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Fußnoten in Romanen

– muss das sein?

Fußnoten gehören vor allem in wissenschaftlichen Texten zum Standardrepertoir. Doch immer wieder versuchen Autoren sie auch in narratives Schreiben – etwa in Romane – einzubinden. Bei der Benutzung von Fußnoten in diesem Kontext stellen sich aber ganz neuartige Fragen über ihre grundlegende Funktion als literarisches Mittel. Können Fußnoten einen Roman bereichern oder machen sie ihn nur unnötig schwierig?


Was sind Fußnoten?

Fußnoten und Anmerkungen werden gegenwärtig in vielen akademischen Disziplinen als Standard des wissenschaftlichen Arbeitens gesehen. Fußnoten dienen hier dazu, Belege für Ausschnitte aus dem Haupttext anzugeben, zu erläutern, oder Informationen auszugliedern. Die Anmerkung, ob als Fußnote (im unteren Teil der Seite), als Randbemerkung oder als Endnote (am Ende des Buches), fällt klassisch unter die Definition des „Paratextuellen“ – d.h. sie ist dem Haupttext beigestellt und untergeordnet. Doch wie Dr. Sabine Zubarik (Die Strategie der Fußnote(n) im gegenwärtigen Roman, S. 12) treffend bemerkt, ist das „kreative wie auch subversive Potential [der Fußnote als Paratext] bereits in der Etymologie des Namens verankert“. Die altgriechische Präposition παρά kann nämlich sowohl mit „neben„, als auch im übertragenen Sinne mit „gegen“ oder „wider“ übersetzt werden.

Zubarik vertritt die These, dass sich die Fußnote aus einer Hilfs- und Nachweisfunktion (etwa im akademischen Bereich) ablösen kann und sich so nicht mehr dem Haupttext unterordnet:

„Statt der dezenten Unterordnung des Beigestellten zeigt sich Widerspruch, Überbordung und Störung“ [Zubarik, Fußnote(n) S. 9]

Besonders deutlich vollzieht sich dies bei der Benutzung von Anmerkungen im narrativen Schreiben. Im folgenden werden einige Autoren und Bücher betrachtet, die Fußnoten als literarisches Mittel nutzen.

James Joyce: Finnegans Wake

Auswahlseite Finnegans Wake

Auswahlseite James Joyce: „Finnegans Wake

James Joyces „Finnegans Wake“ gilt als eines der kompliziertesten Bücher der literarischen Moderne. Joyce nutzt neben unorthodoxen sprachlichen Mitteln  (Neologismen wie „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronn-tuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk“ – „Donner“ aus zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt), auch Fußnoten in einer konstitutiven narrativen Funktion. In Buch 2, Kapitel 2 nutzt der Autor drei Arten von Anmerkungen (am linken und rechten Rand, sowie unten), die für die Bemerkungen dreier Geschwister beim Erledigen ihrer Hausaufgaben stehen.

Fußnoten in SciFi und Fantasy: Terry Pratchett

Pratchett Guards Guards

Auswahlseite Terry Pratchett: „Guards! Guards!“

Viele Autoren von Science-Fiction- und Fantasyliteratur nutzen Fußnoten in ihren Büchern. Die Fußnote war für diese Bereiche ursprünglich interessant, weil man durch sie eine „Pseudowissenschaftlichkeit“ erzeugen kann – die Autorität der Fußnote, als Quellennachweis aus dem akademischen Bereich, wird in einen fiktionalen Raum überführt (vgl. etwa „physikalische“ Theorien zur „Erklärung“ eines Phänomens in der Welt des Buches).

Diese funktionale Einbindung wurde später immer wieder satirisch gebrochen (siehe etwa Abbildung). Terry Pratchett nutzt in seinen Scheibenweltromanen Fußnoten, um einen komischen Effekt zu erzeugen. Die Anmerkung bereitet durch ihre Verweis- oder Erläuterungsfunktion einen (oft wiederkehrenden) Witz vor. Manchmal widersprechen Fußnoten auch Aussagen des Textes und eröffnen so unterschiedliche narrative Ebenen.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: „Infinite Jest“

In David Foster Wallaces „Infinite Jest“ („Unendlicher Spaß„) findet sich nach dem Haupttext ein 200-seitiger Anmerkungsapparat, in dem über 300 Endnoten eingebunden sind, die sowohl erläutern/fiktive Quellen angeben, als auch narrative Nebenschauplätze einführen. Teilweise erstrecken sich einzelne Anmerkungen über mehrere Seiten und sind schon fast als eigenständige Kurzgeschichten zu lesen. Die detaillierte Ausschmückung der Welt von „Infinite Jest“ wird ganz wesentlich von diesen Anmerkungen getragen – der Roman wird oft als „enzyklopädisch“ beschrieben.

Bezeichnend für die zentrale Rolle von Fußnoten in David Foster Wallaces magnus opum ist, dass die gebundene deutsche Ausgabe von „Infinite Jest“ zwei Lesezeichen enthält, eines für den Haupttext und eines für die Anmerkungen.

Mark Z. Danielewski: House of Leaves

Beispielseite aus

Auswahlseite aus Mark Z. Danielewski: „House of Leaves“ (via readsbymandm)

„House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski ist noch stärker von Fußnoten beherrscht. Zubarik beschreibt das Buch als „typographische(n) Exzess“ , „in dem alle nur möglichen Spielarten und Potentialitäten des Anmerkungsgebrauchs vorgeführt werden“ [Zubarik: Fußnote S. 10].

Der Autor benutzt Fußnoten hier nicht nur als Bezugspunkte für Nachweise (fiktiv und real) oder Erläuterungen, sondern schafft einen narrativen Bedeutungskontext, der das Buch übersteigt. Der Leser „verirrt sich“ im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist. Zusätzlich beeindruckend ist dabei die Veränderung des Layouts parallel zur strukturellen Handlung des Buches. Nicht nur Anmerkungen bestimmten optisch das Format des Textes – er wird ständig verändert, aufgebrochen, gespiegelt und gegen sich selbst gestellt.

Funktionen von Fußnoten in Romanen

Die angeführten Beispiele machen klar, dass sich die Fußnote in literarischen Texten längst aus der Rolle des bloß Paratextuellen gelöst hat. Anmerkungen dienen nicht mehr als Zusätze für den Haupttext, sie sind ein zusätzliches literarisches Mittel, das mit seinem Störungspotential erheblichen Einfluss auf das Leseerlebnis des Rezipienten ausüben kann.

Positiv betrachtet erschließen Fußnoten ganz neue Möglichkeiten der Verschachtelung von Bedeutungsebenen im Roman. Spielt man ihrer Nachweisfunktion, können durch gezielte Kontradiktionen sogar Erzähler als unzuverlässig entlarvt werden und so entweder ein komischer Effekt, oder sogar eine Beeinflussung des Lesers, hinsichtlich der weiteren Rezeption, geschaffen werden. In gewisser Weise ist sogar ein Durchbrechen der „Vierten Wand“ – also eine direkte Kommunikation mit dem Leser möglich.

Anmerkungen sind, in diesen neuen Funktionen, oftmals nicht mehr bloß optionale Elemente des Textes. Um einen Fußnotenroman wirklich verstehen zu können, ist es zwingend notwendig die Anmerkungen als Teil des Textes ernstzunehmen. Doch genau dieser Umstand führt auch zu einer harschen Kritik an der Anmerkungspraxis im modernen Roman

Argumentation gegen Fußnoten in Romanen

„If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.“ Amanda Kendel (becomingafictionwriter.com)

Das obige Zitat ist so etwas wie das Motto der fiktiven Society for the Abolition of Footnotes in Novels. Die Emanzipierung der Fußnote, aus einem bloßen Beigestelltsein, ist nach dieser Auffassung exzessiv und störend. Die Beschränkung auf einen fließenden Haupttext ist vor allem einem reibungslosen Leseerlebnis geschuldet.  Dieses Argument ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Der Lesefluss wird allein durch das Springen im Text (auf das Ende der Seite oder gar des Buches) unterbrochen. In gewisser Weise infiltrieren Anmerkungen, zumindest wenn sie bedeutungskonstitutiv eingesetzt werden, den Text strukturell. Doch macht das die Fußnote als literarisches Mittel unnötig?

Komplizierte Bücher, wie etwa die angeführten Werke von Joyce und Foster Wallace, wären auch ohne die Benutzung von Anmerkungen eine schwierige Lektüre. Anmerkungen sind nur ein zusätzliches Mittel, um etwa die sprachlich-formale Anspruchsebene zu supplementieren und Bedeutungsebenen zusätzlich zu verschachteln. Ob man diese Art von Literatur mag, ist ein individuelles Urteil.

Im Falle von Danielewskis „House of Leaves“ allerdings konstitutiert die Anmerkungspraxis direkt im Text eine eigene Struktur. Der Autor will den Leser im Text ganz gezielt stören, um ein Gefühl des Verirrt-seins zu erzeugen, dass das Leseerlebnis mit der Narration verbindet. Der Autor erzeugt fast filmisch eine Atmosphäre von Angst und Verwirrung, die dem Horrorgenre gerecht wird.

Können Fußnoten als literarisches Mittel also Romane bereichern? Ich denke schon. Ob das im Einzelfall immer gelingt und für den Leser funktioniert, steht (wie auch viele Anmerkungen) auf einem anderen Blatt Papier.

Ähnlicher Beitrag: Lesen als Kunst der Wiedererkennung

59 Kommentare

  1. Hat dies auf Erik Huyoff rebloggt und kommentierte:
    Eine interessante Diskussion über Fußnoten als literarisches Mittel in Romanen. Besonders bei Terry Pratchett möchte ich sie nicht missen!

  2. Pete J. Probe sagt

    Hallo,
    dein Text ist für mich als Laien schwer zu lesen bzw. zu verstehen. Ich persönlich mag längere Fußnoten nur im Ausnahmefall. Das gilt für mich auch für den Bereich wissenschaftlicher Texte.
    „Der Leser `verirrt sich´ im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur“ – einen Sachverhalt – „im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist.“
    Damit stimme ich Amanda Kendel voll zu
    “If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.” Amanda Kendel
    That`s the point!
    Kindly
    PJP

    • Hallo und vielen Dank für deinen Kommentar!
      Bei Danielewski werden die Fußnoten praktisch zum Buch – das ist natürlich ein Extremfall, der durchaus experimentell sein möchte. In dieser Ausprägung wird das schnell frustrierend und vielleicht auch manchmal künstlich.

      • Kommt sicher drauf an, wofür man das Buch liest. Klingt reizvoll, ab er nach einer Art Buch, zu der ich greife, wenn ich keine Geschichte lesen, sondern von einem Gesamtkunstwerk angeregt werden will.

  3. Danke für die Antwort! Möchte kurz noch was hinzufügen:
    So eine Art `Mindmap´ als Zusammenfassung zwischendurch oder am Ende des Buches wär für mich die ideale Ergänzung.
    Gruß
    PJP

      • Eine interessante Technik, die sich Amazon bei ihrem Kindle diesbezüglich hat einfallen lassen, ist das X-Ray-Feature.

        Das läuft letztlich auf automatisiert generierte, unabhängig vom Autor erzeugte Fußnoten hinaus. Es listet auch im Buch erwähnte Charaktere, Orte und historische Ereignisse auf, und wo im Buch sie genannt werden.

    • Interessant! Gerade für komplexere Werke ist so etwas natürlich extrem hilfreich. So wie ich das Video gedeutet habe, läuft das ganze bisher noch vorkalkuliert. Technisch wäre doch sicher auch in naher Zukunft eine vollkommene Automatisierung möglich, die dann noch viel individueller auf das Leserinteresse reagieren könnte.

  4. Ich halte es für ein Ausnahmephänomen mit experimentellem Charakter. In jedem Fall verführt es zum Uferlosen, denke ich. Daher gilt im Allgemeinen sicher Amanda Kendels Regel, die es gut auf den Punkt bringt. Wenn man sich bewusst dagegen entscheidet, sollte man wissen, was man tut, warum, und was man dem Leser zumutet.

  5. Ina Colmer sagt

    Ich hatte Foster Wallaces „Unendlichen Spaß“ schon einmal angefangen, begreife ihn aber nicht unbedingt als Stör-Werk, sondern als Herausforderung die mir Spaß macht. Das Buch mal am Stück zu bewältigen, sehe ich als Challenge – für mich irgendwie eine Art Mix zwischen dem „Contract Model“ und dem „Status Model“.

    • Hey Ina,

      ich sehe die Fußnoten in „Unendlicher Spaß“ auch keineswegs als Störfälle. Im Gegenteil – ich hatte teilweise viel Spaß darin, mich in die detaillierten Nebenschauplätze einzulesen. Mir ist vor allem eine fiktive Filmographie in Erinnerung geblieben, die über mehrere Seiten liebevoll ausstaffierte Filmbeschreibungen lieferte.

  6. Ein sehr spannendes Thema! Ich finde es diesbezüglich schade, dass so wenige Autoren die Möglichkeiten des modernen ebooks in Bezug auf Hypertextualisierung ausnutzen, und nur die Printfassung digitalisieren. Fuß- und Endnoten sind erst der Anfang!

    • Vielen Dank für den guten Hinweis! In diesem Bereich steckt wirklich einiges an Innovationspotential, das stimmt. Auch in Sachen Visualisierung ist dort wohl noch viel zu erwarten.

  7. Als ich die Einleitung gelesen habe, war mein erster Gedanken „Mark Z. Danielewskis ‚House of Leaves‘ lässt grüßen“ und dann ist es natürlich mit aufgeführt 😉
    Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, ob ich finde, dass es Fluch oder Segen ist. Am deutlichsten habe ich das bei House of Leaves gemerkt. An einer Stelle empfand ich es als genial, an einer anderen, hat es mich krank gemacht und ich hätte das Buch am liebsten zugeschlagen (zumindest so kann man dem Labyrinth entkommen, aber wer will das schon?)

    • House of Leaves ist wohl wirklich einer der extremsten Fälle. Ob Fluch oder Segen – ich fand den Einsatz von Fußnoten in dieser Form wirklich faszinierend. Gerade auch weil House of Leaves strukturell glaube ich einiges mit filmischen Umsetzungen gemein hat. Vielleicht noch mal ein interessantes Sonderthema. Danke für deine Eindrücke.

      • christianneffe sagt

        Gerade weil ein Großteil des Textes wie eine klassische, wissenschaftliche Filmanalyse geschrieben ist, fügen sich die Fußnoten m.E. sehr gut in den Text ein, auch wenn der Autor dabei natürlich mehrmals extrem abschweift. Innerhalb der Diegese ist das Buch ja eine (unvollständige/fehlerhafte) Ansammlung von Texten, zusammengetragen durch zwei sehr verwirrte Männer. Insofern fand ich die zahlreichen Fußnoten zwar ziemlich anstrengend, ihre Einbindung gleichzeitig aber auch sehr schlüssig.

  8. In einigen, wenn nicht sogar vielen Fällen lesen wir doch auch Bücher ohne Fußnoten so, als hätten sie die Fußnoten. Wir schlagen Begriffe nach, suchen Übersetzungen für fremdsprachige Zitate oder blättern in Atlanten, Stadtplänen oder fiktiven Landkarten, um das Beispiel Pratchett aufzugreifen. Wir ergänzen den Text, warum sollte der Autor das nicht tun?

    • Für mich bitte nur im Anhang, weil zu viele Fußnoten vom eigentlichen Inhalt des Textverlaufes zumindest optisch zu sehr ablenken…meine spontane Meinung dazu….
      PJP

    • Danke für diese fundierte Ansicht. Ich bin prinzipiell der gleichen Meinung. Gegner von Fußnoten in Romanen würden aber vermutlich argumentieren, dass ein wirklich gutes Buch eben diesen Effekt des „über den Text hinausgehen Wollens“ auch allein im Haupttext leisten kann.

  9. In Siri Hustvedts „Blazing World“ fügen sich die Fußnoten m.E. organisch ein, weil der Roman ohnehin multiperspektivisch strukturiert ist, sich die Story um die unterschiedlichen Wahrnehmungen nur einer Person dreht. In handlungsarmen Romanen können sie den Leser bei der Stange halten, weil die strapazierte Aufmerksamkeit so im Buch bleibt und nicht nach außen wandert. Mir fiel noch T.C. Boyles „The Women“ ein, der sich auch um einen Star dreht, den Architekten F.L. Wright, der aus den 4 Perspektiven seiner Frauen beschrieben wird.
    Ich musste beim Lesen deines Beitrages auch an Iphones, Handys etc denken, die ein enormes Störpotenzial besitzen, weil sie mit ihren eintreffenden Nachrichten die Konzentration oder den Flow des Lebens ständig unterbrechen. Vielleicht spiegeln Fußnoten in der modernen Literatur dieses Phänomen?

    • „Blazing World“ steht auch noch auf meiner Leseliste. Zu dem Buch gibt es ja auf deinem Blog auch sehr positive Besprechungen.
      Was das Störpotential angeht, so denke ich, dass der Begriff rein literaturtheoretisch nicht so negativ konnotiert ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Das Störpotential des Paratextuellen „gegen“ den Haupttext ist auch eine Chance starre Gebilde aufzubrechen.
      Die Handysucht unserer Zeit ist meiner Meinung schon fast aus dem Modus des „Störens“ ausgebrochen. Etwas polemisch: Viele Menschen (etwa in der UBahn) machen eher den Eindruck, dass das Leben sie beim Flow ihrer Handynachrichten unterbricht.

  10. Ohne alle Kommentare durchgelesen zu haben, finde ich, dass Fußnoten einem Werk noch mehr Tiefe verleihen können, siehe Jonathan Strange & Mr. Norrell. Dieser Roman ist einer meiner absoluten Lieblingswerke und die Fußnoten gehören zu seinem Charme. Aber Fußnoten können genauso schrecklich nervig sein und nur dazu dienen, die überhöhte Selbsteinschätzung des Autors darzustellen.

  11. Ich kann nur sagen: bei Terry Pratchett waren sie (fast) immer genial. Aber mit so einem Talent darf man sich wohl aller Stilmittel bedienen und kommt damit durch…

    • Ja, Pratchett war wirklich ein außgerwöhnlich begabter Autor und Mensch. Die Nachricht seines Todes hat mich sehr traurig gemacht – auch im Lichte seiner Alzheimererkrankung.
      Mir bleiben zumindest noch circa 20 seiner Scheibenweltromane, die ich hoffentlich alle noch lesen werde.

      • Du Glücklicher! Ich habe leider schon alle gelesen und kann mich da auf nichts mehr freuen… Ich wünsch dir viel Spaß mit dem Werk!

  12. Mir machen Fußnoten Spaß wenn sie direkt auf der Seite verfügbar sind und wirklich wichtig oder wirklich witzig sind. Wenn ich andauernd nach hinten blättern muß, um dann irgendwas Unwichtiges zu erfahren, macht es mir (in einem Roman) überhaupt keinen Spaß mehr. Ich habe es tatsächlich auch schon fertig gebracht, erst hinten nachzulesen (also quer-, nicht en detail) welcher Art die Fußnoten sind, also ist das wirklich für mich als Leserin wichtig oder sind das nur Quellenangaben? Danach habe ich dann entschieden, ob sich die Mühe des hin- und her Blätterns lohnt.
    Was ich sehr (!!!) wichtig finde sind Fußnoten von Übersetzern bei Dingen, die man z.B. aus dem Englischen nicht gut übersetzen kann, Wortspiele zum Beispiel. Da finde es ganz wertvoll, wenn es dazu eine direkte Fußnote gibt, ebenfalls zu Dingen, die in der jeweiligen Sprache common knowledge sein mögen, wir aber in Deutschland nicht (oder nicht unbedingt kennen). Da bin ich ebenfalls sehr dankbar für Aufklärung. Leider ist das eher die Ausnahme.

    • Danke für deine guten Anmerkungen! Es wäre sehr amüsant, wenn beispielsweise bei Joyces “Finnegans Wake”, das ja ohnehin als praktisch unübersetzbar gilt, die Fußnoten in Fußnoten auftauchen (Vielleicht gibt es bei der deutschen Übersetzung sogar eine Art Verweiskatalog? Ich besitze sie leider nicht).

      • Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie seltsam es wäre, ein Buch durch Fußnoten immer tiefer und weiter in Verknüpfungen zu führen, bis es ein Buch über alles wäre. Das ginge praktisch fast mit jedem Buch.

    • (gerade fand ich mein Merkerli zu Beitrag & Kommentar wieder …)
      Interessante Idee! – Daran würdest Du freilich „ewig“ schreiben, wenn es wirklich „alles“ aufgreifen sollte. ;–)
      Anbieten würde sich hierfür auch gut die Form eines „Webromans“ (so es denn ein Roman sein soll), jedenfalls in HTML, mit Links zu und zwischen Fußnoten, Einschüben, Sachinfos, Bildern usw. Das wäre natürlich kein „heruntergeschriebener“ und „herunterlesbarer“ Text mehr, sondern eine Komposition, die vieles in die Hand (und Neugier) des Lesers legt.

      • Spannend, ja, aber leider auch nicht lesbar. Man sieht es ja jetzt sehr gut an „S- Schiff des Theseus“, man weiß nicht, wie man das lesen soll und es ist so anstrengend, daß es einfach kein Vergnügen mehr ist.
        Es ist eher die Idee, die gut ist. Die Ausführung sprengt vermutlich einfach jeden Rahmen. Im Web ginge es noch, aber auch da wäre alles so schnell verzettelt, daß man Probleme hat, zum Ausgang zurück zu finden.

        • Extrem schwierig zu schreiben! Ein wenig wie dreidimensionales Schach … Oder wie das Konzipieren einer vielschichtigen, aber dennoch gut gemachten Webseite. Was ja auch selten ist, aber hier und da existiert. (Weichen vielleicht deswegen so viele auf Blogs aus, weil eine stimmige Webseite alles andere als „trivial“ ist? 😉 )

  13. cafooli sagt

    An der Aussage von Amanda Kendel (“If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.”) ist wie ich finde schon etwas Wahres. Schließlich vermittelt es den Eindruck, als wäre der Autor nicht dazu in der Lage gewesen, die nötigen Informationen schön im Text zu verpacken. In manchen Ausnahmen können solche Fußnoten meiner Meinung nach aber das Leseerlebnis in Romanen enorm verstärken. In SciFi-Romanen können sie dem Geschriebenen tatsächlich etwas „Wissenschaftliches“ verleihen. Genau das was SciFi ja ausmacht. Sicherlich gibt es auch noch andere Romane, die durch so etwas bereichert werden können! Ich könnte mir da zumindest interessante Szenarien vorstellen, zu denen die Verwendung von Fußnoten passt.

    • „Schließlich vermittelt es den Eindruck, als wäre der Autor nicht dazu in der Lage gewesen, die nötigen Informationen schön im Text zu verpacken.“

      Die Frage ist halt, ob es ein Kriterium für die Qualität eines Texts ist, ob der Autor den Inhalt „schön verpacken“ kann. Oder will. Oder ob es ihm vielleicht nicht auch um die Metaebene eines Texts geht. Ich finde die Aussage der Bloggerin Kendle, vorsichtig gesagt, etwas oberflächlich.

      • cafooli sagt

        Naja ein bisschen schön verpackt muss es für mich schon sein, aber ich finde die Aussage ebenfalls etwas oberflächlich. Denn wie gesagt, in manchen Situationen passt es einfach. Macht es dem Leser besser möglich etwas zu verstehen oder gibt ihm einfach mehr das Gefühl „im Geschehen“ zu sein

  14. Finde nicht, dass Fußnoten irgendwas genuin Negatives haben. Sofern man einzelne Seiten damit nicht zubombt, finde ich es sehr reizvoll, ähnlich wie bei einem Schatz am Wegesrand, einmal einen Blick darauf zu werfen. Sofern es mich an der entsprechenden Stelle nicht interessiert, lese ich eben drüber. Die Fußnote sollte eben nicht zwingend erforderlich für die Gesamthandlung sein, sondern ihr etwas hinzufügen. Großartigster Fall: Die Fußnote gibt dem Buch eine vollkommen neue Bedeutungsdimension. In „Zettels Traum“ ist das mit den verschiedenen Spalten ja bereits passiert. Von demher ist ein qua definitionem unterbrochener, aber insgesamt kohärent-sinnstiftender Fußnotentext, der eine Zusatz-Dimension konstituiert ganz sicher reizvoll.

    • Hallo Varé! Ich denke auch, dass man gerade in Fußnoten diesen „Easter-Egg“-Effekt sehr gut herbeiführen kann. In gewisser Weise kann ein eifriger Leser durch das konzentrierte Fußnotenstöbern so zusätzlich belohnt werden.
      Arno Schmidt mit ZETTELS TRAUM ist auch ein sehr gutes Beispiel für die Aufbrechung orthodoxer Narration mit Hilfe von bedeutungsstiftenden Zusatzebenen, die formal und typografisch realisiert werden.

  15. Hallo! Bei deinem Artikel dachte ich gleich an „Mieses Karma“ von David Saphir, der meiner Meinung nach die Fußnoten, also eher Sternchen-Anmerkungen, als Stilelement einsetzt. In diesen Anmerkungen wird auf die Erinnerungen einer Figur hingewiesen. Meiner Meinung hat dies einen komischen Effekt, die Leser werden mit Hintergrundinformationen versorgt und der Charakter dieser Figur wird deutlicher. Alles in allem eine Zusatzinfo; der eigentliche Text hätte ohne sie nichts verloren. Generell finde ich Fußnoten nicht störend.

  16. „Wachen! Wachen!“ – mein Lieblings-Pratchett. „Per Anhalter durch die Galaxis“ – unverzichtbar. „Jonathan Strange & Mr Norrell“. All das sind wunderbare Beispiele für Fußnoten in Romanen. Vortreffliches Thema.

  17. Fußnoten lösen bei mir Stress aus. Genauso wie vorangestellte Zitate, oder kleinschreibung und ähnliche Späße. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

  18. Fußnoten haben mich schon als Kind fasziniert. Ich wusste zuerst nicht, was die hübschen Sternchen bedeuten sollten und mir wurde schwindlig beim Nach-unten-auf-die-Seite-gucken-und-danach-die-Textstelle-wiederfinden. Danach habe ich sie selber in meine Geschichten eingebaut und kam mir sehr gelehrt vor.

  19. Pingback: 89/90 – Das Leben in der Nische | Zeilensprünge.

  20. Pingback: Fußnoten im Roman | Annas Bücherecke

  21. Das Stilmittel muss zu Text und Stimmung passen, und der Autor muss wissen, was er da tut und warum. Dann sind Fußnoten selbstverständlich ebenso „erlaubt“ und sinnvoll wie Geschwärzte Seiten, quer geschriebene Seiten, 1 Satz auf 1 Seite und was es sonst noch so an witzigen oder visualisierenden, jedenfalls anregenden Effekten gibt.
    Laurence Sterne wäre hier zu erwähnen. 🙂

  22. Pingback: „89/90″ – Das Leben in der Nische | Zeilensprünge

  23. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel und auch die Kommentare – es ist schön zu sehen, dass es hier offensichtlich einige Fans der Fußnoten in Romanen gibt, gerade weil ich den Eindruck habe, dass diese Art des Poststrukturalismus immer mehr außer Mode kommt (zumindest bei den Kritiker*innen der Texte). Aber vielleicht bezieht sich mein Eindruck nur auf die deutschsprachige Literaturlandschaft. Wunderbare Bücher im deutschsprachigen Bereich: „Liebesbrief für Mary“ und „Die Forschungsreise“, beide von dem kürzlich verstorbenen Urs Widmer. Beide Bücher sind Beispiele, wie der Inhalt die Fußnoten auch formal bedingen kann (bzw. sie unabdingbar macht).

    • Vielen Dank für den Kommentar und die Buchempfehlungen! Gerade im deutschsprachigen Bereich habe ich in diesem Segment noch Aufholbedarf und auch Lust Neues zu entdecken.
      Ich spiele auch immer mal wieder mit dem Gedanken mir „Zettels Traum“ von Arno Schmidt irgendwie zu besorgen, aber das ist wohl auch ein Lektüreprojekt, das ein wenig Zeit einfordert.

      • An einem Nachmittag liest sich das wohl eher nicht, das stimmt. Aber spannend wäre es allemal, auch wenn man dafür vermutlich Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke der gesamten Verwandtschaft zusammenlegen müsste.

  24. Till sagt

    Ich hab mich erst heute mal wieder mit der Geschichte des Essays und überhaupt der „kleinen Formen“ beschäftigt, ein Thema, zu dem ich immer wieder zurückkehre. Beispiele aus der längeren Prosa wie Danielewski oder auch der in den Kommentaren erwähnte Urs Widmer zeigen, das nicht nur wie allgemein anerkannt die Grenze zwischen fiktionalen und wissenschaftlichen Texten fließend ist, sondern auch die Schnittstelle Roman/(literarischer) Essay, „großer“ und „kleiner“ Text.

  25. Interessant! Das experimentelle Einbauen der Fußnoten hört sich reizvoll an. Solch ein spielerischer Umgang damit finde ich gut.
    Über dein Folgen freue ich mich.
    Herzliche Grüße, Marion

  26. Fabelhafter Beitrag einer sehr lesenswerten Blogseite. Ein WordPress-„Fund“, der mich sehr freut!

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