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Wem gehört Michael Jackson?

Sony? The Antlers? Der King of Pop hat 2014 ein Album veröffentlicht. Aber welches? Eine Geschichte über Tod und Projektion in der Musik.


2014 sind so viele Alben wie nie zuvor veröffentlicht worden. Gefühlt. Und es ist, wenn man das Jahr mal für sich betrachtet, eine komplette musikalische Landschaft entstanden, die sich von keinem Punkt aus wirklich vollständig überblicken lässt. Dass eine dieser Platten Michael Jackson zugesprochen werden kann, wirkt vielleicht etwas merkwürdig, da festgestellt werden muss, dass er 2009 gestorben ist (was wahr zu sein scheint – immerhin  wurde sein Arzt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt). Doch posthume Veröffentlichungen sind gängige Praxis, man wundert sich ja schon gar nicht mehr. Und die Medien feierten tatsächlich 2014 einen Albumrelease Jacksons. Aber waren sie auf der richtigen Party? Wenn es wirklich ein neues Album von Michael Jackson gab, welches war es dann? Wie müsste es gewesen sein?

Neues von der Michael JacksonTM

Auf den ersten Blick wirkt der Verdacht, dass es das am 9. Mai 2014 bei den SONY-Töchtern Epic und MJJ erschiene Album Xscape sein könnte, gar nicht so naiv, wie er ist. Immerhin steht „Michael Jackson“ drauf, es klingt nach ihm, ist wie all seine Alben auf der Höhe der Zeit, man hört ihn singen und zwei Lieder soll er sogar komplett eigenständig komponiert haben. Von acht. Mehr Michael Jackson geht also kaum – ignoriert man die Feststellungen, dass jedes der acht Lieder alte Ideen von ihm sind, die er verworfen hat. Und er Perfektionist war.

Dennoch, in Großbritannien ging das Album auf 1, im Kritikerspiegel pendelte es sich auf 65 von 100 Punkten (und das Prädikat „im Wesentlichen positiv“) ein. SONY hat eine Sache bewiesen: Die Michael-Jackson-Trademark ist nicht totzubekommen und funktioniert auch ohne den Meister selbst, so lang man eine Produzenten-Elite zur Hand hat, denen das Prinzip der Marke klar ist – und ein wenig investiert. Beachtet man, dass Jacksons Image durch Missbrauchsvorwürfe vor seinem Tod durchaus beschädigt war, scheint die Marke sogar besser zu funktionieren als mit seiner Beteiligung.

Xscape: Denkmal oder Raubzug?

Tatsächlich ist Xscape kein schlechtes Album, das sicher für Jackson-Fans (für die ganz zur Not in der Deluxe-Edition auch noch die Originalaufnahmen angehängt sind) genauso gut funktioniert wie für Freunde des zeitgenössischen R‘n‘B. Synthiepop, Dubstep, Balladen, gute Laune, aber auch nachdenkliche, jedoch nie aufwühlende Songs. Eine glatte Compilation aktueller Radiotrends, die mit zwei geschlossenen Augen sogar als Ehrerweisung auf ein beachtliches Lebenswerk betrachtet werden kann, die sagen will: Würde er noch leben, klänge er sicher so. Und wie heißt es noch?

„Es muss immer alles komplett verwertet werden, wenn es komplett verwertet werden kann.“ KettcarSchrilles, buntes Hamburg

Aber die Absurdität dieser spätestens seit dem Tod 2pacs etablierten Praxis rückt vielleicht durch einen Vergleich in klareres Licht: Angenommen eine Autorin stirbt und hinterlässt unsortierte Kapitel – würde ein Verlag auf die Idee kommen, für alle Kapitel namhafte Lektoren zu beschäftigen, die die unzusammenhängenden Kapitel vollkommen zu einem gemeinsamen Roman umschreiben? Vielleicht. Aber würden sie es zugeben, offen damit werben und die unsortierten Kapitel dann nochmal unverändert anhängen? Würden wir es kaufen? Wäre es nicht eine größere Ehrung gewesen, die Kapitel bzw. die Songs einfach nur in der unveränderten Version zu veröffentlichen? Oder sie zu verbrennen? Und geht es bei dem Ganzen nicht vielmehr darum, einen zu Lebzeiten schon geschundenen Künstler noch im Tod weiter kommerziell auszuschlachten? Geht es denn auch anders? Was gab es denn noch 2014?

Ganz was anderes: The Antlers – Familiars

Schweifen wir in die Ferne und entfernen uns von Jacksons Grab und kalifornischen Tonstudios. Am anderen Ende der USA aufgenommen (New York) und in weiter Ferne von SONY bei mehreren Indielabels (Transgressive, ANTI-, [PIAS], …) veröffentlicht, erblickte am 16. Juni 2014 das Album Familiars der Band The Antlers das trübe Licht der Plattenläden. Auch der Sound des Albums könnte zunächst nicht weiter entfernt vom Werk Michael Jacksons liegen.

The Antlers präsentieren eine Weiterführung ihrer sehr eigenen Variante experimentellen Postpops, die vielleicht noch nicht einmal eine künstlerische Weiterentwicklung ist. Familiars kommt weniger extravagant und virtuos daher als ihre Vorgängerplatte Burst Apart. Aber es folgt auf beeindruckende Weise einem inhaltlichen Konzept, das unterschwellig an ihr Debütalbum Hospice anknüpft, und von den Texten aus in die Musik ragt. Es stellt sich die Frage: Wie fühlt es sich an, tot zu sein? Wie ist es, wenn mich die Welt nicht mehr wahrnehmen kann, sondern nur noch den Eindruck, den ich in der Welt hinterlassen habe: meinen „Doppelgänger“? Was ist es für ein Gefühl, zu merken, dass man nicht mehr selbst auf die Welt wirken kann?

Aus dem Leben eines Toten

Man könnte gegen das Konzept einwenden, dass man im Tod, nach allem, was wir wissen, kein Bewusstsein der Welt mehr haben dürfte. Aber wir reden hier ja von Kunst. Und nur mal angenommen, man würde sich ein innerweltliches Bewusstsein in den Tod hinein bewahren und wäre noch in der Lage, Sätze zu formulieren: Man könnte über den Orten schweben, die einmal etwas bedeutet haben, und feststellen: „Some unfamiliar faces came to shop in our old house“. Man könnte ihnen zurufen „can you see me trapped behind the mirror?“, ihnen Rache schwören („I’ll know exactly where he’ll land and I will surprise him“). Man könnte nach bestem Wissen versuchen, sich eine Rolle in der Welt zu wahren („I only stare, I’m a director, watching you rehearse“) und müsste irgendwann wohl den demütigen Entschluss fassen „we have to make our history less comanding“.

Dringt am Anfang der Platte noch ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit durch die Musik, so wird sie schon ab dem zweiten Song plötzlich bedrückend: Freiheit schlägt in Unsicherheit, Unsicherheit in Angst, Angst in Panik um, die in Resignation mündet. The Antlers bilden dabei nicht weniger ab als die absurde Schwierigkeit, sich von alten Zwängen zu lösen, wenn es doch unmöglich ist, sich neue Zwänge aufzuerlegen – der eigene Tod wird zum Trauma des Gestorbenen, zu einer Wunde mit Halbwertszeit. Was Xscape an aufwühlenden Elementen entbehrt, hat Familiars für sich gebunkert und gibt es Stück für Stück in einem beachtlichen Worttonverhältnis preis.

Die Welt nach „Wetten, dass …?“

Aber das ist vermutlich ein persönlicher Eindruck. Sicher lässt das Album die Möglichkeit offen, es nebenbei zu hören – denn das geht ja nunmal immer. Die einzelnen Songs sind schließlich künstlerisch geschlossen und ausgewogen produziert, und selbst wenn die Melodien im Lauf der Platte immer kryptischer werden, lässt sich die Musik doch immer weiter in ein Gefühl fallen, das mit Wohligkeit verwechselt werden kann. Die ersten Male, die ich es mir anhörte, ging sie mir auch noch besser runter, aber komischerweise ließ mich ein einziges Gitarrenriff immer wieder stolpern – das Intro zum Song Director (für Ungeduldige: Ab 0’50“):

Quelle: YouTube

Im Ernst: Ist das nicht die Refrainmelodie des Earth Songs von Michael Jackson (in Deutschland besser bekannt als „Der Song, den Michael Jackson damals bei Wetten, dass…? gesungen hat“)? Vielleicht ein Zitat, vielleicht Diebstahl, vielleicht Zufall. Zum Vergleich (etwa ab 1’22“ (oder noch besser ab 5’o5“ mit Hebekran und Nebelmaschine)):

Quelle: YouTube

Ab hier ist für mich der Text nicht mehr aus den Melodien herauszudenken. Das Intro ist wie ein Schlüssel zu einem anderen Hören der Platte: Ist die weiter oben vorsichtig als Postpop umrandete Musik nicht in Wahrheit entfremdeter 80’s-Funk? Ist der Bass, der unter der Musik schleicht, nicht ein Walking Bass á la Billie Jean – nur in ungefähr halbiertem Tempo? Würden dieselben Gitarrenriffs nicht auch in Diskosongs funktionieren? Und hält nicht eigentlich Michael Jackson auch das Patent auf den Kopfstimmengesang des Antlers-Frontmanns Peter Silberman? Ein Hochpitchen der Drehgeschwindigkeit gibt zwar ein wenig Aufschluss über die Instrumentalspuren, wird aber der gewaltigen, wenn nicht gar gespiegelten Distanz zwischen Jackson- und Antlers-Songs nicht gerecht.

Michael Jackson – Familiars

Ein paar Fragen tun sich auf: Ist der Erzähler von Familiars nicht in Wahrheit Michael Jackson? Der Mann, der seine Geschichte nicht überwinden kann, alte Geister dabei beobachtet, wie sie sein Werk plündern, Grund zur Rache an uns allen hätte und uns doch schutzlos ergeben ist? Der plötzlich aus einem lauten Leben in eine tiefe Stille geworfen wurde und zusehen muss, wie ein Doppelgänger, sein mediales Ebenbild, die Geschäfte übernimmt?

Nein, er ist es nicht. Das ist sicher nur Einbildung. Und dennoch hat Familiars von The Antlers erheblich mehr mit Michael Jacksons Jahr 2014 zu tun als Xscape, dessen Interpret wohl SONY heißt.

3 Kommentare

  1. Mit Jimi Hendrix treibt man es noch wilder. Eine musikalische Vergewaltigung, es ist nichts anderes. Widerwärtig!

  2. Prima Text.

    Mir fällt dazu zuerst ein alter Artikel aus der „Wochenpost“(DDR, ca. um 1982) ein: „Die Sargreiter von Memphis“ beschrieb das Ausschlachten des Elvis-Erbes.
    Am Extremsten kommt mir jedoch der ganze Cobain-Zauber vor – ein one-hit-wonder-Typ wird zur Ikone heraufgeschrieben – der Über-Hype gewissermaßen.

    Jackson dagegen – mit dem hatte ich immer in erster Linie Mitleid. Ein Komplexgeplagtes Kerlchen voller Beißhemmungen, der deshalb so angreifbar blieb.

    Aber er eignet sich natürlich als Gallionsfigur für eine infantilisierte Gesellschaft.
    Das ganze Peter Pan Getue und der Moonwalk lenkten wunderbar von den Inhalten seiner besten Songs ab. Weltuntergang (Earthsong)und Gesellschaftskritik (They don’t care about us) wurden POP und mussten seither nicht mehr bearbeitet werden. In den 80ern war noch allerhand los in Sachen Anti-AKW, Waldsterben, Krefelder Appell. Das Engagement in dieser Richtung schlief ein. Der Wetten das Auftritt von ihm ist ein wunderbares Beispiel aus den 90ern: Juckte irgendjemanden irgendwann der Text des Earthsongs? Aber DIE SHOW! Und ER war wirklich da! St.Thomas von Kulmbach macht’s möglich! DER MESSIAS war im ZDF! Und die Tendenz nahm zu.

    Wo bleibt der Aufruf zum Toyota-Boykott? Der IS ist DER Großkunde des Konzerns, wenn man den Pressebildern glaubt.
    Nach der Brent-Spar-Brand-Katastrophe wurde noch Shell weltweit gerügt und wenigstens kurz auch boykottiert.
    Wo bleiben Anti-TTIP und Anti-CETA- Demos? (Halt! Einmal gab es sowas in Berlin 2015. Aber weil es nix mit Pegida zu tun hatte, sah die Presse gelangweilt weg. Zwischen 50 000 und 100 000 marschierten da unbemerkt durch die City.

    Die Lehre:
    Wozu demonstrieren gehen, wenn ein paar Merkelmeier-Phrasen reichen a la „Wir werden eine gemeinsame Lösung finden.“ in Klammern: Denkste.

    Tja, komisch, wo man ankommt, wenn man anfängt, über Micheal Jackson nachzudenken….

  3. Es mögen ja alte Fetzen von ihm auf der Platte zusammengeschustert worden zu sein, und besonders Love never felt so good fühlt sich im ersten Moment ziemlich gut an, ein angeblich ca. aus 84 stammender Entwurf, der dann mit völlig überhäuften Elementen aus Thriller und Off the Wall in einen schicken Anzug von 79 gepresst wurde, aber nur ein paar Töne weiter dreht es sich im Magen, wenn man merkt: das singt ja gar nicht er! Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, vielleicht ein bisschen zu viel. Hätte man zugegeben, dass man ein nettes Tonstück hat, aus dem man im Off-the-wall-Stil ein hübsches Stück zusammengebaut hat, nur die Hälfte der Jackson-typischen Heee’s und Japser draufgelegt und gesagt hätte: Und dieser oder jener Typ hat es gesungen und versucht, möglichst nah an Michael’s Stimme heranzukommen – dann hätte der Magen nicht protestiert. Aber so wie es ist, ist es leider unhörbar.

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