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Der Nachbarsjunge aus Compton

Kendrick Lamar wird aller Voraussicht nach der große Abräumer bei der diesjährigen Grammy-Verleihung sein, die morgen Abend im Staples Center von Los Angeles stattfindet. Seine elf Nominierungen werden lediglich von Michael Jacksons Thriller im Jahr 1984 übertroffen. Wer steckt hinter dieser Persönlichkeit, die in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht nur für ihr musikalisches Wirken, sondern auch ihre politische Stimme gefeiert wird? Und wird er diesem Ruf überhaupt gerecht?


Ein einschneidendes Erlebnis, das laut eigener Aussage richtungsweisenden Einfluss auf seine Entscheidung hatte, sich der Musik zuzuwenden, war der von ihm als Teenager beobachtete Videodreh zu California Love seiner Idole Tupac Shakur und Dr. Dre nahe seines Elternhauses. Geboren wurde Kendrick Lamar Duckworth im kalifornischen Compton, einem Vorort von Los Angeles. Jenes Compton ist neben der wegbereitenden Hip-Hop-Crew N.W.A (Straight Outta Compton) vor allem dafür bekannt: Armut, Bandenkriminalität, hohe Mordraten, Perspektivlosigkeit. Geprägt durch diese Wirren und inspiriert durch seinen Englischlehrer beginnt der leistungsstarke High-School-Schüler, der von einer Profikarriere als Basketballer in der NBA träumt, sich mit der Lyrik auseinanderzusetzen. Diese hilft ihm, seine eigenen Gefühle und das auf den Straßen Comptons Erlebte niederzuschreiben und somit zu verarbeiten. Etwa 15 Jahre später gilt Kendrick Lamar als der Superstar des Hip-Hop, der spätestens seit seines 2015 veröffentlichten Albums To Pimp A Butterfly in Fachkreisen für sein narratives Talent sowie musikalischen Variationsreichtum Anerkennung findet und das Genre laut Meinung vieler somit auf eine neue Stufe gehoben hat.

Der große Durchbruch innerhalb der Szene gelang Lamar 2012 mit dem Konzeptalbum Good Kid, M.A.A.D City, auf dem er in einer Art episodischen Kurzfilm von seinen Teenagerjahren im drogenverseuchten und von Gangs geprägten Compton berichtet. Auf To Pimp A Butterfly ändert sich die Thematik nicht grundlegend, der Kontext hingegen weitet sich darauf aus, gesellschaftliche Phänomene wie eben Rassendiskriminierung in literarischer und durch rhetorische Mittel geprägte Weise in den Blick zu nehmen. Hinsichtlich der in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückten unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegenüber der schwarzen Bevölkerung trifft Kendrick Lamar damit ein Gefühl, das die US-amerikanische Nation bewegt. In der Folge übernahmen Aktivisten der Black Lives Matter-Bewegung die Textpassage „we gon‘ be alright“ aus dem Song Alright, um ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft zum Ausdruck zu bringen. Schnell wurden Bezüge zu anderen Protestliedern wie etwa We Shall Overcome hergestellt. Das Video zu diesem Titel glänzt durch seine Metaphorik und schier grenzenlosen Optimismus, der sich trotz der Frage durchringt, inwiefern tatsächlich Fortschritte in Bezug auf Rassengleichheit in den vergangenen Jahrzehnten gemacht wurden.

Quelle: YouTube

Selbst Barack Obama erklärte How Much A Dollar Cost aus dem im letzten Jahr erschienenen Album zu seinem persönlichen Song des Jahres. Doch die zahlreichen Reverenzen und die Tatsache, dass To Pimp A Butterfly sehr schnell als Klassiker und Meilenstein der Musikgeschichte eingeordnet wurde, rief kritische Stimmen im Hinblick auf Lesart und Interpretation von Lamars Werk hervor. Zu diesen gehören äußerst fragwürdige Aussagen wie von Geraldo Rivera, seines Zeichens Journalist bei Fox News, der Lamar und dem Hip-Hop bescheinigte, einen größeren Schaden an der afroamerikanischen Jugend angerichtet zu haben, als es der Rassismus in den vergangenen Jahren tat. Nicklas Baschek gibt in der ZEIT einen zumindest im Ansatz interessanten Gedanken wieder, indem er Lamar die politische Wirkkraft abspricht und ihn in dessen konkreten Aussagen hinterfragt. In gewisser Weise ist Bascheks Argumentation nachvollziehbar, wenn er in Lamars Texten Gottvertrauen als großen Hoffnungsträger ausmacht und zu dem Schluss kommt, dass der Künstler den schwarzen Protest delegitimiere, da er sich primär gegen die Differenzen innnerhalb der black community wendet und somit die Gewalt gegen schwarze Jugendliche relativiere.

Dementsprechend darf hinsichtlich aller Euphorie, die Kendrick Lamar entgegengebracht wird, durchaus hinterfragt werden, welcher politische Wirkungskreis dem Musiker letztendlich zugestanden wird. Allerdings besteht ohnehin die Frage, inwiefern er, der seine Rolle als Stimme der schwarzen Bürgerrechtsbewegung immerhin annimmt, bei der Schaffung seines Albums überhaupt die Intention verfolgte, kein moralisches, sondern vielmehr politisches Werk zu produzieren. Unbestreitbar erreicht Lamar in künstlerischer Perspektive nicht zuletzt mit To Pimp A Butterfly ein stilistisch wertvolles Resultat. So errichtet er vielschichtige Parabeln, die sich mit der Unterhaltungsindustrie, seiner ihn prägenden Reise auf den afrikanischen Kontinent oder schlicht den eigenen Selbstzweifeln in Bezug auf Ruhm, Herkunft und Sehnsüchten auseinandersetzen. In dieser Hinsicht bleibt Lamar authentisch und nicht selten wird der Eindruck erweckt, dass seine Erzählungen als Spiegel der jungen afroamerikanischen Gesellschaft gesehen werden kann, der die Zerrissenheit zwischen Wut und Hoffnung reflektiert. Dieser Zweispalt zeigt sich unter anderem durch die teils widersprüchlichen Stücke auf seinem Album. The Blacker The Berry ist aggressiv, zeugt von Selbsthass und spielt mit Stereotypen. Den Titel bezieht Lamar aus dem gleichnamigen Roman Wallace Thurmans von 1929, das unter dem Eindruck der Harlem Renaissance die Rassendiskriminierung innerhalb der schwarzen Community behandelt.

Quelle: Vimeo

Der vom Funk geprägte Titel i wiederum erscheint mit positiver Energie und zielt auf das Selbstbewusstsein des Schwarzseins sowie das Betonen der eigenen Identität ab. Im Kontext von To Pimp A Butterfly erweist sich dieser vorletzte Song des Albums als Symbol der selbstinitiierten Befreiung.

Quelle: Vimeo

Der Antagonismus dieser beiden Songs wurde mit dem seit Jahrhunderten bestehenden doppelten Bewusstsein, einerseits der rassistisch konstituierte Selbsthass und andererseits das Feiern der eigenen Identität, in Verbindung gesetzt. In dieser Hinsicht liegt ein Vergleich mit der unterschiedlichen Herangehensweise an die Rassentrennungsproblematik durch Malcom X und Martin Luther King in gewisser Weise nahe. Im Allgemeinen sollte man sich jedoch bei allem Hype um die Person Kendrick Lamars und die Interpretation seines Werkes fragen, ob der Diskurs nicht eine zu große Dimension angenommen hat und man sich nicht einfach über ein Stück musikalische Innovation freuen sollte, die sich auch in Teilen des Mainstreams manifestieren kann. Umso positiver ist es zur Kenntnis zu nehmen, wenn diese Kreativität eines Jungen aus Compton, der im Grunde genommen schlichtweg seine eigene Geschichte erzählt, darüber hinaus ein größeres Selbstbewusstsein für eine diskriminierte Bevölkerungsgruppe bewirken kann.

 

Quelle Titelbild: YouTube

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