Literatur, Rezensionen
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Digitale Identität am Ende der Freiheit

In seinem Buch mit dem großartigen deutschen Titel Der Circle führt Dave Eggers uns Kindern des Internets unser Kommunikationsverhalten vor Augen und denkt dabei ein paar Entwicklungen unserer Zeit zu Ende.


„Das Internet ist schwer zu definieren. In erster Linie scheint es eine zufällige, kurzweilige Erscheinung zu sein. Keines der Web-Unternehmen, die sich durchgesetzt haben, ist einem vorgezeichneten Weg gefolgt, und die meisten sind untergegangen. Den anderen sind wir ergeben. Aber ihre rasche Selbstoptimierung und Weiterentwicklung zeigt, dass sie wissen, wie schnell sie untergehen können, wenn sie nicht mit den rasanten Entwicklungen mithalten können. Es könnte alles bald anders kommen. Und es hätte anders kommen können. An dieser Stelle setzt Dave Eggers‘ 2014 auf Deutsch erschienener Roman „Der Circle“ an. Mit sehr subtiler, zeitgenössischer Science Fiction, die in Wahrheit eher eine Social Fiction ist, da wir die Technik, die wir nutzen, und die im Buch eine Rolle spielt, ohnehin nicht mehr überblicken, konstruiert er eine Parallelwelt, die ein paar dieser „rasanten Entwicklungen unserer Zeit“ in ihre logische Konsequenz führt.

Das Buch wirft die Frage nach dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im Internet auf. Dieses Verhältnis steht ja spätestens seit den von Snowden veröffentlichten Geheimdienst-Aktivitäten unter kritischer Beobachtung und wir erwischen uns dabei, skeptische Blog-Artikel zu verfassen, die wir im Facebook, bei Twitter und der Vollständigkeit halber auf google+ teilen, damit sie gelesen werden, und die wir vorher in einer Cloud zwischenspeichern, weil Festplattencrashs ja irgendwie 2008 sind. Welche Informationen über uns dabei auf welchen Servern liegen und welche Firmen und Regierungen einen Einblick darauf haben, ahnen wir, können wir aber nicht überblicken. Die Sozialen Medien sehen aus wie Freunde. Selbst manche deutschen Regierungspolitiker wirken gelegentlich auf Presseauftritten, wenn man sehr vieles ausblendet, auch wie ein paar verschrobene, aber auf ihre Art sympathischen Verwandte. Aber brauchen Freunde nicht auch Geheimnisse voreinander? Was passiert, wenn es keine Geheimnisse, keine geschützten Informationen mehr gäbe? Wenn sie alles über uns wüssten? Und wir alles über sie?

Es könnte ein Unternehmen geben, das sich bspw. Circle nennt, dem es gelingt, unsere personale Identität digital zu rekonstruieren: Es müsste vielleicht nur sympathisch genug auftreten und uns mit kurzweiligen Vorteilen wie einem vereinfachten Online-Zahlungsverkehr, einer sichereren digitalen Kommunikation und hübschen, nützlichen Tools locken, damit wir mitmachen. Viele PolitikerInnen würden dieses anfangs unweigerlich unterstützen. Und plötzlich würde aus den multiplen Persönlichkeiten, die wir in Sozialen Netzwerken, anonymen Chats, Online-Games, auf Dienstleistungs- und Verkaufsplattformen annehmen, wieder eine einzige Person. Wie genau das Unternehmen uns dazu bringen sollte, mitzuspielen, kann Eggers‘ Buch nicht beantworten. Denn wir müssen es ja erstmal wollen. Vielleicht nimmt der Autor sich die literarische Freiheit, die Naivität des homo technicus noch ein wenig zu überzeichnen, um zu einem klaren Blick auf die Konsequenzen völliger Transparenz freizulegen. Vielleicht aber, und das ist das Unangenehme dabei, auch nicht.

Aber dies ist für das Buch nicht so entscheidend wie die Frage: Was bleibt von uns, wenn der Kreis sich schließt? Wenn durch ein dichtes, von Sensoren, Mikrofonen und Kameras kontrolliertes digitales Netz jede unserer Aktivitäten verfolgt und dokumentiert wird – Körperleistungen wie Handlungen? Vielleicht könnten wir Krankheiten kontrollieren und Verbrechen aufklären. Vielleicht sogar beides verhindern. Information ist Macht, das wissen wir. Wem die Macht etwas nützt – und das Ganze ist ein utilitaristisches Experiment, wissen wir nicht. Denn der Circle macht auch sich selbst und die Politik transparent.

Vielleicht ist Dave Eggers‘ Werk ein kleines 1984 unserer Zeit, aber es ist noch viel näher an unserer Gegenwart als 1984 es bei seinem Erscheinen 1948 war. Es braucht keine großen technischen Fortschritte einzuführen, wir tragen ja längst Televisoren mit uns herum und sitzen ihnen stundenlang gegenüber. Vielleicht sollten wir sie mal wieder ausschalten und ein Buch lesen“, sagte ich mir und schrieb einen skeptischen Blogartikel darüber … Merk ich selbst. Immerhin.

3 Kommentare

  1. „.…Aber brauchen Freunde nicht auch Geheimnisse voreinander? …“

    Anbei ein anderes Zitat, das es zum Klassiker bringen wird:

    „Das Freunde sich abhören, geht gar nicht.“

    Ein tolles Beispiel perfekter Rhetorik. Warum? Weil die Aussage nach allgemeiner Moralvorstellung richtig ist, die zugrunde liegende Prämisse jedoch falsch, was den Meisten entgangen sein dürfte. Geheimdienste haben nämlich, per Definition ihrer Aufgaben durch das System, prinzipiell keine Freunde.

    Damit schließt sich, nun wieder zum Artikel kommend, der Kreis. Nur die, die es ertragen können, Geheimnisse voreinander zu haben, können Freunde sein, können Freunde werden. Alle anderen sind lediglich austauschbare Teile des Systems.

    Ein spannendes Feld, nicht nur für die Science Fiction. Die, meiner Meinung nach, immer die Aufgabe hatte und hat, aus dem Bestehenden zu extrapolieren und Entwicklungen oder Perspektiven aufzuzeigen. Kopfkino für Leute mit Köpfchen.

  2. Science Fiction? Mir kommt das schon ziemlich real vor. Allein der Wunsch, daß ich gelesen werden will, läßt mich die verschiedenen Teile der multiplen Persönlichkeit verknüpfen, um möglichst viele Follower in diesem Netz zu fangen …

    • Gregor van Dülmen sagt

      Mir auch, aber das mein ich mit „zeitgenössischer Science-Fiction“. Wir, wenn wir nicht vom Fach sind, konzentrieren uns auf die Benutzeroberflächen technischer Geräte und stellen fest, dass die Oberflächen, die Eggers beschreibt, genauso existieren könnten und fast genauso schon existieren, auch die realen Mechanismen digitaler Interaktion bekommt er gut hin, aber der technische Aufwand hinter den Tools, die im Buch vorkommen, ist Fiktion.

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