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Helene Fischer spielt Konzerte vor 60.000 Menschen. Warum?

Helene Fischer

Ein Versuch über den deutschen Schlager


Der deutsche Schlager gehörte über viele Jahre zu den Musikrichtungen, die man, wenn man ernsthafte Kritiken verfassen möchte, einfach ignorieren sollte. Diese vielen schmunzelnden Gesichter hinter den Playbackmikrofonen wollen doch gar nicht ernstgenommen werden. Die schunkelnden Seniorinnen und Senioren nur ihren Frieden. Und so ergab sich über lange Zeit eine funktionsfähige Übereinkunft der Trennung der Welten. Aber in letzter Zeit ist zu viel passiert, um ihn weiterhin ignorieren zu können. Lange führte er ein profilloses Nischendasein, weshalb seine Rückkehr zu altem Glanz undenkbar schien. Nun ist er in ungekannter Größe zurück, füllt Stadien und Prime-Time-Sendungen, zieht wieder junge Menschen an (und nicht nur alte aus). Sein Konsum wird nicht mehr tabuisiert und der Schlager ist wieder salonfähig. Diesem Phänomen und der Bedeutung von Schlager soll hier auf den Grund gegangen werden. Zunächst ein paar Impulse zu diesem Versuch, beginnend mit einem Fallbeispiel.

Großer Bruder, du bist immer da

Ironischerweise ist der Trash-Hit Großer Bruder von Zlatko und Jürgen eine der tiefgründigsten Erscheinungen des deutschen Schlagers, da er Einblick in die gesellschaftliche Bedeutung seines Genres gibt. Denn auch wenn er, wenn man ihn sich so anhört, nicht viel herzugeben scheint, weist Großer Bruder zumindest intertextuell eine überaus starke Vielseitigkeit auf, denn der Song, der eine Begleiterscheinung der Fernsehsendung Big Brother war, basiert, wie die Sendung, auf der Gesellschaftsdystopie 1984, dem Buch George Orwells. Besungen wird also auf abstrakter Ebene niemand Geringeres als das Staatsoberhaupt des vollkommenen Überwachungsstaats. Doch gerade nun im Buch 1984 findet sich eine der stärksten Polemiken gegen den Schlager im Allgemeinen, jedoch auch sehr konkret gegen sein Publikum. Orwell schreibt:

„Draußen vor dem Fenster sang jemand. Winston lugte unter dem Schutz des Musselinvorhangs hervor. […] Das Lied wurde während der letzten Wochen in ganz London geträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, die für die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne jedes menschliche Zutun von einem sogenannten ‚Versificator‘ zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodiös, daß aus diesem fürchterlichen Blödsinn beinahe ein hübsches Liedchen wurde.“

Der Schlager selbst wird in dem fiktiven Überwachungsstaat des Buchs als politisches Instrument eingesetzt, das die beschriebenen „Proles“ vom Denken abhalten soll, damit sie sich ihrer physischen Macht gegen die Regierung nicht bewusst werden. Sie werden wie folgt beschrieben:

„Sie wurden geboren, wuchsen in der Gosse auf, gingen mit zwölf Jahren an die Arbeit, durchlebten eine kurze Blütezeit körperlicher Schönheit und sinnlicher Begierde, heirateten mit zwanzig, alterten mit dreißig und starben zum größten Teil mit sechzig Jahren. Schwere körperliche Arbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit Nachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele füllten den Rahmen ihres Denkens aus. Es war nicht schwer, sie unter Kontrolle zu haben.“

George Orwell – 1984 (Übersetzung: Kurt Wagenseil)

Aber das ist nur Literatur. Und Provokation. In Deutschland wird Musik ja marktwirtschaftlich produziert. Und überhaupt. Eine Klassengesellschaft gibt es doch gar nicht.

Der Schlager im Hier und Jetzt

Dennoch erinnern in Berlin angestellte Beobachtungen seit dem Sommer 2014 stark an die Begegnung zwischen Winston und der singenden Frau. Beispiel: Herbst 2014, eine Bäckerei in Berlin Wilmersdorf. Eine junge, türkischstämmige Mitarbeiterin unterbricht ihre Arbeit, um auf ihrem Handylautsprecher in voller Lautstärke und auf Repeat Atemlos durch die Nacht von Helene Fischer anzustellen. Sie sagt ihren Kolleginnen, sie möchte es bis zu ihrem Feierabend um 14 Uhr durchhören, und dass sie niemand davon abhalten kann. Eine ältere Kollegin sagt, sie unterstützt sie da voll und ganz. Beide beginnen zu singen. Es ist acht Uhr morgens.

Anderes Beispiel: Ein paar Monate zuvor. Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren hatte die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Dann waren alle in ein Flugzeug gestiegen und nach Berlin geflogen, wo ihr Sieg an einem Sommermorgen die Straßen vor dem Brandenburger Tor füllte. Alle jubelten, die Stimmung war trotz ein paar dramaturgischer Längen ausgelassen. Dann fingen alle an zu singen. Der Höhepunkt der Show. Auftritt Helene Fischer. Atemlos durch die Nacht. Mannschaft und Trainer bilden einen Kreis und Chor um sie herum, klatschen und hüpfen vergnügt mit. Dieselben Menschen, die eine Woche früher die brasilianische Nationalmannschaft mit 7:1 aus dem Turnier geworfen hatten.

Für Beispiel 2 gibt es Beweise:

Quelle: Youtube

Kritische Gedanken

Das Besondere: Die Rückkehr des Schlagers ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Das Merkwürdige: All das scheint niemanden zu stören. Vielleicht liegt es am Beobachter, der zu viel Adorno gelesen und Björk gehört hat. Aber das Gefühl, die Welt um sich herum nicht mehr zu erkennen, ist bedrückend. Es wäre ein besseres Gefühl, sie zu verstehen. Aber immerhin gibt es immer Menschen, die noch mehr Unverständnis zeigen. Ein populärer Vertreter unter diesen ist Noel Gallagher, der sich mit folgender Stellungnahme zu Atemlos durch die Nacht zitieren lässt:

Das ist furchtbar! Gott, können wir das bitte ausmachen? Das ist genau die Popmusik, von der ich spreche. Sie bedroht heute die ganze Welt. Das ist Musik, die absolut nichts mehr bedeutet. Oder noch schlimmer: Das hier ist nicht mal Musik. Das soll in Deutschland das große Ding sein? Unfassbar! Aber man muss auch immer genau nachschauen, wer solche Songs schreibt. Das war garantiert nicht diese Helene Fischer. Das waren ein paar Typen in meinem Alter, die zu fett sind, um Rockstars zu sein, eine Glatze haben und Scheißsongs schreiben. Dieses Lied bringt irgendjemandem viel Geld. Mich macht es sehr, sehr traurig.“

Quelle: Die Welt

Sein Unwille, Verständnis zu zeigen, macht ihn vielen Menschen sympathisch. Seine Kritik erfasst jedoch nicht das Problem. Denn Helene Fischer macht keinen Pop, sondern Schlager. Und Schlager wird von Menschen konsumiert, die die Songs Gallaghers, mit Ausnahme von Wonderwall, selbst für vollkommen bedeutungslos halten, weil ihnen die Kultur unzugänglich ist, in der diese entstanden sind. Was Gallagher übersieht: Schlager ist dazu gemacht geworden, die zeithistorische Bedeutung aus bestimmten Musikrichtungen herauszunehmen und sie in triviale Kontexte zu stellen. Im Falle von Atemlos durch die Nacht ist das ein Elektropopsound. Dennoch ist es kein Elektropop und hat mit Bands wie CHVRCHES absolut nichts zu tun. Dies wird vor dem Hintergrund der Geschichte des deutschen Schlagers deutlicher, die im Folgenden betrachtet werden soll.

A brief history of schlager

Seinen Ursprung findet der Schlager in den leichten Gassenhauern deutschsprachiger Operetten zum Ende des 19. Jahrhunderts. Doch erst die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts machten ihn zu einer eigenständigen Kunstform und zu einem Geschäft, das zwar immer wieder für Propagandazwecke missbraucht wurde, aber dennoch problemlos zwei Weltkriege überstand. Auch zu Zeiten des Wirtschaftswunders blühte der große deutsche Schlager noch einmal richtig auf und hatte mit Hildegard Knef, Peter Alexander oder Freddy Quinn seine Momente. Zur Beleuchtung der Frage, welche Bedeutung er einst für die deutsche Kultur hatte, könnte eine Anekdote aus dem Jahr 1970 hilfreich sein.

Die alte Bedeutung des Schlagers. Die Geschichte von Black Sabbath und Cindy und Bert

In jenem Jahr hatten Black Sabbath die Single Paranoid, ihren bis heute erfolgreichsten Song veröffentlicht. Die Zeit war reif für unangepasste, unbequeme, politische Musik, für Heavy Metal. Mit der aufblühenden, vor allem englischsprachigen Rocklandschaft ab den 1960er Jahren entstand eine Jugendkultur, die die Welt nachhaltig verändern sollte. Doch es waren nicht alle bereit. Deutschland stand noch woanders, West wie Ost. Ganz woanders.

Quelle: Youtube

Eine deutsche Popkultur war auf dem Vormarsch, lag aber noch in Windeln. Udo Lindenberg machte noch Jazz und der Schlager war groß. Unfassbar groß. Zwar hörten auch damals schon in Deutschland viele Menschen internationale Bands, aber das war Underground, die großen deutschen Radios hingen allesamt weit hinterher. Um internationale Künstler für das Hauptpublikum salonfähig zu machen, mussten erst einmal eigene Versionen für den deutschen Markt her. Bands wie The Beatles hatten bereits zuvor deutschsprachige Varianten ihrer Songs aufnehmen müssen, um in Deutschland gespielt zu werden. Bei Black Sabbath reichte das nicht. Ihr einzigartiger Sound war nicht mehr aus der Welt zu bekommen, doch die viele negative Energie schien deutsche Sendeanstalten zu überfordern und ihnen ihr Publikum zu entfernen. Ein sicherer Tod für die deutsche Schlagerkultur. Könnte man denken. Doch es gab einen Ausweg: Cindy und Bert.

Ihr Song Der Hund von Baskerville ist musikalisch ein tadellos produziertes Cover von Paranoid, das seinem Original in nichts nachsteht. Aber textlich machen Cindy und Bert daraus ein Genre-Stück, in dem die als unheimlich wahrgenommene und damals sehr bekannte Geschichte des gleichnamigen SherlockHolmes-Falls erzählt wird. Aus dem glaubhaft von Ozzy Osborne inszenierten verzweifelten Ich-Erzähler des Originals wird die angeregte Geschichtenerzählerin Cindy.

Quelle: Youtube

Es gelingt, die Konnotation des Songs vollkommen zu verkehren: Der lebensverneinende Protestsong wird zum familienfreundlichen Stück deutscher Hochkultur, in dem „die gute alte Schauergeschichte“, für die man auch schon mal britische Autoren las, ihr neues Gewand fand. Cindy und Bert haben dem deutschsprachigen Musikmarkt diese neuartige Musik erklärt und eine Versöhnung mit dem unheimlichen Sound erzeugt. Und das war bereits ein Nachklang der Hochphase des Schlagers, dessen frühere Macht sich nur erahnen lässt. Auf kurze Sicht haben von dem Cover alle Beteiligten, auch Black Sabbath, profitiert. Doch dem großen deutschen Schlager stand mit der Globalisierung der Popmusik ein unaufhaltsamer Leidensweg bevor.

Der qualvolle Selbstverlust

Man hätte für ihn Ende der 1960er-Jahre den schnellen Tod wählen können, aber es kam immer wieder etwas dazwischen. In der BRD residierende Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele 1972 oder die Endrunde der Fußball-WM 1974 erforderten ihre Hymnen, die wie Defibrillatoren auf die im Sterben begriffene Schlagerhochkultur einwirkten. Auch durch die rezessive Kulturpolitik in der DDR wurde sie, zumindest medial, noch lange aufrechterhalten, bevor sie in den 1980er-Jahren dann vollends ins Wachkoma fiel. Das deutsche Schlagerpublikum war selbst zur Subkultur und, zumindest von außen betrachtet, zu einer überholten Erscheinung geworden. Musikalisch rettete man sich, als die großen Hits ausblieben und die wichtigen Sendetermine an Popsendungen fielen, eben in den Trash. Die Not wurde zur Tugend.

Schlagersongs wurden mit immer geringerem Aufwand produziert, und in den Gesang schlich sich, um eine jugendliche, popkulturell geprägte Perspektive einzunehmen, immer häufiger Ironie. Und langsam aber sicher verlor der Schlager den Zugang zu sich selbst und damit seine Bedeutung. Er lief zwar noch ab und zu im Fernsehen, aber die Sendungen wurden von jüngeren Konsumentinnen und Konsumenten wie ein Relikt aus einer der vielen völlig unbegreiflichen Phasen deutscher Geschichte wahrgenommen. Nur Schlagerpartys wurden bei ihnen ungebrochen als unersetzliche Möglichkeit gesehen, den Kopf auszuschalten. Trash eben. So entstanden Erscheinungen wie Ballermann- oder Aprés-Ski-Hits, die von solch historischer Hässlichkeit sind, dass sie zumindest niemanden kaltließen. Und wer polarisiert, findet sein Publikum. Auch wenn niemand so recht sagen kann, wer das Ganze eigentlich ernst meinte und wer sich einer Freakshow hingab, entstand ein fruchtbarer Industriezweig. Und obwohl zumindest Adorno über Erscheinungen wie DJ Ötzi wohl sehr unglücklich gewesen wäre, war Anton aus Tirol in Deutschland die erfolgreichste Single des Jahres 2000. Platz 8 waren dann Zlatko und Jürgen.

Die Ersatzidentität

Also: Der Schlager war zwar nie tot, er war auch nie wirklich klein, aber er hat seine Identität verloren und ein altes Selbstbewusstsein gegen ein neues getauscht. Wenn es in den 1990ern und 2000ern auch Menschen gegeben haben wird, die nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus künstlerischen Motiven Schlager produziert oder interpretiert haben, so wurden sie von der überwältigen Mehrheit der deutschen Bevölkerung dennoch nicht als ernsthafte Künstlerinnen und Künstler wahrgenommen. Es fehlte an Substanz. Den „Schlager-Star“ gab es nicht mehr, nur noch Personen, die die Maske  der Schlagersängerin oder des Schlagersängers je nach Belieben absetzen konnten und dies in Interviews bisweilen auch mussten, um von den Medien als normale Menschen akzeptiert zu werden. Das Gute für Nicht-Schlager-Fans an dieser Phase war die Möglichkeit, das Ganze zu ignorieren: Die Orte des Geschehens ließen sich meiden und die beteiligten Personen wirkten weitgehend harmlos.

Der Fall Helene F.

Trash-Phänomene gibt es natürlich auch heute noch. Aber der Erfolg von Helene Fischer, die ihren Weg durch diese Schlagerlandschaft gefunden hat, lässt sich absolut nicht mehr mit Trash oder Ironie oder Feierwut erklären. Sie bietet die Substanz, die dem Schlager lange fehlte. Über Jahre hat sie sich eine Bühnenshow aus eigenen Schlagern und gecoverten internationalen Klassikern aufgebaut, die ein ungeteiltes Entertainment bieten sollen. Vor allem durch ihren Körpereinsatz setzt sich die Show von vergleichbaren Erscheinungen ab. Ich würde keine Sekunde auf diesen Konzerten aushalten, doch das Prinzip leuchtet ein. Dumm ist es nicht. Zwischen den hymnischen Eigenveröffentlichungen und Covers wie Let me entertain you bleibt wenig Platz zum Zweifeln. Das Publikum, das sich wirklich aus allen Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammensetzt, kann der Welt außerhalb des Stadions für ein paar Stunden entkommen und sich schlicht treiben lassen. Und die Show ist über Jahre hinweg ausgereift. Nichts passiert zufällig, Aufwand und Einsatz sind enorm.

Quelle: Youtube

Es muss festgestellt werden: Wer, wie Helene Fischer 2015, eine Tour durch 17 Stadien vor jeweils mehreren zehntausend Menschen spielt und in einigen davon, unter anderem dem Berliner Olympiastadion, sogar mehrfach nacheinander auftritt, ist eine ernsthafte Künstlerin. Ein 60.000-köpfiges Einzelpublikum ist nicht harmlos.

Eine Frage, die bleibt, ist aber die Folgende: Warum wollen die Menschen auf Helene-Fischer-Konzerten sich treiben lassen und der Welt außerhalb der Stadien entkommen? Denn die dargebotene Show schafft es in Vollendung, jegliche Gesellschaftskritik auszublenden und jedes politischen Moments zu entbehren. Die Songs greifen zwar Klänge der aktuellen Musiklandschaft auf, deren Vielseitigkeit jedoch durch eine Banalisierung von Text und Akkordschemen neutralisiert werden. Dennoch sind die anwesenden Menschen freie, intelligente Wesen, die den abwesenden in Nichts nachstehen. Und wenn wir Menschen doch ach so intelligente, „höchsten Leids und Glückes fähige“ (John Stuart Mill), „von Natur aus politische“ (Platon) Geschöpfe sind: Warum zieht es uns dann immer wieder so viele von uns zu solchen puren Unterhaltungsshows? Nach langer Vorrede soll also nun die Frage betrachtet werden: Was in uns will zum Schlager?

Was in uns will zum Schlager?

Der Psychologe Julian Jaynes hält dafür eine einleuchtende Erklärung bereit, die eines letzten kurzen Exkurses bedarf. In seinem Hauptwerk mit dem Titel Die Entstehung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche von 1976 stellt er eine eigenwillige Menschheitsgeschichte auf, die sich auf den Zusammenhang von Bewusstsein und Unterbewusstsein des Menschen konzentriert. Beide hält er für vollkommen getrennte, aber gleich stark ausgeprägte Sphären des Geistes. Unser Bewusstsein auf der einen Seite ermöglicht uns demnach, einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, eine komplexe Außenwelt anzuerkennen und an der Gesellschaft teilhaben zu können. Das schließt sowohl den Überlebensdrang als auch eine Auseinandersetzung mit anderen Subjekten ein. Es ist der Ursprung von Ethik und Politik und seine Inhalte sind, da sie empirisch zugänglich sind, logisch weitgehend geschlossen.

Unser Unterbewusstsein ist für Jaynes dagegen ein verkümmertes Relikt aus einer frühen Phase der Menschheit, in der die empirische Welt eben noch nicht als für sich stehendes, geschlossenes Ganzes angesehen wurde. Viele literarische Werke der Antike -etwa die Ilias von Homer- weisen, wie er folgert, darauf hin, dass Menschen sich lange Zeit unter dem direkten Einfluss göttlicher Wesen verstanden haben, die ihnen Handlungsanweisungen gegeben haben. Er hält sie von seiner wissenschaftlichen Perspektive aus für Halluzinationen, die von einer Kammer unseres Geistes produziert wurden, die wir heute als unser Unterbewusstsein verstehen. Jaynes verortet diese im Sprachzentrum der rechten Gehirnhälfte. Die befehlenden Inhalte dieses Bewusstseins zweiter Ordnung bilden demnach den gedanklichen Ursprung der Religionen und sind, da sie nicht empirisch zugänglich sind, auch nicht logisch.

Das Unterbewusstsein steht, und das ist entscheidend, dem Bewusstsein im Einfluss auf unsere Handlungen jedoch in nichts nach. Wir halten unsere Träume oftmals zumindest solange für real, bis wir aufwachen, und treffen viele Entscheidungen, die sich nicht rational auflösen lassen. Dabei befinden wir uns, wie Jaynes schreibt, jedoch nicht im gedanklich unstrukturierten Raum, sondern wir folgen vielmehr einer Art „Trancelogik“. Von da aus ist es gedanklich ein kurzer Weg zu Helene-Fischer-Konzerten.

Die Rolle des Unterbewusstseins

Denn unser Unterbewusstsein, schreibt Jaynes, ist in der Phase unserer frühesten Kindheit am stärksten ausgeprägt. Und dies ist die Phase, in der wir auch unsere primäre musikalische Sozialisation erfahren. Auch wenn wir uns später bewusst einer bestimmten Musikrichtung hingeben, wachsen wir, wenn wir eine dieser privilegierten bspw. deutschen Durchschnittskindheiten genießen, erst einmal mit den Schlafliedern auf, die unsere Eltern uns vorsingen. Sie werden uns hingebungsvoll vorgetragen, um uns zu beruhigen, und wecken in uns die Ideen von Harmonie und Geborgenheit, die beide unterbewusst sind. Sie werden, so folgert Jaynes, von der rechten Gehirnhälfte produziert. Zur Veranschaulichung:

Quelle: Youtube

Die simplen, symmetrischen Songstrukturen der Schlaflieder speichern wir unterbewusst als höchste Stufe musikalischer Harmonie; und der unkritische Gesang unserer Eltern, der nur auf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist, und uns einnehmen und in eine Traumwelt entführen soll, ist eines der stärksten Gefühle von Geborgenheit, die wir jemals wahrnehmen werden. Dann lernen wir die Reize eines auf das Bewusstsein ausgerichteten Lebens kennen und wachsen auf. Doch die beiden Ideen und Gefühle des Schlaflieds bleiben für uns wichtige Anhaltspunkte zur Orientierung in der Welt.

Und Helene Fischer macht im Grunde nichts anderes, als diese beiden Gefühle für ihre Hörerinnen und Hörer zu rekonstruieren. Den Rest macht deren Unterbewusstsein. Atemlos durch die Nacht bspw. ist harmonisch betrachtet ein denkbar simpler Song. Die Art, wie er auf Konzerten präsentiert wird, ist wiederum denkbar einnehmend. Im Songtext geht es, so die gängige Interpretation, um Sex: eine zeitlose Thematik ohne konkrete politische Bezüge, für die keinerlei Kontextwissen nötig ist, das über die eigenen Urtriebe hinausgeht. Zum Vergleich: „Müde bin ich, geh zur Ruhe. Schließe beide Äuglein zu“. Dasselbe Prinzip. In der von Jaynes skizzierten, unterbewussten „Trancelogik“, die nach den wohligen Gefühlen der Kindheit und nach der Teilhabe an einer Traumwelt strebt, ist ein Helene-Fischer-Konzert also „the place to be“. Doch warum jetzt? Warum ist sie gerade 2014 von einer Berühmtheit in der Schlagerszene zum Megastar erster Reihe und zur erfolgreichsten deutschen Live-Künstlerin aufgestiegen? Das kann nicht nur an der Veröffentlichung von Atemlos durch die Nacht gelegen haben.

Warum genau jetzt?

Keiner von uns hat einen Tag erlebt, an dem sich nicht zwei Staaten miteinander im Krieg befanden. Aber auch wenn es immer Leid gab, hat sich zumindest in Deutschland das Bewusstsein der Allgegenwart von Konflikten drastisch verändert. 2014 gab es ja nicht nur die Fußball-WM. Es gab auch die Annexion der Krim durch Russland, die zum ersten Bürgerkrieg auf EU-Gebiet führte, der nach wie vor andauert. Infolge von Mordanschlägen kam es zu Bombenangriffen im Gazastreifen, was die Unversöhnbarkeit des Konflikts Israels und Palästinas in Erinnerung rief. Dazu kamen Nachfolgekonflikte des arabischen Frühlings wie der Bürgerkrieg in Syrien. Und islamistisch und nationalsozialistisch motivierte Terroranschläge. Verzweifelt flüchtende Menschenmassen.

Kriege und Terrorismus dieser Dimensionen sind nicht neu, unsere Perspektive darauf jedoch schon. Denn sie bringen unsere schöne neue globale Welt 2.0 ins Wanken – und eine Kultur, deren wichtigstes politisches Instrument ein „Gefällt mir“-Button zu sein scheint, ist an den Grenzen ihrer politischen Macht angekommen, wenn es Hinrichtungsvideos des IS auf die Startseiten sozialer Plattformen schaffen. Und an diesen Grenzen kommt jeder bei sich an. Unser immer stärkeres Bewusstsein der Komplexität der Welt scheint uns maßlos zu überfordern. Also versuchen es die meisten mit ihrem lange unterdrückten Unterbewusstsein von Harmonie und Geborgenheit, das immer wichtiger wird. So freuen sich einige über sportliche Erfolge und unpolitische Musik. Andere führt es zu gemütlichen Indierock- oder Elektrofestivals. Andere in Schrebergärten. An Badeseen. Ins Private. Nach Hause. Es gibt sogar wieder Mainstreampop. Und Neo-Folk.

Also?

Die geschlossenen Sphären der Fußballstadien, in denen Helene Fischer auftritt, werden als Zufluchtsorte in einer brennenden Welt wahrgenommen. Als Harmoniehorte. Manchen ist das zu blöd, andere nehmen es dankend an. Dennoch sind die neuen großen Schlagershows bloß die stärkste Ausprägungen einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz der Resignation, die wiederum die Folgeerscheinung einer satten, müden Kultur ist. So bleibt es nicht viel mehr als ein Gedankenspiel, sich auszumalen, wo wir ständen, wenn wir all das wollten, was wir könnten. Denn das ach so intelligente, höchsten Leids und Glückes fähige, politische Wesen Mensch schafft es einfach nicht, über die Schlaflieder seiner Kindheit hinwegzukommen.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

 

53 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag. Ach ja, und danke *räusper* für die vielen Fischer Videos… :-/
    Ich finde das Beispiel der türkischstämmigen Bäckergehilfin aufschlussreich, weil es uns auch etwas über den modernen Arbeitsplatz erzählt, den man nur aushält, wenn man ihm aggressiv Schei*e entgegenhält. Schlager erzählt uns ja auch etwas über das tolle Beisammensein in der Partnerschaft, ganz Biedermeier. Wenn die Leute ihre Freizeit mit Sex und Fischerkonzerten füllen, dann werden sie sich nicht zu politischen Versammlungen zusammentun. Der menschliche Grundinstinkt zur Teilnahme an politischen Versammlung wird so erstickt, auch durch Großevents wie Fußballfeiern, angsterfüllten Pegidaaufmärschen, etc. Wir leben halt in einer sehr unpolitischen, sexualisierten Zeit. Danke für den Beitrag, regt zum Denken und Spekulieren an.

    • Ich hab zu danken! Mehr als zum Denken anregen wollte der Artikel auch überhaupt nicht. Das erscheint mir persönlich manchmal wichtiger, als Dinge wirklich zu verstehen…

  2. Irre. Cindy und Bert kannte ich nicht – und damit nicht dieser alles entschärfende Weg, Black Sabbath (und alles, wofür sie stehen) zu ‚bändigen‘ und sich so anzueignen. Regelrecht gruselig. Gruselig natürlich auch die Helene Fischer-Welle, da stimme ich zu: „Ein 60.000-köpfiges Einzelpublikum ist nicht harmlos.“ Sehr schön die Charakterisierung „Zufluchtsorte in einer brennenden Welt“.

    • Vielen Dank für den Kommentar! Schon komisch eigentlich, dass Cindy und Bert in Wahrheit viel gruseliger sind als Black Sabbath. Alles eine Frage der Authentizität.

    • stoppoker sagt

      Stephen King drückt das so aus : „Wir schaffen uns „Monster“ in der Literatur um mit den „Monstern“ die in der Realität auftreten besser klarzukommen! Ich finde das ist für mich der bessere Weg! Ich habe mich früher mal sehr intensiv für Geschichte interessiert, dabei ist mir aufgefallen, worum es immer nur ging in der Politik die dann später Geschichte wurde, es auch heute noch geht und es immer gehen wird : Es geht um Machtausübung und Interessen von Staaten (früher Herrschern, Monarchen usw.). Im übrigen es gibt keine „Freundschaften“ zwischen Staaten sondern nur diese beiden vorgenannten.
      Seit der Epoche der Demokratien kleiden sich diese zwei Dinge, Machtausübung und Interessen von Staaten, in einen neuen Mantel, aber das dadrunter bleibt dasselbe. Wenn Deutschland mal den nächsten Schritt zur Direktdemokratie gehen wird (Stichwort Volksabstimmung auf Bundesebene) wird sich der Mantel noch ein wenig aufhübschen, wie ich finde ist dieses aufhübschen angebracht! Meine Ansichten sind bestimmt nicht Teil des Mainstreams, aber das waren sie noch nie!

      Glück Auf!

  3. Es gab ja eine Menge Schlagerstars, die in Interviews beteuerten, in ihrem Herzen „Rocker“ zu sein : Howard Carpendale, Roy Black, Christian Anders – alle sehnten sich danach anders wahrgenommen zu werden, die bizarre Fassung von „Paranoid“ könnte auch aus dieser Sehnsucht entstanden sein… es könnte natürlich auch nur der Versuch der Erschließung neuer Märkte gewesen sein – damals ähnlich seltsam hilflos : es wurde regelmäßig „progressive Rockmusik“ in der Krimiserie “ Der Kommissar“ eingebaut – aber das ist ein andere Thema.

  4. Danke für den Beitrag. Nicht alles benötigt eine Daseinsberechtigung. Erst im Vergleich entstehen Qualitätsunterschiede. Heute fassen wir uns an den Kopf und fragen uns, wie Songs ala DA DA DA, ICH LIEB DICH NICHT, DU LIEBSTMICH NICHT AHA von Trio so erfolgreich werden konnten.
    Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass viele Dinge IHRE ZEIT haben und nur in jenen Zeitabschnitten funktionieren. Welche Bedürfnisse oder welche Art Bedürfnisbefriedigung sich dafür Verantwortlich zeigt ist Zeitgeschichte.
    Wer sich nicht dafür begeistern kann, sollte abschalten. Noch sind Senarien des GROSSEN BRUDERS, in dem die Geräte nicht mehr zum Schweigen gebracht werden können (teilweise) Zukunft. 😉

    • Vielen Dank für den Kommentar! Wobei Da Da Da schon wieder durch den Kontext seiner Entstehung ein sehr interessanter Song ist. Sample 1 vom billigsten Spielzeug-Keyboard im Laden (Casio VL-1) durchlaufen lassen, den simpelsten Text darüber singen, bisschen Gitarre, bisschen Schlagzeug fertig. Hat schon seine Daseinsberechtigung, find ich. Genau wie John Cages 4’33“.

  5. grubenlampe19315 sagt

    Ein sehr interessanter Artikel, Gregor!! Schlager wirkt auf mich eher abstoßend, wobei Helene F. noch eine von den „Harmlosen“ ist 😉 . Wie man Massen bewegen/ begeistern kann, ist immer wieder verblüffend.
    LG von mir

  6. Blaue Blume sagt

    Danke für diesen grandios formulierten und gut recherchierten Artikel! Für meine nächste, unvermeidlich heiße Diskussion im Bekanntenkreis über „Schlager im Allgemeinen, Helene Fischer im Besonderen und die Beantwortung der Frage Kunst-oder-nicht-Kunst“ liefert das reichlich scharfe Munition 😀
    Und die beiden Versionen von Paranoid … der Handtaschenhund von Baskerville zu Cindys Füßen … Hilfe … köstlich!!!

  7. Du sprichst mir aus der Seele. Sehr interessant und bedenkenswert. Danke für Black Sabbath und Ciny & Bert, das kannte ich noch nicht. Ich finde Ozzys Paranoid übrigens überhaupt nicht lebensverneinend, verzweifelt sicher und anklagend. Und, Ozzy hat Konsequenzen gezogen, hat gehandelt. Daraus mit so einem verquasten Text einen Schlager zu machen ist schon der Hammer. Ich werde ein paar Freunde an Deinen Betrachtungen teilhaben lassen. Nochmals Danke und Respekt für die Arbeit, die hinter den Betrachtungen steckt.

  8. Ina Colmer sagt

    Hey Gregor, mir ist noch eine etwas jüngere Verwurstung à la Black Sabbath/Cindy & Bert eingefallen: Heino, der u.a. Rammstein und Die Ärzte gecovert hat. Da wusste ich auch nicht, ob ich lachen oder weinen soll 😉 Damit hat er seine Marke auf jeden Fall aufpoliert.

    • Hi Ina, ach Gott, ja, du hast recht. Auch ein schönes Beispiel für dieses furchtbare Spiel. Aber Heino ist auch ein Fall für sich. Er hat ja nichtmal neue Texte gebraucht, um die Songs zu verbraten. Aber zu deiner Unsicherheit: auf jeden Fall weinen. Wenn du mitlachst, haben sie dich 🙂

  9. madameflamusse sagt

    wow sehr viel Arbeit…ich ekel mich davor…also vor der Dame und dem drumrum….aber ja..es sind viele wohl wahr

  10. stoppoker sagt

    Ich denke der Name Warren Buffett ist allen geläufig, der war mal wieder auf einer seiner „Einkaufstouren“ von Firmen in Europa und dabei ist er zufällig in ein Helene Fischer Konzert geraten! Nach dem Konzert hat er ihr öffentlich 100 Millionen Dollar oder Euro (das weiß ich nicht genau) angeboten wenn sie mit dem Singen aufhört!!! Wie geil ist das denn?? Bitte Bitte hör auf zu singen ich geb dir auch viel Kohle!
    Mich zieht auf jeden Fall nix zum Schlager, meine Mutter hat mich als Kind ab und an gezwungen diese Kackscheisse von WDR4 Schlagersender zu hören, im Wohnzimmer, nee danke, ich hab mein Trauma weg!
    Ich bleib beim Blues und Jazz und auch immer wieder gerne beim Deutschrock!

    • Genau, und das ist der Unterschied zwischen dem neuen Schlager und dem der letzten Jahre: Zlatko und Jürgen hätten das Geld genommen und für immer geschwiegen.

  11. Hallo Gregor, spannend! Aber wie bist du auf Julian Jaynes gekommen? Klingen ziemlich krude, seine Theorien (Als Psychologie im wissenschaftlichen Sinne würde ich sie heute nach meinem ersten Eindruck nicht mehr bezeichnen, ich lasse mich aber gern eines besseren belehren.). Auf alle Fälle hat mich dein Artikel zum Nachdenken gebracht. Ich melde mich, wenn ich neue Erkenntnisse zum Thema Psychologie und Schlager habe.

    • Ja cool, mach mal. Das Thema kann sicher viele gute Bücher füllen, ob Julian Jaynes darin vorkommt oder nicht 🙂 Ich denke, schon allein weil Jaynes in weiten Teilen seiner Arbeit literaturwissenschaftlich vorgeht, ist er sicher ein schwieriger Fall für die psychologische Forschung. But so is Freud. Jede Wissenschaft hat ihre Altlasten, aber ohne sie geht es eben auch nicht. Jaynes‘ Buch ist, da es aus dieser unumstößlich profanen Sicht geschrieben wurde, sicher auch als Provokation gemeint. Deswegen fand ich es spannend, seine Theorie dem Schlager entgegenzusetzen, der ja auch sehr provozierend sein kann.

  12. Fair und ausgewogen geworden! …angeblich war Th.W. Adornos Lieblingssendung im TV „Daktari“. Eskapismus ist für alle da.

  13. Helene Fischer ist das lebendig gewordene Klischee der unkomplizierten, immer fröhlichen, perfekten Blondine ohne Ecken und Kanten. Das stört mich einfach und ist ein Sinnbild der heutigen Gesellschaft, in der jeder funktionieren soll und will. Immer schön an der Oberfläche taumelnd in den Abgrund und die Lemminge hinterher. Atemlos. So könnten Helene Fischer und ihr Publikum beschrieben werden.

  14. christahartwig sagt

    Jetzt weiß also auch ich, wer Helene Fischer ist. Zu ihrem Konzert ins Olympiastadion gewallfahrtet wäre ich nicht, aber in letzter Zeit begebe ich mich hin und wieder in die gedankliche Nähe zu Fußball (bisher nur am Radio, wo mich vor über fünfzig Jahren die „Schlager der Woche“ auch nicht nachhaltig geschädigt haben, wie ich hoffe). Ich habe also ein gewisses Verständnis für gelegentliche Fluchten aus der Realität des wirklich Weltbewegenden.

    Was man dem Schlager nun aber nicht absprechen kann: Er trägt wesentlich dazu bei, dass überhaupt noch gereimt wird – steigert womöglich sogar den Verkauf von Reimlexika. Und überhaupt finde ich es gut, wenn ernsthafte Menschen sich ernsthaft mit Themen auseinandersetzen, die an einer Ignorantin wie mir sonst spurlos vorübergehen würden. Danke!

  15. suffski sagt

    Wer bestimmt was gut oder schlecht ist? Was Qualität oder eben keine hat?
    Es wird immer Gegner oder eben Befürworter geben… und darüber hat kein Mensch zu entscheiden.
    Leben und Leben lassen… das hätte doch was!?
    VG 😉

    • Im Gegenteil. Es wird im Text eher versucht, die Grundlage des Leben-und-Sterben-Lassens zu verstehen, das wir ja eigentlich alle nicht wollen, aber trotzdem tun. Und darum, die Bedeutung des Schlagers darin zu verorten. Artikel, in denen der Schlager und sein Publikum verteufelt wird, gibt es woanders, zB hier: http://bit.ly/X87iVu

      • Den Tab habe ich gleich wieder zugemacht, als ich folgendes dort las:

        „Erstaunlich eigentlich, dass ich Helene Fischer so lang übersehen habe. Ihre ersten Charterfolge, so lerne ich auf ihrer Homepage, “

        Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, was aus dem Wort „erfahren“ geworden ist. Überall wird nur noch gelernt (wie im Englischen), niemand erfährt mehr etwas.

        Im Übrigen können Schlager auch Haie anlocken, wie ich im Buch „Hypershark“ gelernt – Verzeihung – erfahren habe.

  16. Pingback: Cindy & Bert – Gruseliger als Black Sabbath? | Sören Heim – Lyrik und Prosa

  17. Toller Artikel und mit so viel Mühe geschrieben. Danke für den Beitrag!

    Ich vermute schon länger, dass H.Fischer und Co. eine neue, platte „Antikultur“ sein sollen. Gegen die Welt da draußen, die in den Nachrichten so schlimme Bilder zeigt, die man für das Nonplusultra hält, weil man die Relationen zwischen dem, was verzerrt und aufgebauscht ins Gesicht geworfen wird und dem, was Realität ist -oder zumindest, was man dafür hält- gar nicht mehr erkennen kann.

    Und dann ist da noch diese Sache mit den vielen verschiedenen Meinungen und Ansichten. Jeder wird für alles angegriffen, was er sagt, denn verstärkt durch soziale Medien hat nun jeder Zugriff zu allen möglichen und unmöglichen Wortmeldungen. (Was „eine Meinung haben“ heute konkret heißt kann man ja gerne einmal auf Facebook ausprobieren, indem man in einer beliebigen Gruppe etwa seine Meinung zu Veganismus oder ähnlichen kontroversen Themen anbringt.)

    Das ist für viele Menschen einfach zu viel. Und anders als eine „Antikultur“, die in Zeiten der Unterdrückung und Meinungsverbot dafür kämpfte, mehr sagen und denken zu dürfen, kämpfen die Anhänger der neuen „Antikultur“ eben dafür, nix zu müssen: keine Meinung bilden, kein Nachdenken und Auseinandersetzen mit schwierigen, kaum zu durchdringenden Themen, kein aktives Positionieren. Ein sehr passiver Kampf also, um passiv sein zu dürfen. Um sich nicht für nichts zu interessieren und um leere Themen zu haben, in denen man nur „Ja“ und „Amen“ sagen muss -ohne, dass das Gegenüber aktiv wird, indem es etwa einen Diskurs beginnt- aber eben Scheinthemen hat, um nicht nichts zu reden, aber doch nichts sagen zu müssen.

    Liebe Grüße

  18. Hut ab! Da bleibt nur heftig Zustimmung nickendes Applaudieren. das ist die buchstäbliche Faust aufs Auge. Passt!

  19. sehr unterhaltsam und informativ als schlager-fremder. und sehr laaaang;)

    „Großer Bruder“ und „1984“ in beziehung zu setzen! ha!

    dass die fischer bei mein-schiff–taufen oft als patin auftriit, macht für die reedereien ja auch total sinn: ihre heile-welt-schiffe sind ja auch „harmonie-orte“ wie du sie beschrieben hast.

    zum thema Körpereinsatz: da hat sie anderen (schlager-)künstlern tatsächlich etwas vorraus. ihren tauf-auftritt inkl. Ballon-Trapez- Nummer am schiffsbug fand ich hochpeinlich, aber auch sehr mutig.

    • Danke für den Kommentar! Stimmt, für Schiffstaufen hat sie wirklich das perfekte Image. Kann gut verstehen, warum Reedereien sie buchen. Aber ob sie am Ende wirklich etwas gegen Eisbrecher ausrichten kann, ist -denke ich- eine andere Frage …

  20. Pingback: Level: next shit | postmondän

  21. anuka93 sagt

    Ich finde das ist eine hervorragender Artikel. Die Theorie um die Harmonie der Musik stimmt ganz gut. Ich komme deswegen zur Zeit auf die 50er Jahre Countrymusik zurück, da sie mir ein wohliges Gefühl vermittelt. Ich denke ein weiterer nicht zu verachtender Aspekt des Schlagers ist das Mitsingen. Das macht unglaublich glücklich und übertönt den Alltagsstress. Es gibt kaum ein Genre in dem das so gut möglich ist wie im Schlager, außer vielleicht Kinder, Volks und Kirchenlieder.

    Danke für den tollen Beitrag!
    Anna

  22. Ersteinmal danke fürs Beobachten und dann auch einen Dank, dass ich dadurch hier hereingestolpert bin. Die elektronische Welt ist ja groß und in dieser Kostbarkeiten zu finden doch auch zunehmend schwieriger. Dann danke ich noch für den Artikel und frage mich nun, ob ich mit meiner Handarbeitswut seit ca. zwei Jahren nun auch in die Fahrschienen der Resignation geraten bin … wobei mich eins hoffen lässt … ich höre keine HF sondern tapfer weiterhin Björk 😀

  23. Gut geschrieben, Schlager ist eine Welt die weit entfernt von meiner liegt. 😉 Aber ich habe Kolleginnen die finden diese Welt toll, mag verstehen wer will.

  24. Ich war letztens bei meinen Großeltern zu Besuch, die die Helene Fischer- Show anhatten (mir war bis dahin auch nicht klar, dass sie eine eigene hat) und ich möchte mal einen Eindruck von dem Bild vermitteln, welches sich mir bot: Meine Oma und Opa, beide um die 70, sitzen gebannt und regungslos vor dem Fernseher und darin befindet sich Helene Fischer, bekleidet mit einem Mini-Rock, der eher einem knappen Slip ähnelte. Auch sonst schien es sehr warm im Studio gewesen zu sein. Ich habe den Blick abgewendet, weil es mich etwas anwiderte, immer zwischen ihre Beine gucken zu müssen, bevor ich beim Interview-Partner lande. Gut dachte ich dann, sie sieht ja auch toll aus, warum also nicht mal zeigen. Ich lies einen Kommentar in diese Richtung fallen (so ähnlich wie: „…und mir wird immer gesagt, ich soll ein Hemd anziehen, wenns kalt wird…“), daraufhin sagte mein Opa, sie sähe eigentlich immer so aus. Ich habe mir also nun mal den Spaß gemacht, mir Bilder von Fr. Fischer anzusehen. Fotos, auf denen sie nicht ihre Brüste, ihren Bauch oder ihren Hintern halb entblößt in die Kamera hält sind eher selten. Und wenn, hat ihre Bekleidung oft deutlich sexuelle Referenzen (bilden ein Dreieck in Richtung ihres Schritts o.ä.) Und, wie du schon sagtest, haben auch ihre Liedchen diese Bezüge. Helene Fischer ist zu einer Art lebensechter Porno geworden, der dessen Wirkung in die Welt transportiert. Hirn aus und Befriedigung an. Gerade heute, und v.a. als Frau, kann ich das in dieser Form nicht nachvollziehen. Dass diese Praktiken (Fr. Fischer selbst ist ja auch nur ein Spielball) heute solch einen Erfolg haben wundert mich nicht, widert mich aber umso mehr an.

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