FRAKTUS – Das Newcomer-Comeback des Jahrzehnts

(c) Lenn Colmer

Nach vier Jahren sind sie zurück, aber eigentlich auch nach über zwanzig Jahren. Spielt aber nicht so die Rolle, denn FRAKTUS haben weitaus mehr zu bieten als nur sieben Buchstaben.


Dienstag, der 19.01.2016, 20:17 – Die Kesselhalle des Bremer Kulturzentrums Schlachthof ist brechend voll. Schnell ist man Teil eines alternativen Mittdreißiger-Kulturabends geworden – was auch für Mittzwanziger wie mich gilt. Jeder, der hier ist, weiß um den historischen Moment und brodelt voll introvertierter Vorfreude. Doch langsam werden einige Stimmen laut (Dickie Starshine aka Dickie Schubert aka Rocko Schamoni wird sie später als angebliche Hannoveraner enttarnen, die sich unter das moderat feiernde Bremer Publikum gemischt haben). Wo bleiben die Herren der Schöpfung FRAKTUS, die hier und heute Abend ihren großen Tourauftakt geben werden?

Allzu lange Zeit haben sie sich dann doch nicht gelassen. Torsten Bage aka Heinz Strunk, Dickie Schubert und Bernd Wand aka Jacques Palminger betreten in roten Overalls und mit grün leuchtenden Helmen die Bühne und ernten ein großes, erwartungsvolles Hallo. Seit ihrem Film FRAKTUS – das letzte Kapitel der Musikgeschichte (2012) hat sich das in die Jahre gekommene Hamburger bzw. Brunsbütteler Trio in zehntausende anfällige Herzen eingraviert. Hartnäckige Ruhmsucht und unerschütterliche Bodenständigkeit geben sich die Hand; ganz getreu der Mottos „Erfolg ist out“ und „Fraktus sind nicht nur nett, sondern Internet!“ (D. Schubert). Der Opener ist der gleichnamige Song des frisch gebackenen Albums Welcome to the Internet und die verzerrte, dröhnende Stimme Dickie Starshines verkündet verheißungsvoll und nostalgisch zugleich das (leicht modifizierte) Alte Testament der Digital Natives. Wer hat das Internet erfunden? Richtig. Dickie Starshine. Wir ahnten es schon immer.

Quelle: YouTube

Das Eis bricht gleich zu Anfang, als der König des Kabelmodems seinen Text kolossal durcheinanderbringt und das Bremer Publikum damit aus der fast ehrfürchtigen Schockstarre reißt. Das döspaddelige Dreiergespann mit Wumms unterm zukunftsweisenden Fahrradhelm hat seine Hupfdohlen zu Hause gelassen und fährt dafür mit einer multimedialen Show auf, die überschaubar aber wirksam ist. In „Saugetücher“ glänzt Bage durch eine Querflöteneinlage à la Jethro Tull auf Acid, der brachial pulsierende Song „Maler und Lackierer“ ist ton-, licht- und videotechnisch in eine Chucky die Mörderpuppe-Ästhetik getaucht. Und die Jungs von FRAKTUS wären einfach nicht sie selbst, würden sie sich nicht zur Belustigung aller anfangen zu kabbeln. Gründe? Finden sie schon. Dass sie auf sympathische Art und Weise kindisch sind, schützt nicht vor Zweifeln an der Jugendfreigabe. Dickie raucht fast Kette und prostet dem Publikum zu, aus dem stellenweise ein vertrauter harziger Geruch strömt: „Is‘ dir der Saft ausgegangen, muss man Saft nachkippen!“

Ein paar Hits später ist es Zeit für Werbung und die eingefleischten Fans wissen sofort Bescheid. Bernd Wand preist die Bananensäge® jetzt auch als Schlüsselanhänger an, Mr Starshine präsentiert seinen für Raucher ausgebauten Flötel® und überraschenderweise kehrt Torsten Bage die pädagogisch wertvolle Seite der Band hervor: Das smartphonetaugliche Game Smirkey’s Dope House soll Jugendlichen in vier Leveln einen kontrollierten Umgang mit Drogen näherbringen. Die musikalischen Filmstars beweisen nicht nur sicheren Umgang mit interaktiven, digitalen Medien, sondern auch einen einfühlsamen Umgang mit ihrem Publikum. „Nicht erschrecken!“, raunt Bernd „Optiker for life“ Wand schließlich naiv-verschwörerisch ins Mikrofon, „Ich habe eine Bombe mitgebracht.“ Besagte Bombe explodiert untermalt mit „geheimnisvoller Zauberwaldmusik“ tatsächlich – es ist eine Handvoll goldener Lametta, die das Lied „Mary Poppins“ einleitet, welches ohne dieses Intro wahrscheinlich vollkommen untergangen wäre. Dahingegen ließ das stampfende, stark an Kraftwerk erinnernde „Musik aus Strom“ sofort den Schlachthof erbeben. Das an frühe EBM angelehnte, angeblich indizierte Stück „Die Toten schauen dir beim Wichsen zu“ hinterfragt subtil die Privatsphäre beim Eigenliebemachen. Die technoiden Drei geizen letztlich nicht mit Zugaben, die den Abend wohlgeformt abrunden: Der alte, neue Klassiker „Affe sucht Liebe“ lässt die Kesselhalle nochmal schön aufkochen, bevor das versöhnliche, rührende „Freunde sind Friends“ ein elektrisch knisterndes, warmes Gefühl in der Brust eines jeden Konzertbesuchers entfacht. Eine Hommage an FRAKTUS selbst, aber auch an die Freundschaft allgemein. Gut zu wissen, dass Dickie, Bernd und Torsten trotz aller Ungleichheiten und Uneinigkeiten ein stets unzertrennliches Trio sind. Quasi die Drei Amigos der deutschen Elektropop-Szene.

Die Experimentierfreude von FRAKTUS ist nach wie vor grenzenlos und doch bewegt sie sich irgendwie im Rahmen. Die elektronische Sterilität des Albums ist glücklicherweise in analoger Form, also live, nicht zu spüren. Es lohnt sich, die drei „Originals“ im Schweiße ihres professionellen Angesichts zu erleben – das haltlose Rumblödeln am Stimmverzerrer z.B. hat gut und gerne einige Minuten in Anspruch genommen. Die Mitglieder von FRAKTUS sind in erster Linie Unterhalter mit dem Prädikat ‚hervorragend bräsig und besonders gut‘. Auch ohne den Film hätte die Band einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen können, doch letzten Endes scheint der cineastische Kickstart Voraussetzung für den erreichten Kultstatus gewesen zu sein. Damit wäre FRAKTUS meines Wissens die erste Kombo, die den (verpönten) Musikerfolg über das visuelle Vergnügen erlangt hat. Zu guter Letzt möchte ich mich einfach für das North German Fun Elelctro Event bedanken. Thank you, Fraktus. Ich hoffe, ihr bleibt den freien Kulturgängern und Freunden des gepflegten Trashs noch ein Weilchen erhalten. Und ich erahne bereits die Antwort – sie öffnet als Hologramm Dickie Starshines in epischer Slowmotion die Augen: „Not for that!“

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