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Wer bist du, Erwin Erzähler?

Er sorgt für einige Verwirrungen im Kinderzimmer. Alle kennen ihn. Aber keiner weiß, wer er wirklich ist. Der Erzähler der Benjamin-Blümchen-Hörspiele ist eine Stimme ohne Bild. Ein Versuch der Identifizierung.


Er trägt den Namen „Erwin Erzähler“, wenn man der Rückseite der Hörspiel-Kassettenhüllen Glauben schenken möchte. Vorstellen tut er sich nicht – der Erzähler von Benjamin Blümchen. Weder in der ersten Folge, noch in irgendeiner anderen. Das ist nichts Ungewöhnliches. In den seltensten Fällen stellt sich der Erzähler vor. Ja, meistens nehmen wir, die Leser٭innen bzw. die Hörer٭innen, ihn ja nicht einmal richtig wahr. In einem Hörspiel ist er nur Mittel zum Zweck: eine abstrakte Instanz, die uns mit Informationen füttert. Das ist sehr nett von ihm. Denn würde ein Hörspiel nur aus Figurenreden bestehen, fehlten uns wichtige Details. Aber im Falle des Benjamin-Blümchen-Erzählers wäre eine Vorstellung der eigenen „Person“ nur höflich. Denn dieser Erzähler ist anders: Er kommentiert, bewertet die Handlung, teilt seine eigenen Vorlieben mit. Er spricht mit den Zuhörer٭innen und mit den Figuren (z.B. in Otto ist weg und Benjamin Blümchen als Koch). Sie antworten ihm, wissen jedoch nicht so recht, mit wem sie da reden. Die meiste Zeit nehmen ihn nur die Hörer٭innen wahr. Die Figuren scheinen ihn weder zu sehen, noch zu hören. Um die Frage „Wer bist du, Erwin Erzähler?“ zu beantworten, müssen die Hörer٭innen die kleinen Fetzen, die die männliche Stimme von sich preisgibt, zu einem einheitlichen Erzählerbild zusammensetzen. Aber das ist gar nicht so einfach.

Bist du ein Teil der Benjamin-Blümchen-Welt, Erwin Erzähler?

Hören wir einmal genauer hin, was Erwin Erzähler zu berichten hat:

„Also es ist wirklich ganz schön heiß. Mein Uhr zeigt mindestens 32 Grad im Schatten. Ich meine, mein Thermometer fünf nach vier. … Ach! … Naja, ist ja auch egal! Es ist jedenfalls unheimlich heiß.“

Erwin Erzähler – Benjamin Blümchen als Bademeister

Etwas verwirrt scheint der Gute zu sein. Aber das Zitat gibt einen wichtigen Hinweis: Erwin Erzähler spürt die Hitze, die zuvor auch Benjamin Blümchen beklagt hat. Er ist also Teil der Diegese – eine Figur der Benjamin-Blümchen-Welt (nach dem Literaturtheoretiker Gérard Genette ein homodiegetischer Erzähler) – und ein Ich-Erzähler. Eine Figur, die eine Uhr trägt und die Witterungsverhältnissen der Welt ausgesetzt ist. Aber was soll das für eine Figur sein? Sie erfüllt keine andere Funktion, als das Geschehen zu beobachten und für die Hörer٭innen im Kinderzimmer zu beschreiben. Sie hat keinen Einfluss auf die Handlung und ist auch in das Geschehen nur bedingt involviert (nach Literaturwissenschaftler Franz K. Stanzel ein peripherer Ich-Erzähler). Aber wissen wir damit mehr über dieses merkwürdige Wesen? Bei der Antwort „Erwin Erzähler ist ein homodiegetischer Erzähler bzw. ein peripherer Ich-Erzähler“ wird ein Kind, das verzweifelt vor seinem Kassettenrekorder sitzt und fragt: „Wer ist dieser Mann?“, nur  mit fragendem Blick den Kopf schütteln.

Was weißt du, Erwin Erzähler?

Um die Frage zu beantworten, wer hinter dieser ominösen männlichen Stimme steckt, kommen wir nicht umhin, zu hinterfragen, was Erwin Erzähler eigentlich weiß. Kennt er die Gedanken von Benjamin, Otto und Co? Die Frage ist schnell beantwortet. Die Antwort lautet „Nein“. Erwin Erzähler weiß, was die Figuren tun („Benjamin und Otto machen sich also auf den Weg zur U-Bahn.“ – Benjamin Blümchen als Fußballstar), er weiß, was er selber für Vorlieben hat („Also ich sehe schon: Benjamin hat von Fußball keine Ahnung. Ich übrigens auch nicht. Ich spiele lieber Tischtennis.“ – Benjamin Blümchen als Fußballstar), aber er kennt nicht die Gedanken der Figuren. Er ist nicht allwissend. Geheimnisse bleiben vorerst für ihn und damit für die Hörer٭innen geheim:

„Dieses Flüstern ist wirklich eine Unsitte. Kann man doch nichts verstehen.“ […]
„Jetzt flüstern sie alle. Die ganze Neustädter Fußballmannschaft steht um Benjamin und flüstert. Was hat das wohl zu bedeuten?“

Erwin Erzähler – Benjamin Blümchen als Fußballstar

Manchmal weiß Erwin Erzähler also weniger als der Protagonist Benjamin Blümchen. Aber er hat einen guten Überblick über die Welt. Er hat seine Augen und Ohren überall. Und weil er nicht nur dem Benjamin-Blümchen-Handlungsstrang folgt, sondern auch andere Figuren der Welt ausspioniert, weiß er von Zeit zu Zeit mehr als der sprechende Elefant. Nun wird es langsam unheimlich. Und ein leiser Verdacht macht sich breit, wer Erwin Erzähler wirklich sein könnte.

Wo bist du, Erwin Erzähler?

Es gab in der Benjamin-Blümchen-Ära höchstwahrscheinlich das ein oder andere Kind, was sicherstellte, dass über ihm kein Mann schwebt, der es beobachtet und seine Taten kommentiert. Fliegende Menschen in Kinderzimmern sind schließlich keine Seltenheit. Man schaue nur einmal in das Bücherregal oder durchstöbere die DVD-Video-Kassetten-Sammlung eines Kindes. Zu finden sind dort nicht selten der fliegende „Mann unbestimmten Alters“ Karlsson vom Dach oder auch der „Junge, der niemals erwachsen werden wollte“, Peter Pan. Auch wenn Erwin Erzähler eine gute „Übersicht“ nicht abzusprechen ist, gibt es jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass er fliegen kann bzw. über dem Geschehen schwebt. Auch unsichtbar scheint er nicht zu sein. Schließlich nimmt Benjamin Blümchen ihn von Zeit zu Zeit wahr (z.B. in der Folge Benjamin Blümchen als Koch). Was ist mit der Unsichtbarkeit à la Pumuckl oder Harry Potter mit Tarnumhang? Kann es sein, dass sich Erwin Erzähler in den richtigen Augenblick unsichtbar bzw. sichtbar machen kann? Auch hier lautet die Antwort „Nein!“. Dann würde er nicht freiwillig im Fußballstadion Eintritt zahlen:

„Ob ich auch hingehe? Doch! Werde ich tun! Mal sehen, ob mein Geld noch reicht. Vier Mark, fünf Mark, sechs … ja, reicht! Dann sehen wir uns übermorgen.“

Erwin Erzähler – Benjamin Blümchen als Fußballstar

Viel eher stellt sich beim Hören der Geschichten mehr und mehr das Gefühl ein, dass Erwin Erzähler Menschen gleicht, denen wir tagtäglich auf der Straße begegnen. Denen wir keine Beachtung schenken, weil sie keine Propeller auf dem Rücken oder grüne Strumpfhosen tragen.

Und plötzlich warst du weg, Erwin Erzähler!

Wer glaubt, ein Medienwechsel würde Licht in das dunkle Geheimnis des Benjamin-Blümchen-Erzählers bringen, wird bitter enttäuscht. Anzutreffen ist in den Benjamin-Blümchen-Filmen nur Rabe Gulliver. Und damit verliert sich jede Spur von Erwin Erzähler:

Quelle: Youtube

Guter Schachzug der Benjamin-Blümchen-Produzenten: ein sprechender Rabe, der uns Zuschauer٭innen auf dem Laufenden hält. Der so klein ist, dass er überall mitmischen kann, ohne groß aufzufallen, der fliegen kann und somit nicht den Überblick verliert. Es bleibt aber die Frage: Warum wurde Erwin Erzähler aus der filmischen Benjamin-Blümchen-Welt verbannt?

Bist du ein Voyeur, ein Stalker, Erwin Erzähler?

Es können nur Spekulationen folgen: Vielleicht wissen die Benjamin-Blümchen-Filmemacher gar nicht, wer Erwin Erzähler ist. Aber dieses Problem lässt sich doch lösen. Wenn es jedoch gelöst ist, wird es erst recht unmöglich, Erwin Erzähler Eintritt in die Benjamin-Blümchen-Filmwelt zu gewähren. Denn nach allem, was wir über ihn wissen, würde eine bildliche Darstellung einen unangenehmen Beigeschmack bei den Eltern der kleinen Benjamin-Blümchen-Zuschauer٭innen hinterlassen. Denn, egal, wie wir es drehen und wenden: Erwin Erzähler kann nicht fliegen, ist nicht unsichtbar, sieht und hört alles, was die Figuren der Benjamin-Blümchen-Welt so treiben, hat eigene Vorlieben, spricht von Zeit zu Zeit mit den Figuren und ist so unauffällig wie die Menschen auf der Straße, denen wir Tag für Tag keine Beachtung schenken: Erwin Erzähler ist und bleibt der Stalker hinter dem Baum.

18 Kommentare

  1. Wenn er nicht aktiv eingreift ist er doch vielleicht kein Stalker, sondern vom Geheimdienst oder ein passiver Begleitgeist?

    „Kann es sein, dass sich Erwin Erzähler in den richtigen Augenblick unsichtbar bzw. sichtbar machen kann? Auch hier lautet die Antwort „Nein!“. Dann würde er nicht freiwillig im Fußballstadion Eintritt zahlen“

    Vielleicht ist er Kantianer und bezahlt aus ethischem Prinzip, auch wenn er es umgehen könnte. Handle recht, auch wenn es keiner sieht.

  2. Vielen Dank für deinen Kommentar.
    Erwin als Geheimagent mag auch möglich sein. Aber würde er dann jedem/jeder von seinen Beobachtungen erzählen? Schließlich kennt er seine Hörer*innen genauso wenig wie sie ihn kennen.
    Auch mit dem Gedanken „Erwin als Kantianer“ kann ich mich anfreunden. Dann jedoch würde er es explizit machen: „Zwar könnte ich mich unsichtbar machen, aber ich kratze trotzdem mein letzte Geld zusammen, um den Eintritt zu zahlen!“. Er ist eine moralisierende Instanz und lässt keine Handlungen unkommentiert bzw. unbewertet (s. Zitat „Dieses Flüstern ist wirklich eine Unsitte.“ – Benjamin Blümchen als Fußballstar).

    Liebe Grüße
    Katharina

  3. Erst mal: Das ist eine wunderschöne Idee! Benjamin Blümchen als Gegenstand eines literaturwissenschaftlichen Beitrags! Das muss ich meiner germanistischen Tochter zeigen, die selbst begeisterte Benjamin-Hörerin war. Erwin Erzähler ist schon mal ein Zugeständnis an die kindlichen Hörerinnen und Hörer, die – wie du wohl zu Recht unterstellst – wissen wollen, wer ihnen da etwas erzählt. Der Stalker ist, soweit ich das mitbekommen habe, keine Erzählperspektive, aber ich habe nur Niederlandistik ohne Abschluss studiert, kann also nicht mitreden, jedenfalls nicht auf Hochdeutsch. Auch wenn er nicht allwissend ist, ist er doch omnispräsent.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe.
      Nein, „der Stalker“ hat noch keinen Einzug in die Erzähltheorie erhalten. Was mich an dem Erzähler verwirrt, ist, dass er eine komische Mischung aus personalem Erzähler und Ich-Erzähler (also kein auktorialer bzw. allwissender) ist – also selbst Teil/Figur der Handlung sein müsste, aber nicht wahrgenommen wird. Für mich lag dann die Stalker-Figur nahe.

      Liebe Grüße
      Katharina

  4. In gewisser Weise ähnlich, und doch ganz anders, finde ich die Sache mit denen, die anderssprachige Filmschauspieler synchronisieren. Man identifiziert ein bestimmtes Gesicht immer mit einer bestimmen Sprechart.
    Und dann hört man plötzlich Werbung oder den Sprecher einer Doku und vermisst dieses Gesicht oder erschrickt, weil plötzlich ein ganz anderes Gesicht daherkommt.
    Und so war der Erwin wohl immer identisch mit dem Elefant. Genau wie die sonore Stimme mit Dr. House.

    • Das ist auch ein spannendes Thema für sich, aber in diesem Artikel ging es ja nicht um den Sprecher von Benjamin Blümchen, sondern um die Erzählerfigur in den Hörspielen, die, auch wenn es sich um Kassetten für Kinder handelt, eine literarische Besonderheit darstellt.

      • Ach so, dann hatte ich da was mißverstanden. Ich dachte, es geht um den Sprecher auf den Cassetten.

  5. Na, Erwin Erzähler beobachtet nicht – sorry, ich schreibe das jetzt mal so, ich war keine Benjamin Blümchen-Leserin (zu alt) – sondern treibt wahrscheinlich voran. Es gibt ja in Hörspielen immer dieses Problem, dass die Handlung nicht weitergeht, wenn keiner spricht. Insofern ist er – obwohl mir das mit dem Stalker bestens gefällt – wohl doch eine Art Ableger vom „lieben Gott“, auch wenn er nicht alles weiß.

  6. anuka93 sagt

    Da Erwin mit den handelnden Personen spricht, entspricht er wohl weniger einem Stalker, als dem kleinen Freund, der sich im Hintergrund hält. Er nimmt in dem Sinne die Position des Zuhörers ein. Er tut immer genau das oder nimmt genau das war, Wasser Zuhörer wahrgenommen hätte, wäre er tatsächlich anwesend wäre.

  7. Hallo, ein toller Artikel! Ich jedenfalls bin Erwin sehr dankbar. Wenn nämlich Nessy-Mami noch bis vor kurzem müüüüde war und ihre Fantasie einfach nicht mehr für supi-dupi spannende, aber nicht zu spannende, gruselige, aber nicht zu gruselige Geschichten ausreichte, übernahm er gerne mal eben ihren Job mit genau dem richtigem Erzählstil, um Sohnemann in den Bann seiner Stimme zu ziehen. Allerdings hatte Erwin eine Sache irgendwie nicht im Griff : Während ich die Handlung allenfalls partiell mitbekam, weil mich spätestens nach 2 Minuten das angenehme Timbre seiner Stimme in Morpheus Arme legte, weckte mich regelmäßig die Stimme meines Sohnes: “ Mami, kannste noch ´ne CD einlegen?“ Heute braucht er mich nicht mehr zum Einschlafen, er geht seit ein paar Wochen ins Gymnasium. Ich hab´ zur Sicherheit ein paar CD´s aufgehoben – man kann nie wissen…
    Ein schönes Wochenende, Nessy von den happinessygirls.com

  8. Kann es eigentlich sein, dass Erwin Erzähler (oder ein naher Verwandter von ihm) sich, ebenso wie Karla Kolumna, auch in den Geschichten von Bibi Blocksberg tummelt? Oder ist das meiner Fantasie entsprungen?

  9. Herminchen305 sagt

    Ich mag Erwin Erzähler wirklich sehr! Es könnte auch sein, dass er ein regelmäßiger Zoo-Besucher ist und alles mitbekommt, was die Tiere und Menschen so machen. Diese Theorie habe ich mir gerade überlegt. Früher dachte ich nämlich immer, dass Erwin Erzähler so etwas wie ein Fußballkommentator ist und hinter ein paar Computer sitzt und den Kindern von Benjamin und Co. erzählt.

    Liebe Grüße

  10. Stebke sagt

    Toller Bericht. Danke! Aber er stimmt nicht ganz. Erwin E. stellt sich in „Benjamin träumt“ Otto vor und Benjamin Blümchen spricht ihn mit Erwin in „Wo ist Otto“ direkt an…..Tatsächlich nehmen in die Figuren in der Benjamin Blümchen Welt nicht wirklich wahr und doch gibt es immer wieder Situation, in denen der Erzähler nicht nur mit den Figuren spricht und wahr genommen wird, sondern sogar als Mensch zum anfassen in der Welt des sprechenden Elefanten und der Hexe Bibi Blocksberg agiert. Das zeigt sich beispielsweise in der Folge „Der Weihnachtsabend“ in der er mit den anderen zusammen ißt oder mit dem Bürgermeister am Klavier ein Märchen für uns Zuhörer aufnimmt, damit uns nicht langweilig wird während im Elefantenhaus gegessen wird.
    Auf der anderen Seite dieses nicht wahrnehmen von Erwin Erzähler und seine Fähigkeit nahezu überall sein zu können und die Örtlichkeiten „Zoo, Rathaus, Pressehaus…“ schnell wechseln zu können. Kann er beamen???? Glaube ich nicht 😉 Nun meine Theorie, wer Erwin Erzähler sein könnte…..
    Er ist ein fast normaler sehr liebenswürdiger Mann. Sehr bescheiden und zurückhaltend. Aber ein Mann, der sich zwischen den Welten bewegen kann. Also der Benjamin Welt und der realen Welt. Ähnlich wie Bastian aus der „Unendlichen Geschichte“. Eben das Zwischenstück zwischen Benjamin und uns. Man könnte sich also vorstellen, dass er irgendwo sitzt und uns aus dem Buch der unendlichen Benjamin Geschichten erzählt und so tief, wie Bastian, in die Geschichten eintaucht, als wäre er selbst mit dabei. Hier aber mehr als unsichtbarer Geist der alles sieht und hört und von einem Ort zum anderen wechseln kann, jedoch nicht wahrgenommen wird. Andererseits kann er aber auch, wieder wie Bastian, sich in der Benjamin Welt richtig zeigen um z.B. in der Vorratskammer von Benjamin in „Kauft ein“ für sein Abendbrot zu sorgen.
    Ich würde also sagen, Erwin E. kann die Benjamin Welt besuchen und macht davon ab und an Gebrauch. Meistens aber genügt es Ihm, dieser nicht wahrzunehmende „Geist“ zu sein, der alles mitbekommt. Ab und zu spricht er mit Benjamin, doch Benjamin kann ihn in dem Zustand nicht sehen, sondern nur hören.
    Dies macht er aber nicht, weil er „Stalker“ ist. Klar, er ist schon neugierig, aber er ist es vor allem deshalb, weil seine Bestimmung und Berufung ist uns von der Benjamin Welt zu erzählen und wenn er wieder einmal eine Geschichte zu Ende erzählt hat, geht er in „unserer Welt“ nach Hause zu seiner Familie. Schließlich erzählt er uns sogar mal ( ich glaube in „Benjamin wird verhext“) das er Kinder hat. Wie gesagt, eine höchst liebenswürdige Persönlichkeit die uns Elfie Donnelly geschenkt hat und durch Joachim Nottkes wundervolles Rollenverständnis und seine Spielweise zum Leben erweckt wurde. Herzlichen Dank dafür 🙂 Liebe Grüße und nochmals danke für den tollen Bericht!

    • Hallo Stebke,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Dein Episodenwissen ist wirklich beeindruckend
      Ich sehe das genau wie du: Es gibt Momente, in denen Erwin sich den Figuren zeigt und auch mit ihnen spricht. Aber dann gibt es wieder Situationen, in denen er nur beobachtet und für die Hörer*innen kommentiert, ohne dass die Figuren davon wissen. Was ja schon etwas merkwürdig ist. Indem ich frage, ob er ein Stalker ist, möchte ich ihm auf keinen Fall böse Absicht unterstellen oder gar Sympathien absprechen. Mir geht es darum, die Erzählerfigur literaturwissenschaftlich einzuordnen: Warum ist er Ich-Erzähler, aber kein Protagonist? Wie kann er alles mitbekommen und doch nicht allwissend sein? Und wie kann er Teil der Welt sein, aber nur bedingt von anderen Figuren wahrgenommen werden?
      Denn wie du sagst: Dadurch, dass er mit den Figuren spricht, ist er Teil der Diegese und gleichzeitig stellt er durch seine Kommentare die Verbindung zu den Hörer*innen her. Aber – anders als Bastian in „Die unendliche Geschichte“ – treibt er die Handlung nicht voran. Denn Bastian ist wichtig für den Plot, ohne ihn würde es keine Geschichte geben. Erwin hingegen beeinflusst die Handlung nicht. Zwar nimmt er ab und zu an Situationen teil, aber die Geschichten würden auch ohne ihn funktionieren. Den einzigen Unterschied, den es machen würde, wenn er nicht da wäre: Wir Hörer*innen würden nur noch die Figurensprache, also die Dialoge und Monologe, hören. Uns würde die bildliche Beschreibung der Situation fehlen. Aber nur der „Beschreiber“ zu sein, scheint Erwin Erzähler zu langweilen, wahrscheinlich bricht er deswegen ab und zu aus seiner Rolle aus

      Liebe Grüße
      Katharina

  11. Stebke sagt

    Hallo Katharina, vielen Dank für Deine nette Rückmeldung! Du hast selbstverständlich recht. Bastian ist der zentrale Teil in der unendlichen Geschichte, obwohl sich das dem Leser erst im späteren Verlauf der Handlung zeigt. Zumindest was die zentrale Rolle innerhalb Fantasiens betrifft….Ich wollte nur ein Beispiel dafür geben, dass die Durchbrechung der vierten Wand, und nicht zuletzt in der Kinderliteratur, durchaus vorkommt. Nun ja, obwohl ich natürlich zugeben muss, dass das mit Bastian ja auch nicht ganz stimmt. Denn seine Realität ist natürlich auch nur Teil der Geschichte. Eine Rahmenhandlung halt…..Da ich Kassettenkind bin fällt mir beispielsweise noch die Hörspielserie Hui Buh ein. Hier hatte der Erzähler ja immer am Anfang der Geschichte einen kleinen Dialog mit dem Protagonisten geführt, und zwar mit den berühmten einleitenden Worten „Manche Leute behaupten es gibt Gespenster…..“. Dieser Erzähler hatte zwar keinen Namen und hat auch im weiteren Verlauf nicht mehr aktiv mitgewirkt, aber dennoch war es eine Durchbrechung. Wahrscheinlich dient diese Vorgehensweise gerade im Kinderhörspiel dazu eine gewisse Vertraulichkeit zu der Erzählerfigur zu erzeugen, damit die Kinder sich an die „Hand“ nehmen lassen…..Ich möchte fast wetten, dass die Anlegung der Figur Erwin Erzähler von Elfie Donnelly eine fast spontane Idee war, aber das sind ja meistens die besten. Eine solche personelle Ausbreitung eines „eigentlich reinen“ Erzählers ohne irgendeine weitere Position innerhalb der Geschichte dürfte ziemlich einzigartig sein. Liebe Grüße Stebke

  12. Stebke sagt

    Vertrautheit passt wahrscheinlich besser als Vertraulichkeit

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