Stell dir vor, das ist Kunst

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… und keiner versteht’s.


Ist das Kunst oder kann das weg? Als es nur Pinsel, Farbe und Kohle gab, war Kunst ganz einfach zu definieren. Heutzutage sieht die Lage aber etwas anders aus: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich neben der Malerei, Zeichnung und Skulptur auch Fotografie, Video und der reine Gedanke zu Kunstbegriffen gemausert. Das sehen nicht alle so. Braucht Kunst überhaupt Verständnis oder brauchen wir von der Kunst Verständnis?

Ursprünglich wollte ich den Text mit Eigentlich wollte ich einen Beitrag zur Kunst verfassen, aber… einleiten. Ein Kunstbeitrag wird es definitiv werden, nur ohne aber. Wer nun einen Bericht zum Duktus eines Gerhard Richter oder zur Komposition einer Jeff Wall Fotografie erwartet hat, hat sich geschnitten. Ich habe mich nämlich auch ein bisschen geschnitten, denn die letzten Ausstellungsbesuche in diversen Museen und Galerien zeitgenössischer Kunst haben mich einerseits irritiert, andererseits meine Ahnung bestätigt: Kunst ist nicht nur das, was im White Cube stattfindet. Kunst ist auch, wenn ich auf Konzerte gehe oder mich eine Idee überwältigt. Ich verstehe immer weniger den gemachten Unterschied zwischen Kunst und Musik und Denken. Wer macht sowas und warum? Ist dieser Text hier eigentlich Kunst, Analyse oder eine Kunstanalyse?

Jetzt mal ehrlich. Kann man das überhaupt?

„From music people accept pure emotion but from art they demand explanation.”
Agnes Martins Œvre ist praktisch unmusikalisch. Umso bemerkenswerter, dass sie Musik als die vollkommenste Form der Kunst bezeichnete. Musik erreicht uns weniger rational als emotional. Wir kaufen das neue Album unserer Lieblingsband, auch wenn wir nicht unbedingt wissen, ob es uns gefällt. Auch wenn ein Konzert musikalisch gesehen nicht der Bringer ist, kann das ganze Drumherum es aufpolieren. Musik ist weitaus mehr als Schall und (Wohl-)Klang.

Stellen wir uns mal vor, wir haben nicht gerade wenig Eintritt für eine zeitgenössische Ausstellung gezahlt und was sehen wir: eine monochrom blaue Leinwand, rostige Metallplatten und eine mit Kohle beschmierte Wand. Unsere Erwartung war eine etwas andere und deswegen können wir uns nicht ganz von halb empörten, halb fassungslosen Gedanken freisprechen – geschweige denn den Anblick des rostigen Metalls genießen wie das Konzert gestern Abend.
Kann man das überhaupt? Agnes Martins reduzierte Zeichnungen und Malereien erscheinen vielleicht auch nicht so spannend, wenn man die dahinterstehende Philosophie nicht kennt. Eigentlich haben ihre Werke – bildnerische und literarische – einiges zu sagen, aber der sogenannte ungeübte Rezipient würde ihnen nicht sofort verfallen und Halleluja rufen. Eine Wahrnehmungs-Schranke, deren Überwindung in der Regel weniger an Desinteresse scheitert als an chronischem Informationsmangel.

Sehgal: der traditionellen Extravaganz entgegengesetzt

Dass ein ausstellender Künstler nicht verpflichtet ist, sich auf irgendwelche Formate oder Materialien zu beschränken, sollte klar sein – dass er immaterielle Kunst macht, klingt zugegeben schon etwas seltsam. Spannend, weil irgendwie bizarr, dieses Prinzip der Mund-zu-Mund-Propaganda in diesem Kontext. Schließlich lebt der Kunstmarkt von seinem Ruf Extravagante Preise für extravagantes Material. Sehgal lässt Personen (Interpreten) seine Werke verkörpern und verzichtet nicht nur auf jegliche Publikation oder Dokumentation seines Werks; er ist nicht einmal ein Künstler im herkömmlichen Sinne: Studiert hat er Choreografie und VWL. Allein diese Kombination könnte schon als Kunst durchgehen, darauf kommt letztendlich nicht jeder. Neulich habe ich mir die Werkpräsentation von Tino Sehgal im Berliner Gropius-Bau angesehen, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Der Ausstellungstitel beschränkte sich lediglich auf den Namen des Künstlers, wo andere wahrscheinlich eine Headline aus zusammenhangslosen Begriffen kreiert hätten, um ihr Bohemiendasein standesgemäß nach außen zu kehren. Manchmal steckt hinter weniger doch mehr – zumindest bei Tino Sehgal.

Der melancholische Wiederholungstäter – Kunst oder Farce?

Jeder kennt Ohrwürmer. Akustische Endlosschleifen, die eigentlich nur in unseren Köpfen ablaufen und nicht wirklich beeinflussbar sind. Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson hatte eine außergewöhnliche Idee und dem Ohrwurm eine Art Gestalt gegeben. Dafür organsierte er 2013 die Band The National, die im MoMA PS1 ihr Lied „Sorrow“ in leicht abgewandelter Form – „A Lot Of Sorrow“ – sechs Stunden lang performte. Kjartansson filmte das Ganze. Innerhalb der Stunden variierten Songpassagen, die Zustände der Musiker änderten sich fortlaufend und das Publikum konnte dem beiwohnen. Ein Konzert oder eine Performance? Wo fängt das eine an und wo hört das andere auf?

Wem ein Vierteltag zu lang ist – hier das extra large Konzert in leicht gekürzter Form:

„A Lot Of Sorrow“ – die Zelebration einer klischeehaften Künstlerattitüde, des nie endenden, immer gegenwärtigen Weltschmerzes? Oder bloß ein überschminkter Versuch, in das Guinnessbuch der Rekorde zu kommen? Vielleicht ist es aber auch weniger der Inhalt des Liedes als die Wiederholung seiner Struktur. Paradox scheint, dass letztendlich nichts gleich bleibt, was sich ständig wiederholt. Abnutzung durch Zeit. Eine CD, die immer und immer wieder abgespielt wird, nutzt sich irgendwann ab. Ein Ohrwurm verändert sich oder verstummt nach einiger Zeit. Kjartansson und The National schaffen mit dem Non-stop-Song quasi einen extern verlagerten Ohrwurm und definieren Livemusik als eine immaterielle Skulptur, die schließlich in uns Gestalt annimmt.

Die König Galerie in Berlin-Kreuzberg zeigt bis zum 23. August die Aufnahme der Performance. Die Kombination einer übergroßen Videoprojektion mit drei Boxen transportiert das Fast-endlos-Lied sozusagen durch Raum und Zeit direkt in die ehemalige Kirche; wenn man die Augen schließt, hat man das Gefühl, unmittelbar vor der Bühne zu stehen (1a Akustik!). Jeder, der die Gelegenheit zu einem Besuch hat, sollte sie nutzen. Lohnt sich!

Spätestens seitdem weiß ich nicht mehr so recht, wo die Trennlinie zwischen bildender bzw. darstellender Kunst und Musik ist. Wahrscheinlich gibt es sie schlicht und einfach nicht und ist nur ein perfides Konstrukt von konkurrierenden Konzertveranstaltern und Kuratoren, die Platten- und Kunstmarkt gegeneinander ausspielen wollen… Vielleicht findet das alles aber auch nur in meinem Kopf statt, vielleicht war alles schon immer eins und ich zu engstirnig. Was Kunst nun wirklich ist, wird letztendlich jeder für sich herausfinden, indem er sie erlebt.

13 Kommentare

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