Vom Nichts Schreiben und Alles Sagen

© Florence Wilken

Die Gegenüberstellung von entspannender Alltagsliteratur und intellektueller Stimulans wurde hier an anderer Stelle bereits thematisiert. Und ich möchte diese Unterscheidung wieder aufgreifen. Denn ich lese gern „schwierige Bücher“. Neben meinem persönlichen Outing an dieser Stelle, möchte ich gleich noch etwas anderes enttarnen. Ich glaube, dass nicht gerade besonders wortreiche und verschnörkelte Texte der „bedeutungs-schaffenden Tätigkeit“ gerecht werden, die ja den besonderen Gehalt literarischer Werke ausmacht, sondern ganz andere.


Ob Beckett, Bernhard oder Kafka, ich liebe das oft wortkarge Dickicht dieser Autoren. Es ist erstaunlich, wie schmucklos und aufs Nötigste beschränkt eine Geschichte oder Erzählung dieser Autoren daherkommen kann, ohne dass ich mich auch nur im Entferntesten langweile. Was diese Texte auszeichnet, was sie „schwierig“ macht, ist die Art wie sie geschrieben sind. Man liest nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch alle diejenigen, die zwischen den Zeilen stehen. Je kompakter und reduzierter ein Text ist, umso mehr passt dazwischen. Und das ist es, was für mich den Reiz des Lesens ausmacht. Ich will mich verlieren. Und zwar nicht in den parallel laufenden Szenen und endlosen Sätzen eines Musils, sondern in den Bildern und Vorstellungen meines eigenen Geistes, die genau dann zum Vorschein kommen, wenn einige wenige Worte sie hervorlocken und ihnen ihren Freiraum lassen.

Wer spricht?

Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal in der Schule ein freiwilliges Referat zu Kafkas „Die Brücke“ hielt. Diese Geschichte hatte mich dermaßen gepackt, dass ich der Meinung war, ich müsste dieses Kleinod der Weltliteratur auch allen meinen Mitschülern nahe bringen. Meine Deutschlehrerin war glücklich, wenigstens eine Schülerin zu haben, die gern las. Meine Mitschülerinnen gaben sich unbeeindruckt. Leider. Denn sie verstanden nicht, welche Großartigkeit ihnen entging. Ein Versicherungsangestellter, der sein tägliches Brot mit dem Bewerten von Schadensfolgen und detaillierten Beschreibungen von Hobelmaschinen verdiente und zu Hause die tiefsten Skizzen der menschlichen Seele mit seinem Füller einfing.

„Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach.“ (Kafka 1916/1917, Die Brücke)

Die Brücke lebt nicht lang. Jemand kommt und springt „mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib“. Also nicht mir, sondern der Brücke, vielleicht Kafka…? Ein unbarmherziges Ende, denn ich/er/es dürfen nicht einmal erfahren, wer da überhaupt springt und die Existenz zerstört. Gerade als sich die Brücke im Fallen umdrehen will, ist sie nicht mehr, „und schon war ich zerrissen und aufgespießt“. Was diese Geschichte ebenso gnadenlos wie zärtlich macht, ist die unklare Position des Erzählers. Man weiß nicht genau, wer eigentlich spricht. Ist es der Autor, dem man beim Denken oder Träumen zuhört? Oder sind es die Gedanken und Bilder selbst, die sich der Sprache der Schreibenden ermächtigen und sich ihren Weg in die Wirklichkeit bahnen. Ausgeliefert sind nicht nur Schreiber und Protagonisten, sondern auch der Leser.

Nicht Herr im eigenen Haus

„Sie kleideten mich und gaben mir Geld. Ich wußte wozu das Geld dienen sollte, es sollte dazu dienen mir auf die Beine zu helfen. Sobald ich es ausgegeben hätte, müßte ich mir neues beschaffen, wenn ich weitermachen wollte.[…]Die Kleider – Schuhe, Socken, Hose, Hemd, Rock und Hut – waren nicht neu, der Tote mußte aber ungefähr meine Figur gehabt haben.“

(Beckett 1947-1952, Das Ende)

In diesen ersten Beckett`schen Sätzen der Kurzgeschichte „Das Ende“ befindet sich bereits das ganze Schicksal des Protagonisten (Die Deutung bleibt an dieser Stelle jedem Leser selbst überlassen.). Becketts Erzählungen und Texte um Nichts verleihen gerade dem Unsagbaren Ausdruck. Die einfache Sprache und ereignislosen Szenen geben dem Erzähler die Möglichkeit, seine monolog-artigen Lebensbeschreibungen in einer Direktheit zu schildern, die den Leser mitten ins Geschehen werfen. Man ist unmittelbar betroffen. Von den Widersprüchen, den Zweifeln und der scheinbaren weltlichen Nicht-Relevanz des erzählenden Individuums. Es geschieht fast nichts, bis auf das bloße Dasein und reflektieren dieses Daseins der Erzählfigur.

Ausgeliefert-Sein und mit-sich-geschehen-lassen sind die treibenden Motive in Becketts und Kafkas Geschichten. Man hat die Kontrolle verloren, man ist nicht Herr im eigenen Haus. Und genau das ist die bezaubernde Kraft von guten/„schwierigen“ Texten. Der Text macht etwas mit einem, er lässt einen manchmal einfach so da stehen. Was diese Texte gemein haben, ist, dass sie nicht für ein Publikum geschrieben wurden. Ich stelle mir das gern vor und unterstelle diese Haltung einfach den Autoren: Sie schrieben, weil sie etwas sagen wollten, weil „etwas raus musste“, ganz gleich, wer oder ob diese Zeilen jemals jemand liest. Das macht die Texte so wunderbar intim und unmittelbar.

Warum Schreiben, warum Lesen?

Ich denke der Anspruch, mit dem diese Texte gelesen werden müssen, liegt darin, nicht wie ein Wanderer daherzukommen und nach etwas bestimmten zu suchen, ja es sogar mit der Eisenspitze des Stockes zu beklopfen und die Rockschöße hoch zu heben, um zu sehen, was da runter steckt und es auf seine Nützlichkeit hin zu prüfen. Man muss sich einlassen und Angreifbar machen. Man muss die Gedanken eines anderen denken, um bei sich selbst anzukommen. Das ist „schwierig“ und anstrengend, aber auch verdammt schön.

Damit Thomas Bernhard hier noch gebührend erwähnt wird, lasse ich ihn selbst sprechen:

„ich schreibe eine Zeile, seit wie vielen Wochen habe ich keine Zeile mehr geschrieben?, es ist unwichtig, ob ein Mensch schreibt, was er schreibt, ich sage mir immer wieder vor, wie unwichtig es ist, erbärmlich, unanständig, aber diese Zeile ließe sich fortsetzen, entwickeln, zu einem Gedicht machen, zu einem Fetzen, einem …

(Bernhard 1959, In der Höhe, Rettungsversuche Unsinn)

25 Kommentare

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