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Zeit und Raum unbekannt, Richtung Zukunft – Afrofuturismus

Dass wir alle einer ungewissen Zukunft entgegengehen, wissen wir. Das Ganze einmal aus der Perspektive des afrikanischen Science-Fiction-Kinos zu betrachten, offenbart nicht nur stimmungsvolle Bilder und nachdenkliche Klänge, sondern erweitert unseren kulturellen und kritischen Horizont.


Ein Kurzfilmabend mit afrikanischen Science-Fiction-Filmen. Klingt exotisch und aufregend. Veranstaltet wird der Abend von der internationalen NGO „AfricAvenir“, die sich als politisches und kulturelles Bindeglied zwischen Afrika und Europa für einen interdisziplinären Austausch einsetzt. Der Kinosaal ist sehr voll, man findet kaum noch einen Sitzplatz im Kino in den Hackeschen Höfen. Das Interesse ist groß am Afrofuturismus. Und irgendwie klingt es ja auch verheißungsvoll, als würde uns an diesem Abend etwas Großartiges und Bleibendes begegnen. Auf jeden Fall etwas, das wir so von Afrika noch nicht gesehen haben. Dann läuft der erste Kurzfilm an und in Sekunden tauche ich ein in eine nicht allzu ferne Zukunft.

Eine sanfte Brandung spült Fußabdrücke im grobkörnigen Sand fort. Von wem stammen sie? Kam derjenige aus dem Wasser? Eine Überblendung zeigt uns den mutmaßlichen Besitzer dieses Abdruckes. Ein Wesen lehnt gekrümmt an hohen kargen Steinfelsen. Wir beobachten, wie sich das Wesen, das wir jetzt in seiner menschlichen Gestalt ausmachen können, langsam regt. Arme und Beine bewegen sich und mit sichtlicher Anstrengung wird versucht, den Körper vom Boden aufzurichten. Das Menschenwesen hält sich am Fels fest, zieht sich langsam in die Vertikale. So als ob es sich zuerst an die herrschende Erdanziehung gewöhnen müsste. Als würde es von einem anderen Planeten, aus einer anderen Welt stammen. Sein Atem geht schwer. Währenddessen sehen wir, dass das Wesen einen Anzug trägt. Ein Raumanzug? Ein Reiseanzug? Das braune Leder bedeckt seinen ganzen Körper. Sogar der Kopf ist in einer Art lederne Maske eingebunden. Zwei runde Öffnungen für die Augen und ein Mundfilter aus Metall. Es hat etwas Animalisches. Fremdes, Befremdendes.

Der Blick von der Bucht aufs Meer ist getrübt vom noch nicht angebrochenen Tag. Man meint, am Ende des gebogenen Horizontes ein Land ausmachen zu können. Der Reisende schaut lange aufs Meer und versucht sich in seine neue Umgebung einzufühlen. So wie der Protagonist des Films müssen auch wir uns hineinfühlen. Wo sind wir hier? Ist das noch unsere Erde? Zu welcher Zeit spielt die Handlung? Protagonist und Zuschauer müssen diese Fragen bis zum Schluss des Films aushalten. Wir sitzen im selben Boot. Auf einer Reise durch ein fremdes Land auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, einem neuen zu Hause.

Der erste Kurzfilm an diesem Abend fesselt mich sehr. Eigentlich kann ich mich nach diesem kaum noch auf die anderen konzentrieren. Ich bleibe gefangen in der beklemmenden Stimmung des Films. Der junge algerische Regisseur und Produzent Amin Sidi-Boumédiène schafft es mit einfachen Mitteln ein sehr ursprüngliches Gefühl hervorzurufen. Es geht in „L`ile – Al Djazira“ um Einsamkeit und Fremdsein. In dem 2012 entstandenen, 35-minütigen Film folgen wir einem Mann, dessen Herkunft, Ziel und Motivation bis zum Schluss unklar bleiben. Sogar für ihn selbst? Wir kommen mit ihm an. An einen Strand, den wir nicht kennen, zu einer Zeit, die uns fern ist, und wir folgen mit ihm den seltsamen schwarz-weiß Fotografien, die er in einer Kiste im Strand ausgräbt und die uns den Weg durch die Stadt zeigen. Wir sehen verlassene, heruntergekommene Häuser und immer wieder die aufgehende Sonne. Wir laufen mit ihm über schmutzige Straßen und leere Plätze. Was ist hier passiert? Leben hier Menschen? Während der ganzen Zeit trägt der Protagonist seinen Anzug und die Maske.

Mit dieser Art des Werkschaffens reihen sich heute viele afrikanische Künstler in das Genre des sogenannten Afrofuturismus ein. Futuristisch ist hierbei nicht nur die Auswahl der Bilder und Metaphern, die am heutigen Stand technischer Errungenschaften andocken und diesen überzeichnen und eben in Szenerien der Zukunft ansiedeln. Sondern auch das alles verbindende Leitmotiv, eine Frage, die wir uns alle stellen müssen: In was für einer Welt/Zukunft wollen wir leben? Und gerade die afrikanische Diaspora scheint hierfür ein besonders intensives, drängendes Gespür zu haben. Mit den Bildern von Außerirdischen oder maschinenähnlichen Menschen wird eine ebenso wichtige Frage aufgeworfen: Was heißt es, fremd zu sein und was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer Mensch sein darf, scheint in vielen Gesellschaften heutzutage gar nicht so klar zu sein. Diskriminierung und Ausgrenzung stellen den Kern eines humanen Miteinanders auch in Deutschland essentiell in Frage.

Wie die anderen Geschichten an diesem Abend ist auch „L`ile – Al Djazira“ in Afrika angesiedelt. Genauer gesagt im Norden des Kontinents, an der Küste Algeriens. Der Traum von einer vielversprechenden, anderen Zukunft, wie wir Europäer sie jeden Tag leben, ist hier in viele Seelen eingeschrieben. Denn man blickt von Algier aus fast direkt auf ein verheißungsvoll leuchtendes Europa. So scheint das Land sich selbst auch fremd zu sein: „These buildings, these streets, these roads and other landscapes shaped by the French presence constantly remind us that our identity is set. Algiers is the evidence that we have been of foreigners in our country. This feeling persists in our thoughts, our actions, our vision for the future.”, so der Regisseur in einem Interview. Doch vielleicht gibt es eine ganz andere Zukunft für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Eine, die sich eben nicht nur am aufgeblasenen Ideal des konsumierenden und darum „freien“ Bürgers orientiert. Eine, die aus sich selbst heraus erwächst.

Auf jeden Fall bieten die Filme dieser Künstler eine Kritik ihrer eigenen und damit auch unserer gesellschaftlichen Vergangenheit und Zukunft, die ganz in den Mainstream dieser Tage passt. Dem über alles stehenden Technikglauben und Innovationsdrang. Fortschritt ist gut, solange eben niemand auf der Strecke bleibt. Und wo kann man sonst die zuerst angsteinflößenden, wenn begangen aber Hoffnung spendenden, neuen Wege aufzeigen, wenn nicht im Medium des Films. Afrofuturistische Filme sind Träume, Visionen aber zugleich auch Gesellschaftskritik, Selbstreflexion.

Quelle: Youtube

2 Kommentare

  1. Schöne Gedanken zu einer Kunstbewegung, die man (als Europäer?) erst einmal gar nicht erwartet. Aber grundsätzlich gilt immer: Wahrnehmungshorizonte erweitern! Besonders eindrücklich, plastisch, verständlich kann das vor allem die Kunst als tiefempathisches, sensuales Medium.

  2. Vielen Dank für diesen Artikel und den Hinweis auf das „Genre“. AL DJAZIRA werde ich mir so bald wie möglich ansehen!

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