The Hateful Eight – Neo-Western in Überlänge

The Hateful Eight“ ist Quentin Tarantinos achter Langspielfilm. Mit opulentem Schauspielerensemble präsentiert der Kultregisseur einen furiosen Neo-Western, bei dem sich altbekannte Stilelemente mit narrativer Verspieltheit vermischen.


Schon kurz nachdem Tarantino Ende 2013 angekündigt hatte an einem neuen Filmprojekt zu arbeiten, gab es bereits die erste Aufregung – das Drehbuch war ungewollt im Internet veröffentlicht worden und der Regisseur drohte mit der Einstellung der Produktion. Dass der Film trotzdem noch zustande gekommen ist, liegt auch an Tarantinos spezieller Beziehung zu dem Projekt: „The Hateful Eight“ sollte etwas ganz Besonderes werden – schließlich sieht Tarantino seine Arbeit als „Dialog mit der Filmgeschichte“, mit dem Anspruch auf zeitlosen Klassikerstatus. Diesen Dialog setzte Tarantino diesmal auch technisch um. Das Alleinstellungsmerkmal der Filmproduktion ist der Dreh im altehrwürdigen 70mm Format, eine Reminiszenz an das sprichwörtlich „große Kino“ (etwa Ben Hur). Tarantino drehte „The Hateful Eight“ mit Kameralinsen aus den 60er Jahren und bietet eine Schnittversion des Films an, die als „Roadshow“ präsentiert wird:

Roadshows presented a longer version of the film than would be shown in the films subsequent wider release, included a musical overture to start the show, an intermission between acts and a souvenir program.“ (Tarantino auf der Hateful Eight Website)

Diese Darstellungsform verweist auf einen Anspruch der Kinogeschichte, die viele Filmemacher in der Moderne laut werden lassen: Der Kinogang muss wieder zum epischen Erlebnis werden. Konsequenterweise spiegelt sich das auch in der Struktur des Films wieder – die Roadshow-Version hat eine Laufzeit von über drei Stunden und erinnert an eine Kammerspielinszenierung, inklusive Pause.  Der normale Kinogänger muss sich allerdings in den meisten Fällen mit der normalen Schnittversion von „The Hateful Eight“ begnügen, da etwa in Deutschland nur vier Kinos überhaupt die technischen Projektionsmöglichkeiten besitzen, den Film im Sonderformat zu zeigen. Doch auch die normale Schnittversion vermittelt den Eindruck, dass Tarantino sich hier filmisch und narrativ mal so richtig ausleben wollte. Doch worum geht´s eigentlich?

The Hateful Eight“ ist ein Western, der kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg spielt. Auf einer verschneiten Straße irgendwo in Wyoming trifft der ehemalige Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der seither auf die Profession des Kopfgeldjägers umgesattelt hat auf seinen Kollegen John Ruth (Kurt Russel), der zusammen mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) in einer Kutsche unterwegs ist. Warren ist auf dem Weg in die Stadt Red Rock und befindet sich in der prekären Situation, in Gesellschaft von den Leichen dreier zur Fahndung ausgeschriebenen Verbrechern und ohne Pferd, in einem Schneesturm festzustecken. Glücklicherweise kann Warren sich einen Platz im Sechsspänner von John Ruth erschwatzen, der seine Gefangene ebenfalls nach Red Rock transportieren muss. Schnell wird klar, dass Ruth seine Begleiterin zwar lebend abliefern möchte, um seinem Spitznamen „The Hangman“ gerecht werden zu können, ihm aber sonst am körperlichen Wohl von Domergue nicht sonderlich gelegen ist. Die folgende Kutschfahrt wird dominiert von langen Dialogen zwischen Warren und Ruth, der immer wieder fast beiläufig körperliche Gewalt gegenüber Domergue ausübt. Das Trio trifft in der Folge auf den verirrten Chris Mannix (Walton Goggins), der Sohn eines konföderierten Rebellenführers, der behauptet der neue Sheriff von Red Rock zu sein. Der Schneesturm verschlimmert sich, sodass die Gruppe schließlich Zuflucht in einer Herberge sucht, in der das namensgebende Achter-Ensemble durch den Mexikaner Bob (Demián Bichir), den Henker Oswaldo Mombray (Tim Roth als Christoph Waltz), den Konföderiertengeneral Sandy Smithers (Bruce Dern) und den Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) komplettiert wird.

Der kleine Raum der eingeschneiten Herberge dient für den Rest des Films als Bühne für die Inszenierung des Kammerspiels zwischen diesen acht Personen. Mit ausführlichen Dialogen und Metaerzählungen werden die Charakterzüge der einzelnen Protagonisten und ihre Beziehungen zueinander gezeichnet und die große Konfliktlinie des Films deutlich gemacht: Der Rassismus gegenüber Schwarzen vor dem Hintergrund des Sezessionskriegs.

Auch wenn dieses Thema stark an Tarantinos letztes Projekt „Django Unchained“ erinnert (Western+Rassismus), so ist „The Hateful Eight“ alles andere als ein bloßer Abklatsch. Während Tarantino in „Django Unchained“ eine alternative Realität entwirft, in der ein schwarzer Mann die Unterdrückung durch die weißen Sklavenhalter gewaltopulent umkehrt, so erzählt „The Hateful Eight“ die Geschichte des Rassismus unaufgeregter und somit näher an unserer Realität. Der schwarze Major Warren ist kein Sklave, sondern ein freier Mann der in einem von Rassenvoruteilen durchzogenen Krieg gekämpft hat, der die menschlichen Abgründe aller Beteiligten zum Vorschein kommen lässt. Die omnipräsentente Aura des Rassismus wird nicht durch die plakative Gewalt gegen Schwarze inszeniert, sondern vielmehr durch Macht des beiläufigen Wortes. Circa 65 Mal lässt Tarantino seine Protagonisten das Wort „Nigger“ benutzen – für einige Charaktere ist die derogative Bezeichnung schlicht Konversationsstandard.

In dieser Beiläufigkeit offenbart sich in den ersten beiden Dritteln des Films eine Aura der Brutalität verbal, die bei anderen Charakteren auch physisch zu Ausdruck kommt. Der Kopfgeldjäger Ruth malträtiert seine Gefangene Domergue regelrecht im Vorbeigehen: Hier ein Ellenbogen ins Gesicht, dort eine Ohrfeige, ab und zu mal Eintopf ins Gesicht. Die weiße Frau Domergue wird dabei allerdings nicht dezidiert auf Grund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts zum Ziel, sondern einfach, weil menschliches Leben auf der Bühne von Tarantino relativiert wird. Domergue wird im Laufe des Filmes ein Sinnbild hierfür: Ihr Antlitz wird mit jeder angebrochenen Filmstunde demolierter und besudelter (Hierzu auch der sehr empfehlenswerte Artikel von Richard Brody im „New Yorker“).

Nachdem in den ersten zwei Dritteln des Filmes eine selbst für Tarantino ungewöhnliche Dialogdichte die Handlung bestimmt, so wird „The Hateful Eight“ am Ende doch noch zu der gewohnten tarantinoesken Splatterorgie. Doch genau das Zusammenspiel zwischen dramaturgisch fein inszenierter Dialoghandlung, die in ihrer langatmigen Struktur eher an Kammerspieltheater erinnert, als an Kino, und der überzeichnet-komischen Gewalt, macht den Film an vielen Stellen schwer zugänglich. „The Hateful Eight“ zeichnet eine Parabel über die Ursprünge von Moral und Rassismus in einer Geschwindigkeit, die dem Zuschauer einige Geduld abverlangt. Major Warren gibt an einer Stelle des Films die Maßgabe: „Let´s slow it down. Let´s slow it way down.“ aus (siehe auch: Trailer)  – und daran hat sich wohl auch Tarantino dramaturgisch orientiert. Das Resultat ist ein Film mit inhaltlicher Sprengkraft (die sicher auch durch persönlichen Aktivismus des Regisseurs befeuert wird), der für einige Tarantino-Fans aber schwerer verdaulich sein wird als viele seiner bisherigen Filme.  Fast hat man den Eindruck, dass sich der Regisseur in seinem Bestreben einen besonderen Film zu machen, der technisch und dramaturgisch für die Moderne unorthodoxe Wege einschlägt, in seiner eigenen narrativen Verspieltheit verliert. „The Hateful Eight“ ist wohl gerade deswegen sicher nicht Tarantinos bester Film, aber einer seiner eindrücklichsten.

© Beitragsbild: The Weinstein Company

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