte Borges’sche Züge tragen, galt von Beginn an als ein bedeutender Beitrag zur (postmodernen) Literatur und blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Popkultur, darunter das vom Roman inspirierte, ebenfalls 2000 erschienene Indiepop-Album Haunted von Danielewskis Schwester, der Musikerin Ann „Poe“ Danielewski.

Zunächst fällt die experimentelle, zuweilen organisch-lebendig anmutende Typographie des Buches auf: Verschiedene Schriftarten, -größen und -farben finden Verwendung und gestalten das Layout sehr variabel. Buchstaben und Sätze stehen auf dem Kopf oder sind in Spiegelschrift abgedruckt, versammeln sich in Buchecken oder sind durchgestrichen. Textlabyrinthe mit überdurchschnittlich hoher Zeichendichte weichen fast leeren Seiten, die teilweise in Formationen angeordnete, an konkrete Poesie angelehnte Wörter oder Buchstaben enthalten, was die Lesegeschwindigkeit beeinflusst und als Narrationsstütze dient [Vgl. MS, S. 119 f.]. Im „Appendix“ des Buches sind diverse Fotocollagen, Grafiken, Gedichte, Briefe und Addenda abgedruckt. Im anschließenden, fast 50-seitigen „Index“ finden sich Lemmata mit Seitenangaben, wobei nicht nur besonders sinntragende Begriffe wie „Minotaur (red)“ (stets in roter Farbe gehalten) oder „New York“, sondern auch Adverbien, Adjektive, Pronomina, Konjunktionen etc. (z. B. „again“, „little“, „me“, „and“ oder „know“) aufgeführt sind, denen entsprechend lange Auflistungen von Seitenzahlen folgen. Außerdem wurden zahlreiche Wörter (beispielsweise das romaninterne Oxymoron „Minotaur (black)“) aufgenommen, die mit „DNE“ (= does not exist) markiert sind und im Haupttext entsprechend auch nicht vorkommen.

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Auswahlseite House of Leaves (Foto MK)

House of Leaves – Ein Labyrinth

Eine Inhaltsangabe gestaltet sich nicht unkompliziert, da der Plot außerordentlich verschachtelt ist: Der in Los Angeles lebende junge Tätowierer Johnny Truant (ein telling name) findet bei dem kürzlich verstorbenen, blinden Exzentriker Zampanò ein Manuskript, das ihn unverzüglich in seinen Bann zieht. Denn es handelt sich dabei um eine film- und kulturwissenschaftliche Abhandlung, die sich akademisch formvollendet (inklusive rund 500 Fußnoten, die teilweise selbst annotiert sind und sich häufig auf fiktive Werke beziehen) mit einem Dokumentarfilm namens The Navidson Record befasst. Weder der Leser noch Johnny haben je von diesem Film gehört, was selbstredend die Frage nach der Motivation für eine derartige Wissenschaftsfiktion bzw. -parodie/-satire aufwirft.

Nach einer 25-seitigen „Introduction“ durch Johnny, der den Leser über die Umstände des überaus seltsamen Fundes aufklärt, folgt der Hauptteil von House of Leaves – „The Navidson Record“ [HOL, S. 1–529] – in Form der Rekonstruktion jener vorgefundenen Dokumente, Notizen und Zettel Zampanòs, die zum einen von Johnny selbst besorgt und gelegentlich mit ergänzenden Fußnoten versehen, zum anderen aber auch von einer dritten Partei, den nicht näher spezifizierten „The Editors“, überwacht worden ist.

In The Navidson Record geht es um den Photographen und Pulitzerpreisträger Will Navidson, der mit seiner Lebenspartnerin und zwei Kindern in ein altes Haus in Virginia zieht. Nach zahlreichen journalistischen Einsätzen in Kriegsgebieten möchte er in seinem neuen Heim zur Ruhe kommen und eine Dokumentation über den auf diese Weise neu erwachsenden Familienzusammenhalt drehen. Zu diesem Zweck positioniert er an vielen Stellen im Haus bewegungsempfindliche Hi8-Kameras, aus deren gesammelten Aufzeichnungen später der angestrebte „Familienfilm“ redigiert werden soll. Ganz überraschend wird aber ihre Residenz, das titelgebende Haus, selbst zum unheimlichen Protagonisten der Geschichte, als die Familie nach der Rückkehr von einem kurzen Ausflug hinter einer Zimmerwand einen unerklärlichen Raum vorfindet, der vorher noch nicht da war. Weitere Untersuchungen dieses atopischen Phänomens [vgl. NTWHA, S. 176] ergeben, dass das Haus von innen größer zu sein scheint, als die Außenmaße und die physikalischen Gesetze es zulassen. Während Wills Frau nichts mit diesem „goddamn spatial rape“ [HOL, S. 55] zu tun haben möchte, ist Navidson von der unmöglichen Geometrie fasziniert. Ein Entfremdungsprozess setzt ein, als das Haus die beiden zu entzweien beginnt. Erst zieht Will Navidson seinen Bruder Bob hinzu, um die widersprüchlichen Messungen zu verifizieren, später werden unter der Leitung des erfahrenen Abenteurers Holloway Expeditionen in die wandlungsfähigen Untiefen des Hauses unternommen. Die dabei gemachten Videoaufnahmen offenbaren die Monstrosität der höchstwahrscheinlich endlosen Korridore weit unterhalb des ersten Stockwerks, und die „disruptive forces“ [ebd., S. 182] des unfassbaren Hausinneren zeigen erste Auswirkungen auf die Psyche der Beteiligten. Es sind gruselige Laute hörbar, die Wände und Hohlräume verschieben sich in unvorhersehbarer Weise und kreieren ein Spiel der Metamorphosen „between the absence of presence and the presence of absence“ [MS, S. 122]. Parallel dazu wuchern die Fußnoten aus allen bzw. in alle Richtungen und entfalten weitschweifige Kataloge von Gebäuden („[…] Befreiungshalle near Kelheim […]“, HOL, S. 127), bildenden Künstlern („[…] László Moholy-Nagy […]“, HOL, S. 125), Regisseuren („[…] Walt Disney […]“, HOL, S. 139) und Schriftstellern (King, Poe, Pynchon, Borges, Sartre, Lem u. v. m., HOL, S. 133 ff.), während zugleich blau eingerahmte Quadrate in den Textfluss eingelassen sind und in graphomanischer Art Tausende von Gegenständen aus verschiedenen Kategorien aufzählen, die sich nicht in den entstehenden und schwindenden Räumen des Hauses finden lassen und dadurch „the utter blankness found within“ [HOL, S. 119] konstituieren: „Not only are there no hot-air registers, […] no HVAC system at all, […] or plug-in receptacles, 3-prong grounded duplex or other, pots or pans or cans, […] or mansard; no westwort, ziggurat, brise-soleil, trompe l’oeil, […] tierceron rib, coffering, tholos, […] sala terrena, absidiole, rotunda, […] pastas, narthex, lunettes, dormers, cottage orné, pendentives, cheek-walls, cavetto, abutment, […] porticoes, peristyles, tablinums, compluviums, impluciums, atriums, alas, excedras, androns, fauces […]“ [HOL, S. 119 ff.].
Die in dieser Passage demonstrierte universallexikalische Gelehrsamkeit erinnert an die sinnfreien Vokabelkaskaden in Becketts Watt und bietet somit eine zum perversen Wahnwitz des Hauses passende Überspitzungsdynamik.

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Auswahlseite House of Leaves (Foto MK)

Realität und Fiktion

Reale Werke (wie im Falle von Heideggers Sein und Zeit, HOL, S. 24) werden relativ selten angeführt. Viel häufiger erfindet Danielewski mehr oder minder unwahrscheinliche Autoren (Nupart Jhunisdakazcriddle, HOL, S. 126), prätentiös betitelte Monographien (Understanding the Self: The Maze of You, HOL, S. 114) und Verlage (die an Borges’ „Tlön“ erinnernde „Shtrön Press“, HOL, S. 16). In Fußnote 186 wird aus dem fiktiven Essay „It Makes No Differance“ mit dem auf Jacques Derridas Neologismus verweisenden Wortspiel im Titel zitiert und The Navidson Record mit Filmen wie The Shining, Brazil, The Exorcist, The Thing oder Das Boot verglichen.

Die von Johnny stammenden Fußnoten enthalten hingegen kurze Kommentare und Übersetzungen fremdsprachiger Passagen („162 ‚An honorable political solution’ – and as usual, pretentious as all fuck. Why french?“, HOL, S. 127) sowie persönliche Episoden aus seiner Vergangenheit oder Gegenwart in umgangssprachlicher und von wechselndem Scharfsinn charakterisierter Prosa. Sie gehorchen einem realistischen Ton und schaffen so Distanz zum Horror des Hauses.

Ganz zum Schluss gewinnt das Buch eine überraschende Zusatzdimension, als ab Seite 586 die mal paranoiden, mal überschwänglichen, aber stets eloquenten und ein hohes Maß an Bildung bezeugenden, an Johnny gerichteten Briefe seiner Mutter Pelafina H. Lièvre abgedruckt werden, die aufgrund psychischer Krankheit seit über zehn Jahren im The Three Attic Whalestoe Institute (vgl. Danielewski schmalen Ergänzungsband The Whalestoe Letters) interniert ist. Ein unbestimmtes Mysterium scheint diesen mitunter von erschreckend krankhaften typographischen Explosionen begleiteten Dokumenten innezuwohnen, was insbesondere durch ein gut verstecktes Akrostichon mit dem geheimnisvollen Inhalt „My dear Zampano who did you lose?“ [HOL, S. 615] in dem Brief vom 5. April 1986 belegt wird. Der unmittelbar aufkommenden Frage nach der Verbindung zwischen Pelafina, Zampanò und dem Haus folgt die gewichtigere Frage nach der tatsächlichen Urheberschaft der verschiedenen Buchsegmente. Für eindeutige Antworten scheint es jedoch nicht genügend Anhaltspunkte zu geben.

In seiner mehrfachen, zunehmend undurchsichtigen Schichtung und Vermischung von Intra- und Extradiegetischem funktioniert das Buch wie eine „material metaphor“ [WM, S. 116], sodass es selbst zum physisch-medialen „House of Leaves“ wird [vgl. CF, S. 145]. Der Authentifizierungskniff des vorgefundenen Dokuments, wie man ihn zum Beispiel aus Le manuscrit trouvé à Saragosse, Der Steppenwolf oder The House on the Borderland kennt, ist dabei nur ein Teil eines elaborierten Abstrusitätsmechanismus, in dem Truants Skepsis eine entscheidende, da die Simulation implizit verstärkende Rolle spielt. Dabei erkundet Danielewski in diesem Buch offenbar nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Graden von Realität und Fiktion, sondern auch zwischen den Medien: Obwohl die Buchform echte Non-Linearität nicht zulässt, sind die hypertextuellen Aspekte von House of Leaves (das Wort „House“ sowie seine fremdsprachlichen Äquivalente sind, mit einer Ausnahme auf der vorletzten Seite in den „Credits“, stets blau gedruckt) für die erweiterten Möglichkeiten einer elektronischen Umsetzung geradezu prädestiniert. Das zumindest angedeutete Fehlen eines definitiven narrativen Ursprungs macht das Konzept von Anfang und Ende obsolet und postuliert multiperspektivische, das Rekursive begünstigende Diskontinuität. Im Idealfall müsste ein „relativistischer“ Umgang mit diesem Text möglich sein, der dem Leser jederzeit einen Blickpunktwechsel zwischen Danielewski, Truant, Zampanò, Navidson, Pelafina und den obskuren Herausgebern erlaubt. Hinzu kommt Zampanòs Blindheit und deren offensichtliche Auswirkung auf die Auseinandersetzung mit dem in erster Linie visuell wahrnehmbaren The Navidson Record, was die Seriosität der Prämisse der gesamten Geschichte untergräbt und das Wesen von House of Leaves zu einer monumentalen Farce erhebt.

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Auswahlseite House of Leaves (Foto MK)

Die Ästhetik der Komplizierung

Das hier besprochene Werk konfrontiert uns mit Unerhörtem und fördert unser Staunen, indem es seinerseits jegliches Staunen kraft einer deadpan delivery präzise unterlässt. Danielewski schärft die Illusion mit einer realistischen Darstellung von Verwunderung sowohl über das seltsame Haus als auch über Zampanòs (para-)wissenschaftliche Erforschung des entsprechenden Filmdokuments The Navidson Record, indem er durch Zufall den intelligenten Jedermann Johnny Truant in die Groteske des Hauses, des Films über das Haus und schließlich der Auseinandersetzung mit dem Film über das Haus einbezieht. Truant stellt also das Gegengewicht zum Abnormen dar, positioniert sich in der Nähe des Lesers und erkundet das gegebene Mysterium aus einer der unsrigen Realität ähnlichen Perspektive heraus.
Es wird die Ästhetik der Komplizierung verherrlicht, die wirklichkeitsnahe und anspruchsvolle Erschaffung unmöglicher Konstellationen durch Anwendung typisierter Codes, Konventionen und Klischees des Dokumentarischen gefördert. Die messerscharfe Intelligenz des Autors einer solchen mockumentary, welche einen Spezialfall der Parodie darstellt, erfordert aber auch eine besondere kognitive Subtilität seitens des Rezipienten: “[T]hus a knowing laughter […] is generated” [STR, S. 183]. Das Missverhältnis zwischen Fiktionalität und dem psychologisch kunstvollen, zerebralen Leugnen selbiger erzeugt den notwendigen Spannungsbogen [vgl. STR, S. 181], in dessen Licht die mockumentary als machtvolle Demonstration des Intellektualismus des Urhebers erscheint. Sozusagen aus einer zweiten Ebene heraus greift der Autor unter einem ultimativ ironischen Brechungsindex auf verschiedene bekannte und unbekannte, einfache oder verwickelte Muster zu und gebraucht sie im Rahmen des von ihm unterwanderten Dokumentationsinstrumentariums punktgenau zum Zweck von ausgefallenem Humor und/oder radikaler Verstörung. Dabei experimentiert Danielewski auf die eine oder andere Weise mit Anti-Pragmatismus, aus dem künstlerische Hermetik folgt. Er ersinnt die Vorstellung einer akademischen Wucherung, die größte Energien in die Auseinandersetzung mit einem selbsterzeugten Phantom investiert. All diese Bestrebungen legen eine Art von Wissenschaftsskeptizismus nahe, der darauf abzielt, epistemologische Vorgänge teilweise oder ganz zu annullieren und an ihrer Stelle zumindest versuchsweise die (elitäre) Herrschaft der Kunst zu errichten.

QUELLEN:

Danielewski, Mark Z.: House of Leaves: A Novel, Full-Color Edition, New York, 2007 [HOL].

Hayles, N. Katherine/Burdick, Anne: Writing Machines, MIT Press, 2002 [WM].

Hayles, N. Katherine/Gannon, Todd: „Mood Swings: The Aesthetics of Ambient Emergence” in: The Mourning After: Attending the Wake of Postmodernism, Neil Brooks, Josh Toth (Hrsg.), Rodopi, 2007 [MS].

Kilborn, Richard: Staging the Real: Factual TV Programming in the Age of Big Brother, Manchester University Press, 2003 [STR].

Little, William G.: „Nothing to Write Home About: Impossible Reception in Mark Z. Danielewski’s House of Leaves” in: The Mourning After: Attending the Wake of Postmodernism, Neil Brooks, Josh Toth (Hrsg.), Rodopi, 2007 [NTWHA].

Tabbi, Joseph: Cognitive Fictions, Minnesota, 2002 [CF].

Beitragsbild: Danielewski, Mark Z.: House of Leaves, The Remastered Full-Color Edition, New York 2000. Foto MK


Daniel Ableev

Daniel Ableev, *1981 in Nowosibirsk; lebt als freier Seltsamkeitsforscher in Bonn. Veröffentlichungen in On- und Offline-Zeitschriften und –Anthologien; ausgezeichnet mit dem „KAAS & KAPPES“-Theaterpreis 2011 für D’Arquette; Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“. www.wunderticker.com / www.wunderticker.de

 

4 Kommentare

  1. Pingback: Sonntag, den 06. März 2016 | Kulturnews

  2. Danke für die Zusammenfassung. Ich habe das Buch seit bald 10 Jahren bei mir im Schrank und habe leider nach den ersten 50/100 Seiten aufgegeben. Vielleicht nehme ich es jetzt nochmal in Angriff. Liebe Grüße, Kerstin

  3. Pingback: Blendwerk? Danielewskis “House of Leaves” | Sören Heim – Lyrik und Prosa

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