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Sprache und Begehren – Jonathan Franzen über Sexualität

In Franzens neuem Roman Purity geht es um Sexualität. Es geht nicht um Sex als reiner Akt der Bedürfnisbefriedigung. Es geht um Sexualität als treibende Kraft für jegliche Handlungen fast all seiner Figuren.


„Purity“ bedeutet im Englischen so viel wie Reinheit. Wenn wir etwas als „rein“ bezeichnen, schwingt da auch immer eine Art Achtung mit. Reines Wasser, sie hat eine reine Seele, oder das ist der reinste Saustall. Rein kann alles sein. Es ist das Vorherrschen einer Eigenschaft, eines Zustands, der scheinbar nicht durch etwas anderes verunreinigt ist. Doch natürlich ist der Gebrauch dieses Wortes meist idealistisch, nichts ist je wirklich vollkommen rein. Der deutsche Titel Unschuld bringt meines Erachtens noch mehr das zum Ausdruck, worum es in dieser Geschichte geht: die Unmöglichkeit von Unschuld.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Frage nach der eigenen Identität. Detailliert lässt Franzen bei seinen Protagonisten immer wieder die Fragen auftauchen: Wer bin ich eigentlich? Wie frei, meine eigene Geschichte zu schreiben, bin ich wirklich? Oder setzt jeder Mensch nur die Story seiner Eltern fort? Sexualität scheint für Franzen das Hauptmotiv zu sein, an welchen sich diese Fragen immer wieder entzünden und Relevanz erzeugen. Denn wer kann schon behaupten, sich seiner sexuellen Neigungen und seines Begehrens voll und ganz im Klaren zu sein. Sind wir an dieser Stelle nicht alle einer Unsicherheit ausgesetzt, die nur wir nur allein bestreiten können?

Wen oder wie wir begehren, ist nicht etwas was, wir uns aussuchen, sondern was sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert. Sexuelle Identität bildet und verändert sich mit den Menschen, mit denen wir sexuelle Praktiken ausleben. Aber vor allem dadurch, wie wir über Sex und unser Geschlecht (physisch wie auch psychisch) sprechen und denken.

„Du hattest ja anscheinend nichts gegen mich, als dein Schwanz in meinem Mund war“, sagte sie.
„Ich hab ihn nicht da reingesteckt“, sagte er. „Und lange war er auch nicht drin.“
„Nein, weil ich nach unten musste, um ein Kondom zu holen, damit du ihn in mich reinstecken kannst.“
„Wow. Dann bin ich jetzt also schuld?“

Die Hauptfigur des Romans Pip, ihr voller Name ist Purity, nimmt sämtliche sexuellen Handlungen anderer in Bezug auf sich als Anlass dafür, ihr Gefühl, nicht begehrenswert zu sein, zu bestätigen. In dem Gespräch versucht Pip ihren Liebhaber zu provozieren und ihrem Unmut Luft zu machen, da der geplante Sex wohl doch nicht stattfinden wird. Wer hier Schuld hat, ist jedoch nicht die eigentliche Frage. Vielmehr wird deutlich, dass es bei sexuellen Handlungen überhaupt um Schuld geht. Pip will ein Kondom holen, wird aber länger in der Küche aufgehalten und so muss der Freund auf sie warten. Pips Handlung wirkt wie ein vergeblicher, aber ritualisierter Akt dem „Schmutzigen“ den Schleier der Reinheit anzulegen. Und somit das Warten zu entschuldigen. Franzen lässt Pip sogar selbst darüber nachdenken, wenn sie sich während dieses peinlichen Streits darüber bewusst wird, dass sie in diesem Spiel niemals diejenige sein wird, die Macht hat. Männern fällt es leicht, ihr „verdinglichendes Begehren“ Ausdruck zu verleihen. Sie werden anders sozialisiert, sprechen mit Freunden und Kollegen in einer ganz bestimmten Sprache über Sexualität. Während Frauen diese Sprachspiele nicht erlernen. Für sie gibt es scheinbar nur die gefühlvollen, poetischen Worte und somit ein Verbleiben auf der schwachen, angreifbaren Ebene.

Was eigentlich nur privat stattfinden darf, wird immer auch öffentlich diskutiert. Eine Schwierigkeit besteht darin, die Momente auszumachen, in welchen das, was wir als individuelle und private sexuelle Identität bezeichnen, unter dem Druck der gesellschaftlichen Normen, geformt wird. Aber nicht nur die junge Pip, sondern auch die charismatische Annegret (Opfer stiefväterlichen Missbrauchs) und die zweite Hauptfigur im Roman Andreas Wolf (führt eine penible Liste über mehr als 50 junge Mädchen, die er im Rahmen eines sozialen Projekts verführen konnte) müssen sich mit ihrer gestörten Sexualität und der Schuldfrage auseinandersetzen. Franzen übernimmt die klischeehaften Rollen der gängigen Mann/Frau-Dualismen. Dem männlichen Charakter wird mehr Aktivität und weniger Ausgesetztsein zugesprochen. Wenn Andreas Wolf mit ein wenig Pathos sagt: „Stimmt, ich bin ein Mann und verfüge über gewisse Macht.“ Da zeigt er sich wenig emanzipiert und es wirkt sogar höhnisch, wenn er hinzufügt, dass er ja nicht darum gebeten habe, als Mann geboren zu werden. Er ist das Raubtier und sie, Pip und Annegret, sind und bleiben Opfer – die „kleineren Tiere“, mit denen man Mitleid haben kann.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) verstand den Menschen als das begehrende Subjekt, dessen Begehren eine innere, treibende Kraft ist und diesen dazu veranlasst, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Dazu zählen in erster Linie sexuelle Beziehungen. Interessant an Lacans Überlegungen ist, dass sie nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Aspekte einbeziehen – die Ebene der Sprache. So wird das begehrende Subjekt bei Lacan zu einem, das zwar von inneren Urtrieben angetrieben, aber auch von äußeren Kräften durch die Gesellschaft gelenkt wird:

Es gibt bereits eine aufgebaute Fabrik, und sie funktioniert. Diese Fabrik ist die Sprache […]. Deshalb auch ist das Es, das Sie in den Tiefen zu suchen pflegen, nicht etwas derart Natürliches, es ist noch weniger natürlich als die Imagines.

(Lacan „Die Objektbeziehungen: Das Seminar. Buch 4.“ 2003)

Nach Lacan ist der Prozess, bei welchem das Kind in die Sprachgemeinschaft eintritt und mündig wird, der Entscheidende. Im Geist des Kindes trenne sich nun Bewusstsein von Unbewusstsein. Die Bedeutung anderer Dinge und Personen, welche sich für das Kleinkind bisher nur über die rein körperliche Ebene wirklich wurde, wird nun auf einer abstrakteren Ebene strukturiert und reflektiert. Es entsteht ein Bezugssystem. Man schafft die Welt, indem man sie aktiv benennt und ihr somit Bedeutungen zuschreibt. Aber auch, indem man in Strukturen hineinwächst und bestimmte Bedeutungen übernimmt. Die Unterscheidung von Mann und Frau geschieht laut Lacan aufgrund der Unterschiedlichkeit – der unterschiedlichen Beschreibung – der Körper, der Genitalien. Die eigene Beschreibung der Genitalien in Abgrenzung zum anderen Geschlecht bilde somit die Basis der sexuellen Identität. Es werden aber nicht nur Körper und Dinge identifiziert, sondern auch Normen und Wertvorstellungen kommuniziert, die mit den Körpern in Verbindung stehen und sich im Unbewussten festschreiben. Das Kind macht sich selbst mittels der Sprache zum Objekt, indem es anfängt von sich aus in Bezug auf andere Subjekte zu denken. Für Lacan findet damit die Entfremdung statt, welche dem jungen Menschen bis ins Alter in Form seines Begehrens vor Augen tritt.

Diese Entfremdung scheint sich auch in den Beziehungen Pips zu ihren Männern zu offenbaren. Sie versucht die mangelnde Eindeutigkeit ihrer sexuellen Identität mit der Suche nach der Identität ihres unbekannten Vaters auszugleichen. Denn die Mutter ist kein Anhaltspunkt für eine eventuelle Identifikation. Pip und sie verbindet eine emotionale Abhängigkeit, eine Machtverhältnis das einseitig von der Mutter zur Tochter verläuft:

Das Problem, wie Pip es sah, […] bestand darin, dass sie ihre Mutter liebte. Mit ihr litt, sie bedauerte, den Klang ihrer Stimme mochte, sich auf eine gewisse verstörende nichtsexuelle Weise von ihrem Körper angezogen fühlte […]. Das war der massive Granitblock im Zentrum ihres Lebens, der Ursprung allen zornigen Sarkasmus.

(Franzen „Unschuld“ 2015)

Und so sieht sich Pip damit konfrontiert, dass sich ihre eigene Geschichte nur in vorgegebenen Bahnen fortbewegt. In den Bahnen, die ihre Mutter bereits beschritten und vorgezeichnet hat. Pip ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei zu entscheiden. Was ihre sexuelle Identität angeht, scheint sie darauf angewiesen zu sein, Menschen zu treffen, die anders über Sexualität sprechen und ihr somit Mut machen können.

Die Fragen vom Anfang bleiben offen. Wer bin ich, ist eine Frage, die eigentlich keine ist. Denn wir sind frei und unfrei zugleich. Pip ist eine Romanfigur und somit von vornherein dazu verdammt, ein vom Autor bestimmtes Ich zu leben. Aber Franzen schafft es, ein zutiefst menschliches bzw. gesellschaftliches Problem wieder zu spiegeln und in der Form der Fiktion in unsere Realität hineinzutragen. Denn es erfordert Mut, sich in den vorherrschenden gesellschaftlichen Sprachspielen über Sexualität zu lösen – falls es überhaupt möglich ist. Sexuelle Identität ist ein wichtiger Teil jeder individuellen menschlichen Identität. Sie ist privat und öffentlich zugleich. Um sich der Frage nach dem eigenen Ich anzunähern, muss man/frau immer auch mit beantworten, was und wie er/sie begehrt.

10 Kommentare

  1. Das ist ein interessanter Zugang zum Roman. Ich bin selbst noch nicht ganz durch (S. 410) und frage mich, welche der vielen, miteinander verwobenen Themen des Romans von besonderer Bedeutung für das Verständnis sind, ob es da eine zugrundeliegende Idee gibt, die die Themen symbolisch umklammert. Sexualität begegnet einem tatsächlich auf fast jeder Seite, als Ursache allen Übels? Pip sehe ich als eine Figur, die eigentlich keine sexuellen Probleme hat. Sie hat Sex, definiert sich aber nicht darüber. Erst durch ihr „Daddy issue“ treten Probleme auf, denn sie wird durch die älteren Männer mit Rollenvorstellungen von Frauen konfrontiert, die ihre Generation eigentlich nicht betreffen müssten. Vaterlosigkeit ist für Frauen einerseits ein Segen, andererseits ein Fluch, wie sich zeigt, wenn man plötzlich mit Frauenbildern konfrontiert wird, die einem jede Lust an Sex verderben können, weil sie die sexuelle Selbstbestimmung der Frau negieren. Aber ich sehe schon, jetzt bin ich bereits am Spekulieren, obwohl mir noch über 100 Seiten fehlen. Vielen Dank für die erste, aufschlussreiche Rezension, die ich über den Roman gelesen habe.

  2. Ich kenne das Buch nicht, und gehe einfach mal von der Beschreibung aus, die du gibst. Und ich muss sagen, ich verstehe nicht, warum so Manche auf dieser Welt die Sexualität immer unheimlich kompliziert sehen müssen, und nicht als ein Bedürfnis, gleich in welcher Hinsicht. Niemand käme auf die Idee, sich derlei Fragen bzgl. des Atmens zu stellen.

    • Lieber smamap1, ich verstehe deine Aussage. Denn es kann einen schon nerven, dass über Sexualität immer so viel und komplex gestritten wird. Aber für uns menschliche Wesen ist sie eben nichts rein Triebgesteuertes und funktioniert selten reibungslos. Allein schon, weil es hier um individuelle Persönlichkeiten geht und jede ihre ganz eigenen Erfahrunge mitbringt. Das sieht man genau dann, wenn die eigene sexuelle Identität in irgeneiner Wesie gestört wird und sich das Begehren nicht mehr so „normal“ für einen anfühlt, wie sie es vielleicht sollte. Wer weiß, ob wir jemals überhaupt so etwas, wie „normale Sexualität“ leben können? LG

      • Ich denke schon, dass da ein Trieb ist, und der zusammen mit einer indiv. Persönlichkeit, mit deren Erfahrungen, ergibt das, was wir wollen. Und so hat ein jeder seine eigene „normale“ Sexualität, in die, so finde ich, nichts Besonderes hineininterpretiert werden muss. Sie ist so, wie sie ist, und damit völlig normal. Meine Meinung.

        • anuka93 sagt

          Da zum Sex mindestens zwei gehören, ist das nicht so einfach. Wenn man es also nicht mit gesellschaftlichen Normen fest machen kann, so muss mit jedem einzelnen Partner einzeln vereinbaren. In wie weit , wenn man ständig seine Bedürfnisse angleichen muss, Normalität einkehren kann? Dann bleibt wieder nur die gesellschaftliche Norm der lebenslangen Beziehung. Die eigenen Bedürfnisse werden so nie ganz normal sein.

          • Ja, es gehören immer 2 dazu. Richtig Warum kann man es nicht schlicht so sehen, dass die zwei nur dann zusammen kommen können und bleiben, wenn es passt. Wenn das irgendwann nicht mehr der Fall ist, dann sollte der Sinn einer solchen Partnerschaft in Frage gestellt werden. Von daher gibt es für mich keinen „Norm einer lebenslangen Beziehung“. Das hat nichts mit wechselnden Partnern zu tun, sondern schlicht damit, dass ein Mensch das Recht auf SEIN Leben hat.

  3. Ich finde den Hinweis zur Sprache interessant. Vielleicht ist sie sogar ausschlaggebend für die Schwierigkeit, einen natürlichen und unverkrampften Zugang zur eigenen Sexualität zu finden. In meiner Kindheit gab es überhaupt keine Worte für Sexualität. Genitalien wurden mit anatomischen Begriffen lateinisiert und entschwanden so der eigenen Lebenswirklichkeit. Den Rest las man in der BRAVO. Der Aufklärungsunterricht in den Schulen ist zwar eine Verbesserung, aber dass Sexualität etwas ganz Normales ist, das auch Eltern haben dürfen, ist sicher auch heute noch ein seltenes Glück.

  4. Die Thematik klingt interessant, — Ich hatte das Buch schon in der Hand und doch nicht gekauft, danke deshalb für den Einblick. — Ich kann mir gut vorstellen, dass Begehren, genau wie Aggressivität, als „Bewegung des Wollens“ in einem Roman für die Dinge stehen kann, durch die ein Mensch seine Identität „zum Wachsen bringen will“. Vielleicht lese ich das Buch doch noch. Viele Grüße, Sarah

  5. Ach, der Sex…
    den gibt es ja auch noch,
    fast vergessen *hehe*

    Dass der Franzen sich nun auch noch beim Sex verfranzt,
    schriftlich natürlich,
    ach, aua 🙂

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