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Die Qual des Kuschelbuchs

Schwierige Bücher gibt es an beiden Enden der Komplexitäts-Skala. Warum gehört neben Infinite Jest auch Tilda Apfelkern dazu?


„Tilda Apfelkern“ von Autor und Illustrator Andreas H. Schmachtl ist, wie man an dem Hinweis „Handwäsche bis 30 Grad“ unter dem Klappentext, der mehr Zeichen als der Buchinhalt aufweist, erkennt, ein Kuschelbuch, und zwar „mein liebstes“ – so will es zumindest der Untertitel. Tatsächlich habe ich kein Kuschelbuch lieber, da ich kein anderes kenne. Was aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk nicht verhindern wird, denn immerhin sollen dieses unsere Zukunft (= Kinder) zu lesen bekommen.

Die hauchdünne Geschichte beginnt damit, dass Tilda, eine „holunderblütenweiße“ Maus, auf der Wiese spielt. „Hallo, bunter Schmetterling!“, ruft sie dabei einem dreist dreinschauenden Schmetterling entgegen, während zwei wie Spiegel eiernde Gänseblümchen keinerlei Zivilcourage an den wunderbaren Sommertag legen. In der nächsten Episode der außerordentlich fragmentarischen, offenbar an die bizarren, zugleich von Drogen induzierten wie Drogenwirkung induzierenden Cut-up-Romane von W. S. Burroughs angelehnten Handlung singt ein Vogel, genauer ein Rotkehlchen, „so schön“, während Tilda dazu tanzt. Von dem im Klappentext angekündigten Singen um die Wette ist hier allerdings zu keinem Zeitpunkt die Rede – eine der unzähligen Enttäuschungen im Laufe der intellektuell brüllend unterfordernden und dennoch – oder gerade deswegen? – anstrengenden Lektüre.

Im dritten Akt dieser Tragödie von einer Publikation schließlich erfährt der allerkleinste Rezipient (hoffentlich nicht), dass Tilda, die mittlerweile in einem nicht näher spezifizierten Raum steht, Geschenke mag – ein himmelschreiender Gemeinplatz, denn wer mag sie nicht! Ihr gegenüber steht eine prachtvoll verpackte, mausgroße Geschenkbox. „Was da wohl drin ist?“, fragt sich nicht nur Tilda „Captain Obvious“ Apfelkern (übrigens ein nur mit Vorsicht zu genießender Nachname, da Kleinteile durch versehentliches Einatmen zum Erstickungstod führen können), sondern auch der (Vor-)Leser, und entdeckt sogleich beim Umblättern das einzig Löbliche an diesem „kuschelweiche[n] Babybuch zum Fühlen und Spielen – mit lustiger Knisterseite“ – nämlich die lustvoll knisternde Spezialseite. Nach ausreichendem Beknistern darf nun – ACHTUNG: SPOILER!!! – aufgelöst werden: Die „Überraschung für Tilda“ stellt sich als eine zweite, im Gegensatz zu Tilda hingegen grauhäutige Maus, allerdings ebenso sinnfrei und rotbeohrt, heraus, wahrscheinlich ein Zeichen von (eher körperlicher denn geistiger) Anstrengung. „Schön, dass du da bist“, lautet das Schlusswort, welches der geneigte Rezensent so sicher nicht unterschreiben kann, da auch der wahrscheinlich als krönend konzipierte Schluss jeglicher Logik entbehrt.

Prädikat: Knisterseite in „Infinite Jest“ reinkleben, Rest kann weg.

Titelbild: © Arena Verlag/Andreas H. Schmachtl


 

Daniel Ableev

Daniel Ableev, *1981 in Nowosibirsk; lebt als freier Seltsamkeitsforscher in Bonn. Veröffentlichungen in On- und Offline-Zeitschriften und –Anthologien; ausgezeichnet mit dem „KAAS & KAPPES“-Theaterpreis 2011 für D’Arquette; Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“. www.wunderticker.com / www.wunderticker.de

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