„The Revenant “ – Die Macht der Filmsprache

Die Vorberichterstattung zum aktuellen Filmprojekt „The Revenant“ („Der Rückkehrer“) von Alejandro González Iñárritu („Babel“, „Birdman“) dominierten vor allem zwei Themen: Die aufwändige Produktion unter extremen Bedingungen und die Hoffnung Leonardo DiCaprios endlich sein Oscartrauma zu überwinden. Das Ergebnis zeigt nun aber vor allem eines: „The Revenant“ setzt filmtechnische Maßstäbe, die eindrückliche Zuschauerreaktionen hervorrufen.


In „The Revenant“ inszeniert Iñárritu die Odyssee des Trappers Hugh Glass, dessen Geschichte zu einer Art Wild-West Legende avanciert ist. Der historische Glass heuert im frühen 19. Jahrhundert bei einer großen nordamerikanischen Pelzhändlerfirma an und wird während einer Expedition von einem Grizzlybär schwer verletzt. Als tödlich verwundet zurückgelassen, beginnt er eine mehrwöchige Wanderung  durch die Wildnis, um seine ehemaligen Kameraden zu stellen. Iñárritus Film adaptiert einen Roman von Michael Phunke („The Revenant: A Novel of Revenge“), in dem Glass, getrieben von dem unbedingten Willen Rache zu nehmen, den brutalen Widrigkeiten einer kalten Welt trotzt. Die Szenerie, die uns dabei in „The Revenant“ präsentiert wird, ist bestimmt von einer unbeherrschbaren Natur, die von den chaotischen Konflikten verschiedener Menschengruppen durchzogen wird: Konkurrierende Trapperverbände liefern sich Kämpfe mit indigenen Stämmen. In einer harten, dreck- und blutverschmierten Welt lauern nicht nur wilde Tiere, sondern auch Gier, Feigheit und moralische Indifferenz, die sporadisch von einem angedeuteten Schimmer Menschlichkeit gebrochen werden.

(Trailer Quelle: Youtube)

Um dieser Welt die nötige Authentizität zu verleihen verlangte Alejandro Iñárritu seinem Produktionsteam einiges ab. Über 9 Monate wurde an über 12 verschiedenen, teils schwer zugänglichen, Orten unter Extrembedingungen gedreht. Iñárritus Mantra bei der Produktion war eine „Immersion in die natürlichen Elemente der Welt“, die auch von seinen Schauspielern verlangt wurde. Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio berichtete etwa von ständigen Übernachtungen in eisiger Kälte (teilweise in Tiergedärmen) und dem zweifelhaften Genuss von roher Bisonleber. DiCaprio manifestiert aber gerade mit der Kompromisslosigkeit seiner Darstellung eine exzellente schauspielerische Spannweite. Die Rolle des Hugh Glass in „The Revenant“ ist bestimmt von einer Leidensfähigkeit, die nicht verbal ausgedrückt wird. Die eigentliche Stärke DiCaprios – das Dialogspiel – wird also weitestgehend ausgeklammert.

Der stille Star des Films ist allerdings Kameramann Emmanuel Lubezki (Oskar 2014 für „Gravity“ und 2015 für „Birdman“), der „The Revenant“ durch lange gleitende Kamerafahrten, monumentale Landschaftsaufnahmen und spektakuläre Gegenlichtshots eine unverkennbare visuelle Ästhetik verschafft. Die Filmsprache verbindet dabei den entschleunigten Blick einer transzendierend gleitenden Kamera mit einer rohen Brutalität. Kondensiert wird der ständige Tempowechsel des Films in einer der eindrucksvollsten Filmszenen der Gegenwart:

Die Kamerasicht folgt der Flinte des schwer atmenden Hugh Glass in einem einsamen grünen Wald. Er erkundet langsam seine Umgebung und entdeckt zwei Bärenjunge. Die Kamera schwenkt und zeigt die Bärenmutter aus dem Hintergrund heranpreschen. Das massive Tier reißt den überraschten Trapper mühelos von den Beinen, schleudert ihn wie eine Puppe herum, drückt ihn auf den Waldboden und birgt immer wieder seine Krallen in den hilflosen Körper seines schreienden Opfers. Die Kamera umrundet das Geschehen, fährt so nah an den einseitigen Kampf heran, dass die Linse vom Atem der Bärin beschlägt. Glass ist der überwältigenden Kraft des Tieres hoffnungslos ausgeliefert. Die Bärin setzt ihre Tatze auf seinen Kopf, drückt ihn in den moosbewachsenen Untergrund, dickflüssiger Speichel fließt ihm ins Gesicht. Dann plötzlich: Entschleunigung. Die Bärenmutter lässt von dem zerschundenen Körper des Trappers ab und bewegt sich auf ihre Jungen zu. Der stöhnende Hugh Glass schleppt sich langsam zu seiner verlorenen Flinte; Großaufnahme seines schmerzverzerrten Gesichts. Ein Schuss durchbricht die Langsamkeit des Zwischenspiels – erneut ein gnadenloser Angriff. Die getroffene Bärin wirft Glass in die Luft, reißt große Stücke seines Fleißes aus seinem Körper und schlitzt seine Kehle auf bevor sie ihn schließlich auf den Rücken dreht, ihm das Gesicht ableckt und sich wiederum kurz entfernt. Der blut- und dreckverschmierte Trapper zieht sein Messer und begegnet dem letzten Angriff des torkelnden Tieres mit verzweifelten Stichbewegungen. Mensch und Tier fallen gemeinsam einen Abhang hinunter und bleiben wie in stiller Umarmung liegen.

Die Szene wird durch die Nähe der Kamera und das Detailreichtum des Geschehens sehr eindrücklich. Der angedeutete Kontrast zwischen der kalten Schönheit einer unbeherrschbaren Natur und ihrer inhärenten Brutalität ist im gesamten Film präsent. Die visuelle Filmsprache oszilliert zwischen Entschleunigung und einer wuchtigen, rohen Dynamik und löst dabei eine starke empathische Zuschauerreaktion aus, die teilweise fast an physischer Anteilnahme grenzt. Filmsprachlich erinnert das an Filme wie Joe Carnahan´s „The Grey“ (2011)  und Nicolas Winding Refn´s „Drive“ (2011). Die eindrücklichen langen Kamerafahrten erwecken aber durchaus auch Arthaus-Assoziationen alá Andrei Tarkowsky.

Das Narrativ von „The Revenant“ wird klar von der meisterlichen filmtechnischen Umsetzung überschattet. Angelegt als epische Rachemission werden große existentielle Themen wie der Triumph des menschlichen Durchhaltevermögens gegen alle Widrigkeiten oder der Kampf für eine Ordnung in einer chaotischen Welt von einem unnötig eingeführten Mystizismus gestört. Glass hat häufig symbolisch überladene Traumflashbacks, die dem Film eine spirituelle Tiefe geben wollen, welche aber konstruiert und überflüssig erscheint.

„The Revenant“ bleibt nicht auf Grund seiner narrativen Tiefenstruktur im Gedächtnis, sondern durch das Zusammenspiel exzellenter Filmtechnik mit guter schauspielerischer Leistung, die eine einzigartig eindrückliche Welt für den Zuschauer erschafft.

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