Über Liebe, staatlichen Terror und eine Sekte – Colonia Dignidad

In „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ erleben Emma Watson und Daniel Brühl das Grauen. In einem pathetischen Film, der sein Potential leider nicht ausschöpft, wagt sich der Oscar-prämierte Regisseur Florian Gallenberger an ein dunkles Kapitel der lateinamerikanischen Militärdiktaturen und deutschen Auslandsbeziehungen.


Ein ländliches, dünn besiedeltes Gebiet. Wälder, Wiesen und im Hintergrund die schneebedeckten Berge der mächtigen Gebirgskette der Anden. Am Straßenrand ein Eingangstor, das Besucher mit „Bienvenidos“ und dem bayerischen Wappen willkommen heißt. Dahinter eine Parkanlage, am Ende der Auffahrt ein Hotel, ein Restaurant, ein Veranstaltungsgebäude. La Villa Baviera – das bayrische Dorf, in dem unter anderem das Oktoberfest gefeiert wird. Wo Familien dazu eingeladen werden, sich in einem „authentischen deutschen Dorf der Sinne zu erfreuen“, wie es auf der eigenen Website heißt. Wer heute nach Chile reist und unvoreingenommen einen Fuß auf dieses einige hunderte Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile gelegene Areal setzt, wird sehr wahrscheinlich nichts von der Dramatik ahnen, die sich hier über Jahrzehnte vollzog.

Colonia Dignidad: Die Schaffung eines Ortes des Horrors

1961 gründete der evangelische Jugendbetreuer und Prediger Paul Schäfer nahe der chilenischen Stadt Chillán die Colonia Dignidad (dt. Kolonie der Würde). Zuvor war er aufgrund des Verdachts sexuellen Missbrauchs aus Deutschland geflohen. Mit sich brachte er eine Anhängerschaft, die seinem christlich-fundamentalistischem Weltbild folgte und errichtete eine abgeschottete Enklave, in der ein urchristliches Leben geführt werden sollte. Bereits kurz nach der Gründung begann er mit der systematischen Entführung von Minderjährigen, die unter strenger Bewachung Zwangsarbeit leisteten. Der Personenkult um Schäfer innerhalb der Gemeinde erlaubte es ihm außerdem, seine pädophilen Neigungen uneingeschränkt ausleben zu können. Ein Entkommen aus dieser abgelegenen Siedlung war praktisch unmöglich. Laut Gallenberger gelang in fast 40 Jahren lediglich fünf Personen die Flucht aus der Kolonie.

Als am 11. September 1973 der chilenische General Augusto Pinochet einen Staatsstreich organisierte, der den Sturz der weltweit ersten sozialistisch gewählten Regierung Salvador Allendes zur Folge hatte, wurde das südamerikanische Land für knapp zwei Jahrzehnte dem staatlichen Terror unterworfen. Anhänger Allendes und Personen, die sich nicht dem Willen der ultrakonservativen, von der Elite gestützten Militärdiktatur beugten, wurden verfolgt, verhaftet, gefoltert, verschwanden spurlos bzw. wurden ermordet. Der Colonia Dignidad kam in dieser Epoche eine nicht unwesentliche Rolle zuteil. Zum einen unterstützte sie den Putsch, indem sie durch ihre Verbindung zu rechtsextremen Gruppierungen Waffenlieferungen aus Deutschland erleichterte. Zum anderen diente die Siedlung fortan als Stützpunkt von Pinochets Geheimdienst DINA, sodass dort in der Folge politische Gegner festgehalten, ermordet und verscharrt wurden.

Das Schweigen der politischen Akteure

Das Ende der Diktatur im Jahr 1990 überlebte die Colonia Dignidad. Es dauerte bis 1996, bis die chilenische Justiz begann, sich mit Paul Schäfer auseinanderzusetzen. Dieser tauchte daraufhin unter. Erst als er im März 2005 in Argentinien festgenommen wurde, unterstellte man die Kolonie der Zwangsverwaltung. Die Anklage gegen Schäfer und seine Mittäter brachte weitere grauenhafte Details zu den Praktiken innerhalb der Sekte zu Tage. Es stellte sich heraus, dass es dort neben der Kollaboration mit einem Regime, das zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beging, zu massiven Folterungen und psychiatrischen Prozeduren an Kindern kam. Bis heute kämpfen Überlebende und ehemalige Bewohner um gerichtliche Anerkennung und Entschädigung ihres jahrelangen Leidens.

Die deutsche Regierung hegte für die Aufklärung der Ereignisse in der Colonia Dignidad kein sonderliches Interesse. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sie in der deutschen Politik, allen voran in der CDU und CSU, eine Lobby besaß. CSU-Politiker um Franz Josef Strauß besuchten die Kolonie persönlich und zeigten sich danach von den dortigen Zuständen positiv beeindruckt. Heute ist die Siedlung ein Ort des Tourismus, der sich kaum mit der dunklen Vergangenheit auseinandersetzt. Ein Affront gegen die Opfer.

Gallenbergers Fiktion

Eine mehr als heikle Thematik also, die der Regisseur für die Schaffung einer fiktiven Geschichte nutzt. Daniel (Daniel Brühl), ein deutscher Fotograf, hat sich in Santiago de Chile der sozialistischen Studentenbewegung angeschlossen und unterstützt diese als Redner und Gestalter von Plakaten. Daniels Freundin Lena (Emma Watson) ist Stewardess und stattet ihm während ihres mehrtägigen Aufenthalts in Chile einen Besuch ab. Kurz vor ihrer Abreise gerät das junge Paar in den Strudel der Ereignisse. Nachdem Pinochet zum Staatsstreich aufgerufen hat, Präsident Allende gestürzt wurde und Suizid begangen hat, beginnt das Militär umgehend mit der Repression jeglicher politischer Gegner. Auf offener Straße werden Menschen willkürlich untersucht, verhaftet und bei Gegenwehr mit Schlagstöcken malträtiert oder sogar erschossen.

Daniel versucht, das Chaos mit seiner Kamera festzuhalten, wobei ihn ein Soldat entdeckt. Daraufhin werden er und Lena in Gewahrsam genommen und in das Nationalstadion, das damals für einige Monate als Konzentrationslager für politische Gefangene genutzt wurde, gebracht. Nachdem ein Kollaborateur des neuen Regimes Daniel als politischen Aktivisten Allendes ausmacht, wird dieser schließlich an einen zunächst unbekannten Ort entführt und dort gefoltert. Lena, die der gewaltsamen Verschleppung ihres Freundes tatenlos zusehen muss, findet heraus, dass Daniel in die Colonia Dignidad gebracht wurde und entscheidet sich dazu, in die berüchtigte Sekte einzutreten, um ihren Geliebten zu retten.

Gute Intention

Gallenbergers Intention, mit seinem Film auf die Verbrechen in der Colonia Dignidad und deren Verquickung mit der Militärdiktatur aufmerksam zu machen, ist lobenswert, da die Aufarbeitung weder in Chile noch in Deutschland als abgeschlossen betrachtet werden kann und das Thema daher nach wie vor von Aktualität geprägt ist. Dem Regisseur gelingt es, die Perfidität Schäfers, der von Mikael Nyqvist verkörpert wird, eindrucksvoll nachzuzeichnen, ohne das Grauen ständig direkt zu präsentieren. Da das Latente, nicht Gezeigte dem Zuschauer dennoch offensichtlich erscheint, werden die Qualen und die Angst der Sektenmitglieder nachvollziehbar. Das trist gestaltete Szenenbild einer zutiefst konservativen und fundamentalistischen Umgebung unterstreicht die Stimmung und bildet somit einen krassen Kontrast zu der farbenfrohen und endlos weiten Landschaft, die sich unmittelbar außerhalb der Kolonie in Freiheit präsentiert.

Mangelhafte Umsetzung

Dennoch kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Film zuvorderst auf die Unterhaltung des Publikums abzielt und dabei die zunächst verfolgten Ansätze verloren gehen. Die zu Beginn der Handlung noch sinnig erscheinende Romanze, ist rechtzeitig nur noch von untergeordneter Bedeutung, drängt sich letztendlich aber wieder in den Vordergrund. Zudem werden die Protagonisten von einem beständig vorhandenen Pathos umwoben. Die übermäßige Konstruktion der fiktiven Momente des Films sowie die Heroisierung der Charaktere verleiten den Zuschauer hin und wieder zu Belustigung, was im Zusammenhang der Hintergründe unpassend wirkt. Die schauspielerischen Leistungen erscheinen passabel, allenfalls Emma Watson weiß gelegentlich wirklich zu überzeugen.

Was Gallenberger jedoch allem voran vermissen lässt, ist die Konsequenz in der Durchführung seiner durchaus guten Annäherungen an dieses dunkle Kapitel. Damit verpasst er die Chance, auf weiterreichende Missstände hinzuweisen als letztlich die Vorkommnisse in der Kolonie selbst. Viele Faktoren, die beispielsweise auf einen politischen Skandal verweisen, werden nur angedeutet. Zwar wird gezeigt, dass die deutsche Botschaft in Santiago mit dem Regime kollaborierte, jedoch steht sie mehr oder weniger als unabhängiger Akteur da. Dass offensichtlich auch weitere politische Vertreter aus der Bundesrepublik von den Zuständen gewusst haben mussten, wird außen vor gelassen. Außerdem macht der Film den Zusammenhang zwischen Kolonie und Diktatur ersichtlich, geht jedoch nicht näher darauf ein, wie dieser zustande kam oder wie er sich für beide Seiten auswirkte. Zu der Ideologie Schäfers und den Hintergründen seiner Gefolgschaft werden ebenso nur wenige Informationen geliefert.

Vielleicht wird man Gallenberger mit Hinblick auf das Format des Spielfilms nicht gerecht, zu verlangen, auf all diese diversen Problematiken einzugehen. Dem Regisseur gelingt immerhin ein durchaus unterhaltsamer und sehenswerter Film. Allerdings nutzt er sein Potential nicht, eine größere Reichweite zu erlangen.

 

Titelbild: Copyright: Majestic / Ricardo Vaz Palma

2 Kommentare

  1. Pingback: Samstag, den 20. Februar 2016 | Kulturnews

  2. Danke für diese ausführliche Besprechung. Hat mich interessiert, nach all den gorssformatigen Plakaten, die überall herumhingen und da ich selbst schon lange nicht mehr im Kino war 😉

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