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Genre-Experimente: Cordwainer Smith

Die Science Fiction von Cordwainer Smith beschwört fremdartige und faszinierende Welten herauf und ist in dreierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihrem Schreibstil, ihren Erzählstrukturen und ihren Inhalten. Seine Erzählungen sind sowohl inhaltlich als auch formal experimentell und gehen in ihrer überwältigenden Ausgefallenheit und Meta-Geschichtlichkeit weit über das konventionelle Repertoire des Genres hinaus.

ein Gastbeitrag von Dennis Mombauer

Dieser Text erschien zuerst in Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles #4: Perfekte Planeten (Januar 2015)


Die folgenden Zeilen leiten die Kurzgeschichte »Scanners Live in Vain« ein, die 1950 in der kurzlebigen Zeitschrift »Fantasy Book« unter dem Pseudonym Cordwainer Smith publiziert wurde:

»Martel was angry. He did not even adjust his blood away from anger. He stamped across the room by judgment, not by sight. When he saw the table hit the floor, and could tell by the expression on Luci’s face that the table must have made a loud crash, he looked down to see if his leg was broken. It was not. Scanner to the core, he had to scan himself. The action was reflex and automatic. The inventory included his legs, abdomen, chestbox of instruments, hands, arms, face and back with the mirror. Only then did Martel go back to being angry. He talked with his voice, even though he knew that his wife hated its blare and preferred to have him write. ›I tell you, I must cranch. I have to cranch. It’s my worry, isn’t it?‹« (Smith/Davis 2012, 113)

Bereits beim Lesen dieser ersten Zeilen stellen sich viele Fragen, die teilweise im weiteren Verlauf der Geschichte beantwortet werden, teilweise für immer offen bleiben, dabei in jedem Falle jedoch eine fremdartige und faszinierende Welt heraufbeschwören. »Scanners Live in Vain« ist der erste Baustein einer Zukunftshistorie, die sich in mehr als 30 Kurzgeschichten und einer Novelle (Norstrilia) herausbildet, insgesamt über 16.000 Jahre umspannt und das Oeuvre des Science-Fiction-Autors Cordwainer Smith darstellt, das zwischen 1950 und 1987 (21 Jahre nach seinem Tod) erstmalig veröffentlicht wurde. (Lewis 2000, 9–14 und 117)

Die »Instrumentality of Mankind«-Geschichten, wie Smiths Science-Fiction meist zusammengefasst wird, sind mindestens in dreierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihrem Schreibstil, ihren Erzählstrukturen und ihren Inhalten. Ihre überwältigende Ausgefallenheit und Meta-Geschichtlichkeit gehen weit über das konventionelle Repertoire des Genres hinaus. Sie sind in einigen Aspekten klassisch und linear, in anderen aber sowohl inhaltlich als auch formal experimentell – und diese Experimente sollen nun im Rahmen einer Vorstellung dieses vergleichsweise unbekannten, jedoch extrem kennenswerten Autors nachvollzogen und illustriert werden.

Ein ungewöhnliches und schillerndes Leben

Cordwainer Smith, alias Paul Myron Anthony Linebarger, alias Lin-Bai Lo (sein chinesischer Geburtsname) alias Carmichael Smith, Felix C. Forrest und Anthony Bearden (Pseudonyme für Romane und Gedichte außerhalb der Science-Fiction), lebte ein ungewöhnliches und schillerndes Leben an den Schauplätzen internationaler Politik, in die er nicht selten involviert war.

Er wuchs in China und Europa als Sohn eines Anwalts und Aktivisten mit engen Verbindungen zu Sun Yat-Sen auf (der Linebargers Taufpate wurde), promovierte mit 23 Jahren in Politikwissenschaft und wurde zum Experten für psychologische Kriegsführung. Er schrieb nicht nur ein Standardwerk dieses Fachgebiets, sondern war im Zweiten Weltkrieg innerhalb der US-Armee am Aufbau der ersten Abteilung für psychologische Kriegsführung beteiligt, diente im Koreakrieg und für die Briten in Malaya als Berater und arbeitete unter anderem für die CIA. Er gehörte als Asien-Experte zum Beraterstab von Präsident Kennedy und war Vertrauter von Chiang Kai-shek, lehrte als Universitätsdozent an der Duke University in Durham sowie der John Hopkins University in Washington D. C. und starb schließlich 1966 mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt.

Seine als Cordwainer Smith veröffentlichte Science-Fiction, die mit »Scanners Live in Vain« ihren Anfang nahm, stieß aufgrund ihrer Absonderlichkeit und Kunstfertigkeit, aber auch ihres ungewöhnlichen Schreibstils, schnell auf großes Interesse bei den AutorInnen und LeserInnen des Genres, und die in den folgenden Jahren veröffentlichten Geschichten festigten Cordwainer Smiths Ruf als »einer der begabtesten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts« (Smith 2011).

Eine einzigartige Stimme

Smiths Schreibstil ist ikonisch und unverkennbar: »Nobody […] wrote science fiction that sounded like that. The lucid, unadorned prose setting forth the immeasurably strange—it was a new kind of voice.« (Smith/Davis 2008, ix) Die bizarrsten Dinge, Orte und Ereignisse werden in nüchterner, unaufgeregter Weise beschrieben, und zwar mit der Selbstverständlichkeit eines Bewohners dieses fremdartigen Universums. Es gibt keine einführenden Erklärungen für die LeserInnen, keine Erläuterung von Settingelementen (was ist ein »Scanner«? was »cranchen«?) – erst im Laufe der Geschichten können sich die LeserInnen langsam zusammenreimen, wie die Dinge aussehen.

Smith ist, im Gegensatz zu beispielsweise Dan Simmons, kein visueller, cinematischer Schriftsteller, und dennoch erzeugen seine simplen, oft leicht »verschoben« wirkenden Sätze (in denen sich auch der Einfluss chinesischer Literatur wiederspiegelt) das Panorama einer ganzen Welt, die im Kopf seiner LeserInnen durch deren eigene Fantasie Form und Farbe annimmt. Smith arbeitet mit Andeutungen, mit geschickt fallengelassenen Informationsbrocken und (siehe unten) oft erst aus der historischen Distanz erkennbaren Halbwahrheiten.

Ein weiteres wiederkehrendes Element sind Neologismen, für die Smith den eigenen umfangreichen Sprachfundus zum Steinbruch macht – am Ende seiner Jugend war er bereits mit sechs verschiedenen Sprachen vertraut. So wird aus dem deutschen »Menschenjäger« mit der Zeit und durch den Verlust von Wissen die Verballhornung »manshonyagger«; andere Begriffe sind zum Beispiel das bereits erwähnte »cranchen«, »haberman«, »pinlighting«, »planoforming«, »Go-captain« und »Stop-captain«, »Spieltier« oder auch »spieking« und »hiering« als Verben telepathischer Verständigung.

Das Experimentelle (zumindest im Rahmen klassischer Science-Fiction) ist also hier, dass den LeserInnen die Welt nicht erklärt oder von außen beschrieben wird, sondern Smith ihnen davon erzählt, wie ein Bewohner dieser Welt es einem anderen erzählen würde: ohne die Fremdartigkeit hervorzuheben oder zu benennen, sondern sie stattdessen, in gewisser Weise beiläufig, im Kopf der LeserInnen organisch entstehen zu lassen.

Erzählstrukturen und -traditionen

Doch diese Art des Schreibens ist nur ein zaghafter Fühler des Experimentellen, das sich tief in der Struktur des Textes versteckt, in den Abfolgen und Mustern seiner Wörter, Sätze und Abschnitte.

Smith weiß, dass es bei einer realen Geschichte nicht ausreicht, die »Fakten« zu kennen, ihre historischen Eckdaten und den groben Ablauf der Ereignisse; er weiß, dass tatsächliche Geschehnisse in keiner Erzählung festgehalten werden können, dass ein Ereignis beliebig viele Erzählungen hervorbringt und keine einzige davon »wahr« ist. Smith teilt diese Tatsache mit seinen LeserInnen und weist sie darauf hin, wie formbar und unstet Erzählungen – auch seine eigenen – sind, und dass sie mindestens so sehr vom Erzähler wie von den tatsächlichen Geschehnissen beeinflusst werden. So nimmt er im Prolog zu Norstrilia alle Rahmenbedingungen vorweg, ohne die LeserInnen damit tatsächlich auf die Geschichte vorzubereiten:

»Story, place and time – these are the essentials. The story is simple. There was a boy who bought the planet Earth. We know that, to our cost. […] The place? That’s Old North Australia. […] Time: first century of the Rediscovery of Man. […] What happens in the story? Read it. Who’s there? It starts with Rod McBan […] He gets away. He got away. See, that’s the story. Now you don’t have to read it. Except for the details. They follow.« (Smith 1988, 1–5)

Immer wieder nimmt er darauf Bezug, wie Ereignisse für die Nachwelt festgehalten werden, wie sie in späteren Geschichten erscheinen, wie sie ausgeschmückt, vereinfacht oder verfälscht werden. Ein Paradebeispiel dafür ist die Kurzgeschichte »The Dead Lady of Clown Town«, in der es um einen gescheiterten Aufstand der Untermenschen geht, der jedoch (neben anderen Ereignissen) das Fundament für spätere große Umwälzungen und schlussendlich die »Rediscovery of Man« bildet.

Wiederholt wird angeführt, dass es sich um ein historisches Ereignis handelt, das bereits längere Zeit zurückliegt und sich seitdem massiv in der Kultur niedergeschlagen hat. Ein Beispiel dafür ist ein (hier nur ausschnittsweise zitiertes) Gedicht: »Poets later tried to describe Elaine at the door with a verse which begins, There were brown ones and blue ones / And white ones and whiter, / In the hidden and forbidden / Downtown of Clown Town. / There were horrid ones and horrider / In the brown and yellow corridor. The truth was much simpler.« (Smith/Davis 2008, 25) An anderen Stellen werden Bilder erwähnt, Lieder, Filme und Theaterstücke, und immer wieder wird gleichzeitig erläutert, in welchem Kontrast diese Wiedergaben zu den tatsächlichen Ereignissen stehen:

»You all know about the trial, so there is no need to linger over it. There is another picture of San Shigonanda, this one from his conventional period, which shows it very plainly. […] The artist has it all. And you have the real view-tapes, too, if you want to go to a museum. The reality is not as dramatic as the famous painting, but it has value of its own. […] The words of the trial, they too have survived. Many of them have become famous, all across the worlds.« (Smith/Davis 2008, 86–87)

So wird zum Beispiel im Laufe von »The Dead Lady of Clown Town« zunehmend deutlich, dass selbst der Erzähler, der bis dahin als Einziger den »wahren« Verlauf zu kennen scheint, weder allwissend noch objektiv ist. Es handelt sich zwar um jemanden, der viele einzelne Puzzlestücke aus großer historischer Distanz zusammengefügt hat – dennoch kann auch er nur eine Variante der Erzählung anbieten, die ebenfalls ihre Fehler, Auslassungen und Verfälschungen enthält.

Das Experiment ist, Geschichte(n) zu erzählen (und sie gut zu erzählen), dabei jedoch deren »Geschichte-Sein« prominent in den Vordergrund zu rücken. Smith zeigt die Elemente, die Geschichten glaubwürdig machen, zum Beispiel technische Aufzeichnungen, betont aber gleichzeitig fast immer ihre Unwahrhaftigkeit:

»She opened [the door]— By sheer caprice. Or so she thought. This was a far cry from the ›I’ll be a witch‹ motif attributed to her in the later ballad. […] It was the tired caprice of a thoroughly frustrated and mildly unhappy woman. Nothing more. All the other descriptions of it have been improvements, embellishments, falsifications.« (Smith/Davis 2008, S. 12–13)

Er zeigt, wie groß die Wirkung von künstlerischen Wiedergaben eines Ereignisses ist (zum Beispiel von klassischen Sagen, Märchen, mündlichen Erzähltraditionen, Geschichtsbüchern, Propaganda), indem er denselben Eindruck, oder zumindest dieselbe Art von Eindruck, mit einer völlig (und offenkundig) fiktiven Geschichte erzielt: »Congohelium and stroon. Cat-people and laminated-mouse-brain roots. Mile-high abandoned freeways, and dead people who move and act and think and feel. Smith made wonderlands. And he made us believe they could be real.« (Smith/Davis 2012, 5)

Ein Biotop des Bizarren

Der letzte Auswuchs der Experimentalitätstriade im Werk von Cordwainer Smith kann hier nur angerissen werden, obwohl er alle Geschichten zutiefst durchdringt: die Ausgefallenheit und Andersartigkeit der erfundenen Welt. Smiths Fiktionen sind ein Biotop des Bizarren und Unerwarteten, das nicht nur berührt, sondern oft auch konsequent zu Ende gedacht wird.

Allein die Entwicklung der Raumfahrt wäre eine eigene Betrachtung wert: von den ersten primitiven Raketen unserer Zeit zu langsamen, weitreichenden Schiffen mit Solarsegeln, gesteuert von grauenhaft veränderten Piloten und pseudo-untoten Mannschaften, die von den ebenso pseudo-untoten Scannern (deren Gehirn nur noch direkt mit den Augen verbunden ist, um nicht an der »great pain of space« zu sterben; »The brain is cut from desire, and pain. The brain is cut from the world. Save for the eyes.« (Smith 1999, S. 14)); vom Überwinden besagter »great pain« zu den großen Kolonieschiffen; von dort zur Entdeckung von »Space2« und den wesentlich schnelleren Planoform-Schiffen, die jedoch lange Zeit auf Telepathen, deren Katzen-Partner in winzigen Begleitschiffen sowie ultrahelle photonukleare Miniatur-Bomben angewiesen sind, damit Besatzung und Passagiere nicht von mysteriösen Kreaturen in den Wahnsinn getrieben werden; und schließlich, gegen Ende der geschichtlichen Entwicklung, zur Enthüllung von »Space3« und damit wesentlich fortgeschritteneren Methoden der Transportation.

Diese kurze Übersicht über die Entwicklung der Raumfahrt soll die Tiefe und Breite von Smiths Kosmos nur andeuten und beispielhaft zeigen, dass es keinen Mangel an Ideen gebt, die erfolgreich auf dem dünnen Grat zwischen atemberaubendem Einfallsreichtum und Lächerlichkeit balancieren und sehr bewusst in die Entwicklung und Kultur seines erfundenen Universums eingebettet werden.

Probleme werden oft auf höchst unerwartete und absonderliche Arten gelöst; so erwehrt sich zum Beispiel ein Kommandant der Instrumentality (der einzige Mensch an Bord seines Erkundungskreuzers) in der Geschichte »The Crime and the Glory of Commander Suzdal« eines Angriffs der (un)menschlichen Arachosianer, die bereits über die Hülle seines Schiffes klettern, durch das Abfeuern von »life-bombs« auf den unbewohnten Mond von Arachosia, die er gleichzeitig in der Zeit zurückkatapultiert. Die Lebensbomben enthalten sorgfältig kodierte Katzen-DNA – und tatsächlich erscheint einen Augenblick später eine Schlachtflotte von Katzen-Menschen, die gerade noch nicht existiert hatten, sich nun aber seit zwei Millionen Jahren auf diesem Mond entwickelt und ideal auf diesen Moment vorbereitet haben.

Und bei diesem Beispiel handelt es sich noch um einen der konventionelleren Handlungsverläufe: es ist selten, dass ein Problem so physisch und offenkundig wie eine angreifende Flotte von (Un)Menschen ist, und die Lösung so simpel wie die Abwehr dieser Flotte mit einer anderen Flotte. Fast immer drehen sich die Geschichten um Probleme anderer Art, die nur innerhalb dieses Universums vorkommen können und fast nie mit reiner Gewalt zu lösen sind; das zentrale Plotelement in »Scanners Live in Vain« ist beispielsweise, dass die titelgebenden Scanner obsolet zu werden drohen und sich dagegen wehren, obwohl ihre Existenz (wie sie selbst wissen) eine qualvolle Zumutung ist und ihre Abschaffung einen echten Fortschritt der Menschheit bedeuten würde.

Es gäbe noch vieles mehr zu sagen, zum Beispiel zu den »underpeople« (die deutsche Übersetzung benutzt das historisch vorbelastetere Wort »Untermenschen«, die moderne transhumanistische Science-Fiction würden sie wohl »uplifts« nennen), die eine zentrale Rolle bei Smith spielen, zu den christlich-humanistischen Analogien und dem generellen Optimismus von Smiths Geschichten, der untypischerweise für die Science-Fiction kein technologischer, sondern ein sozialer und vielleicht auch spiritueller ist: doch für eine nähere Beschäftigung mit all diesen Themen kann nur empfohlen werden, sein Werk selbst zu lesen. Frederik Pohl beschreibt in seinem Vorwort zur Sammlung When the People Fell die Stoßrichtung der Instrumentality-Geschichten vielleicht am besten: »The Cordwainer Smith stories are science fiction of the special sort that C. S. Lewis called ›eschatological fiction‹. They aren’t about the future of human beings like us. The are about what comes after human beings like us.« (Smith/Davis 2012, 8)

Perfekt, aber nicht utopisch

Die »Instrumentality of Mankind«, die interstellare Superregierung, die von der alten Erde ausgehend über die gesamte Zeitlinie hinweg großen Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit nimmt, hat eine Utopie geschaffen. »Stroon«, die Santaclara-Droge, erlaubt ein langes Leben (vier Jahrhunderte für die meisten, über tausend Jahre für manche), und es gibt keine Krankheiten, nahezu keine Unfälle, keine schwere Arbeit, keinen Mangel, keine Probleme – außer der unerträglichen Perfektion dieser Existenz: »They were dying off, just by being too perfect.« (Smith 1988, 237) Die Menschen haben sowohl das, was sie brauchen, als auch das, was sie sich wünschen, und dennoch hat die »Instrumentality« ihr Ziel verfehlt. Smith stellt die Frage, was Menschen zu Menschen macht und was Menschen brauchen:

»[…] long before these people built cities, there were others in the Earth—the ones who came after the Ancient World fell. They went far beyond the limitations of the human form. They conquered death. They did not have sickness. They did not need love. They sought to be abstractions lying outside of time. And they died, E’lamelanie—they died terribly. Some became monsters, preying on the remnants of true men for reasons which ordinary men could not even begin to understand. Others were like oysters, wrapped up in their own sainthood. They had all forgotten that humanness is itself imperfection and corruption, that what is perfect is no longer understandable. […] You and I are animals, darling, not even real people, but people do not understand the teaching of Joan, that whatever seems human is human.« (Smith 1988, S. 211)

Die Erde der fernen Zukunft unter der subtilen und wohlwollenden Herrschaft der »Instrumentality« ist nicht dystopisch, aber sie ist auch kein Paradies: es gibt Einschränkungen der Freiheit, die Bevölkerung lebt in Unwissenheit, und die Menschen leben und sterben wie Schlafwandler, glückliche Elois neben den Morlocks der Untermenschen.

Der Lösungsansatz »Instrumentality« für dieses Problem der Perfektion ist die sogenannte »Rediscovery of Man«:

»I’m still cat underneath it all, but even the cats which are unchanged are pretty close relatives of human beings. They make the same basic choices between power and beauty, between survival and self-sacrifice, between common sense and high courage. So the Lady Alice More worked out this plan for the Rediscovery of Man. Set up Ancient Nations, give everybody an extra culture besides the old one based on the Old Common Tongue, let them get mad at each other, restore some disease, some danger, some accidents, but average it out so that nothing is really changed.« (Smith 1988, 237–238)

Diese Wiedereinführung der Gefahren und Unsicherheiten des Lebens durch die »Instrumentality«, das heißt »von oben«, funktioniert nicht auf Anhieb, scheint aber schließlich die Situation zu verbessern, indem sie diese wieder verschlechtert:

»We today know that variety, flexibility, danger, and the seasoning of a little hate can make love and life bloom as they never bloomed before; we know it is better to live with the complications of thirteen thousand old languages resurrected from the dead ancient past than it is to live with the cold blind-alley perfection of the Old Common Tongue.« (Smith/Davis 2008, S. 89)

 

Bibliografie:

Lewis, Anthony R. (2000): Concordance to Cordwainer Smith. 3. Auflage. Framingham, MA: NESFA Press.

Smith, Cordwainer (1988): Norstrilia. London: VGSF.

Smith, Cordwainer (1999): The Rediscovery of Man. Mit einem Vorwort von Graham Sleight. London: Gollancz.

Smith, Cordwainer/Hank Davis (Hrsg.) (2008): We the Underpeople. Mit einem Vorwort von Robert Silverberg. Riverdale, NY: Baen Books.

Smith, Cordwainer (2011): Was aus den Menschen wurde. Mit einem Vorwort von John J. Pierce. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Smith, Cordwainer/Hank Davis (Hrsg.) (2012): When the People Fell. Mit einem Vorwort von Ferderik Pohl. Riverdale, NY: Baen Books.

Beitragsbild © The Estate of Cordwainer Smith


 

Autorenfoto Mombauer

Dennis Mombauer, Jahrgang 1984, wuchs »am Rhein« auf und zog studienbedingt nach Köln, wo er heute lebt und arbeitet. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane und Flash Fiction und ist Mitherausgeber von »Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles« (http://dienovelle.blogspot.de/). Dort Beiträge zu experimenteller Genre-Literatur und eigene experimentelle Texte. Diverse Veröffentlichungen in englisch- und deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien.

3 Kommentare

  1. „Das Experimentelle (zumindest im Rahmen klassischer Science-Fiction) ist also hier, dass den LeserInnen die Welt nicht erklärt oder von außen beschrieben wird, sondern Smith ihnen davon erzählt, wie ein Bewohner dieser Welt es einem anderen erzählen würde: ohne die Fremdartigkeit hervorzuheben oder zu benennen, sondern sie stattdessen, in gewisser Weise beiläufig, im Kopf der LeserInnen organisch entstehen zu lassen.“

    das klingt nach einer Herangehensweise von der sich besonders auch Autoren im Fantasy-Spektrum eine Scheibe abschneiden könnten… in der SF sind ja zB auch Dick oder Gibson keine langatmigen Ausbuchstabierer… der Verweis auf Fantasy deshalb weil ich gerade bei den Kolumnisten auf der Suche nach Fantastik mit ernsthaftem erzählerischen Anspruch bin und regelmäßig feststelle wie sehr klassisches „worldbuilding“ einer ästhetischen Erfahrbarkeit der Welt im Wege steht: http://diekolumnisten.de/2016/01/12/fantastische-reise-i-der-hexer/ (freue mich immer über weitere Leselistenvorschläge 🙂 )

  2. Pingback: Freitag, den 29. Januar 2016 | Kulturnews

  3. Eduard Hahn sagt

    Das Werk des unikalen Autors kann dem Vergleich mit E.A. Poe locker standhalten, in vielerlei Hinsicht! Schade, dass nur ganz wenige ihn kennen. Er hat es wirklich besser verdient.

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